Die besten MTB-Touren für den Saisonstart

Gitta Beimfohr

 · 10.03.2017

Die besten MTB-Touren für den SaisonstartFoto: Michael Müller
Die besten MTB-Touren für den Saisonstart

Unbeschrieben liegt das Saisonbuch vor uns. Bald werden wir es füllen. Mit Geschichten über Gipfelglück, Grenzerfahrungen und herrlichen Abfahrtsräuschen: Trails zum Warmfahren, legendäre Pässe...

MTB-Touren & Trails für den Frühling

Gerade am Anfang der Saison will man sich ja nicht gleich die Gräten brechen. Muss man auch nicht, denn einige Trail-Bauer haben sich Neues zum Thema Flow einfallen lassen.

Bozen-Trails

Die Berge rund um Südtirols Hauptstadt sind nur knapp 1500 Meter hoch, die Trails von Ritten, Kohlern und Jenesien also längst schneefrei. Auch die Seilbahnen fahren das ganze Jahr über, denn sie sind praktisch die S-Bahnen von Bozen. Wo sich nun die besten Trail-Abfahrten rund um die Stadt verstecken, erfahren Sie hier ->
• 5 verschiedene Trails | Schwierigkeit 3 von 5 Punkten

Verlagssonderveröffentlichung


Innsbruck: Muttereralm
Wer sagt denn, dass Innsbruck nur was für Adrenalin-Abhängige ist (Nordkette). Trail-Einsteiger finden ab dem 21. Mai einen frisch polierten Flowtrail an der Muttereralm (1608 m) vor. Die eingebauten Wallrides und Dirtjumps sind für Familien geeignet und führen zu schnellen Erfolgserlebnissen. Es gibt sogar Leihausrüstungen und Downhill-Einführungskurs, damit sich Fahrfehler gar nicht erst einschleichen. Direkt auf dem Weg zum Brenner, Autobahnausfahrt Innsbruck-Süd. Betriebszeiten: www.muttereralmpark.at
• 4,8 km 653 hm | Schwierigkeit 1 von 5 Punkten

  Blindsee: das blaue Auge am Fernpass.Foto: Colin Stewart
Blindsee: das blaue Auge am Fernpass.


Blindsee-Trail
Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Fakt ist, dass der Blindsee-Trail jetzt offiziell für Biker freigegeben wurde. Gemeinsam mit dem Barbarasteig und noch drei weitere Abfahrten in der Zugspitzarena rund um Ehrwald und Biberwier. Die Auffahrt zum Trail-Einstieg am Grubigstein hat eine angenehme Steigung, man darf aber auch den Lift nutzen. So, aber dann der Trail: Oben noch wunderbar flowig, stürzt er sich plötzlich sehr zielstrebig zum See hinunter und das viele Geröll macht die Bremsmanöver nicht leichter. Die Grubigsteinbahn ist ab dem 13.5. geöffnet.
• 24,1 km 830 hm | Schwierigkeit 4 von 5 Punkten


Hot-Shots-Trail Leogang
Der Bikepark Leogang ist um eine Flowtrail-Attraktion reicher: Der Hot Shots kurvt von der Asitzbahn-Bergstation zur Mittelstation hinunter und mündet dort in den Hangman II, der für Trail-Beginner schon länger ein Fest ist. Streckenchef Reini Leitner hat sich die Anregungen für die Tables und Anlieger auf seiner letzten Kanada-Reise geholt. Damit sind die Leoganger wieder auf dem neuesten Stand. Infos: bike.saalfelden-leogang.com
• 3,5 km 1720 hm | Schwierigkeit 2 von 5 Punkten


Brenner Trail Nr. 1
Auf dem Weg zum Gardasee schießt man immer so achtlos dran vorbei, dabei erlebt man auf der alten Brennergrenzkammstraße nicht nur viel Aussicht und Geschichte, sondern auch einen der schönsten Trails der Ostalpen: Der Trail Nr. 1 vom Sandjoch zum Brenner hinunter. Anfangs wellt er sich leicht ins Panorama hinein, bis er im Wald etwas bockiger wird. Start in Vinaders.
• 40 km 1343 hm | Schwierigkeit 3 von 5 Punkten

Legendäre MTB-Pässe

Zu Beginn einer neuen Saison sollte man sich Höhepunkte setzen. Das motiviert beim Trainingskilometerschrubben und macht stolz, wenn man es geschafft hat.

