Die Auvergne ist kein Reiseziel für Leute, die es bequem mögen. Die Vulkane hier verlangen alles – und geben noch mehr zurück: steile Pässe, einsame Kraterseen, mittelalterliche Burgen und feinstes Essen. Ein Tourentipp für eine Woche auf dem E-Bike durch das UNESCO-Weltkulturerbe der „Chaîne des Puys"
Text: Dr. Heinz Klausmann
Wie ein Scherenschnitt zeichnet sich die „Chaîne des Puys" gegen das tiefe Blau des Himmels ab – Dutzende Vulkankegel, Schulter an Schulter, als hätten sie sich zu einem letzten gemeinsamen Aufstand aus der Erde gedrückt. Aus dieser Kulisse ragen die Schlösser von Fayet und Montmorin auf bewaldeten Hügeln empor, unten liegt die fruchtbare Ebene der Limagne. Ein Anblick, der einem den Atem verschlägt – und das auf der letzten Etappe wohlgemerkt.
“Wer einmal durch das französische Zentralmassiv geradelt ist, weiß: Die Auvergne lässt einen nicht kalt.” MYBIKE-Reiseautor Dr. Heinz Klausmann
Alles beginnt hier. Romain Bagne vom Radladen „Vélodrome" justiert das moderne Leih-E-Bike der Marke Sunn mit der Ruhe eines Chirurgen, dann schaut er auf und grinst: „Allons-y." Und los geht es. Schon nach wenigen Kilometern wird klar, was Radfahren in einer Vulkanregion bedeutet: Es geht hoch. Immer wieder hoch. Vom Aussichtspunkt über der Hauptstadt des Département Puy-de-Dôme offenbart sich das Panorama – die mächtige Kathedrale aus schwarzem Lavastein, die weitläufigen Werkhallen von Michelin, dem weltbekannten Reifenhersteller und größten Arbeitgeber der Region. Über den Höhenzug der „Côtes de Clermont" rollen wir durch die verschlafenen Orte Blanzat und Malauzat, bevor Volvic auftaucht – berühmt für sein 1889 von Jean Legay-Chevalier entdecktes Mineralwasser, dessen Geschichte die Ausstellung „Volvic O'rigines" lebendig werden lässt. Dann Schotterpisten. Steil. Das Picknick oben beim Château Tournoël entschädigt für jeden Schweißtropfen. Danach wartet eine Strecke, die nichts beschönigt: einsame Vulkanlandschaft, anspruchsvolles Terrain, Modus „e-MTB+" ist Pflicht. Und mittendrin, wie vom Wald ausgespuckt, eine Lavasteinskulptur des Bildhauers Thierry Courtadon – rau, dunkel, perfekt in dieser Landschaft. Eine weitere Installation passieren wir kurz vor dem Freizeitpark Vulcania. Romain nennt die Namen der bewaldeten Vulkankegel am Wegesrand. Ich konzentriere mich auf den Weg, der sich durch Wiesen mit blühenden Gräsern und weidenden Schafen schlängelt. Die Natur macht hier ihr eigenes Programm – und es ist grandios. Vorbei am Puy de Côme, hinauf zum Col de Ceyssat, dann der erste Abend im „Archipel des Volcans" in Laschamps. Auf der Hotelterrasse genieße ich den Blick auf die im Licht der Abendsonne um den alles überragenden Puy de Dôme tanzenden Gleitschirme. Es hätte keinen besseren Abschluss geben können.
