Italien: Revierguide Ligurien Italien: Revierguide Ligurien

MTB-Revierguide Ligurische Küste

Italien: Die schönsten MTB-Touren in Ligurien

Ralf Glaser am 08.12.2016

Im Frühjahr werden Enduro-Fans wieder nach Finale Ligure pilgern: Die anspruchsvollen Trails mit Shuttle und Meerblick gelten als wahre Sehnsuchtsorte. Dabei gibt es noch viel mehr zu entdecken.

Der "Ingegnere" soll also Finale Ligures neuer Supertrail sein. Ingenieur, so, so. In drei Tagen wird hier das Finale der Enduro World Series starten. Noch ist der Trail offiziell gesperrt. Weshalb ich, mittlerweile zu Fuß, durchs Unterholz unter der NATO Base krieche. Vom Trailhead der Stage 5 ist nicht einmal der Zipfel eines Markierungsbandes zu sehen. Verdammt. Pietros Wegbeschreibung hatte sich doch recht einfach angehört: Von der NATO Base über den Crestino zum Pass, dann rechts in den Cravarezza-Trail rein, den ich vom letzten Jahr kenne. An der Forststraße kurz links und dann nach 50 Metern rechts in den Ingegnere. Als Mitglied des EWS-Trailbuilder-Teams sollte es Pietro eigentlich wissen. So langsam bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich eher an seinem oder an meinem Verstand zweifeln soll. Genauso wie es offensichtlich die Freerider tun, die mich von der Forststraße aus beobachten. Obwohl? "Sieh zu, dass Dich keiner beobachtet", hatte mir Pietro mit auf den Weg gegeben. Der Trail sei erst am Freitag für das offizielle Training freigegeben. Wer ihn vorher fahre, werde disqualifiziert. Da ich aber ohnehin nicht an den Start gehen werde, darf ich den Trail schon mal abtasten.

Bei den Fullface-Buddies da oben scheint das schon ganz anders auszusehen. "C’è lì il sentiero nuovo?", ruft mir einer zu. Ob hier der neue Trail sei. Tja, das wüsste ich auch gerne. Doch just in diesem Augenblick entdecke ich ein Stück weiter endlich ein rot-weißes Absperrband an einem Baum im Wald flattern. Also rufe ich den Jungs auf Italienisch zu: "Der neue Trail? Hier? Nee, sieht nicht so aus …!"

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Die Trails, die für die EWS angelegt werden, sind vor Rennen hochgeheim. Danach: freie Fahrt!

Es ist schon unglaublich. Ich war jetzt sicher schon fünf Mal in Finale. Und jedes Mal, wenn ich hier aufschlage, haben die Trail-Bauer wieder mindestens eine neue Linie in den Waldboden gezogen. Und zwar nicht irgendeine Variante von einem bereits bestehenden Pfad, sondern immer einen richtig ausgewachsenen Trail. Triebfeder ist dabei vor allem die EWS, die Enduro World Series. "Supergroppo" und "Cravarezza" wurden 2014 freigegeben, dieses Jahr der Ingegnere. Allesamt anspruchsvoll-spaßige Freeride-Lines. Gute Gründe für einen erneuten Besuch im gelobten Trail-Dorado Liguriens. Davon, dass die hiesigen Trail-Bauer ihr Handwerk verstehen, haben mich die letzten vier Tage einmal mehr überzeugt. Seit dem Startschuss für meinen neuen Bikeguide über Finale Ligure und seine benachbarten Spots hatte ich mich zuerst einmal darauf konzentriert, die Stages der letzten Jahre, wie die des anstehenden Rennens, abzugrasen. Gestern war der Supergroppo dran. In einem anderen, ähnlich gut besuchten Revier wie Finale, wäre dieser Trail nach einem Jahr wohl schon komplett zerfurcht. Glaubt man den spärlichen Reifenspuren, so hat es den Eindruck, als würde dieser Trail hier eher brachliegen. "Ja, so richtig häufig wird der Supergroppo nicht befahren", gibt Pietro zu. Der Trail läuft direkt durch den Vorgarten seines Agriturismo, also sollte er es wohl wissen. "Den meisten Bikern ist wohl der Transfer zum Trailhead zu lang!" Transfer? Wenn man den oberen Teil des Crestino-Trails mit in eine Runde über den Supergroppo einbaut, bleiben als "Transfer" gerade einmal 800 Meter Forststraße übrig. Okay, am Trail-Einstieg geht es zweimal steil bergauf. Doch angesichts von sechs Kilometern Singletrail kann man da wohl von einem fairen Deal reden. In Finale ticken sie halt offensichtlich ein wenig anders. Aber warum sollte man auch bergauf fahren, wenn sich dermaßen viele, gute Trails in direkter Shuttle-Reichweite befinden?