  Madritschjoch: trotz Seilbahn noch 500 hm steil bergauf.Foto: Markus Greber
Madritschjoch: trotz Seilbahn noch 500 hm steil bergauf.


Madritschjoch (3123 m)
Er gilt als der höchste fahrbare Pass der Ostalpen. Allerdings werden sich bei dieser Auffahrt selbst Masochisten die Zähne ausbeißen. Die Schotterstraße ist grob und steil und führt durch blickdichten Wald. Also besser hinter Sulden in die Seilbahn steigen. Von der Schaubachhütte zur Passhöhe müssen Sie ohnehin noch eine Schotterstraße von 500 Höhenmetern hochschuften. Oben ist die vom Gletscher geformte Landschaft grandios und der Abfahrts-Trail zur Zufall-Hütte hinunter mittlerweile legendär. Start in Prad.
• 73 km 2290 hm | Schwierigkeit 4 von 5 Punkten

  Forcella Ambrizzola: fahrbarer Trail bis zum Pass.Foto: Jörg Reuther
Forcella Ambrizzola: fahrbarer Trail bis zum Pass.


Forcella Ambrizzola
Der Passübergang liegt mitten in den Dolomiten, in unvergleichlich schöner Landschaft. Daher lohnt es sich, eine Übernachtung in der Hütte Croda da Lago einzuplanen. Schon deshalb, weil der Anstieg von Cortina d’Ampezzo herauf gemeinst steil ist. Ab der Hütte aber führt ein Trail ganz sanft und fahrbar bis zur Forcella hinauf. Bergab sehr abwechslungsreiche Trails mit Dolomiten-Panorama!
• 36,3 km 1510 hm | Schwierigkeit 4 von 5 Punkten

  Vom Stilfserjoch zieht der Goldsee-Weg hinab.Foto: Wolfgang Watzke
Vom Stilfserjoch zieht der Goldsee-Weg hinab.


Stilfserjoch (2757 m)
Mit seinen 48 Kehren gehört der höchste Gebirgsübergang Italiens zu den kultigsten Pässen der Alpen – zumindest für Rennradfahrer. Mountainbiker staunen auch über die Architektur der Asphaltkurven, haben aber ganz andere Highlights im Kopf, die am Stilfserjoch erst losgehen: den Goldsee-Weg zum Beispiel oder den Tibet-Trail. Damit das auch so bleibt, bitte beim Goldsee-Weg unbedingt die Fahrzeiten achten: Vor 10 Uhr oder nach 16 Uhr!
Infos zur Giganten-Tour: Stilfserjoch und Timmelsjoch ->
• 47,6 km 2335 hm | Schwierigkeit 4 von 5 Punkten


Fimberpass (2608 m)
Fahrtechnisch versierte Alpenüberquerer würden ihn nie auslassen, den Fimberpass zwischen Ischgl und Scuol im Unterengadin. Die Auffahrt führt über die Heidelberger Hütte, 350 hm müssen geschoben werden. Bergab ist der Trail nur anfangs grob, dann immer schön zu fahren.
Info Transalp-Etappe 2006 ->
• 42 km 1600 hm | Schwierigkeit 4 von 5 Punkten


Colle di Tenda (1871 m)
48 Kehren und weiter die Ligurische Grenzkammstraße entlang. Ein Militärstraßen-Muss für alle, die an der Küste sowieso Urlaub machen.
• 80,6 km 2226 hm | Schwierigkeit 4 von 5 Punkten

Singletrail Center für Biker

Wer sagt denn, dass ein Bikepark immer einen Lift haben muss? Trailcenter breiten ihr Pfadnetz in hügeliger Landschaft aus und haben daher ihren eigenen Achterbahn-Charakter.

  Trail-Center Rabenberg: ein Stückchen Chilcotins im Erzgebirge.Foto: TrailCenter Rabenberg
Trail-Center Rabenberg: ein Stückchen Chilcotins im Erzgebirge.
  Achterbahn ohne Schreck: Im Trailcenter Rabenberg kann man es einfach laufen lassen.Foto: TrailCenter Rabenberg
Achterbahn ohne Schreck: Im Trailcenter Rabenberg kann man es einfach laufen lassen.


