Über Nacht im Himmel: Richard von Meerheimb hatte mit seinem Leben bereits abgeschlossen, als er nach Cortina d'Ampezzo kam. Die vielen Kriegseinsätze und Entbehrungen Mitte des 19. Jahrhunderts hatten dem Schriftsteller und Oberstleutnant aus Dresden arg zugesetzt. Er konnte kaum noch atmen, seine Beine versagten ihren Dienst und ärztliche Behandlungen wollten einfach nicht anschlagen. Sein letzter Versuch: eine Reise in die klare Bergluft der Dolomiten. Wie durch ein Wunder verbesserte sich sein Zustand hier innerhalb von nur drei Monaten so enorm, dass er wieder genug Kräfte für eine Bergtour verspürte. Bis auf den 2574 Meter hohen Monte Nuvolau trugen ihn seine Beine und auch die Lunge wieder. Vor lauter Glück und Dankbarkeit spendete er dem damals gerade gegründeten Alpenverein Geld für den Bau ihrer ersten Gipfelhütte. Und so wurde am 11. August 1883 oben auf dem Nuvolau die erste Schutzhütte der Dolomiten eröffnet. Getauft auf den Namen „Sachsendank“.
Es muss damals tatsächlich eine Art Wunderheilung gewesen sein. Denn unsere Lungen sind gesund, wir haben bis zum Rifugio Scoiattoli Cortinas Liftanlagen-Netz genutzt und mühen uns auf der verbliebenen Restrampe zum Rifugio Averau hinauf trotzdem ganz schön ab. Im Kriechmodus wühlen wir uns die steile Geröllpiste hoch. Auch weil wir uns für den ersten Tag unserer Tour nur den Eco-Schub gönnen wollen. „Eure Akkus könnt ihr bei uns nicht laden“, hatte es bei der telefonischen Reservierung geheißen. Und da wir ohnehin großes Glück hatten, im August überhaupt noch drei Betten in der Hütte zu ergattern, war uns das in dem Moment auch egal. Mit Liftnutzung wird uns der Strom schon für eine zweitägige Hüttentour reichen, dachten wir.
Doch als wir den 2413 Meter hohen Übergang an der Averau-Hütte endlich erreicht haben, sind wir uns da gar nicht mehr so sicher. Hier soll es jetzt links auf einer Via Ferrata weiter gehen. Nochmal 160 Höhenmeter bis zur Sachsendank-Hütte, die inzwischen längst Nuvolau-Hütte heißt. Allerdings geht's nun einen Steig hinauf. Steil und mit Felsstufen durchsetzt, teilweise hart am Abgrund entlang. Ein paar Alpenüberquerer schieben an uns vorbei und checken in der Averau-Hütte ein. Sie haben ihr Tagessoll für heute erreicht. Wir blicken in die Panorama-Runde: Dolomiten-Gipfelprominenz so weit das Auge reicht. Also wenn wir nicht diese Hinweise bekommen hätten, dass da oben noch mal ein ganz anderes Kaliber auf uns warten soll – wir wären mit einer Nacht in der Averau-Hütte auch vollauf zufrieden gewesen.
Im Vergleich zu seinen Nachbarn rundherum sieht der 2575 Meter hohe Monte Nuvolau erstmal nicht besonders spektakulär aus. Ein Felssporn, der den Averau-Übergang wie ein Wachposten noch mal um 160 Meter überragt. Der Weg hinauf ist verblockt und steil, teilweise sind Stufen in den Fels geschlagen. Dazu herrscht jetzt am Nachmittag reger Gegenverkehr der Tagesgäste, die wieder ins Tal wollen. Erst auf den letzten Metern lässt die Absturzgefahr soweit nach, dass wir mit Turbo doch nochmal in den Sattel steigen können. Mit Maximalpuls erreichen wir so die Hütte – wo uns allen der Mund offen stehen bleibt.
