Diese Geschichte beginnt mit einer Instagram-Story. Ein Freund fährt darin über weiße Tuffsteinfelsen. Es ist ein technisch anspruchsvoller Trail, der mich farblich eher an Kappadokien erinnert, von der Art der steinigen Hindernisse aber auch fast schon an Utah. Ich schaue zweimal hin und lese: „Tignes, Alpen, über 2000 Meter Höhe.“ Die Neugier ist sofort da. Wie passen solche Felsformationen in diese Höhe? Von Tignes hatte ich tatsächlich immer ein ganz anderes Bild. Allerdings kannte ich den Ort bis dahin auch nur dick verschneit im Winter.
Tignes: Es ist ein sonniger Freitagabend im Juli als wir am 2696 Meter hohen Gipfel des Tovière aus der Gondel steigen. Tanja, Shirley, Daniel und ich blicken in eine hochalpine Kulisse, eingebettet zwischen Fels, Wiesen und dem klaren Licht der Höhe. Unter uns reihen sich die weißen Tuffsteinfelsen in die Landschaft, sie ragen wie Drachenzähne aus den Bergflanken. Aber ich erkenne den Trail aus dem Instagram-Reel wieder: Der Moustache zieht seine Linie durch die Drachenzähne hindurch. Der fast weiße Untergrund sieht oberflächlich bröselig und lose aus, doch nur wenige Zentimeter darunter finden die Reifen erstaunlich viel Grip.
Nach einem kurzen Hineintasten lassen wir es schnell laufen und können es gar nicht fassen. Ungläubige Blicke beim ersten Stopp. Mit solchen Felsen und solchen Formen hat hier oben niemand gerechnet. Schnell kippt die Stimmung von Staunen zu Spieltrieb. Fast jeder Fels wird zur Option, jede Kante zur Linie. Die Abfahrt mutiert zur kleinen Freeride-Session. Hinter einer Geländekante öffnet sich die Vogelperspektive auf einen See: den Lac du Chevril. Eingerahmt von Val Claret und Tignes strahlt er Ruhe aus, dabei hat er eine wilde Geschichte. Ursprünglich lag der Ort Tignes deutlich tiefer im Tal als heute. Also ziemlich genau da, wo jetzt der See ruht. Doch in den 1950er-Jahren beschloss die französische Regierung, den Fluss Isère zum Lac du Chevril aufzustauen. Zum Zweck der Energieversorgung. Jeglicher Widerstand der Bevölkerung wurde ignoriert, das alte Dorf versank in den Fluten und wurde auf 2100 Meter Höhe ganz neu wieder aufgebaut.
Das erklärt die heutigen Ortsteile auf unterschiedlichen Höhen: Tignes 1800, Tignes 2100 und Val Claret. Mit den letzten Sonnenstrahlen rollen wir am See entlang zurück nach Val Claret zu unserer gebuchten Ferienwohnung. Der Ort trägt noch deutlich die Handschrift der 60er-Jahre: viel Beton, klare Linien, wenig klassische Alpenarchitektur. Und doch liegt das Ganze mitten in einer beeindruckenden Landschaft, durchzogen von Wasserläufen, kleinen Brücken – sogar ein Golfplatz zieht sich durch das Hochtal. Unsere Wohnung überrascht nicht weniger. Innen modern eingerichtetes Chalet, außen Hochhaus – unsere Wohnung liegt im 16. Stock. Klingt ungewöhnlich, ist es auch, funktioniert aber. Der Blick aus dem Fenster reicht weit übers Tal, die erste Liftanlage liegt keine hundert Meter von unserer Haustür entfernt. Das hilft uns auch gleich am nächsten Morgen, denn wir wollen heute die Trails Richtung Val d’Isère erkunden.
Dank der „My Tignes Card“ stehen uns alle Liftanlagen offen, auch die im Nachbartal. Der erste Sessellift shuttelt uns zum Col de Fresse hinauf, wo sich auf 2500 Meter Höhe eine weite Hochebene auftut. Gegenüber thront der Col de Bellevarde, der bereits zum benachbarten Val d’Isère gehört. Dort, wo im Winter meterhoch Schnee liegt, ziehen sich jetzt zahlreiche Lines durch die Landschaft. „Wie baut und vor allem pflegt man so viele Strecken? Der Schnee liegt hier doch locker bis Mitte Juni.“, fragt Daniel ungläubig. Stimmt. Andere Alpenregionen in dieser Höhe halten sich vielleicht zwei Trails – und fertig. Aber das können wir später am Nachmiitag noch den Bikepark-Chef Marco fragen, mit dem ich eine Verabredung zum Kaffee aus gemacht habe.
