Karte richtig lesenGrundlagen der Outdoor-Navigation

Gitta Beimfohr

 · 04.03.2016

Karte richtig lesen: Grundlagen der Outdoor-NavigationFoto: Ronny Kiaulehn
Karte richtig lesen: Grundlagen der Outdoor-Navigation

Werden Sie Ihr eigener Bike-Guide und lernen Sie, wie Sie MTB-Touren planen und sicher nachfahren. Teil 1: Karten richtig lesen lernen, Orientierung im Gelände und nützliches Wissen für unterwegs.

Die Einen fahren immer die gleichen Touren, weil sie da wissen, wo es langgeht. Die Anderen vertrauen sich lieber einem Guide an. In dieser Workshop-Serie zeigen wir Ihnen, wie Sie Ihre eigenen Touren finden, planen und sicher nachfahren können – alleine oder in der Gruppe, mit oder auch ohne GPS-Gerät. Sie müssen ja nicht gleich Ihr Geld damit verdienen. Aber wer die Fähigkeiten eines Guides besitzt, navigiert nicht nur sicher durchs Gelände, sondern erweitert auch seinen Touren-Horizont. Unser Workshop "Werden Sie Ihr eigener Guide" – Teil 1 befasst sich daher mit einem extrem wichtigen Thema: Karten lesen und Orientierung.

Verlagssonderveröffentlichung

Braucht man das im GPS-Zeitalter überhaupt noch? Da lädt man sich doch einfach einen Track aus dem Internet runter und los geht’s! Dank Satelliten-Navigation weiß man immer, wo man sich gerade befindet, und im Falle eines Unfalls kann man die exakte Position an die Notrufleitstelle durchgeben. Perfekt – eigentlich.

Doch neulich am Berg wurden die Nachteile dieser Technologie wieder deutlich: Zwei junge Alpenüberquerer betraten gen Abend die Sesvenna-Hütte. Wo sie denn herkämen, wurden sie beim Bier auf der Terrasse gefragt. "Von Scuol rauf", lautete die knappe Antwort. Ah, durchs Val d’Uina! Die Jungs schauten sich kurz fragend an und zuckten dann halb nickend mit den Schultern. Offensichtlich hatten sie keine Ahnung, dass sie gerade eine berühmte Schlucht hinaufgeschoben haben. Nächste Frage: Und wohin fahrt ihr morgen weiter? Wieder hilfesuchender Blickkontakt, dann nuschelte der andere: "Keine Ahnung, wir fahren nach GPS." Gut, landschaftliches Desinteresse ist schade, aber noch nicht lebensbedrohlich. Sollte das GPS-Gerät dagegen unterwegs plötzlich ausfallen oder ein Notfall eintreten (schlechtes Wetter, Weg versperrt, Unfall o. Ä.), wird es schwierig, den schnellsten Weg ins Tal oder eine Alternativ-Route zu finden.

Ein guter Bergsportler hat das Gelände, in dem er unterwegs ist, immer grob im Kopf. Und diesen Überblick verschafft er sich durch eine topografische Karte. Trotz GPS gehört das Lesen und Navigieren mit der klassischen Karte zu den Grundfertigkeiten eines Touren-Bikers. Daher hier nun die Grundlagen dazu.


KARTEN-GRUNDWISSEN

Viele Biker stehen mit den Höhenlinien auf Kriegsfuß und haben daher Probleme mit dem Kartenlesen. Doch einmal in die Materie reingedacht, lesen sich Karten leicht wie Comic-Hefte.

Schon 35 Prozent der BIKE-Leser besitzen ein GPS-Gerät, Nimmt man die Navigation mittels Smartphone dazu, werden sich wohl rund die Hälfte unserer Leser mit technischen Hilfsmitteln im Gelände orientieren. Eine Karte sollte dennoch immer im Rucksack stecken – vor allem, wenn man sich in unbekannten Regionen bewegt. Das haben Sie bei der Karten-Navigation zu beachten:


Maßstab 1:50000

Diese Darstellung ist zwar nicht ganz detailgenau, reicht für die Routen-Findung aber meistens aus. 2 cm auf der Karte entsprechen 1 km in der Natur. Einfacher zu merken: Streichen Sie vom Maßstab einfach die letzten zwei Nullen, dann ergibt sich: 1 cm auf der Karte entspricht 500 m in der Natur.


Maßstab 1:25000

Vier Blätter dieses Maßstabes decken das Gebiet einer 1:50000-Karte ab. Entsprechend genauer ist die Darstellung der Landschaft (z. B. jedes einzelne Haus). 4 cm auf dieser Karte entsprechen 1 km in der Natur. Oder eben 1 cm auf der Karte entspricht 250 m in der Natur.


