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Italien: MTB Reisereportage Abruzzen von Alpenzorro Stuntz Italien: MTB Reisereportage Abruzzen von Alpenzorro Stuntz

Italien: MTB-Tour durch die Abruzzen

Planlos: Der Alpenzorro unterwegs in den Abruzzen

Stefan Stuntz am 13.09.2016

Ohne Plan los: Das ist sein Konzept. Die Internet-Community sollte Stefan „Alpenzorro“ Stuntz diesmal durch die Abruzzen lotsen. Leider kennt sich dort im tiefsten Italien kaum jemand aus.

Wölfe und Bären geistern mir durch den Kopf, als ich meinen Schlafsack im Halbdunkeln unter einem Baum ausrolle. Ich befinde mich in einem tief eingeschnittenen Tal am Südende des Nationalparks Abruzzen, irgendwo zwischen Rom und Neapel. Die beiden Metropolen liegen zwar kaum hundert Kilometer entfernt, doch der Bergriegel der Monti della Meta könnte sich kaum einsamer und rauer anfühlen. Die Abruzzen sind eben nicht die heimeligen Alpen. Hier ist alles etwas finsterer und einsamer. Ich zippe meinen Schlafsack zu und klicke noch mal ins Forum: Wieder kein brauchbarer Routen-Tipp aus der Forumsgemeinde. Aus dem schwarzen Wald dringen Tierlaute. Schnell das Hörbuch an, bevor ich mich richtig grusele.

Ich hätte mich vielleicht doch etwas mehr um die Routen-Planung kümmern sollen. So wird der Einstieg in mein kleines Abruzzen-Abenteuer zur unfreundlichen Mischung aus Bergauftragen und Bergabschieben. Zu verwahrlost sind hier die Pfade, zu viele tote Bäume liegen im Wald, zu wenig Menschen sind unterwegs. Dabei sah der Übergang an der Forca Resuni auf der OSM-Karte richtig gut aus. Aber Pixel auf dem Smartphone erzählen eben oft nur die halbe Wahrheit. Im malerischen Bergdorf Civitella Alfedana am Lago di Barrea lecke ich meine sprichwörtlichen Wunden in einer kleinen Gelateria und nehme mir vor, die nächsten Tage etwas sorgfältiger anzugehen. Spontane Bike-Trips sind toll, aber ein paar Minuten Recherche im Netz haben noch niemandem geschadet.

"Sitze unter dem Vordach einer versperrten Skihütte, während ein Gewitter über mich hinwegbrezelt. Das Donnern ist so laut, dass ich mir die Ohren zuhalte."

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Selbstversorgerhütte Capanna Ghezzi mit Freiluftbadewanne. 

Mit dem Bike irgendwie durch die Mitte des italienischen Stiefels – viel mehr Gedanken hatte ich mir bisher über den Verlauf der Tour nicht gemacht. Berge sind hier ja genug vorhanden. Da müsste sich doch was Nettes mit möglichst vielen, spaßigen Trail-Abfahrten finden lassen. Also verbringe ich den zweiten Abend unterm Sternenhimmel mit dem Smartphone im Internet und lese mich erst mal etwas ein.

Die Nachforschungen werden prompt belohnt, denn im Gegensatz zur deutschen, geizt die italienische Bike-Gemeinde nicht mit Trail-Tipps: Auf dem Weiterweg nach Norden über die Monti Vitello und Sirente scheint demnach ein kurzweiliger Single­trail den nächsten zu jagen. Nur unterbrochen von leckeren Cappuccino- und Pizza-Stationen in kleinen Dörfern am Wegesrand. Ich bin auf dieser Tour zwar zum Draußenschlafen ausgerüstet, und Nächte unter freiem Himmel sind immer etwas ganz besonderes, aber die Nahrungs- und Genussmittelversorgung überlasse ich unterwegs doch lieber den italienischen Profis.