Doch jetzt starten wir erstmal in den Blue Lagoon Trail. Die Line empfängt uns mit einer ersten runden Kehre, die sofort ein ruhiges, sattes Flow-Gefühl vermittelt: sauber geshapte Anlieger, gut gesetzte Tables, alles greift ineinander. Statt direkt zum Lift zurückzufahren, bleiben wir oben und wechseln in den Val Bleue Trail rund um den Bellevarde. Die offene Hochebene kippt langsam in den Wald ab, der Trail wird schmaler, verspielter – und nimmt schließlich Tal-Kurs. Nach einer halben Umrundung des Berges bleiben wir an einer Trail-Kreuzung stehen und entdecken das Schild: „Snackstop“. Mehr braucht es nicht. Wir biegen ab und sitzen wenig später bei einem Stück Kuchen in der Sonne, mit Blick zurück auf die Hänge, die wir gerade gefahren sind. Gestärkt geht's weiter über Waldtrails Richtung Val d’Isère. Neben den vielen Liften fällt auf, wie präsent auch Uphill-Strecken sind. Zentral gelegen, gleichmäßig gebaut und gut fahrbar – keine Notlösung, sondern bewusst angelegt. „Hier haben schon einige E-Bike-Hersteller ihre neuen Motoren vorgestellt“, weiß Shirley. Da hat man sich offensichtlich etwas einfallen lassen. Wegen unserer Verabredung nehmen wir aber die schnellere Gondel auf den Bellevarde. Von dieser Seite wirkt der Berg rauer, felsiger, mit steileren Flanken. Oben werfen wir einen kurzen Blick auf die Karte und entscheiden uns für einen roten Trail, der uns zurück in die Mitte der Hochebene zum Borsat-Lift führt und von dort auf der sprungintensiven „Tarentaise Airline“ zurück nach Tignes.
Im Val Claret treffen wir Marco auf einen Espresso. Er leitet den Bikepark und arbeitet seit vielen Jahren hier oben. Seine erste Frage: Welche Trails uns bisher am meisten gefallen haben. „Gunpowder und Kangorooride“, sagt Daniel ohne zu zögern. Marco nickt. Die Lines haben sie erst vor Kurzem nach der Schneeschmelze wieder hergerichtet. Sein Anspruch ist klar: ein Angebot, das für viele funktioniert. Einfache Strecken für Einsteiger und Familien – und gleichzeitig anspruchsvolle Trails für erfahrene Fahrer. Keine glatten Murmelbahnen, sondern Linien, die sich natürlich anfühlen und trotzdem sauber gebaut sind. Die Rahmenbedingungen sind dabei nicht gerade einfach. Neben dem langen Winter ist vor allem das angrenzende Naturschutzgebiet ein Thema. Marco erklärt, wie detailliert sie hier arbeiten: mit hochauflösenden Satellitenkarten, in welchen zum Teil einzelne Pflanzen erfasst sind. So können sie bei neuen Trails und Wartungsarbeiten sehr genau planen und sensible Bereiche gezielt aussparen. Auch beim Bau selbst gehen sie bewusst vor. Häufig wird zunächst die oberste Grasschicht abgetragen und seitlich gelagert. Nach den Arbeiten kommt sie wieder zurück auf den Trail. Das sieht nicht nur stimmig aus, sondern stabilisiert auch den Untergrund und schützt vor Auswaschungen.
