Text: Max-Marian Boyzanovic
Der Motor summt leise vor sich hin, die Räder drehen sich – theoretisch. Praktisch stehen wir nach gerade mal vier Stunden Tour knöcheltief im Problem. Ein Blick auf die Bikes genügt: Das ist kein gewöhnlicher Matsch. Das ist Lehm. Italienischer Superlehm, um genau zu sein. Er verklebt die Laufräder so gründlich, dass selbst Schieben zur Herausforderung wird. Die Idee, auf dieser Tour möglichst viele unbefestigte Wege einzubauen, erscheint uns in diesem Moment reichlich naiv. Ein kurzes Gewitter hat gereicht, um den vermeintlich harmlosen Feldweg in eine Stolperfalle zu verwandeln. Zehn Meter haben wir vom Asphalt geschafft, keine zwanzig Meter weiter kapitulieren wir. Der Rückzug ist unvermeidlich. Die Rettung kommt in Form eines italienischen Landwirts, dessen Englisch-Kenntnisse gegen Null tendieren – während unsere Italienisch-Kenntnisse sich auf „Ciao“ und „Grazie“ beschränken. Aber manchmal braucht es keine Worte. Ein Blick auf unsere verschlammten Bikes, ein verständnisvolles Nicken, und schon werden wir zu einem Hochdruckreiniger gelotst, der dort steht wie eine Erlösung in Gelb.
Eine Stunde später sind die Bikes wieder einsatzbereit. Die Lektion haben wir gelernt: In der Basilikata bleiben wir auf Asphalt. Was allerdings kein Verzicht ist – denn auf den Straßen hier begegnet man stündlich vielleicht drei, vier Autos. Einsamkeit inklusive. Italiens vergessener Süden Basilikata? „Wo liegt das denn?“ Diese Frage bekamen wir bei der Reiseplanung oft zu hören. Verständlich, denn diese Region im tiefen Süden fristet touristisch ein Schattendasein. Eingeklemmt zwischen den Publikumsmagneten Amalfiküste und Sizilien, bietet sie genau das, was viele Italien-Fans suchen: Authentizität ohne Inszenierung. In den Bergen des Apennin, die hier bis auf 2267 Meter aufragen, scheinen Wölfe und Bären in der Mehrzahl zu sein – nicht die Menschen. Kenner der Filmgeschichte wissen allerdings um den einen großen Star der Region: Matera. Diese spektakuläre Höhlenstadt diente bereits als Kulisse für über 50 Filme, darunter Mel Gibsons „Die Passion Christi“ und der jüngste James Bond „Keine Zeit zu Sterben“. Im Herbst kehrt Gibson zurück, um hier „Resurrection“ zu drehen – die Fortsetzung seines Passions-Films.
Genau diese Filmkulissen haben uns neugierig gemacht. Beim Studium von Satellitenbildern und Höhenprofilen reifte die Idee: Warum nicht den italienischen Stiefel einmal quer durchfahren? Von der Hacke bis zum Spann, könnte man sagen. Von Bari an der Adria bis Maratea am Tyrrhenischen Meer – coast to coast durch weitgehend unbekanntes Terrain. Fertige Routenvorschläge? Fehlanzeige. Reiseberichte? Mangelware. Perfekt. Denn genau das suchten wir: Eine Region, die noch nicht vom Rad-Tourismus erschlossen ist. Ein kleines Abenteuer vor der Haustür Europas, das gleichzeitig als Testlauf für größere Projekte jenseits des Kontinents dienen könnte. Nach einigen Planungsrunden steht die Strecke: 350 Kilometer mit 8000 Höhenmetern. Das klingt ambitioniert, doch mit unseren E-Trekkingbikes – ausgestattet mit 800-Watt-Hauptakku plus 250-Watt-Range Extender – sollte jede Etappe ohne Nachladen zu schaffen sein. Selbst mit 15 Kilo Gepäck in den Packtaschen. Der Elektromotor gibt uns die Freiheit, auch spontan Abstecher zu machen, ohne gleich in die roten Zahlen zu kommen – konditionell wie akkutechnisch. Unser Gepäck ist pragmatisch geplant: Ein kleines Notfall-Campingset für alle Fälle, ansonsten setzen wir auf kleine Pensionen und Ferienwohnungen. Dazu ein Wechsel-Outfit fürs Rad, Regenzeug und etwas Abendgarderobe. Denn die lukanische Küche (abgeleitet vom historischen Namen der Region, Lukanien) ist zwar rustikal, aber ausgezeichnet: Von „peperoni cruschi“ – knusprig getrockneten Paprikaschoten – bis zu herzhaften Käsespezialitäten wie Canestrato oder Caciocavallo gibt es viel zu entdecken.