Rabenberg
Fünf Trail-Runden in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden von sechs bis 25 Kilometern Länge: Die Trails wickeln sich rund um das Trailcenter am Gipfel des Rabenbergs im Erzgebirge und lassen sich beliebig kombinieren. Zur Orientierung gibt es eine Übersichtskarte, aber die Trails selbst sind ausgeschildert. Geöffnet von April bis Oktober, Unkostenbeitrag 7 Euro. Infos: www.trailcenter-rabenberg.de


Tschechien: Pod Smrkem
Insgesamt 80 Kilometer Singletrails umringeln mittlerweile den Berg Tafelfichte im tschechischen Isergebirge. Kenner halten die Kurven für nahezu perfekt, denn sie wurden vom walisischen Traildesigner Daffyd Davis angelegt. Im Startzentrum warten Shops mit Zubehör und Leih-Bikes, ein Restaurant und alle Infos zu den Events. Info: www.singltrekpodsmrkem.cz


Schottland: Seven Stanes
Stane ist das schottische Wort für Stein und um sieben Steinskulpturen ranken sich die mittlerweile schon legendären sieben schottischen Trailcenter, die man wirklich mal erlebt haben muss. Am besten schnappt man sich ein Wohnmobil und klappert eins nach dem anderen ab: Glentrool, Kirroughtree, Dalbeattie, Mabie, Ae, Glentress und Newcastleton. Infos: www.7stanes.com


Spanien: Zona Zero
Im Ort Ainsa auf der spanischen Seite der Pyrenäen wartet seit 2011 ein Trail-Geflecht in den bizarren Felsformationen der Sierra de Guara. Auch die Enduro Series hat hier schon Station gemacht. Die meisten der 20 Routen sind ausgeschildert, für manche stehen GPS-Daten bereit. Infos: www.bttpirineo.com

  Die Karte nur zur Orientierung, die Rabenberg-Trails sind ausgeschildert.Foto: TrailCenter Rabenberg
Die Karte nur zur Orientierung, die Rabenberg-Trails sind ausgeschildert.


CZ: Rychlebské Stezky
Europäische Trail-Designer kommen immer gern in dieses Trailcenter, um sich in Sachen Anlieger-Shape und Kurvenkombination was abzuschauen. Die Tschechen haben da scheinbar ein perfektes Händchen dafür. Für einen spontanen Wochenend-Trip liegt Rychlebské leider zu weit weg (östlich von Prag). Aber ein ausgedehnter Roadtrip mit einem Abstecher über Rabenberg und Pod Smrkem wird definitiv ein anhaltendes Urlaubserlebnis. Das Trailcenter befindet sich in Cerná Voda. Geöffnet von April bis Oktober. Infos: www.rychlebytrails.eu

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GIPFELGLÜCK – ES BEGINNT IM TAL


Seilbahnfahrer kennen Gipfelglück auch, aber es ist nicht das echte. Denn das erkämpft man sich nur von ganz tief unten. (Gitta Beimfohr)

  Erfolg feiern:  High Five, Yeehaw-Jauchzer und die ganz Unausgelasteten reißen sogar noch ihr Bike über den Kopf – wann haben Sie solche Erfolgserlebnisse im Büro gehabt?Foto: Manfred Stromberg
Erfolg feiern:  High Five, Yeehaw-Jauchzer und die ganz Unausgelasteten reißen sogar noch ihr Bike über den Kopf – wann haben Sie solche Erfolgserlebnisse im Büro gehabt?

Das Gipfelglück beginnt nach 100 Höhenmetern. Bei mir jedenfalls, denn das ist etwa der Moment, in dem ich mir denke: Das schaff’ ich heute nicht. Auf keinen Fall. Meine Beine sind bleischwer und mein Daumen drückt verzweifelt gegen den Schalthebel. Die anderen fahren sowieso viel zu schnell. Ich überlege, ob ich schon den "Halt, Jacke ausziehen"-Anker werfen soll. Was das mit Glück zu tun hat? Das Startleiden ist der sprichwörtliche Begrüßungssekt für die späteren Gipfel-Feierlichkeiten. Natürlich weiß ich, dass ich es bis oben schaffen werde. Aufgegeben habe ich noch nie – das würde mein Stolz gar nicht zulassen. Inzwischen sind meine Oberschenkel auch warmgefahren und stampfen geschmeidig im Autopilot-Modus dahin. Stundenlang könnte ich Tempo und Rhythmus so halten. Zeit, die Gedanken fliegen zu lassen. Irgendwann wird das Baumspalier dünner und ich blicke auf das hinunter, was wir schon geschafft haben.