Höhenlinien

Für Biker die wohl wichtigste Information, denn Höhenlinien zeigen an, ob es bergauf oder bergab geht – und vor allem: wie steil. Die Linien verbinden alle Geländepunkte, die auf einer Höhe liegen und sorgen so für eine plastische Darstellung von Bergen. Je weiter die Höhenlinien auseinander liegen, desto flacher das Gelände, je dichter die Linien gestaffelt sind, desto steiler. Felswände werden schraffiert dargestellt. Die Abstände zwischen den Höhenlinien (Äquidistanz) hängen vom Maßstab der Karte ab (siehe Legende). Gängige Dis-tanzen sind 10, 20, 50 oder 100 Meter. In der Karte rechts zeigen die Höhenlinien 50 Meter Niveau-Unterschied an.

Foto: BIKE Magazin


Die Legende

Die Karten-Legende befindet sich in der Ecke oder auf der Rückseite des Blattes. Die wichtigsten Angaben für Mountainbiker, z. B. in der Kompass-Karte, sind die Darstellungen der unterschiedlichen Wegarten:

Foto: BIKE Magazin


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ORIENTIERUNG IM GELÄNDE

  Richtungsweiser im Wald: Baumstämme sind gen Norden mit Moos bewachsen. Ameisen bauen ihre Haufen südseitig.Foto: Tomasz Debiec
Richtungsweiser im Wald: Baumstämme sind gen Norden mit Moos bewachsen. Ameisen bauen ihre Haufen südseitig.

Angenommen, Sie erreichen während der Tour eine unbeschilderte Kreuzung und haben plötzlich keine Ahnung mehr, wo Sie eigentlich sind. So orientieren Sie sich neu:


1. Karte aufschlagen und einnorden

Auf der Karte ist am oberen Rand immer Norden, rechts Osten, unten Süden, links Westen.
Merksatz aus Kindertagen: Nie Ohne Seife Waschen.
Jetzt drehen Sie sich mit der Karte gen Norden (Einnorden). Das macht die Orientierung deutlich leichter.
Probleme mit den Himmelsrichtungen? Bei schönem Wetter hilft Ihnen der aktuelle Sonnenstand und der Merkreim "Im Osten geht die Sonne auf ..." (siehe unten). Genauer können Sie die Himmelsrichtungen mit der Uhr bestimmen (siehe Punkt 4).

Ist es bedeckt, oder Sie befinden sich im Wald: Schauen Sie auf die Bäume. Auf der Seite gen Norden haben Baumstämme meist Moosbewuchs, weil dort die Sonne nie hinscheint.


2. Suchen Sie nach auffälligen Geländepunkten in der Natur und vergleichen Sie sie mit der Karte (Kirchtürme, Wegbiegungen, Wasserläufe).


3. Noch nicht sicher?
Was zeigt der Höhenmesser an? Mit der aktuellen Höhe lässt sich der Standpunkt weiter eingrenzen. Vor allem, wenn Sie auf gleich aussehenden Schotterserpentinen unterwegs sind und zum Beispiel einen bestimmten Trail-Einstieg suchen.

  Himmelsrichtung finden mit der UhrFoto: BIKE Magazin
Himmelsrichtung finden mit der Uhr


4. Himmelsrichtung finden mit der Uhr
Drehen Sie die Uhr so, dass der kleine Zeiger zur Sonne zeigt. Die Winkelhalbierende (blau) zur 12 weist dann genau gen Süden. Dieser Trick gilt für die Winterzeit! Da die Uhr im Sommer eine Stunde vorgestellt wird, richtet man dann den kleinen Zeiger eine Stunde zurück auf die Sonne aus.


Im Osten geht die Sonne auf. Nach Süden nimmt sie ihren Lauf.
Im Westen wird sie untergehen. Im Norden ist sie nie zu sehen.


NÜTZLICHES WISSEN FÜR UNTERWEGS


Ihr Höhenmesser dreht auf einmal durch?

Die meisten Höhenmesser und GPS-Geräte messen die Höhe barometrisch. Ändert sich der Luftdruck stark, kann das auch Auswirkungen auf den Höhenmesser haben. Bei einem heranziehenden Tiefdruckgebiet (Gewitter) zeigt er dann deutlich zu viele Höhenmeter an, bei einem Hochdruckgebiet dagegen deutlich zu wenige Höhenmeter.


Entfernungen einschätzen

  Die Daumensprung-MethodeFoto: Fotolia
Die Daumensprung-Methode

Berggipfel im Nebel erscheinen den Augen immer etwas weiter entfernt als bei schönem Wetter. Hier ein Trick, mit dem sich Entfernungen recht genau einschätzen lassen: die Daumensprung-Methode. Strecken Sie den rechten Arm gerade vor sich aus und peilen Sie mit dem Daumen das Objekt an, dessen Entfernung Sie einschätzen wollen. Halten Sie sich dabei das rechte Auge zu. Dann halten Sie sich das linke Auge zu. Ihr Daumen ist um ein Stück nach links gesprungen. Schätzen Sie nun diese Strecke, um die der Daumen gesprungen ist und multiplizieren Sie das Ergebnis mit 10. So erhalten Sie relativ genau Ihre Entfernung zum angepeilten Objekt.


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