Der erste Tag wird länger als gedacht, doch als wir abends im Nieselregen Matera erreichen, ist alle Müdigkeit vergessen. Diese Stadt ist schlicht überwältigend. Die beiden Talkessel – die berühmten Sassi – bestehen fast ausschließlich aus Treppen und Gassen, die nur zu Fuß zugänglich sind. Gut, dass wir unsere Unterkunft direkt an der Hauptstraße gebucht haben. „La Stalla“ – der Stall – macht seinem Namen alle Ehre. Fünf Meter tief in den Fels gehauen, war diese Höhle einst tatsächlich eine Unterkunft für Pferde. Heute ist sie liebevoll hergerichtet: Ein Doppelbett auf einer Empore, markante Pendelleuchten, eine gemütliche Couch. Und natürlich ein Luftentfeuchter, denn die ursprüngliche Nutzung als Höhle lässt sich nicht ganz verleugnen. Die Geschichte Materas ist weniger romantisch, als die heutigen Instagram-Motive vermuten lassen. Mitte des 20. Jahrhunderts waren die hygienischen Verhältnisse in den Höhlenwohnungen so prekär, dass die Regierung die Stadt räumen ließ. Malaria, Ruhr und eine erschreckend hohe Kindersterblichkeit zwangen zum Handeln. Die Bewohner bekamen oben auf dem Plateau eine neue Stadt. Heute ist Matera UNESCO-Welterbe und vollständig saniert. Jede Treppe eröffnet neue Perspektiven, jeder Aufstieg belohnt mit atemberaubenden Ausblicken. Besonders zur blauen Stunde, wenn künstliches Licht und Dämmerung verschmelzen, entsteht eine Atmosphäre, die man nicht beschreiben kann – man muss sie erleben. Den besten Panoramablick hat man von der gegenüberliegenden Seite der Schlucht, erreichbar über eine schaukelnde tibetische Hängebrücke.
Tag zwei wird zur Königsetappe: Über 100 Kilometer und zwei knackige Anstiege bis Aliano. Um die Akkus zu schonen, fahren wir heute viel im Eco-Modus – was bei den Höhenmetern trotzdem keine Erholung ist. Die Route führt zunächst durch eine Landschaft, die toskanische Assoziationen weckt: Sanfte Hügel, wogende Getreidefelder, vereinzelte Windräder am Horizont. Doch dann ändert sich das Bild dramatisch. Die Calanchi – eine Erosionslandschaft, wie man sie sonst aus den amerikanischen Badlands kennt – breitet sich vor uns aus. Hier haben Regen und weicher Lehm über Jahrhunderte eine bizarre Szenerie geschaffen, als hätte jemand zu verspielt mit Ton modelliert. Ausgerechnet heute testet uns das Wetter erneut. Ein kräftiger Schauer erwischt uns, und als ich kurz den Asphalt verlasse, kleben sofort wieder mehrere hundert Gramm des berüchtigten Lehms an meinem Schuh. Alle Überlegungen, doch wieder Offroad-Passagen einzubauen, sind damit endgültig vom Tisch. Aber wir haben die Straßen ohnehin fast für uns allein. Das gesamte Straßennetz fühlt sich an wie ein privatisierter Radweg – nur gelegentlich unterbrochen von dem einen oder anderen Schlagloch. Ein Thema, das uns im Vorfeld Sorgen bereitet hatte, entpuppt sich als völlig unbegründet: die berüchtigten Maremmano-Herdenschutzhunde. Diese großen, weißen Hütehunde – oft mit Eisbären verglichen – haben den Ruf, ihre Schafherden kompromisslos zu verteidigen. Wir hatten sicherheitshalber Pfefferspray dabei, das aber immer tiefer in den Taschen verschwindet. Hundebegegnungen? Keine einzige problematische.
