Thomas Rögner
· 22.05.2026
Schneeweiß, tieftürkis, stahlblau und immer wieder knallrot. Bunt und abwechslungsreich ist diese E-Biketour quer durch das Herz der Schweiz auf den Spuren des berühmten Glacier Express. Zum Auftakt wird man gefordert und dann geplättet – von den Panoramablicken, den über 2000 Meter hohen Gebirgspässen und den rauschenden Abfahrten.
Der wahrscheinlich langsamste Schnellzug der Welt wurde vor fast hundert Jahren in der Schweiz geboren und ist, auch durch seine markant-roten Wägen, seitdem weltberühmt. Ursprungszweck: die damals schon bekannten Wintersportorte St. Moritz und Zermatt zu verbinden und damit noch populärer zu machen. Mission erfüllt, würde ich mal sagen. Was aber, wenn man die markanten Berge und Gletscher, endlosen Täler mit türkisfarbenen Flüssen und Seen, das Herz der Schweiz, noch langsamer und genussreicher erkunden wollte? Ganz einfach: Man folgt den Schienen des Glacier Express auf zwei Reifen, im Sattel eines E-Bikes. Eine von akkuraten Schweizer Tourismusexperten konzipierte Genusstour, auf der man in bis zu zehn Etappen die landschaftlichen und kulturellen Highlights der Schweiz erkundet. Die nackten Zahlen verraten bereits den Charakter dieses Projekts „Glacier Bike Tour“. Auf weniger als 400 Kilometern (370 um präzise zu sein) summieren sich fast 10.000 Höhenmeter. Na gut, 9500 Aufwärtsmeter kommen zusammen, weswegen die vorgeplanten zehn Etappen und ein durchaus kräftiges E-Bike mit ausreichend Akkukapazität Sinn ergeben. Ich verrate es schon mal vorweg: Dieses Übermaß an Pässen und Kurven und Serpentinen und Gipfelblicken wie in den zehn Tagen habe ich noch nicht erlebt. Und das obwohl ich schon fünfzig Mal die Alpen auf dem Bike überquert habe. Ach ja, und wundern Sie sich nicht darüber, total unerwartete Begegnungen zu erleben. Mit einem Krokodil zum Beispiel. Oder einem Leuchtturm. Nicht am Wasser, sondern oben auf dem Berg. Doch dazu später mehr.
Stimmig zum Auftakt treffe ich mich mit Marc Woodtli von „Graubünden Ferien“ und seiner Partnerin Judith am Bahnhof der Rhätischen Bahn in St. Moritz. Mondän ist der zweite Vorname dieses Gebirgsorts, einst „das“ Sommerfrische-Domizil betuchter Europäer. Mit über 1800 Metern Basishöhe und dem häufig und kräftig pustenden Maloja-Wind herrschen im Sommer nie zu hohe Temperaturen. Wem die protzigen Hotelbauten nicht gefallen, zieht einfach weiter ins beschauliche autofreie Sils, am gleichnamigen See. Dort suchte und fand schon Friedrich Nietzsche abgeschiedene Fleckchen in der Natur und Inspiration für seine philosophischen Werke. Nach einem Briefing über die vor uns liegende Tagesstrecke und die schönsten Fotospots ziehen wir auch schon los. Da Marc die Strecke höchstpersönlich ausgearbeitet und natürlich auch schon komplett abgeradelt ist, brauche ich weder mein Garmin am Lenker noch Google-Maps zu aktivieren. Ein sprechender Liveguide mit Tonnen von Zusatzwissen im aktiven Speicher ist einfach unschlagbar. Nur wenige Meter über und neben dem markanten Moritzer See liegen in schattigen Lärchenwälder weitere Bade- und Ausflugsseen. Unweit ragen markante weißbemützte Gletscher auf, die allesamt den Vornamen Piz tragen: Piz Palü, Piz Bernina, Piz Corvatsch oder der weit ausladende Morteratsch-Gletscher, der hinter der gleichnamigen Bahnstation thront. Wir allerdings starten in die entgegengesetzte Richtung – am Inn entlang, oder rätoromanisch „En“, der dem Engadin den Namen gibt. „Hier fühlt man