  Gipfeltreffen: Dass Biker in den Alpen bis zum Gipfel fahren können, gehört zu den eher seltenen Erlebnissen. Wer nicht stundenlang tragen will, findet die Aussicht vom Pass auch toll.Foto: Colin Stewart
Gipfeltreffen: Dass Biker in den Alpen bis zum Gipfel fahren können, gehört zu den eher seltenen Erlebnissen. Wer nicht stundenlang tragen will, findet die Aussicht vom Pass auch toll.

Erste Glückshormone fließen – aber nur, bis der Blick nach oben den Hahn wieder zudreht: Oh Gott, noch 600 Höhenmeter bis zum Pass. Weiter! Gedankenspiele sind nicht mehr möglich, weil ich das Ziel jetzt vor Augen habe. Und es rückt einfach nicht näher. Im Gegenteil, der Berg streckt sich irgendwie. Okay, vor das Vorderrad gucken und ein Lied summen – das lenkt ab, aber nur kurz. Auf den Tacho starren und die Anzahl der Höhenmeter bis zur nächsten Kehre absichtlich geringer schätzen und sich dann freuen, dass es mehr waren – hilft für drei Kehren. Pinkelpausen-Joker ziehen? Kein Wald mehr da. Dafür wird der Weg jetzt steiler und verblockter, leider zu wenig, um zu schieben. Und was passiert in solch einem Anstiegstief immer, immer, immer? "Griaßt’s eich!" Ein Local zieht auf einem schrabbeligen Hardtail vorbei! Doch plötzlich ist es vollbracht. Die Aussicht! Ich möchte mich bäuchlings auf den Boden werfen, die Hände in den Berg krallen und "MEINS!" rufen. Mach’ ich natürlich nicht. Ich strahle still in die Ferne und genieße das Feuerwerk in meinem Körper.


GRUPPENERLEBNIS – RONNIE KOMMT MIT


Gemeinsam schwitzen schweißt zusammen, sagt man. Aber es gibt Touren-Begleiter, die raspeln an der zartesten Naht.
(Sissi Pärsch)

  Geteilte Freude:  Wer hat noch mal behauptet, die Hütte sei bewirtschaftet? Meistens doch derjenige, der zur Sicherheit noch eine Brotzeit eingepackt hat.Foto: Grant Gunderson
Geteilte Freude:  Wer hat noch mal behauptet, die Hütte sei bewirtschaftet? Meistens doch derjenige, der zur Sicherheit noch eine Brotzeit eingepackt hat.

Ich mag meine Mitmenschen. Keineswegs alle, aber doch recht viele. Und selbstverständlich ziehe ich als sozialer Mensch die Gruppenausfahrt dem Solo-Biken vor. Strampeln, plauschen, hochschaukeln, einkehren, trailsurfen – Qualen sind halb so wild, Erlebnisse doppelt so schön. Man macht zusammen was durch, man schweißt zusammen.
Allerdings ist das Gruppen-Biken auch eine schmale Gratfahrt. Entweder man surft mit gewaltigem Spaß on top – oder es tun sich fiese, tiefe Abgründe auf. Wie so oft droht es zu kippen, wenn es zu viel wird, wenn also der eine noch aufspringt und alles ins Wanken bringt. Eingeleitet wird das gerne so: "Ronnie hat angerufen. Er kommt auch mit." Mit Ronnie ist die Balance dahin und der Abgrund ganz nah. Jeder kennt Ronnie, denn Ronnie ist der,
der sich verspätet, weil a) falschen Treffpunkt im Kopf, b) noch XY aufgegabelt oder c) keiner weiß warum, aber kann ja nicht mehr lang dauern.

Ronnie ist der, der uns alle zu spät sein lässt, weil a) Setup noch nicht passt, b) das GPS noch auf Signal wartet, c) er noch pieseln muss.