Bevor wir auseinandergehen, gibt uns Marco noch einen Tipp für den nächsten Tag: den Uphill-Trail Chardon’Up, hinüber auf die andere Seeseite. Von dort führt der Rocky Trail – ein Naturtrail vom Palafour hinunter Richtung Talsperre, mit immer wieder weiten Blicken ins Tal. „Und hast du noch eine gute Adresse für uns zum Abendessen?“ Da muss Marko keine Sekunde nachdenken: „Brasserie du Petit Savoyard“, sagt er mit leuchtenden Augen. Das sei ein guter Ort, um die Savoyer Küche kennenzulernen. Tignes beeindruckt mich. Der Ort selbst wirkt auf den ersten Blick funktional, stellenweise auch künstlich. Doch schon wenige Meter oberhalb verschiebt sich dieser Eindruck. Die Landschaft übernimmt, die Wege fügen sich ein, und plötzlich passt das Gesamtbild. Vielleicht ist es genau das, was Tignes ausmacht: Ein großes, gut organisiertes Gebiet, das viel Spielraum für Sportler bietet – und gleichzeitig Trails und Natur in einen stimmigen Zusammenhang bringt.
Der berühmte Skiort Tignes liegt südlich des Mont Blanc in den französischen Alpen. Im Winter ein heißbegehrter Freeride-Spot, im Sommer fast noch ein Geheimtipp. Hier die besten Adressen, Bikepark- und Seilbahn-Infos.
Der Bikepark in Tignes liegt hoch über dem Tarentaise-Tal und wird über Bourg-Saint-Maurice erschlossen. Mit dem Auto geht es aus Deutschland über Fernpass oder Inntal Richtung Westen, weiter über Albertville ins Tal und von dort in 30 Minuten Serpentinen-Fahrt hinauf nach Tignes. Mit dem Zug geht's bis zum Bahnhof Bourg-Saint-Maurice und von dort mit Bus oder Shuttle in 45 - 60 Minuten nach Tignes Le Lac oder Val Claret.
Die beste Reisezeit für das Hochgebirge von Tignes ist in der Regel von Ende Juni bis Anfang September. Dann sind die Lifte täglich im Sommerbetrieb (9:30 – 16:30 Uhr), die Trails schneefrei und die Bedingungen auf über 2000 Meter Höhe stabil.
Der Bikepark in Tignes ist kein klassischer Park mit ein paar Lines rund um einen Lift, sondern ein weit verzweigtes, extrem gut gepflegtes Trailnetz über mehrere Berge – inklusive der Anbindung nach Val d’Isère. Von einfachen, grünen Linien für Einsteiger und Familien über verspielte Jumplines bis hin zu anspruchsvollen Freeride-Strecken deckt das Gebiet alle Levels ab und bleibt dabei erstaunlich zugänglich. Herzstück ist die My Tignes Card: Sie ermöglicht unlimitierte Liftfahrten im gesamte Bikegebiet, schließt die Bike-Shuttles sowie die Transfers zwischen den Ortsteilen mit ein und macht das gesamte Gebiet flexibel nutzbar. Preislich startet das Ganze bereits bei rund 22 Euro pro Tag – inklusive Sommeraktivitäten rund um den See.
In Tignes gibt's savoyische Küche: Tartiflette, Raclette oder ein klassisches Fondue gehören hier genauso dazu wie ein kühles Getränk mit Blick auf die Berge. Unterhalb der Talsperre sitzt man im Le Réservoir am Ende einer tollen Trailabfahrt, während in Val d’Isère die Sun Bar schnelle, Snacks serviert. Abends verlagert sich vieles nach Val Claret: Das „La Table de Jeanne“ bringt einen Hauch Fine Dining ins Hochgebirge, während La Pignatta und die Brasserie du Petit Savoyard für regionale Küche stehen.
Auf Höhe der Talsperre gibt's einen Campingplatz – eine der entspanntesten Optionen im gesamten Alpenraum mit Preisen ab 17 Euro und Shuttle-Stop vor der Tür. camping-de-tignes.com Komfortabler sind die zentral gelegenen Unterkünfte in Val Claret. Infos: booking.tignes.net
Startpunkt: Val Claret, Richtung Col-de-Fresse-Lift
Die Tour: Von Val Claret führt ein Forstweg hinauf Richtung Col de Fresse bis zum Einstieg in den Blue Lagoon Trail. Dieser verläuft flowig über die Hochebene und umrundet den Berg in Richtung Val d’Isère. Später geht er in den Val Bleu Trail über. An der Baumgrenze zweigt der Weg zur Bar Le Trifollet ab (nette Einkehr). Danach schließt sich mit dem Fast Wood ein abwechslungsreicher Waldtrail an. Ein weiterer blauer Singletrail mit mehreren Bachdurchfahrten führt nach Val d’Isère hinunter. Von dort geht es über den Uphill-Trail „Val Pesto“ und „Into the Wild“ mit spielerischen und teils technischen Passagen hinauf auf den Bellevarde. Oben warten weite Ausblicke und mehrere Trail-Optionen. Der Fast Wood führt schließlich Richtung Borsat-Express, der bequem 400 Höhenmeter spart. Von der Bergstation geht es zurück Richtung Col de Fresse und über eine Flowline hinunter nach Val Claret.