sich sofort wie in einer anderen Welt“, meint Marc als wir am kräftig sprudelnden Fluss Richtung Österreich entlangrollen, der sich hier zwischen saftigen Weiden und ausgeaperten Kiesbänken durchschlängelt. Ich kann nicht widersprechen. Das genussvolle Flussabwärtsrollen hat in La-Punt ein Ende. Zwischen graffitiverzierten Häusern 90 Grad links abgebogen und – zack – stemmen sich die ersten Kehren des Albula-Passes entgegen. Ausnahmsweise freue ich mich über das deutlich vernehmbare Surren meines Antriebs, denn das verdeutlicht, wie schön er mitschiebt. Das klassische schwarz-weiße Schild begrüßt uns auf dem Pass mit der Höhenangabe: 2315 Meter. Wow. Und das am ersten Tag der Tour. Nun macht auch die Empfehlung von Marc beim Frühstückskaffee Sinn: Wer aus dem Flachland anreist, sollte im Engadin vielleicht sogar einen Akklimatisationstag einplanen. Und ein zweiter Ratschlag wird sich später als wichtig erweisen. E-Bike und -Fahrer sollten schotter- und sogar trailtauglich sein. Denn einige Kilometer der Route verlaufen durch Natur, auf unbefestigten Wegen und eben sogar auf Trails, schmalen Pfaden unter und über Hängen entlang. Geländepraxis, Balancegefühl und stabiles Selbstvertrauen im Gepäck helfen da ungemein weiter. Bei der Abfahrt vom Pass präsentieren sich die Kehrtunnel und hohen Viadukte der Albulalinie wie in einer Modellbahnlandschaft. Dieser Abschnitt des Glacier Express ist sogar als Unesco-Weltkulturerbe klassifiziert. Ziel der ersten Etappe ist Bergün, Kulisse für Heidi-Filme, auf rund 1400 Metern Höhe. An der Station warten das Bahnmuseum Albula und die exotische Begegnung mit einem vermeintlichen Schuppentier: Die Lokomotive RhB 407 heißt wegen ihrer Bauform liebevoll auch „Krokodil“ und im integrierten Simulator kann man die Fahrt aus Krokodilbändigerperspektive erleben. Natur pur und ein Königreich warten auf der nächsten Strecke: Das „Bike Kingdom“, ein aufwändig für Mountainbiker ausgebautes Touren- und Trailparadies, liegt am Ende der zweiten Etappe rund um Lenzerheide. Hier bewähren sich etwas dickere Reifen mit Profil, denn die letzten Meter testen wir den Singletrail St. Cassian. Auch dieser Tag kratzt an der 1000-Höhenmeter-Marke, denn wir schraubten uns aus dem Albulatal hinauf zu den Bergdörfern Brienz und Lantsch, um nach Lenzerheide zu gelangen.
Faszinierend und spannend sind die Wechsel, die unterschiedlichen Regionen, die man auf dieser Ost-West-Trasse durch die Schweiz erlebt. Nach dem bergigen Auftakt bin ich überrascht über die milden Temperaturen, die uns rund um Domleschg und vor dem Etappenort Thusis begrüßen. Allerdings haben wir auch 1400 Tiefenmeter genossen und sind im Obstgarten Graubündens angekommen. Über 150 Apfel- und Birnensorten, Aprikosen- und Pfirsichbäume sprechen für sich. Leider ist schon fast alles abgeerntet, aber im Casa Caminada in Fürstenau gibt es leckere Gipfeli mit Füllung. Warum es da so toll schmeckt? Nun ja, wenn ein Sterne-dekorierter Chef wie Andreas Caminada etwas richtig fein machen möchte, wird auch ein Backofen nach historischen Angaben speziell gebaut. Und der Starkoch ist dabei völlig auf dem Boden geblieben, wie ich in einem kurzen Gespräch feststellen darf. „Zufällig“ kennen sich Marc und Andreas natürlich. Und zwei weitere ungewöhnliche Orte mit spezieller Atmosphäre hat Marc für mich parat. Das Story Thusis ist ein Shop-Co-Working-Café-Lodge-Lounge-Projekt, aus dessen Fenstern man in die berühmte Via Mala-Schlucht