Ronnie ist der, der ein postender Poser ist und a) diese neue kleine GoPro-Session auf dem Handrücken, b) das iPhone in der Hand und c) Facebook-Posts im Kopf hat. Und er ist der, der sein Wissen gerne teilt und Dinge sagt wie a) "Mit dem Cockpit kannst Du fahren, ja?", b) "Whistler ist total overrated." c) "Von den Typen setzt doch keiner eine saubere Spitzkehre."

  Nach der Tour:  Das Seewasser könnte im Frühjahr noch recht frisch sein. Da ist es immer ganz gut, wenn eine Mutige vorangeht und die Temperatur schon mal vortestet. Foto: Mark MacKay
Nach der Tour:  Das Seewasser könnte im Frühjahr noch recht frisch sein. Da ist es immer ganz gut, wenn eine Mutige vorangeht und die Temperatur schon mal vortestet. 

Alles schon erlebt. Was ich jedoch auch schon erlebt habe: Hilflosigkeit bei Kettenriss alleine auf Tour. Gefährlicher Abzweig in Bachbett alleine auf Tour. Mit-mir-selbst-reden alleine auf Tour. Ich hab sogar schon die Hütte sausen lassen, weil ich nicht mit mir alleine einkehren wollte. Solo-Trips können schön sein, aber die genialen Gratfahrten erlebe ich meist mit Co-Bikern. Und wer weiß: Ronnie liefert womöglich coole Pics, man hat endlich mal den Track von der Tour, und nach Whistler sehnt man sich auch nicht mehr.


GRENZERFAHRUNG – SENKRECHT BERGAUF


Manche Dinge müssen erst reifen wie Erdbeeren: die Lust an der Quälerei bergauf zum Beispiel. Doch dann ist es ein himmlisches Gefühl. (Henri Lesewitz)

  Weil sie es wollen: Bei klirrender Kälte stundenlang die Bikes am Abgrund entlangwuchten? Abenteuer Biker geraten nicht zufällig in solche Extremsituationen.Foto: Bastian Morell
Weil sie es wollen: Bei klirrender Kälte stundenlang die Bikes am Abgrund entlangwuchten? Abenteuer Biker geraten nicht zufällig in solche Extremsituationen.

Anfang der Neunziger wähnte ich mich auf der Bugwelle der Bike-Szene. Das lag einerseits an meinem rattenscharfen Klein Attitude in Moonrise-Lackierung, dessen Anschaffung mich sogar in die Klauen der Kreditbranche getrieben hatte. Und zum anderen an meinem coolen Uncle-Sam-Shirt, dessen Frontpartie von einem John-Tomac-Autogramm veredelt war, das mir der MTB-Gott am Rande des Grundig-Worldcups in Berlin aufs Textil gekritzelt hatte. Ich war Biker durch und durch. Das dachte ich zumindest, als ich im Mai 1994 das erste Mal in meinem Leben in bergiges Terrain reiste – nach Riva am Gardasee zur Erstausgabe des BIKE-Festivals. Ich wusste aus Zeitungen, dass Biker im Gebirge fahren. Aber es bleibt ein unauslöschlicher Moment in meinem Leben, als der Freak, den ich am Festival-Eingang kennen lernte, in die Felswände des Westufers zeigte und raunte: "Da fahren wir morgen hoch." Ich starrte geschockt nach oben, den Kopf in den Nacken geklappt. Keine Ahnung, wieso. Ich wollte mit!

Ziel sollte der Tremalzo-Pass sein, von dem ich als Flachländer – ebenso wie von Höhenmeterangaben – noch nie gehört hatte.

  Abgründe am Meer: Das Gleichgewichtsorgan kann man auch an Englands Küste kitzeln. Allerdings wäre es dann ganz gut, wenn Sie Hans Rey, Danny MacAskill oder Steve Peat heißen.Foto: Victor Lucas
Abgründe am Meer: Das Gleichgewichtsorgan kann man auch an Englands Küste kitzeln. Allerdings wäre es dann ganz gut, wenn Sie Hans Rey, Danny MacAskill oder Steve Peat heißen.

