Wird man spontan nach seinem Lieblings-Trail gefragt, flitzt der Strom im Kopf bis in die hintersten Gehirnwindungen. Es gibt ja so viele, schöne Trails, wie soll man sich da entscheiden? Irgendwann lichtet sich der Gedankennebel, das Bild wird klarer, und dann bleibt genau ein echter Supertrail vor meinem inneren Auge stehen: der Seejöchl-Trail in den Stubaier Alpen.
Ich bin selbst überrascht, dass mir genau diese Tour einfällt. Es ist nämlich locker zehn Jahre her, dass ich den Trail gefahren bin, und danach habe ich noch unzählige Bilderbuchpfade erlebt. Wie beeindruckend muss also die Abfahrt ins Stubaital hinunter gewesen sein, wenn sie sich so dermaßen in mein Gedächtnis gebrannt hat? Zusammen mit meinem besten Freund mache ich mich auf zu einem Revival-Trip.
Wir starten in Pafnitz bei Axams, auf etwa 900 Metern Höhe. Von dort kurvt die Route durch Felderlandschaft bis zu einer Schotterrampe. Da müssen wir hoch. Ich weiß noch, wie ich mich hier vor zehn Jahren abgemüht habe – mit meinem 17 Kilo schweren Trail-Bike samt Panzerjacke und Vollvisierhelm. Heute kurbelt es sich ganz zügig rauf, und am Eingang des Senderstales gibt die Steigung ohnehin schon wieder nach. Eine gute Stunde folgen wir dem Sendersbach bergauf. Dann lichtet sich der Fichtenwald endlich – und da stehen sie: die Kalkkögel. Fünfzehn spitze Felszähne, aufgestellt in Reih und Glied. Rein optisch könnte man sie mit den Geislerspitzen verwechseln, was ihnen bereits den Titel "Nordtiroler Dolomiten" einbrachte. Weiter geht’s: Hinter der Kemater Alm führt die Schotterstraße gefühlt senkrecht zur Adolf-Pichler-Hütte hinauf. Diese 330 Höhenmeter tun auch mit heutiger Ausrüstung richtig weh, und ich habe keine Ahnung, wie ich das damals tretenderweise geschafft habe. Endlich an der Hütte, auf 1977 Metern Höhe angelangt, weiß ich nur, dass ich jetzt sofort eine Speckknödelsuppe brauche …
Nach der Stärkung beginnt der landschaftlich besonders schöne Teil der Tour: Direkt unterhalb der bizarren Felstürme geben sich Fahr- und Schiebepassagen munter die Hand. Bis man irgendwann darauf kommt, dass es am sinnvollsten ist, das Bike einfach zu tragen. So behält man auch den höchsten Punkt der Tour im Blick: das Seejöchl, die Kerbe zwischen Schlicker Seespitz und Gamskogl. Der Übergang liegt auf 2518 Metern Höhe, und dort hinauf führt eine ausgesprochen mühsam aussehende Schotterreißn-Querung. Irgendwann haben wir auch diese Stufe geschafft, werfen das Bike von den Schultern und werden mit einer gewaltigen Aussicht über das Stubaital, auf den Habicht und den Hohen Freiger belohnt.
Und dann geht’s endlich los. Knieschoner an und hinein ins Fahrvergnügen! Der schmale, schottrige Weg verleitet sofort zum spielerischen Fahren. Ein paar kleine Bodenwellen heizen das Vergnügen noch an – dann türmt sich vor uns wieder ein kurzes Tragestück zum nächsten Joch hinauf. Dort oben angekommen, geht es weniger spielerisch weiter. Es warten ein paar wirklich knackige, bröselige Stellen, die absolut keinen Fahrfehler erlauben. Zwar ist die Abfahrt insgesamt relativ leicht, aber wenn es technisch und gefährlich wird, dann eben gleich richtig.
Nach dem Gebrösel und einigen extrem engen, steilen Spitzkehren gelangt man sofort wieder in flowigen Fahrspaß. Die Kehren bleiben zwar spitz, sind jetzt aber adrenalinfrei fahrbar. In der Starkenburger Hütte genehmigen wir uns noch einen Kaffee bei glasklarer Aussicht auf die Serles, bevor wir die Fahrt fortsetzen. Auf das lose Gestein folgt bald Waldboden, die relativ steilen Spitzkehren begleiten uns aber weiter. Latschenwurzeln gilt es jetzt wegzufedern. Eine gefühlte Ewigkeit fliegen wir an goldgelb gefärbten Lärchen vorbei, bis wir auf die Teerstraße treffen. Auf ihr rollen wir die letzten Höhenmeter ins Tal hinunter. Zum glücklichen Touren-Tag in der Heimat fehlt jetzt nur noch eins: das verdiente Bier im kleinen Krämerladen im Dorf. So, jetzt weiß ich wieder, warum dieser Trail damals so einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.
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