Wir hatten im Vorfeld von so manchem Superlativ über diesen Ort gelesen, aber die Realität toppt alles: Im 360-Grad-Format breiten sich der kleine Lagazuoi, die drei Tofanen und das Cristallo-Massiv im Norden aus. Im Süden: die Civetta und die Marmolada mit ihrem verbliebenen Eispanzer zum Greifen nah. Im Westen klotzen die Bastionen von Sellastock und Pale di San Martino. Und jetzt tief unter uns: die schiefen Felszähne der Cinque Torri. Von hier oben erkennt man gut, dass sie mal ein einziger Turm waren, bis Eismassen den Fels in fünf Teile zerborsten haben. Auch die Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg kann man nun gut überblicken. Wie ein Labyrinth schlängeln sie sich um die Torri herum.
Unsere Unterkunft klebt nun auf dem nur wenige Quadratmeter großen Gipfelplateau des Monte Nuvolau. Rundherum fallen die Bergflanken in alle Richtungen spektakulär steil ab. Die oft bemühte Phrase „wie ein Adlerhorst” ist hier tatsächlich Programm. Kein Wunder, dass dieser Aussichtsturm auf der Frontlinie des Ersten Weltkriegs, als erstes von den Österreichern beschossen wurde. Doch 1930 hat man die Hütte etwas größer wieder aufgebaut und in Rifugio Nuvolau umbenannt.
Emma Menardi serviert uns einen Willkommens-Sprizz auf der Terrasse und setzt sich kurz zu uns. Zehn Jahre lang sei sie durch die Welt gereist und habe in aller Herren Länder gearbeitet. Bis 2021 ein neuer Pächter für die Nuvolau-Hütte gesucht wurde und sie unter Hunderten von Bewerbungen ausgewählt wurde. „Mein Lebenstraum!“, strahlt die 30-jährige Ampezzanerin. Sie erzählt, wie sie die Hütte mitten in der Corona-Zeit renoviert hat. „Wir wollen alles möglichst rustikal und ursprünglich lassen. Aber der Andrang ist so groß, dass wir auf moderne Technik, vor allem in der Küche, nicht mehr verzichten können.“
Die Hütte ist ein Logistikunternehmen, bei der die ganze Familie eingespannt wird. Emmas Mann Juan, ihre zwei Schwestern und ihr Bruder arbeiten im Sommer Vollzeit hier oben. Emmas Vater sammelt jeden Morgen unten im Dorf die bestellten Vorräte ein und bringt sie zu einer Materialseilbahn an der Cinque Torri-Hütte. In der Hochsaison sind das bis zu sechs Fahrten am Tag und zwei bis drei Stunden Arbeit. Dazu kommen bis zu zehn Fahrten nur für Getränke. Und natürlich muss auch täglich der Müll, das Leergut und die Wäsche mit der Seilbahn wieder hinuntergeschickt werden. Sind die Vorräte an Ort und Stelle, werden die Gästezimmer und die Bäder geputzt, Kuchen gebacken und das Essen vorbereitet. Der Tag endet um 22 Uhr. Dann gehen die Lichter aus und die Hütte läuft bis zum nächsten Morgen auf Notstrom. Fünf Monate im Jahr geht das so, Ruhetage gibt es nicht. Aber die Menardis stört der Stress nicht. „Genau dieses Leben macht mich glücklich“, sagt Emma. „In die Ferne zieht es mich nicht mehr. Hier oben empfange ich ja nun Gäste aus aller Welt. Das ist auch ein bisschen wie reisen und andere Kulturen entdecken. Nur dass ich hier bleibe und die Welt zu mir kommt.“
Längst hat sich der letzte Tagesgast Richtung Tal verabschiedet, da beginnt das Naturschauspiel, für das die Locals in den Dolomiten einen eigenen Namen haben: das Enrosadira. Von rosa über orange bis purpurrot beginnen die umliegenden Gipfel nun zu leuchten, während die Abendsonne hinterm Sellastock versinkt. Farblich, aber auch vom Genuss her passt unser Abendessen dazu: Chefkoch Cesare serviert uns „Piatto Nuvolau“, Spätzle aus roten Rüben, zerlassener Butter und gereiftem Piave-Käse. Gefolgt von einem Gute-Nacht-Grappa „Sachsendank“, den uns Emmas Cousine Alessandra an der Hüttenbar kredenzt. Danach fallen wir in die Betten unseres mit Glück ergatterten Dreibett-Zimmers.
Der neue Tag beginnt mit einem unfassbaren Sonnenaufgang. Wir starten früh und erleben die Abfahrt auf dem Felsen-Trail zur Averau-Hütte ganz ohne Gegenverkehr. Dann biegen wir links ab und fädeln kurz darauf in die Route der unter Alpenüberquerern so beliebten Strada de la Vena ein.
Dieser alte Versorgungs-Trail einer Eisenerzmine beginnt noch immer spektakulär unter den Averau-Felsen und fließt mit Blick auf die Marmolada flowig durch die Almwiesen. Doch im unteren Bereich wurde der Weg inzwischen verbreitert und hat seinen Charme weitgehend verloren. So rollen wir den Rest der Tiefenmeter auf Schotter nach Colle Santa Lucia hinunter und kurbeln von dort 800 Höhenmeter auf der Straße zum Passo Giao wieder bergauf. Akku-Check an der Fedare-Hütte: Okay, müsste für die letzten 400 Höhenmeter bis zur Averau-Hütte hinauf noch reichen. Auch wenn sich der über dem schmalen Kehrenband aus gerölligem Schotter dahinschwebende Sessellift schon fast anbiedert. Weit oben, jetzt von Wolkenfetzen umwabert, blitzt das Dach der Nuvolau-Hütte auf. Schade eigentlich, dass Initiator Richard von Meerheimb es nicht mehr geschafft hat, „seine“ Hütte zu besuchen.
BIKE: Wie viele Biker kommen zu euch auf die Hütte?
Emma Menardi: Biker kommen selten zu uns herauf. Der Weg ist zu mühsam und die meisten müssen ihr Bike tragen. Wir haben auch keinen Lagerraum für Bikes oder Lademöglichkeiten für Akkus. Das ist wichtig zu wissen. Aber bitte nicht falsch verstehen: Biker sind bei uns immer willkommen! Ich bin selbst auf meiner Reise 3000 Kilometer durch Chile geradelt.
Was schätzt du hier oben am meisten?
Die Erkenntnis, wie wenig man braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Eine warme Mahlzeit, ein Dach überm Kopf, das Lächeln der Menschen, ein 360-Grad- Panorama und ein Bett, wenn man müde ist.
Wann erlebt man hier die schönsten Sonnenuntergänge?
Ganz klar im September. Die Farben gegen Ende der Saison sind nicht in Worte zu fassen.
Welche Gäste sind dir am liebsten?
Diejenigen, die Respekt vor den Bergen und der Natur haben. Gäste, denen bewusst ist, dass das Be- und Entsorgen hier oben eine logistische Herausforderung ist. Und die ihren eigenen Müll auch nicht irgendwo in der Natur liegen lassen.