"Zweitausend Meter rauf!", kündigte einer der Typen an, den sie "Keule" nannten. Pah, dachte ich und hechelte los. Die Beine fühlten sich an wie mit Säure ausgegossen. Ich erstickte fast vor Atemnot. Doch die Steigung hörte und hörte nicht auf. In Pregasina fragte ich: "Ey, wie weit is’n das noch?" Die Antwort traf mich wie ein Blitzschlag: "Fünfhundert Meter haben wir." Ich fiel aus allen Wolken: "Häh? Das war doch jetzt mehr als ein halber Kilometer!" Dann verstand ich: Höhenmeter = senkrechte Meter. Nee, oder? Wir kurbelten und kurbelten. Es schien, als würden die Serpentinen aus dem Vorderrad quellen. Zweitausend Meter! Senkrecht gemessen! Was für ein Irrsinn! Wieso machen Menschen das?, hämmerte es mir durch den Kopf. Nach unfassbar vielen Stunden taumelte ich am Pass halbtot vom Attitude. Das Uncle-Sam-Shirt war patschnass. Ein geiler Moment!


ABFAHRTSERFAHRUNG – URLAUB FÜRS GEHIRN


Die Abfahrt ist die Königsdisziplin des Mountainbikens. Wer sich traut, seinen Körper vollkommen seinem Unterbewusstsein und Reflexen zu überlassen, bekommt als Belohnung meist jede Menge Glückshormone. Und eine Art Kurzurlaub für die rationale Hälfte des Gehirns. (Ludwig Döhl)

So, Feierabend. Während manche Kollegen noch weiter im Büro schmoren oder sich das abendliche Fernsehprogramm zu Gemüte führen, schwinge ich mich zur Feierabendrunde aufs Bike. Nicht, dass ich mit der Arbeit schon fertig wäre, aber die Produktivität ging nach dem langen Tag sowieso schon gen Null. Einfach ein paar Züge Waldluft schnappen, den Kopf freibekommen. Die ersten Tritte fühlen sich gut an. Das vom langen Sitzen in die Beine abgesackte Blut pulsiert langsam wieder Richtung Herzgegend. Nur im Kopf ist noch der Arbeitsfilm mit Vorbaulängen und Übersetzungstabellen eingelegt.

  Abfahrtsrausch: Im Abendlicht sind die Pferde mit dem Fahrer durchgegangen. Sekunden später rieselt der Staub schon wieder still auf den Trail.    Foto: Ale Di Lullo
Abfahrtsrausch: Im Abendlicht sind die Pferde mit dem Fahrer durchgegangen. Sekunden später rieselt der Staub schon wieder still auf den Trail.  

Kurz vor Sonnenuntergang erreiche ich den Baum, an dem das Holzschild "T-Rex-Trail" genagelt ist. Ohne anzuhalten, rücke ich hastig die Brille zurecht und fahr mit den letzten Sonnenstrahlen ins Maul des Dinosauriers. Seine Wurzel-Teppiche und kleinen Anlieger haben dem Pfad zu seinem Namen verholfen. Bist du hier nur einen Moment unachtsam, dann spuckt dich

T-Rex aus der nächsten Kurve. Meine Augen scannen den Trail. Ich zerre am Lenker. Der Finger zuckt an der Bremse. Voller Einsatz. Ich schmeiße mein Bike förmlich von Kurve zu Kurve, bis eine polierte Längswurzel daherkommt. Kaum entdeckt, zack – rutscht der Vorderreifen schon drauf aus. Rodeo! Volle Körperspannung, Puls 180 und ein Schuss Adrenalin drücken jetzt auch das letzte lahme Blutkörperchen aus den Beinen die Venen hoch. Alles geschieht ganz von selbst. Irgendwie schaffen es meine Reflexe, das Rodeo-Pferd unter mir zu zähmen, und ich bin wieder auf Spur. Nur der Puls schlägt noch nach, als ich entspannt den Rest des Trails runtercruise.

Was hab’ ich eigentlich in der Abfahrt gemacht? Die letzten drei Minuten habe ich voller Adrenalin in der Gegenwart verbracht. Meine Reflexe haben die Herrschaft über meinen Körper an sich gerissen und dem rationalen Teil meines Hirns eine Pause gegönnt. Ich bin ein neuer Mensch. Außen verschwitzt und dreckbespritzt, innen wie mit dem Dampfstrahler durchgeblasen. Arbeitsalltag? Keine Spur davon mehr in meinem Kopf.


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