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Schweiz: Graubünden Durchquerung Schweiz: Graubünden Durchquerung

Mountainbike-Tour quer durch Graubünden (Schweiz)

Schweiz: Graubünden Durchquerung

Matthias Rotter am 25.11.2014

In drei Tagen über die schönsten Trails Graubündens in die Sonne? Genau das verspricht diese Tour. Auch wenn Wetter und Kühe manchmal verrückt spielen.

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Fassungslos starre ich auf das Maul der Kuh, in dem gerade der letzte Zipfel meines Handschuhs verschwindet. Ihre Kiefer mahlen genüsslich in Zeitlupe von links nach rechts. Unschuldig blickt mich die Braune mit ihren Kulleraugen an, während drei ihrer Komplizinnen mit pelzigen Zungen hingebungsvoll an Sattel und Lenkergriffen meines Bikes schlecken. Salzgeilheit? Rinderwahn? Ich bin immer noch ziemlich perplex, stehe da wie ein Depp. Aber jetzt ist es eh egal, denn auch der zweite Handschuh befindet sich inzwischen auf dem Weg in den Verdauungstrakt dieses Alm-Monsters. Das hat man als Fotograf nun davon, wenn man sein Equipment für ein paar spektakuläre Bilder mal fünf Minuten aus den Augen lässt. Was ist bloß in die Viecher gefahren? Dutzende Euterträger versperren uns den Weg zum Septimerpass. Eine wogende Masse aus braunem Fell. Exzessives Geblöke schallt durch die Luft. Wir sind umzingelt.

Schweiz: Graubünden Durchquerung

Hast du was Warmes zum Anziehen dabei? Leider haben diese Kühe den Sinn von Handschuhen auch völlig missverstanden.

Aber zum Glück befindet sich ein Schweizer in unseren Reihen, und Angehörige dieses Bergvolkes kennen sich ja bekanntlich von Geburt an mit Kühen aus. "Na, die werden halt auch keinen Bock auf Winter im September haben", witzelt Bikeguide Stefan aus Graubünden, während er sich energisch einen Weg durch die störrischen Tierleiber bahnt. Mein Fazit aus der unheimlichen Begegnung der muhenden Art sieht dagegen weniger witzig aus: frisch angezuckerte Berge rings herum, Lufttemperatur wie im Kühlschrank, dazu Wind, der durch Mark und Bein bläst – und keine Ersatz-Langfingerhandschuhe dabei. Zum Glück kann mir Patricia aus der Gruppe mit einem Paar aushelfen. Lieber zu kleine Hüllen als abgefrorene Finger.

Auch wenn kein Mensch einen Wintereinbruch im Spätsommer braucht, so verleiht der weiße Hauch der Szenerie doch einen ganz speziellen Charme. Zumal am Morgen nach dem Tiefschlag wieder die Sonne durch die Wolken spitzt. Als wir auf der Passhöhe des Septimers ankommen, erwartet uns ein unterkühltes Panorama. Im Süden glitzern frisch beschneite Gletscher in der Sonne, die schwarzen Granitnadeln des Bergells perforieren die glasklare Luft. Hinter dem alten Steinhaus Tgesa da Sett, das schon seit dem Fünfzehnten Jahrhundert hier oben steht, suchen wir Schutz vor dem schneidenden Wind. Jacken werden aus den Rucksäcken gezerrt, Bein- und Armlinge übergestreift, Sturmhauben unter die Helme gezogen. "Ins Val Bregaglia hinunter sollte die Temperatur mit jedem Abfahrtsmeter ansteigen", lässt uns Stefan an seinen warmen Gedanken teilhaben. Doch die Stimmung in der Truppe ist auch ohne seine Durchhalteparolen gut, zumal gleich einer der schönsten Singletrails der Schweiz auf unsere Stollenreifen wartet. Der 2310 Meter hohe Septimer zählte im Mittelalter neben Brenner und dem Großen Sankt Bernhard zu den drei bedeutendsten Handels-Routen über den Alpenhauptkamm. Erst mit dem Bau der Straßen über die benachbarten Pässe Julier und Maloja geriet der Septimer ins Abseits. Neben den Säumern mit ihren Waren zogen sogar ganze Kriegsheere über den Pass in Richtung Süden. Uns steht der Sinn jedoch weder nach Handel noch nach Krieg. Vielmehr ist der geschichtsträchtige Pass Höhe- und Knackpunkt der zweiten Etappe unserer dreitägigen

Fotostrecke: Schweiz: Graubünden Durchquerung

Mini-Transalp durch Graubünden. Die Idee ist überzeugend: Grundrezept ist eine Traum-Route durch den rauen Osten der Schweiz, gewürzt mit zahlreichen Singletrails. Die weiteren, schmackhaften Zutaten lassen einem erst recht das Wasser im Mund zusammenlaufen. Denn das perfekte Netz der öffentlichen Verkehrsmittel in der Schweiz sorgt nicht nur für einen reibungslosen Rücktransfer am Ende der Tour, sondern es lassen sich auch unterwegs jederzeit Transfers einbauen. Selbst das Hauptgepäck kann man auf Wunsch zum täglichen Zielbahnhof transportieren lassen. Unterm Strich heißt das: ein langes Wochenende, randvoll mit maximalem Fahrspaß, auch für Biker, denen der Sinn nicht jeden Tag nach zig Tausend Höhenmetern bergauf steht.

Dass die Abfahrten auf dieser Route vom Feinsten sind, steht für uns längst fest. Ließ am ersten Tag der Singletrail über das Urdenfürggli hinunter nach Lenzerheide unsere Herzen höher schlagen, so vermag dies heute der Saumpfad ins Val Bregaglia. Immer wieder gewähren lange Abschnitte auf den holprigen Pflastersteinen des alten Weges tiefe Blicke in die Vergangenheit. Was könnten diese herrlichen Serpentinen wohl an Geschichten und Dramen erzählen? Spaß dürfte bei einer Expedition damals jedenfalls eine untergeordnete Rolle gespielt haben. 

Die GPS-Daten zu den drei Touren in Graubünden finden Sie unten als Download:

• Tour 1: Chur – Savognin (41 km, 1795 hm, Fahrzeit 5:00 h)
• Tour 2: Savognin – Pntresina (55 km, 1720 hm, Fahrzeit 6:30 h)
• Tour 3: Pontresina – Poschiavo (55 km, 1720 hm, Fahrzeit 6:30 h)

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Matthias Rotter am 25.11.2014