Schlüsselstellen: Der Einstieg in den Fast Wood Trail überrumpelt ein bisschen mit zwei bis drei kleineren Gaps. Die schaut man sich am besten vorher an. Wer sich nicht traut, kann sie aber auch umfahren.
Einkehr: Le Trifollet an der Baumgrenze oder das Bistro an der Talstation des Bellevarde Express. Info Achtung: Der Borsat Express schließt um 16:45 Uhr – beim Timing unbedingt beachten! Alle weiteren Infos: en.tignes.net/resort-guide/our-digital-booklets
Startpunkt: Val Claret/Tignes
Die Tour: Von Val Claret rollt man entspannt über den Forstweg hinauf Richtung Le Chardonnet. Ab der Bergstation wird es abwechslungsreicher: Der Chardon’Up Trail führt mit leichtem Uphill an mehreren Bergseen vorbei, bevor es unterhalb des Palafour-Lifts hinüber auf den Rocky Trail geht. Der Einstieg in den Rocky Trail ist weit und offen. Man quert zu Beginn mehrere Schotterhänge. Rund um die Chaudannes-Liftstation wird der Weg schmaler und felsiger. Hier einfach das Tempo kontrollieren. Danach öffnet sich das Gelände wieder. Immer wieder kreuzt man den Fortsweg, taucht aber sofort zurück in den Trail ein. Es folgt einer der schönsten Abschnitte der Tour: ein schneller Wiesentrail, der sich verspielt oberhalb des Stausees entlangzieht. Flowige Anlieger wechseln sich mit einzelnen Spitzkehren ab, immer begleitet vom Blick auf den See. Zum Finale geht's auf der Höhenlinie in den Wald. Der Trail wird schattiger, mit kleinen Wurzeln und natürlichen Kurven – ein flüssiger Übergang hinunter Richtung Tignes 1800. Hier kann man entscheiden, ob man zum Einkehren noch weiter nach Les Brévières abfährt um einzukehren (Trail parallel zur Straße). Zurück könnte man in Les Brévières den Shuttle nehmen.
Schlüsselstellen: Kurze, technische Passage unterhalb der Chaudannes-Liftstation. Blockig, stellenweise eng – wer das Tempo kontrolliert, kommt sauber durch (S3).
Einkehr: Le Réservoir – unterhalb der Staumauer, bekannt für starke Smashed Burger und Blick auf den See. Info de.tignes.net/aktivitaten/sommer/bike-park/mountainbike-gebiet
Startpunkt: Tignes Ortsmitte, Tourismus Centre
Die Tour: Direkt oberhalb von Tignes steigt die Tour in den Wonderbois(ses)-Trail ein. Leicht technisch, führt er flüssig hinunter nach Tignes 1800 und weiter bis zur Talsperre. Die Querung über die Staumauer gehört zu den besonderen Momenten der Tour. Anschließend am Ufer des Sees Richtung Val d’Isère, bevor es auf dem Forstweg Richtung Lac du Saut geht. Vom ersten See führt eine kleine Straße weiter hinauf zum Lac de la Sassière – ein landschaftliches Highlight der Runde. Der Rückweg erfolgt über den Singletrail „La Clittaz“: Schmal, technisch und alpin zieht er talabwärts und geht schließlich in den „Narnia Trail“ über, der bis nach Les Brévières hinunter führt.
Schlüsselstellen: Der Übergang zum Narnia Trail ist stellenweise ausgesetzt. Hier ist eine saubere Linienwahl gefragt, besonders bei höherem Tempo.
Einkehr: Le Reservoir oder La Cav’ Ô 1800 direkt am La-Clittaz-Trail.
Info: Rückfahrt von Les Brévières nach Tignes entweder selbst kurbeln oder mit dem Shuttle fahren. Aktuelle Shuttle-Zeiten: de.tignes.net/station-leitfaden/mobilitat/fortbewegung
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