hineinblickt. Wer Zeit hat, sollte unbedingt hineinschnuppern – in beides, in die Lodge, die Radfahrern einen super Service und sogar Selbstschraubplätze bietet. Und in die beklemmend-anziehende Via Mala-Schlucht, Namensgeber eines Romans und deutschen Fernseh-Dreiteilers mit Mario Adorf in den Achtzigern. Ursprünglich war der „Schlechte Weg“ eine wichtige Verbindung über Thusis zum Splügen- und zum San Bernardino-Pass. Der Rhein, der wohl prägendste Fluss Europas, entsteht aus mehreren „Rheins“, der Vorderrhein fließt durch Thusis und wir arbeiten uns in den nächsten Tagen hoch bis zur Quelle. Richtig hoch, denn der Ursprung dieses mächtigen Stroms liegt auf 2344 Metern Höhe. Und nicht weit davon, auf dem Oberalppass, löst sich auch das Rätsel des Leuchtturms, übrigens der einzige in der ganzen Schweiz. Und vielleicht der einzige Leuchtturm mit einer eigenen Webseite. Hier deren Kurzfassung: „Der Leuchtturm stammt aus Rotterdam. Sein Original steht im Maritiem Museum. Stand einst in Hoek van Holland bei der Mündung des Rheins ins Meer. Der Leuchtturm auf dem Oberalppass steht bei der Quelle des Rheins.“ Ein Schiff sollte noch dazu, auf dieses wird aber noch gewartet. Und da sagen manche, Schweizer hätten keinen Humor. So steht der markante begehbare Turm für den Zyklus von der Entstehung bis zur Auflösung. Mit dem Oberalppass erobert man sich den zweiten legendären Alpenpass der Schweiz auf der Glacierroute. Wie beim Albula und dem abschließenden Furkapass sollte man versuchen, diese nicht am Wochenende unter die Reifen zu nehmen. Sonst findet man sich, vor allem zu Ferienzeiten, inmitten von Pulks von Motorrädern, Cabrios, Oldtimern, Wohmobilen und „Ich liebe-diese-tolle-Automarke-Vereinsausfahrten“ wieder. Am schnuckeligen Oberalpsee entlang, tatsächlich in Tuchfühlung zu den roten Waggons des Express‘, rollen wir hinab nach Andermatt. Die zahllosen Kehren lassen einen fast schwindeln, je nach Beladung kommen auch die Scheibenbremsen fast an ihre Grenzen. Das Urserntal, in dem wir nach der wilden Passabfahrt anlanden, ist ein Drehkreuz von Passstrecken in alle vier Himmelsrichtungen. Bekannt und legendär dabei natürlich der Gotthardpass, der in den Südpart der Schweiz, das Tessin führt.
Marcs verschwörerisches Lächeln lässt mich aufblicken, als er ein Foto-Highlight ankündigt: „In der Schöllenenschlucht gibt es die Teufelsbrücke und durch den Berg oberhalb führt der Tunnel der Bahn. Ich hoffe du hast ein gutes Weitwinkel dabei – mit Glück gelingt uns ein toller Shot.“ Er hat nicht zu viel versprochen. Schon nach zehn Minuten schaffen wir das koordinative Happening: Tourenbiker auf Brücke über tosendem Bach, darüber rote Bahn vor zerklüftet-grauer Felswand. Die Glacier Bike Route durchläuft auch drei Kantone der Schweiz, diesen kennt wohl jeder aus Kreuzworträtseln: Uri. Den haben wir nun mit dieser 7. Etappe erreicht. Noch warten die Höhepunkte wie Furka und das markante Ziel Zermatt mit dem Matterhorn auf uns. Von Osten nähern wir uns dem höchsten Punkt: 2429 Meter über dem Meer, davor liegen fast 900 Höhenmeter am Stück. Belohnung auf der Abfahrt vom Furkapass sind die Blicke auf die weißen Berner und Walliser Alpen mit ihren eingezuckerten Viertausendern. Und da ist wieder einer dieser unerwarteten Wechsel, klimatisch und regional. Mit dicht gestaffelten grünen Weinstockreihen begrüßt uns das Wallis, die Reben zum Schutz oft in blauen Plastiknetzen. In Visp lassen sich fast alle der Schweizer