Pietrapertosa in den Lukanischen Dolomiten markiert den nächsten Höhepunkt – im wahrsten Sinne des Wortes. Das 1000-Seelen-Dorf klebt förmlich an den Granitnadeln, als hätte man es dort angepinnt. Manche Häuser verzichten auf eine Wand und nutzen den blanken Fels als natürliche Rückseite. Wer noch höher hinaus will, sollte zum Sonnenuntergang zur Burgruine aufsteigen. Diese Festung – Teil eines komplexen Verteidigungssystems aus der Zeit der Sarazenen, Byzantiner und Langobarden – ist praktisch uneinnehmbar. Außer durch einen engen, leicht zu verteidigenden Tunnel kommt man nur mit Kletterausrüstung hinein. Am vierten Tag sind wir im Rhythmus angekommen. Die Sitzposition stimmt, die Akkureichweite können wir gut kalkulieren, und die 80 Kilometer nach Moliterno rollen fast von allein dahin. Die Route wechselt zwischen düsteren Eichenwäldern und aussichtsreichen Höhenzügen mit Fernblick auf die vielen Windparks der Region.
Immer wieder stoßen wir auf halbherzige Versuche, die Basilikata als Raddestination zu etablieren: Verwaiste Ladestationen für E-Bikes, verwitterte Wegweiser, eine stillgelegte Bahntrasse mit kilometerlangen Tunneln, deren Beleuchtung zwar installiert, aber nicht mit Bewegungsmeldern gekoppelt wurde. Gut, dass unsere Bikes eine solide Lichtanlage haben – gegen die Spinnweben hilft sie allerdings nicht.
Für den letzten Tag hat sich die Basilikata noch ein Schmankerl aufgespart. Von Moliterno nach Maratea – nicht zu verwechseln mit Matera – sind es zwar nur fünf Stunden, doch unser eigentliches Ziel liegt nicht am schwarzen Strand auf Meeresniveau, sondern 623 Meter höher: Die „Statua del Cristo Redentore“ thront weithin sichtbar auf dem Gipfel des San Biagio. Diese Christusstatue ist nach dem Original in Rio die zweithöchste ihrer Art weltweit. Ein Blick auf die Akkuanzeige: Es reicht. Also schrauben wir uns die teils atemberaubend über dem Abgrund schwebenden Serpentinen hinauf. Motor und eigene Kraft bringen uns auf ein Tempo, bei dem der Fahrtwind spürbar wird. Schwitzen gehört trotzdem dazu – der Motor arbeitet optimal, wenn man ihm durch zügiges Treten eine hohe Kadenz liefert. Dann stehen wir oben. Hinter uns die bezwungenen Gipfel des Apennin, über uns die Christusstatue, vor uns ein kitschig-schöner Sonnenuntergang über der Bucht von Sapri. Ein perfekter Abschluss für eine Tour, die uns überrascht, begeistert und manchmal auch herausgefordert hat. Die Basilikata hat uns überzeugt – als eine der letzten unentdeckten Regionen Europas, perfekt für alle, die authentisches Italien abseits der Touristenströme suchen. Und ja, auch den Lehm haben wir ihr verziehen.
Bari – (individuell je nach Kondition und Route) – Gravina in Puglia – Matera – Craco – Pietrapertosa – Castelmezzano – Moliterno – Pollino-Region – Maratea (Christus-Statue)
Die genaue Streckenführung ist variabel und sollte vorab an Kondition, Wetter und verfügbare Zeit angepasst werden. Bei Regen Feldwege meiden und auf befestigten Straßen bleiben.
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Anspruchsvolle E-Trekking-Tour durch das bergige Hinterland der Basilikata, abseits touristischer Pfade. Die Route führt von der Adria ans Tyrrhenische Meer – vom „Hacken bis zum Spann“ des italienischen Stiefels. Es geht permanent bergauf und bergab durch zerklüftete Landschaften, vorbei an verlassenen Bergdörfern und durch einsame Täler. Die Wege sind größtenteils unbefestigt, bei Regen verwandeln sich Feldwege in Matschpisten. Im Hinterland ist Verkehr praktisch nicht existent, in Bari allerdings mitunter „italienisch“. Die Strecke erfordert gute Kondition, ein geländetaugliches E-Trekkingbike mit guten Reifen und die Bereitschaft, sich auf ein echtes Abenteuer einzulassen.
Finale mit Gipfelsturm: Das Ziel liegt nicht am Strand von Maratea, sondern 623 Meter höher an der „Statua del Cristo Redentore“ – nach Rio de Janeiro die zweithöchste Jesus-Statue weltweit. Die Serpentinen dorthin schweben teils frei in der Luft und bieten einen spektakulären Abschluss der Tour.
Flugzeug & Bahn: Anreise nach Bari per Flugzeug (z.B. ab München, Düsseldorf, Berlin mit Lufthansa, Ryanair oder Eurowings). Vom Flughafen Bari mit Shuttle-Bus oder Taxi in die Stadt.