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Ja, warum? Ich gebe ja zu, dass ich mich hier bisher auch nicht vor Uphill-Fleiß überschlagen habe. Doch in den letzten vier Tagen des Pedalierens habe ich rund um Finale Dinge gesehen, von denen man als Shuttle-Fahrgast wenig bis gar nichts zu Gesicht bekommt. Die Römerstraße mit ihren bestens erhaltenen Bögen hinter Finalpia. Der Hexenturm oberhalb der Steilklippe unweit des Capo Noli. Die geheimnisvollen, in den Stein gemeißelten Formen auf den Felsplatten "I Ciappi" hinter San Bernardino.

"Die meisten Trails hier sind nicht völlig neu gebaut, sondern folgen uralten Wegen, die fast verfallen waren", hatten mir alle Trail-Bauer einhellig bestätigt. Ob Römer, Köhler, Fußsoldaten Napoleons – über die Jahrhunderte haben sie alle in Ligurien ihre Fußabdrücke hinterlassen. So gesehen trägt das Freeriden in Ligurien zur Erhaltung eines kulturellen Erbes bei.

Mal im Ernst. Ligurien muss der Alptraum für jeden Straßen- und Wegebauer sein. Oder eine Beschäftigungsgarantie – ganz nach Perspektive. Einem Bettlaken nach heißer Liebesnacht gleich, wirft dieses Küstenland bisweilen vogelwilde Falten. Da vergeht kein Kilometer, ohne dass ein Bergrücken quer stünde, und nicht wenige davon reichen bis direkt ans Wasser heran. Wer nach Westen will, muss über all diese Bergrippen hinweg oder drum herum. Wobei es heute ja Tunnel gibt. Aber man stelle sich mal einen Augenblick lang Ligurien ohne Tunnel vor. Klar könnte man von Finale aus einen Stein nach Borgio Verezzi schmeißen. Aber wer in alten Zeiten dort drüben etwa Obst und Gemüse verkaufen wollte, musste zuerst einmal über den Monte Caprazoppa. Wer dort oben schon einmal mit dem Bike unterwegs war, weiß, wie viel Mühe das bereitet. In einer Zeit, in der es keine Straßentunnel, wohl aber Eselskarren gab, wurde aus dem vermeintlichen Katzensprung von Dorf zu Dorf dann schnell mal eine Tagesreise. Oliven, Kastanien oder Wildschweinschinken mussten ja irgendwie aus dem Hinterland an die Küste kommen – das erklärt dieses unglaublich verzweigte Trail-Netz in den Ligurischen Alpen. Der typische Trail balanciert hier relativ flach oben auf einem Bergrücken dahin. Wobei rechts und links immer wieder steiler abfallende Wege zu den Dörfern im Tal hinunter abzweigen. So ist es in Finale und so sollte es dann wohl auch im übrigen Ligurien sein. Meine Theorie daher: Solange man sich oben an die Grate hält, befindet man sich stets in gutem Bike-Terrain.

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Frisch gespurt: Die Trails werden extrem gut gepflegt, und jedes Jahr kommen ein oder zwei völlig neue dazu.