Rebsorten auch kosten. Angesichts der zu erwartenden Schlussetappe mit über tausend Höhenmetern belasse ich es sicherheitshalber bei zwei Dezi Weißwein am vorletzten Abend. Beim Frühstück am Finaltag dann die bange Frage: Werden wir es sehen, das legendäre Matterhorn? Natürlich kennt man die kantige Zacke aus unzähligen Fotos. Wie sich herausstellt haben Judith und ich etwas gemeinsam. Beide haben wir das Matterhorn noch nicht in natura gesehen – und das, so meint es zumindest Marc, muss man unbedingt einmal im Leben erlebt haben. Man wäre gar kein richtiger Schweizer ohne das Matterhorn gesehen zu haben, neckt er Judith. Das Wetter ist uns gnädig. Zwar umschleicht eine hartnäckige Wolke die Kanten des Matterhorns, aber es ist gut zu sehen und auf den „Beweisfotos“ zu erkennen. Wir gönnen uns eine Extratour mit Turbo-Unterstützung bis zur Mittelstation der Bahn und genießen eine letzte Nachmittagsjause mit Blick auf die 4478 Meter hohe Spitze – natürlich mit Rösti. Fast schon schade, dass es vorbei ist. Vor allem diese Landschaften, der Wechsel, die Eindrücke, die Blicke, die kleinen Dörfchen, das wirklich super leckere Essen habe ich tatsächlich gemütlich genossen. Die langsamste Express-Reise meines Lebens.
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Zehn Etappen sind vorgesehen, die sich auch verändern lassen. Mit einem mindestens 630 Wh-Stunden Akku sollten alle Etappen ohne Nachladen machbar sein. Bei der veranschlagten Fahrtdauer von 3 bis 4 Stunden am Tag bleibt genügend Zeit für Kultur und Besichtigungen vor Ort und Essens- und Kaffeepausen. Bei Schlechtwetter oder je nach Lust und Laune kann man auch Zwischenstrecken mit dem Glacier Express zurücklegen. Hier die Einteilung:
1. St. Moritz – Bergün, 36 km / 650 hm
2. Bergün – Lenzerheide, 37 km / 850 hm
3. Lenzerheide – Thusis, 33 km / 690 hm
4. Thusis – Bonaduz, 33 km / 1200 hm
5. Bonaduz – Ilanz, 38 km / 1200 hm
6. Ilanz – Disentis, 32 km / 600 hm
7. Disentis – Andermatt, 37 km / 1240 hm
8. Andermatt – Ulrichen, 45 km / 1030 hm
9. Ulrichen – Visp, 60 km / 430 hm
10. Visp – Zermatt, 39 km / 1150 hm
Der Startort St. Moritz ist per Rhätischer Bahn über Chur zu erreichen. Mit dem Auto fährt man entweder (über Innsbruck und Pfunds) durchs Engadin oder über den Bodensee nach Chur und weiter nach St. Moritz.
Auf den Etappen warten einige Höhepunkte, kulturell wie landschaftlich.
Auf der Website der Glacier Bike Tour gibt es Tipps und Links zu Unterkünften vor Ort. Hier ein paar außergewöhnliche Unterkünfte der Strecke, entweder weil sie historisch, mit besonderem Charme oder einem speziellen Ambiente aufwarten können. Die Zahlen stehen für die Tagesetappe:
Mehrere Orte dieser Genusstour warten mit speziellen und exzellenten kulinarischen Highlights auf.
Da Schotterabschnitte und mehrere Geländestrecken sowie schmale Pfade auf der Route warten, sollten Pilot und E-Bike entsprechend fit sein. Jede Menge Tipps zum Rad, zur Fitness und zu den Strecken warten auf der eigens erstellten Website von „Graubünden Ferien“ https://glacierbiketour.ch/tipps-und-ausruestung.
Wer möglichst unbeschwert unterwegs sein möchte, kann die Tour als Komplettpaket (Übernachtung etc) in drei Varianten (4,8 oder 12 Tage) beim Schweizer Veranstalter Eurotrek buchen. Dieser bietet die Glacier Bike Tour inklusive Gepäcktransport ab CHF 865.- an. Möglich ist dies von Ende Juni bis Mitte September. Mehr Info und Buchung hier: https://glacierbiketour.ch/pauschale