Am vierten Tag erreiche ich das Hochplateau Campo Imperatore zu Füßen der höchsten Berge in den Abruzzen. Auch auf dem Gipfel des Gran Sasso (2912 m) wurden wohl schon vereinzelt Mountainbiker gesichtet. Die Abfahrt ist Gerüchten nach ein Traum für technikverliebte Bike-Bergsteiger. Etwaige Gedanken in diese Richtung begrabe ich allerdings beim Anblick der schneebedeckten Steilflanken des Fast-Dreitausenders recht schnell. Auch tief im Süden sind die Bedingungen nicht immer optimal für alpine Experimente. In den Hochlagen sind derzeit eher noch Steigeisen und Eispickel angesagt.

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Zum Glück gibt es auch in der unteren Hälfte des Gran-Sasso-Massivs genügend Beschäftigung für verwöhnte Bergradler: Die endlose Singletrail-Abfahrt vom Rifugio Duca degli Abruzzi hinab in den Ort Pietracamela ist eins der großen Highlights der Gegend und muss sich nicht vor den Traum-Trails der Alpen verstecken. Ich erlebe lange Flow-Strecken über aussichtsreiche Grate, Panoramablicke auf steile Bergspitzen mit senkrechten Felswänden, ein weites Tal mit ideal gebautem Wanderweg und tiefer unten dann dschungelartigen Abruzzen-Wald. Allein wegen dieser Tour würde ich hier noch mal herkommen.

Für Abwechslung sorgen jetzt immer mehr mittelalterliche Burgruinen und Bergdörfer wie Castel del Monte, Calascio und Santo Stefano di Sessanio. Das verheerende Erdbeben von L’Aquila hat diese Region vor sechs Jahren arg in Mitleidenschaft gezogen. Viele der Häuser sind bis heute unbewohnbar und werden nur mit aufwändigen Korsetts aus Stahl und Holz aufrechterhalten – ein Freiluftmuseum mit Gruselfaktor. Trotzdem finden sich überall freundliche Menschen, gemütliche Kneipen und kleine Frühstückspensionen. Meine dünne Isomatte bleibt bald immer häufiger zusammengerollt.

Ein wenig weiter nördlich durchquere ich die blumenübersähten Felder von Castellucio und stoße damit bereits ins nächste Landschafts-Highlight vor: den Nationalpark Monti Sibillini. Zweitausender-Gipfel umstellen das Valle del Lago di Pilato, und laut Smartphone-Karte könnten sich hier zwei Abfahrten lohnen – beides Volltreffer. Erstaunlich, dass diese Gegend unter deutschen Bikern noch ein recht unbekanntes Schattendasein fristet. Italienische Radler sind dagegen fleißig unterwegs und tragen sogar fast schon verfallene Pfade in die OpenStreetMap-Karten ein. Meist sogar mit Schwierigkeitsbewertung für die Single­trails. Mein experimentelles Einfach-der-Nase-nach-Biken wird so beinahe zur leichten Übung mit Spaßgarantie.

Auf einem dieser vergessenen Pfade über den Monte Banditello begleitet mich ein anhänglicher Hirtenhund, der sich trotz vielfältiger Versuche nicht zur Umkehr in sein Dorf überreden lässt. Ich habe nichts gegen die vierbeinige Gesellschaft einzuwenden. Zumal sich der Hund gut auszukennen scheint. Selbst dort, wo längst Gras über den Pfad gewachsen ist, trippelt er zielstrebig voran. Nur einmal wird er nervös und knurrt: Eine Wildschweinherde galoppiert keine 50 Meter entfernt an uns vorbei. Doch am Ende des Tages – fünfzig Kilometer weiter – mache ich mir doch Sorgen, einem Hirten unfreiwillig seinen Begleiter entführt zu haben. Die Bewohner des kleinen Dorfs Foce eilen zu Hilfe und machen durch lange Telefongespräche ins Nachbartal den Besitzer doch noch ausfindig. Er holt seinen untreuen Freund am nächsten Morgen per Motorrad zurück in die Heimat. Problem gelöst, Hund glücklich. Die Leute hier haben nicht nur ein Herz für Biker, sondern offensichtlich auch für ihre Tiere.