Für die Untermauerung dieser Theorie nehme ich mir als erstes den Monte Carmo vor. Mit 1389 Metern Höhe ist er einer der höchsten Berge im Umkreis und dominiert den Küstenstreifen um Pietra Ligure und Loano. Von seinem Gipfel fließen Trails in alle Richtungen zu Tal. Einer davon verläuft vorher noch über einen Grat, passiert eine kleine Wallfahrtskirche und zwischendrin, so viel konnte ich in Erfahrung bringen, wird er von der Strada Napoleonica aufgefangen. Auf diese Militärstraße bin ich gespannt. Also los. An der Kreuzung unterhalb des Colle di Melogno parken die Shuttlebusse Stoßstange an Stoßstange. Dutzende Freerider stürzen sich hier in den Klassiker-Trail Rollercoaster, um weiter unten an der Kirche Madonna della Guardia, noch den EWS-Trail nach Calice Ligure dranzuhängen. Nur fünf Kilometer Luftlinie weiter, auf der anderen Talseite, ist dagegen kein einziger Biker zu sehen. Auf der Passhöhe des Giogo di Giustenice drücken jetzt Nebelschwaden durch einen bizarren Ahornwald. Zwischen den Bäumen grasen, fast schon gespenstisch, weiße Wildpferde. Noch beängstigender aber ist der Aufschwung, auf den der Pfad jetzt zusteuert. Noch hundert Meter, dann ist der Weg selbst zum Schieben zu steil. Irgendwann bohrt sich die Sonne durch die Schwaden. Wir stehen am Gipfel des Monte Carmo, werfen die Bikes von den Schultern und blicken über ein Nebelmeer. Gipfel ragen wie Inseln daraus hervor. Auch unser Grat-Trail taucht da vorn wieder ins Nebelmeer ein. Drei Stunden und neun anspruchsvolle Trail-Kilometer später stehen wir in Borghetto Santo Spirito am Meer. Was für ein Holy-Trail schon wieder, und in Ligurien gibt’s ja noch verdammt viele Grate! 

Die fünf Top-Touren:

Meisterhaft gebaut und mit Shuttle erreichbar, oder urwüchsig und anspruchsvoll: die derzeitigen Top-Trails an der ligurischen Küste.

1. Le Manie EWS > 38,1 km > 1190 hm > 4 h
Wer wissen möchte, was bei der Enduro World Series (EWS) Sache ist, möge sich diese Runde zu Gemüte führen. Insbesondere der DH-Uomini-Trail nach Varigotti und der letzte Abschnitt des San-Michele-Trails nach Noli (Teil des Elite-Enduro-Rennens) bieten doch einiges an Fels und Gelegenheiten für Stürze. Ein Vollvisierhelm ist ratsam!

2. Carabiniere & Neonato > 24,9 km > 1290 hm > 4 h Das Forte Monteschio oberhalb des Colle di Nava ist Ausgangspunkt für zwei der besten Trails im Hinterland Liguriens: der Carabiniere und der Neonato. Sie beiden bieten genau die richtige Mischung aus gebauter Line und Natur-Trail, Flow und anspruchsvollen Stellen. Endurofahrer werden die Tour lieben.

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Wege aus einer Zeit, als es noch keine Tunnel gab: Das Wegegeflecht ist extrem dicht. Einige der Pfade sind aber äußerst steil.

3. Monti-Mare–Albenga > 44,5 km > 1120 hm > 5:30 h
Wer am Meer mit dem Mountainbike unterwegs ist, will auch Touren fahren, die genau am Strand ihr Finale haben, richtig? Voilà! Dieser Monti-Mare folgt dem Gebirgskamm von Castel Ermo und Mote Nero bis Albenga, um dort an der Mündung des Fiume Centa zu enden. Dazwischen: Abenteuer pur!

4. Supergroppo > 38,6 km > 1170 hm > 4:15 h
Der Supergroppo-Trail wurde für die Enduro World Series 2014 neu geshapet. So, wie die Stage damals lief, ist im Mittelteil eine längere Durststrecke zu überwinden (Cravarezza-Trail und Transfer auf Forststraße zum Colla di San Giacomo). Die hier beschriebene Tour nimmt stattdessen den oberen Abschnitt des Crestino-Trails mit. So wird der Trail-Anteil deutlich erhöht.

5. Melogno - Monte Carmo > 24,5 km > 500 hm > 1520 hm bergab > 4:30 h
Landschaftlich herrliche und fahrtechnisch interessante Tour mit Start im Hinterland von Finale Ligure und Ziel am Meer. Allerdings sind die Trails bisweilen etwas "unaufgeräumt", so kommt man langsamer voran als erwartet.

Die GPS-Daten zu den Mountainbike-Touren 4 und 5 können Sie unten kostenlos herunterladen. Die GPS-Tracks zu den anderen drei Touren gibt's unter www.trails.de.

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Ralf Glaser am 08.12.2016
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