LenzerheideMTB Flow-Mekka in Graubünden

Gitta Beimfohr

 · 16.10.2017

Lenzerheide: MTB Flow-Mekka in GraubündenFoto: Ralf Glaser
Lenzerheide: MTB Flow-Mekka in Graubünden

Zwischen Lenzerheide, Arosa und Chur könnte man sich in den Gipfeln verlieren, so dicht ist im Worldcup-Revier das Trail-Netz. Doch Schilder, Seilbahnen und gebaute Strecken halten Biker auf Spur.


Als Die Gondel in die Wolke eintaucht, verstummen die gespräche. Hände, die eben noch "Flow" oder "Whip" gestikulierten, Kramen jetzt in ProtektorenRucksäcken und zerren Regenjacken hervor.

Während die Gondel an scheinbar im Nichts aufgehängten Tragseilen die letzten 500 Höhenmeter überwindet, macht sich eine spannungsgeladene Stille breit. Nur wenige Biker haben sich heute auf den Weg zum Parpaner Rothorn gemacht. Es ist Ende Juli, Mountainbike-Hochsaison in Graubünden. Eigentlich hatte der Wetterbericht stabile Hochdruckverhältnisse vorausgesagt. Doch wie es scheint, produzieren die Berge zwischen Lenzerheide, Arosa und Davos ihr eigenes Klima. Ein ausgesprochen Mountainbike-freundliches Klima, sogar.

Verlagssonderveröffentlichung


Die GPS-Daten zu diesen drei Touren finden Sie unten im Download-Bereich:

  • 1. Furcletta-Welschtobel (27,3 km | 780 hm | 2790 tm | 4:30 h)
  • 2. Biketicket-2-Ride (51,5 km | 575 hm | 3940 tm | 5:30 h)
  • 3. Piz Scalottas (18,4 km | 160 hm | 1700 tm | 2:30 h)

Es gibt Orte, die einem als Mountainbiker geläufig sind, selbst wenn man sie noch nicht persönlich kennt. Der wenig markante Gipfel des Parpaner Rothorns mit seinen 2860 Metern Höhe gehört eindeutig dazu. Mit schöner Regelmäßigkeit produziert diese alpine Steinwüste brausegetränkkompatible Bike-Videos in großer Zahl. Vor allem natürlich vom Bike Attack. Seit zwölf Jahren stürzen sich am Rothorn alljährlich offenbar sadomasochistisch veranlagte Downhiller in einem spektakulären Massenstart zu Tal – Massenstürze inklusive. Events wie diesem verdankt Lenzerheide seinen hohen Bekanntheitsgrad in der Bike-Szene. Der gute Ruf, so wird kolportiert, hat aber mehr noch mit der Qualität und der schieren Anzahl von alpinen Trails zu tun, die sich hier angeblich finden lassen.

Obwohl Waschküche und schlüpfrig schimmerndes Schiefergestein die Motivation heute ein wenig dämpfen, will uns der Bikeguide nicht mehr als einen schnellen Kaffee zugestehen. Beni Ott wirkt, als hätte er die schweizerische Seelenruhe durchaus verinnerlicht. Doch dass Beni den Angriffsmodus trotzdem beherrscht, hat er mit zwei Podestplätzen beim Bike Attack in der Vergangenheit bereits eindrücklich bewiesen. Und natürlich kennt er als Leiter der Bikeschule Lenzerheide auch den Verlauf unserer heutigen Tour. Das Programm ist ambitioniert, der Zeitplan eng, der Guide entsprechend streng. Beni bläst zum Aufbruch.

Schweiz: Revier-Guide Lenzerheide
Foto: Ralf Glaser

Unter dem Label "Biketicket 2 Ride" bieten die Bergbahnen von Lenzerheide und Arosa drei Freeride-Touren an, die bei minimalen Anstiegen aus eigener Kraft und mit Seilbahnunterstützung maximalen Trail-Spaß versprechen. Analog zur Bewertung der Pisten im Winter lassen sich die Trails der beiden Täler auf blaue, rote und schwarze Art verbinden. Black is beautiful, hier warten die längsten Trail-Abschnitte. Allerdings haben wir das Programm etwas abgespeckt: Die komplette schwarze Variante, mit ihren zehn Seilbahnfahrten und gut 6000 Tiefenmetern an einem Tag fahren zu wollen, ist eine Herausforderung. Doch auch wenn man, wie wir, von Lenzerheide aus "nur" Arosa und Chur ansteuert, muss man sich ranhalten. Sonst steht man am späten Nachmittag vor verschlossenen Seilbahnpforten. Also auf ins Gefecht. Nach 200 eiskalten Tiefenmetern verlassen wir am Passübergang des Gredigs Fürggli die Wettkampfpiste des Bike Attacks. Langsam bessert sich das Wetter. Der untere Rand unserer White-out-Wolke markiert nun genau den Einstieg des Trails, der über gut sieben Kilometer nach Arosa hinunterführt. Ein wahrer Sahne-Trail! In konstant angenehmem Gefälle schlängelt er sich über die linke Flanke eines Moränentals. Ausgesetzte Passagen und knifflige Steinfelder gehen bald in einen Strauß von Highspeed-Trails über, die das Weidevieh in die Alm getrampelt hat. Nach dem türkis schimmernden Älplisee löst man mit einer kurzen Tragepassage die Eintrittskarte in den nächsten entspannt zu fahrenden Trail. Wir queren oberhalb des Talkessels nach Arosa hinüber und erreichen nach einem Gegenanstieg die Mittelstation der Weisshornbahn.

Satte 2000 Meter Höhenunterschied netto trennen den Gipfel des Weisshorns von der Kantonshauptstadt Chur, die unten im Rheintal auf uns wartet. 2000 Tiefenmeter voller Überraschungen, denn auf dieser Abfahrt ändert sich der Trail so oft wie die Landschaft. Manche Pfadabzweige sind nicht mal in der Karte verzeichnet. Weit bekannter ist da schon der Alpenbikepark am Brambüesch, dem Hausberg von Chur. Die fünf Lines mit je 1000 Metern Abfahrt sind offiziell Teil der Biketicket-2-Ride-Tour. Wir beschließen, sie für einen anderen Tag aufzuheben. Wieder zurück in Lenzerheide, ist unser Trail-Hunger für heute gestillt.

Tags drauf steht Enduro auf dem Plan. Da wir gestern mit der Farbe Schwarz gute Erfahrungen gemacht hatten, steht heute die Parade-Tour in dieser Disziplin über die Furcletta an. Das Rothorn zeigt sich heute vom Wetter her von seiner besten Seite. In der Seilbahn herrscht reger Betrieb. Als Halbschalenträger sind wir eindeutig in der Unterzahl. Die meisten Biker bewegen schweres Gerät und machen sich gepanzert über die Bike-Attack-Strecke her. Auch uns erwarten technisch anspruchsvolle Trails, doch die müssen wir mit nur wenigen anderen Bikern teilen. Die Einsamkeit auf dieser Tour ist wohl einer steilen Tragepassage geschuldet, die sich uns vor der Furcletta über 400 Höhenmeter hoch in den Weg stellt. Keine Kleinigkeit, doch für die knapp zehn Kilometer lange Trail-Abfahrt hinunter nach Arosa nimmt man das gerne in Kauf. Genauso wie den Wolkenbruch, der uns auf dem Rückweg am Urdenfürggli kalt erwischt. Nass, aber bester Laune führt uns die finale Abfahrt mit einem Abstecher durch den nun menschenleeren Bikepark zurück nach Lenzerheide. Zwei Touren sind eigentlich zu wenig für ein abschließendes Fazit. Doch in Lenzerheide, da sind wir uns einig, wissen sie, wie man Biker zufriedenstellt. Nämlich mit Hochgebirgspfaden, die man pflegt, ohne ihren Charakter zu verändern. Und alles erlaubt, dank Trail-Toleranz. Chapeau!

  Ralf Glaser, BIKE Touren-AutorFoto: Ralf Glaser
Ralf Glaser, BIKE Touren-Autor


Ralf Glaser, BIKE-Touren-Autor: "Rennen zu fahren, ist nicht meins. Aber mit dem Grischa Trail Ride haben sie hier ein Format, bei dem ich schwach werden könnte. Ein Enduro-Rennen, bei dem man sich die Stages per GPS selbst zusammenbastelt. Der Spirit dahinter ist genau mein Ding!"


REVIER-HIGHLIGHTS

Lenzerheide hat wirklich alles: einen Bikepark mit familienfreundlichen Flowtrails und Pumptracks, aber auch Worldcup-Strecken für Profis. Einfache Trails durchs Grüne auf der einen Talseite, hochalpine Herausforderungen auf der anderen. Dazu: Top-Events und einen Badesee!

  Wegen der perfekten Trail-Anlage steht der Bikepark Lenzerheide bei Gravity-Jüngern hoch im Kurs.Foto: Ralf Glaser
Wegen der perfekten Trail-Anlage steht der Bikepark Lenzerheide bei Gravity-Jüngern hoch im Kurs.


ALLGEMEINE INFOS


Das Revier
Lenzerheide wird von vielen Bikern hauptsächlich mit "Trail und Freeride" assoziiert. Dafür sorgen nicht zuletzt Events wie das Bike Attack, der Grischa Trail Ride, oder der Downhill-Weltcup. Folglich trifft man vor Ort vermehrt auf eine Gravity-lastige Klientel, die die oft anspruchsvollen Hochgebirgs-Trails sowie den hervorragend geshapten Bikepark schätzen.

Der Fokus auf Trails sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses sehr ausgedehnte Bike-Revier für jede Spielart des Sports ein weites Betätigungsfeld bietet. Auf insgesamt 500 Kilometern ausgeschilderter Strecken und 900 Kilometern GPS-Tracks findet sich für jeden Anspruch und jede Könnensstufe die passende Tour. Lediglich Einsteigern könnte das Revier zu anspruchsvoll sein. Immerhin startet man hier bereits auf 1500 Metern Talhöhe, und auf vielen Touren summieren sich die Höhenmeter beträchtlich.


Beste Touren-Zeit
Im ersten Stockwerk überm Tal lässt es sich meist schon ab Anfang Mai gut biken. Die erste Sektion der Rothorn-Bahn (und damit der Bikepark) nimmt ab 6.5.2017 bis Ende Mai den Wochenendbetrieb auf. Ab Juni nehmen mit Ausnahme der Sektion 2 zum Rothorn-Gipfel alle Seilbahnen den täglichen Betrieb auf. Die Rothorn-Bahn selbst folgt Ende Juni. Ab Anfang Juli sind die Trails im Hochgebirge meist bis auf wenige Altschneefelder gut befahrbar. Im Herbst laufen die Seilbahnen regulär bis Ende Oktober.


Übernachtung
In Lenzerheide und Arosa haben sich insgesamt 17 Betriebe auf die bikende Klientel spezialisiert. Sich dort einzubuchen, lohnt, denn im Preis für die Übernachtung ist mindestens ein Seilbahn-Ticket inklusive. Zusätzlich locken diverse preislich vorteilhafte Bike-Package-Angebote.
Infos: www.lenzerheide.com/bikehotels www.arosa.ch/bikehotels


Seilbahnen
Alle Seilbahnen rund um Lenzerheide und Arosa transportieren problemlos Bikes – mit zwei Ausnahmen: an der Weisshornbahn in Arosa sowie am Piz Scalottas in Lenzerheide. Hier werden nur Bikes bis 160 mm Federweg und Biker ohne Fullface-Helm und Protektorenjacken transportiert (Knie- und Ellenbogenschoner sind erlaubt). Die Preise für Tageskarten bewegen sich zwischen 40 und 70 Schweizer Franken (37 und 65 Euro) – wie erwähnt sind die Seilbahn-Tickets bei einer Übernachtung in den Bikehotels bereits im Preis mit dabei.
Infos: www.lenzerheide.com


Bikeschule
Die Bikeschule Lenzerheide bietet im Sommer ein festes Touren-Programm. Zusätzlich finden sich interessante Package-Angebote und Bikecamps im Angebot. Für individuelle Touren können jederzeit Guides und Shuttles gebucht werden. Infos: www.bikeschule.com


Bikeparks
Der Bikepark Lenzerheide bietet fünf Lines (1 blau, 2 rot, 2 schwarz), die wegen der hervorragenden Trail-Anlage und der vorbildlichen Trail-Pflege hoch geschätzt werden. Zum Reinschnuppern bietet sich die nicht enden wollende blaue Flowline an. Die schwierigeren Lines verlaufen direkter unter der Seilbahntrasse. Teils verlaufen hier eine rote und eine schwarze Line parallel, sodass sich jederzeit auf eine andere Line ausweichen lässt. Die Weltcupstrecke Straight Line ist äußerst anspruchsvoll und bietet im unteren Drittel keine Chickenline. Infos: www.lenzerheide.com/bikepark

Der Alpenbikepark Chur bietet auf zwei Sektionen insgesamt fünf Strecken (2 blau, 1 rot, 2 schwarz) und mixt Bikepark-Elemente mit natürlichen Trail-Passagen. Infos: www.alpenbikepark.ch


Bikecamps
Zwischen Ende Juni und bis Ende September sind in Lenzerheide diverse interessante Bike-Camps im Angebot. Von Trail über Youth, Ladies und Yoga wird praktisch jede Zielgruppe angesprochen.
Infos: www.lenzerheide.com/bikecamps

  Drei Flow-Trails in Graubünden: Lenzerheide am RothornFoto: Infochart
Drei Flow-Trails in Graubünden: Lenzerheide am Rothorn


SZENE-SPECIALS

UCI MTB World Cup Termin: 7.–9. Juli 2017. Bereits zum dritten Mal gastiert die Weltelite in den Disziplinen Cross Country olympisch und Downhill in Lenzerheide. Ein umfangreiches Rahmenprogramm verwandelt das Rennwochenende in ein echtes Mountainbike-Happening. Infos: www.mtbworldcup-lenzerheide.com

Grischa Trail Ride Termin: 17.–20. August 2017. Das Mountainbike-Rennen für Soulrider führt die Teams auf erstklassigen Trails durch die Bike-Destinationen Lenzerheide, Arosa und Davos. Jedes Team legt dabei seine Route selbst fest. Die zurückgelegte Strecke wird per GPS dokumentiert. Es gilt, auf verschiedenen Wegabschnitten möglichst viele Punkte zu sammeln. Infos: www.grischatrailride.ch

Bike Attack Termin: 25.–27. August 2017. Das legendäre Massenstartrennen führt vom Parpaner Rothorn (2865 m) hinunter nach Churwalden (1240 m). Und die Strecke hat es in sich: 15,5 Kilometer und 1800 Höhenmeter talwärts mitten durch die Geröllhalde des Rothorns.

Weltmeisterschaft MTB und Trial 2018 werden die Weltmeisterschaften Mountainbike und Trial ebenfalls in Lenzerheide ausgetragen. Gut möglich, dass man daher die lokalen Profis wie Jolanda Neff und Nino Schurter diesen Sommer öfter beim Trainieren antreffen wird.


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