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Am Ende der Abfahrt vom Monte Sibilla ins Val Tenna wartet die L’Orrida Gola del Infernaccio, eine teuflisch schöne Schlucht.

Der nächste Berg auf meiner Tour durch Italiens Mitte wartet bereits: der Monte Sibilla. Von seinem Gipfel sieht man bei gutem Wetter im Osten die Adria und im Westen das Mittelmeer. Leider ist es heute dunstig, und ich sehe nur Nebelschwaden. Das gestaltet die Suche nach der richtigen Abfahrt ins Val Tenna spannender als nötig. Der Weg wird augenscheinlich selten begangen und ist manchmal nicht mehr als eine undeutliche Spur durch steile Wiesen und Schotterfelder. Doch als die Anfangsschwierigkeiten überwunden sind, entpuppt sich auch diese Abfahrt als anspruchsvoller aber gut fahrbarer Traum-Trail hinab in ein faszinierendes, einsames Tal. Am Ende schließt sich mit der L’Orrida Gola del Infernaccio sogar noch ein Highlight für Schluchtenliebhaber an. Die Felswände stehen hier einige hundert Meter hoch über dem Canyon und lassen dem Karrenweg entlang des reißenden Bachs nur wenig Platz.

Auf der Ostseite des Monte Sibilla trudele ich gen Nachmittag in das gleichnamige Rifugio ein. Es ist eine der wenigen bewirtschafteten Berghütten in den Abruzzen. Wieder lasse ich den Schlafsack eingerollt. Bei einem Halbpensionspreis von 25 bis 35 Euro plus 10 bis 20 Euro für ein fünfgängiges Abendessen bevorzuge ich eine gemütliche Unterkunft mit Dach über dem Kopf. Ich bestelle einen Cappuccino und teile die Sonnenterrasse mit der Hüttenwirtin, ihrem Großvater, vier Katzen-Babys, zwei Hunden und dem Pferd des Hauses. Letzteres würde sich sichtlich gerne mit an den Tisch setzen, wird aber immer wieder mit einem Klaps zurück in den Stall geschickt. Weil das Ambiente so nett ist, verbringe ich zwei Tage im Rifugio Sibilla.

Nur einen halben Tagesritt weiter finde ich beim Ort Ussita ein kleines Trail-Zentrum in den sibillinischen Bergen. Hier warten Seilbahnen und gebaute Downhill-Strecken. Drum herum wickeln sich auch interessant aussehende Tages-Touren. Mich zieht es allerdings bald weiter nach Norden, und so beende ich die Abruzzen-Querung schließlich mit einem wunderschönen Singletrail vom Monte Serra Santa in den Ort Gualdo Tadino hinunter. Für diesen Pfad dürfte das Wort "Flow" erfunden worden sein. Ab hier geht es für mich weiter über Rom nach Elba, Cinque Terre und Finale Ligure in die Seealpen und dann weiter zum Gardasee – aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Karte mit der eingezeichneten Route samt Verlängerung zum Gardasee gibt es auf www.alpenzorro.de

"Mein Abruzzen-Fazit: ein Bike-Traum! Die Trails sind fast immer flowig und spaßig. Nur den Draußen­schlafkram hätte ich zu Hause lassen können. Die Abruzzen sind perfekt durchrifugiosiert."

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Stefan Stuntz alias "Alpenzorro": Seit zehn Jahren durchquert der Münchner die Gebirge der Welt und nimmt dabei ca. 5000 Leser per Online-Live-Bericht mit auf Tour. Fotografiert wird per Selbstauslöser.

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Stefan Stuntz am 13.09.2016