Unterkünfte: Wer auf der Nuvolau-Hütte übernachten will, muss rechtzeitig reservieren. Die Betten sind meist Monate im Voraus ausgebucht. Es stehen zwei Vierbettzimmer, ein Dreibettzimmer, ein Fünfbettzimmer und ein Schlafsaal mit acht Betten zur Verfügung. Reservieren kann man allerdings keine Zimmer, sondern nur Betten. Da auch das Wasser mit der Materialseilbahn hochtransportiert werden muss, ist das Duschen im Rifugio nicht möglich. Opulent und ausgezeichnet dagegen: das Essen. Die Hütte ist von Mitte Juni bis Mitte September geöffnet. Reservierungen: info@rifugionuvolau.it
Alternative Unterkunft: Kein Bett mehr in der Nuvolau ergattern können? Dann buchen Sie sich einfach im Rifugio Averau ein. Die Hütte liegt zwar nicht ganz so exponiert, bietet dafür aber echte Mountainbike- und E-MTB-Infrastruktur – vom Wasserschlauch über einen Kompressor und Werkzeug bis hin zu einer Lademöglichkeit für E-Bikes. Auch hier gibt es hervorragende lokale Küche, serviert vom superfreundlichen Personal der Familie Siorpaes. 41 Betten verteilen sich hier auf vier Zimmer und drei Bettenlager. Ein guter Plan ist es, hier abzusteigen und zu Fuß einen Abstecher zur Nuvolau-Hütte zu machen. Damit genießt man das Beste aus zwei Welten. Reservierungen unter: rifugioaverau@gmail.com
Liftanlagen Cortina Das Gondelnetz von Cortina d'Ampezzo zu nutzen, macht auch mit dem E-MTB Sinn. Der Aktions- und Erlebnisradius wird dadurch um ein Vielfaches größer. Den Cortina Bike Pass gibt es für einen oder für drei Tage und gilt auch für den Fedare-Sessellift auf der Südseite des Averau-Übergangs. Die Preise für 2024 waren bis Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Der Sommer-Liftbetrieb startet am 8. Juni. Aktuelle Infos über: skipasscortina.com
Weitere Touren Der bekannte Olympia-Skiort Cortina liegt mitten in den Ampezzaner Dolomiten und ist der perfekte Ausgangspunkt für weitere Panorama-Klassikertouren. Zum Beispiel die große Tofana-Runde durch den Naturpark Fanes-Sennes-Prags oder die Tour zur Forcella Ambrizzola. Die GPS-Daten und Infos zu den drei spektakulärsten Panorama-Touren gibt es hier.
Infos allgemein Alle Unterkünfte, Shops, Bike-Verleih und weitere Adressen in Cortina d'Ampezzo: dolomiti.org und cortina-tourism.com
Insgesamt hat die zweitägige Rundtour von Cortina d'Ampezzo zur Nuvolau-Hütte, über die berühmte Transalp-Route Strada de la Vena und weiter über die Passo Giao-Straße zurück nach Cortina 52,5 Kilometer, 1704 Höhenmeter und 3204 Tiefenmeter. Trail-Anteil: 17,4 Kilometer. Das Wanderer-Aufkommen ist hier in den Sommermonaten generell hoch, die Akzeptanz für rücksichtsvolle Mountainbiker aber groß. Nur die Tage rund um den 15. August (Ferragosto-Feiertage in Italien) sollte man besser meiden.
Mit insgesamt vier Lifttransfers lassen sich von Cortina aus gut 1100 Höhenmeter überbrücken. Das macht erstens Sinn, um Batterie zu sparen. Zweitens wartet zwischen der zweiten und dritten Liftsektion der 400-Tiefenmeter-Flowtrail „Tofanina”, der sich lohnt mitzunehmen. Ans Eingemachte geht es dann ab dem Rifugio Scoiattoli. Knapp 150 Höhenmeter sind erst auf steiler Geröllpiste zur Averau-Hütte und dann nochmal 160 Höhenmeter auf steilstem Fels-Trail zu überwinden. Die letzten Meter zum Rifugio Nuvolau sind für die meisten nur im Schiebemodus zu schaffen. Achtung: meist hoher Gegenverkehr absteigender Tagestouristen!
Wieder hinunter zur Averau-Hütte und dort links gen Süden. Nach 200 Metern auf der Skipiste, klettert man rechts einen Felsabsatz hinauf und folgt dem Trail parallel der Averau-Felsen. Dieser Pfad erreicht bald freies Wiesengelände und taucht später in den Wald ein. Ab dem Dorf Larzonai beginnt die Strada de la Vena. Auf diesem Schotterweg rollt man bis Colle Santa Lucia, dann auf der Passstraße 800 hm zur Fedare-Hütte. Hier entweder mit dem Sessellift oder auf dem Schotterband durch die Wiesen (400 hm) wieder hoch zur Averau-Hütte. Weiter nach Cortina hinunter, jetzt rechts um die Cinque Torri herum und auf wirklich spaßigen Enduro-Trails bis ins Tal.
Die GPS-Daten zur Tour finden Sie ab sofort in unserem neuen DK-Tourenportal:
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