Rückreise per Bahn: Von Maratea zurück zum Auto in Bari via Neapel. Maratea – Neapel: ca. 2h 40min (ab ca. 15 Euro), Neapel – Bari: ca. 4h (ab ca. 19 Euro).
Wichtig: Zugtickets frühzeitig buchen für beste Preise. Fahrradmitnahme sollte vorab geprüft werden. Verbindungen über Trenitalia oder Italo.
Auto: Anreise nach Bari über Österreich, Slowenien und entlang der Adria. Parkplatz für die Tourwoche am Startpunkt organisieren.
Mai/Juni oder September/Oktober. Im Hochsommer ist es sehr heiß, im Winter in den Bergen zu kalt. Die Nebensaison bietet perfekte Temperaturen und weniger Touristen in Matera.
Die Basilikata bietet alles vom einfachen Biwak im Niemandsland bis zum Luxushotel, je nach persönlichem Gusto und Budget.
Matera: Höhlenwohnungen (Sassi) als Hotel umgebaut – ein einzigartiges Erlebnis. Zahlreiche Unterkünfte in allen Preisklassen, von einfachen B&Bs bis zu Boutique-Hotels. Zentral und atmosphärisch.
Pietrapertosa/Castelmezzano: Kleine, familiäre Unterkünfte in den Bergdörfern der Dolomiten der Basilikata. Authentisch und ruhig.
Maratea: Küstenort mit Hotels verschiedener Kategorien. Gute Auswahl für den Tourabschluss.
Tipp: Unterkünfte entlang der geplanten Route frühzeitig reservieren, besonders in Matera und während der Hauptsaison.
Die Küche der Basilikata ist einfach, herzhaft und scharf – eine „cucina povera“ mit authentischem Charakter.
Spezialitäten:
Peperoni Cruschi: Getrocknete, knusprig frittierte Paprika aus Senise – das „rote Gold der Basilikata“, Wahrzeichen der Region
Lucanica: Traditionelle Hausmacherwurst mit Fenchel, Chili und Knoblauch, Ursprung aller italienischen Salsicce
Pane di Matera: Charakteristisches Brot aus Hartweizen mit knuspriger Kruste, IGP-geschütztPasta: Strascinati, Cavatelli oder Orecchiette mit Cime di Rapa, Kichererbsen oder Tomatensoße Lammgerichte: Cazmarr (gebratene Innereien), Cutturiddi (Lammkasserolle)
Käse: Pecorino di Filiano DOP, Caciocavallo Silano, Burrino (Frischkäse mit Butterfüllung)
Wein: Aglianico del Vulture – der „König der lukanischen Weine“, ein strukturierter Rotwein vom Vulkanberg Vulture
Wichtig: Viele Gerichte sind scharf gewürzt mit Peperoncini. Die Region wetteifert mit Kalabrien um den Titel der schärfsten Küche Italiens.
Matera: UNESCO-Weltkulturerbe. Die „Sassi“ – in Fels gehauene Höhlenwohnungen, die bis in die 1950er Jahre bewohnt waren. 137 Felsenkirchen mit Fresken. Kulturhauptstadt Europas 2019. Absolutes Highlight der Tour.
Craco: Spektakuläre Geisterstadt auf einem Bergrücken, 1963 nach Erdrutschen evakuiert. Filmkulisse für „James Bond“ und „Die Passion Christi“.
Castelmezzano & Pietrapertosa: Die „Dolomiten der Basilikata“ – dramatische Felsformationen mit mittelalterlichen Dörfern.
Zwischen beiden Orten: „Volo dell'Angelo“ – Europas spektakulärste Seilrutsche.
Maratea: Die „Perle des Tyrrhenischen Meeres“ mit 44 Kirchen, malerischer Altstadt und der monumentalen Christus-Statue auf 623 m Höhe.
Pollino-Nationalpark: Größtes Schutzgebiet Italiens mit wilder, menschenleerer Berglandschaft.
Matera:
Potenza: Verschiedene Fahrradwerkstätten in der Regionalhauptstadt
Tipp: Ersatzteile und Werkzeug für die Tour unbedingt mitführen. Im Hinterland gibt es keine Radgeschäfte. E-Bike-Akkus über Nacht in Unterkünften laden.
Gepäcktransport in dieser Region schwierig zu organisieren.
Empfehlung: Leicht packen und Gepäck selbst auf dem E-Bike transportieren, oder vorab in festen Unterkünften (z.B. Matera) für mehrere Nächte bleiben und Tagestouren mit leichtem Gepäck fahren.
Karten:
Reiseführer: