Südtirol zum GenießenDrei Radtouren zwischen Äpfeln und Wein

Thomas Widerin

 · 25.10.2026

Reben-Highway: Viele der Radwege rund um Leifers verlaufen mitten durch ausgedehnte Weingärten.
Foto: Thomas Widerin
​Der Herbst in Südtirol ist besonders: Apfelwiesen leuchten in Orange und Rot, die Weinlese läuft auf Hochtouren. Drei Fahrrad-Sterntouren rund um Leifers – durch Obstgärten, entlang der Etsch und über die Weinstraße. Ein Genuss für alle Sinne.

Themen in diesem Artikel

​Schön, dass ihr da seid!“ Claudia, Chefin des Hotel Steiner, empfängt uns wie alte Bekannte – dabei begegnen wir uns zum ersten Mal. Kaum sind die Räder abgestellt, schwärmt sie bereits von Ausflugsmöglichkeiten rund um Leifers. „Im Herbst ist es bei uns am schönsten“, sagt sie, „gerade werden Äpfel und Weintrauben geerntet.“ Leifers liegt südlich von Bozen, eingebettet zwischen schier endlosen Apfelwiesen und ertragreichen Weingärten – die jüngste und südlichste Kleinstadt Südtirols. Was einst ein unbedeutendes Bauerndorf war, ist heute einer der bedeutendsten Fremdenverkehrsorte des Etschtals, geprägt vom gelebten Miteinander deutscher und italienischer Kultur. Das spürt man überall: in der Architektur, in den Speisekarten, in den Gesprächen auf der Straße. Im Frühjahr verwandelt sich die Region in ein weiß-rosa Blütenmeer; jetzt, im klaren Herbstlicht, leuchten Apfelwiesen und Weinreben in kräftigen Gelb-, Orange- und Rottönen. Die Luft riecht nach reifen Früchten und feuchter Erde. Besser erleben lässt sich das kaum – als vom Sattel aus.

Runde um den Mittelberg

Claudias Tourentipp für den ersten Tag: eine Runde um den Mittelberg. „Da kommt ihr immer wieder durch riesige Apfel- und Weingebiete“, verspricht sie. Wir nehmen sie beim Wort und rollen kurz nach dem Frühstück los – die Morgensonne liegt schräg über den Wiesen, der Himmel ist makellos blau. Von Leifers radeln wir zunächst Richtung Süden, entlang der Etsch – mit 415 Kilometern der längste Fluss Südtirols. Der Radweg verläuft flach und breit neben dem ruhig dahinfließenden Wasser, der Untergrund ist griffig und glatt. Perfekte Bedingungen, um langsam warm zu werden und die Umgebung in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Bereits nach wenigen Kilometern sind wir mitten im Apfelparadies. Rund um Leifers, Branzoll und Pfatten erstrecken sich etwa 500 Hektar Apfelwiesen, die von lokalen Familienbetrieben bewirtschaftet werden. Rund 32.000 Tonnen Äpfel pro Jahr – Granny Smith, Golden Delicious, Royal Gala und Pink Lady – müssen von Hand gepflückt werden. Kurz vor Auer entdecken wir eine Gruppe „Klauber“, wie die Erntehelfer hier heißen. Janosz, ein ungarischer Saisonarbeiter, zeigt uns stolz die vollen Kisten, während seine Kollegen auf Hebebühnen stehend die Früchte herunterklauben. Wenige Kilometer weiter: der Kalterer See – einer der größten Seen Südtirols und dank seiner geringen Tiefe von durchschnittlich vier Metern der wärmste im gesamten Alpenraum. Das Wasser hat 25 Grad. Wir machen Pause auf einem Steg, lassen die Beine übers Wasser baumeln und genießen die Ruhe. Anschließend führt der Radweg in langgezogenen Kurven bergauf durch ausgedehnte Weinfelder Richtung Kaltern. Wir sind unter den wenigen „Bio-Bikern“ – nahezu alle anderen setzen auf Akkuunterstützung und flitzen an uns vorbei, manche mit kaum verhohlenen Mitleidsblicken. Auf der Nordseite des Mittelberges dominieren Weinberge: Hier reifen die Trauben für den berühmten „Kalterersee“, auch „Vernatsch“ genannt, einen leichten Rotwein, der in der Region seit Jahrhunderten gekeltert wird. Die Weinprobe verschieben wir aber bewusst auf morgen. Die Belohnung für den Anstieg folgt prompt: eine lange, herrliche Abfahrt Richtung Bozen. Der Radweg ist breit, durchgehend asphaltiert und bestens beschildert – mit Rastplätzen und Fernblicken auf die Stadt, das Schloss mit dem Messner Mountain Museum und die Dolomiten am Horizont. Auf dem Rückweg nach Leifers tauchen wir entlang der Etsch erneut ins Apfelparadies ein. Kurz vor dem Ziel überreicht uns eine erschöpfte Erntehelferin zwei Äpfel. Man sieht ihr an, wie hart die Arbeit ist. Und trotzdem lächelt sie.

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Entlang der Weinstraße

Am zweiten Morgen starten wir früh – und sind trotzdem nicht allein. In den Apfelfeldern entlang der Etsch herrscht bereits emsiges Treiben. Die Erntehelfer nutzen offensichtlich die kühle, klare Morgenluft für ihre anstrengende Arbeit. Wir fahren bewusst langsam, atmen den Herbstduft ein und genießen die frische Morgenluft. Nördlich von Auer überqueren wir die Etsch und erreichen auf der Südseite des Kalterer Sees ein ausgedehntes Biotop mit dichtem Schilfgürtel. Auf Holzstegen führt ein Weg mitten durch das Naturschutzgebiet – Heimat unzähliger Wasservögel, Amphibien und Fischarten. Nach einem kurzen Spaziergang radeln wir hinauf nach Tramin, dem traditionsreichen Weindorf und Heimat des weltbekannten Gewürztraminers, einer markanten Weißweinsorte aus gelb-rötlichen Beeren. Die Weinstraße, auf der wir nun Richtung Südwesten fahren, ist 150 Kilometer lang und führt von Nals im Norden bis an die Grenze zum Trentino, vorbei an über 150 Weinbauorten. Zwischen Tramin, Kurtatsch und Magreid führt der Radweg mitten durch Weingärten, die wie überdimensionale Schachbrettmuster in die Hänge eingeschnitten sind – prall gefüllt mit roten und gelben Trauben. Oberhalb von Magreid legen wir Pause ein. Auf einer Holzbank, halb versteckt zwischen Weinreben, bietet sich uns eine atemberaubende Aussicht auf das Etschtal. „Von hier oben erkennt man gut, wo die Ernte schon erledigt ist“, sagt plötzlich jemand neben uns. Ein älterer Mann mit Strohhut und Gehstock hat sich dazugesetzt. Er erklärt die grau-schwarzen Flächen im Tal: Schutznetze gegen Vögel und Hagel, die nach der Ernte abgezogen werden. Luis, ein Winzer aus der Gegend um Kurtatsch, der sein Leben dem Weinbau gewidmet hat, nimmt sich fast eine Stunde für uns Zeit. Was wir nicht wussten: Die Apfelernte stemmen vor allem ausländische Saisonkräfte – die Weinlese hingegen ist Familiensache, wird fast liebevoll zelebriert. Alle Verwandten helfen zusammen, man isst gemeinsam, trinkt gemeinsam, feiert gemeinsam. „Das ist nicht nur Arbeit“, sagt Luis, und man glaubt es ihm sofort. Den Rückweg nach Leifers fahren wir parallel zur Etsch, deren breite Ufer zwischen Kiesbänken und dichtem Ufergebüsch wechseln. Kurz vor der Unterkunft entdecken wir Janosz, den ungarischen Erntehelfer vom Vortag, im Garten eines Cafés – offenbar beim wohlverdienten Feierabend.

Ausflug nach Bozen

Bozen liegt praktisch vor der Haustür – ein Ausflug in die Landeshauptstadt drängt sich auf. Erster Halt: St. Jakob, wenige Fahrminuten nördlich von Leifers. Im Bioladen „Emma con Gusto“ erwartet uns Marina bereits vor der Tür. Die umtriebige, fröhliche Besitzerin erzählt mit Begeisterung von der Apfelwirtschaft der Region – und davon, wie sie vor einigen Jahren eine erstaunlich naheliegende Marktlücke entdeckte: Einen regionalen Apfelaufstrich gab es schlicht nicht. Also entwickelte sie ihren eigenen. Neben naturbelassenen Säften, würzigen Apfelchutneys und getrockneten Apfelscheiben stellt sie heute Aufstriche in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen her – alles in reiner Handarbeit, ohne Konservierungsstoffe oder Geschmacksverstärker. Wir kosten uns durch das Sortiment. Bio pur, und jeder einzelne ein Treffer. Wir könnten problemlos noch eine Stunde bleiben. Aber wir wollen weiter zum Schloss Runkelstein am nördlichen Stadtrand. Bozen erweist sich als erfreulich radlerfreundlich – breite, gut beschilderte Wege führen uns problemlos ans Ziel. Die Bikes lassen wir am Fuße der Burg zurück und steigen den steilen, gepflasterten Pfad hinauf auf einen imposanten Aussichtsfelsen. Oben wartet nicht nur ein großartiger Blick, sondern – dank Silvias unerschütterlichem Kulturinstinkt – ein echtes Highlight: profane Fresken aus dem späten 14. Jahrhundert, die zu den besterhaltenen und bedeutendsten im gesamten Alpenraum zählen. Das höfische Leben jener Zeit ist hier in leuchtenden Farben festgehalten. Bei einigen Szenen müssen wir schmunzeln – lebhaft ging es offenbar schon damals zu. Kultur macht hungrig. Weiter also zum Wochenmarkt am Siegesplatz. Samstags ist das Angebot am größten, die Menschenmenge entsprechend dicht. Wir schieben die Räder durchs Gewühl, lassen uns treiben, schnuppern an Käse, Speck und frischen Kräutern. Bei einem Stand mit regionalen Käsespezialitäten machen wir schließlich Halt und stärken uns für die Rückfahrt. Für mehr fehlt die Zeit – Claudia wartet. Bozens vorbildliche Radbeschilderung lotst uns zuverlässig aus dem Zentrum. Vorbei an Frangart, wo Schloss Sigmundskron mit dem Messner Mountain Museum majestätisch über dem Tal thront, biegen wir nach Leifers ab. Auch hier findet heute Markt statt. Weinverkostung zum Abschluss Claudia ist nicht nur Hotelierin, sondern auch ausgebildete Sommelière. Im Apfelgarten vor dem Hotel versammeln sich mehrere Gäste zur Weinprobe. Die Stimmung ist ausgelassen – ihre Ausführungen sind so unterhaltsam wie informativ und sorgen regelmäßig für Lacher. Die Kostproben verschiedener Südtiroler Weine tun ihr Übriges: Anfangs schweigsame Gäste werden mit jeder Runde redselig. Auch uns munden die Proben prächtig – wobei wir zugeben müssen, mit zunehmend geleerten Gläsern auch zunehmend müde zu werden. Ein würdiger Abschluss nach drei unvergesslichen Radtagen in der Apfelstadt Leifers.

Die 3 Sterntouren ab Leifers

​Runde um den Mittelberg: 40 Km, 240 Hm, ca. 3 Std., 90 % befestigt, 10 % unbefestigt,
Highlights: Ausgedehnte Apfelwiesen, Kalterer See

Zwischen Etschradweg und Weinstraße: 46 Km, 200 Hm, ca 3,5 Std., 90 % befestigt, 10 % unbefestigt, Highlights: Weinstraße, Weingärten

Bozen-Runde: 30 Km, 150 Hm, ca 2 St, 80 % befestigt, 20 % unbefestigt,
Highlights: Schloss Runkelstein, Bozen Innenstadt

Empfohlener redaktioneller Inhalttouren.bike-magazin.de

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Infos und Tipps für die Sternradtouren in Leifers

​Beste Reisezeit

April, Mai (Apfelblüte) und September, Oktober (Apfelernte, „Törggelezeit“)

Anreise (Standort Leifers)

Auto: Verkehrsknotenpunkt Bozen (Autobahn A22, Bundesstraßen SS12, SS38), nach Leifers Bundesstraße SS12.

Infos Verkehr Südtirol: www.suedtirol.info/de/de/information/mobilitaet/aktuelle-verkehrsinfos

Bahn: Bis Bozen international, weiter bis Leifers Regionalbahn (Wichtig: Fahrradreservierung in überregionalen Zügen notwendig).

Infos/Buchung: www.thetrainline.com/de

Fahrpläne Bahn/Bus: www.suedtirolmobil.info/de/meine-fahrt/fahrplaene

Mobilität vor Ort Mit dem Südtirol Gäste-Pass sind viele Öffentliche Verkehrsmittel kostenlos: www.suedtirol.info/de/de/information/suedtirol-guest-pass

​Übernachtungen

Umfangreiches Angebot im gesamten Etschtal (alle Preisklassen, auch Camping)

Übersicht: www.suedtirol.info/de/de/unterkuenfte/

Tipp: Urlaub am Bauernhof, www.suedtirol.info/de/de/unterkuenfte/urlaub-auf-dem-bauernhof

Autorenempfehlung für Standort Leifers: „Hotel Steiner“, Familienbetrieb in vierter Generation, sehr sauber und äußerst freundliches Personal, Außenpool, mit großem Campingplatz, www.hotelsteiner.com

​Essen und Trinken

Südtiroler Kost (Schlutzkrapfen, Knödelvariationen, Brotzeit), regionale Produkte (Obst, Gemüse, Wein aus eigenem Anbau)

Gute Gesamtübersicht: www.suedtirol.info/de/de/essen-und-trinken

Tipps: „Törggelen“ www.suedtirol.info/de/de/jahreszeiten/herbst/toerggelen

Autorenempfehlung: Apfelverköstigung und Führung Bioladen „Emma“ in St. Jacob, www.emmacongusto.com/startseite.html

Sehenswertes

Das Besondere in der Region ist die Landschaft selbst mit den Apfelwiesen und Weinfeldern. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf einen Blick: www.suedtirol.info/de/de/erlebnisse-und-events/plp-erlebnisse/tvs/leifers/

​Tourencharakter und Fahrradinfrastruktur

Alle gefahrenen Touren: Sehr gute Radwege, wenige kurze Abschnitte auf verkehrsarmen Nebenstraßen. Etwa zwei Drittel der Strecken sind flach, ein Drittel leicht hügelig, Anstiege und Abfahren sind nicht allzu steil. Viele nette Rast-, Ruhe- und Picknickplätze. Sehr gute Beschilderung, alle Touren sind familientauglich (mit Kindern genug Pausen einplanen) und E-Bike geeignet. In der gesamten Region ist man auf Radfahrer eingestellt. Es gibt viele ausgezeichnete Radwege und in den Orten (auch Bozen) bestehen meist spezielle Fahrstreifen. Fahrradgeschäfte in Bozen, Leifers und in größeren Orten im Etschtal. Einkehrmöglichkeiten entlang der Routen.

​Wichtige Infos

Tourist Info Leifers-Brazoll-Pfatten, 39055 Leifers, info@laives-leifers.it, www.laives-leifers.it

Allgemein www.suedtirol.info/de/de/regionen/staedte/leifers

Alle Touren in Bozen und Umgebung: www.suedtirol.info/de/de/erlebnisse-und-events/plp-erlebnisse/regionen/bozen-und-umgebung/radtouren

Besondere Tipps: Südtirol Gästepass, kostenlose Benutzung Regionalbahn, Regionalbusse und viele Seilbahnen, www.suedtirol.info/de/de/information/suedtirol-guest-pass

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