„Du hast Glück!" Katrin Adler lacht, als sie das sagt, und meint es ernst. „Der Berg liegt mehr als die Hälfte des Jahres in Wolken." Heute nicht. Der Puy de Dôme zeigt sich von seiner besten Seite, und der „Panoramique Des Dômes", die elektrische Zahnradbahn, trägt uns mehr als tausend Höhenmeter hinauf zum 1.465 Meter hohen Gipfel. Auf dem Panoramaweg erklärt die Führerin, was hier oben meteorologisch passiert: Die hohen Berge fangen die Atlantikwolken ab, westlich regnet es, östlich im Lee ist es milder und trockener. Doch zuerst ein Blick zurück in die Erdgeschichte. Vor Jahrmillionen dehnte sich die eurasische Platte, die Erdkruste brach auf – ein Grabenbruch entstand, Magma stieg auf, und mit ihm eine ganze Armee von Vulkanen. Im Osten liegt die weite Ebene des Limagne-Grabens mit ihren fruchtbaren Böden. Darunter, nach Norden und Süden aufgezogen wie eine Perlenkette, die „Chaîne des Puys": rund 80 grüne Vulkankegel, einer schöner als der andere. Ein UNESCO-Weltnaturerbe, und wer einmal hier oben steht, versteht sofort warum.
Manchmal hat die Auvergne kein Erbarmen. Strömendem Regen zum Trotz geht es aufs Rad. Die iPhone-Halterung streikt. Der Vulkan „Puy de la Vache" duckt sich unter dunklen Wolken – als hätte er Mitleid. Die Abzweigung auf die D5 ist längst verpasst. Durch den Wald, zurück auf die kleine Landstraße. Kein guter Start. Doch dann: Randanne, Verninnes, und plötzlich der Kratersee „Lac de Servière" auf 1.200 Metern – ein Juwel inmitten eines Wandergebiets, das diesen Namen verdient. Der Regen hört auf. Es rollt besser. Vorbei an den Felsformationen Sanadoire und Tuillère, bizarren Überresten zweier uralter Vulkane, geht es in flotter Fahrt am Kratersee Lac de Guéry vorbei hinunter nach Le Mont-Dore – im vergangenen Jahr erstmals Zielort einer Etappe der Tour de France. Einen Kilometer hinter dem imposanten Thermalbad aus schwarzem Magmagestein zweigt die Straße ab zum Col de la Croix Saint Robert, den 2025 auch die Profis erklommen. Die Passstraße windet sich durch saftige Weiden, 1.451 Meter über dem Meeresspiegel. Oben angekommen: Die Batterieanzeige zeigt 53 Prozent. Für ein E-Bike mit 850-Wh-Akku ist das auf diesem Terrain eine echte Ansage. Schwere Wolken hüllen den Mont Sancy ein, mit 1.886 Metern der höchste Berg im Zentralmassiv – er bleibt heute sein eigenes Geheimnis. Dafür erwartet Sophie am Lac Chambon im „O'Chambon" im Weiler Les Rives mit einer wärmenden „Table d'hôte" – Truffade, Kartoffeln mit Saint-Nectaire, dem Käse der Region. Nach diesem Tag hätte es nicht besser sein können.
Margarite ist schon da, als die Morgensonne noch schläfrig über den Hügeln hängt. Als Nachfahrin des Burgherrn Guillaume führt sie durch die detailgetreu restaurierte Festung hoch über Murol – und man versteht sofort, warum hier Generationen ihren letzten Widerstand leisteten. Der Blick über die Auvergne ist atemberaubend, der Wind auf dem Burgfried eisig. Zeit zum Aufbruch. Sieben Kilometer entfernt wartet die „GAEC du Bois Joli" an der „Route des Fromages d'Auvergne". Auf dem Bauernhof der Familie Chassard geht es um das Geheimnis des Saint-Nectaire – und das ist so schlicht wie überzeugend: Die Kräuter und Gräser auf den hochgelegenen Weiden geben dem Rohmilchkäse seinen unverwechselbaren Charakter. Durch eben diese Weiden führt der Weg hinauf nach Besse-et-St-Anastaise, einem Mittelalter-Dorf aus schwarzem Lavagestein – an den Häusern, an den Mauern, sogar auf dem Friedhof. Das Vulkanmaterial ist hier keine Kulisse, es ist das Fundament.
Der Lac Pavin liegt auf 1.197 Metern, 92 Meter tief, dunkel und geheimnisvoll – ein echter Maarsee, entstanden durch einen Vulkanausbruch. Der Aufstieg zum Aussichtspunkt 100 Höhenmeter darüber kostet Kraft, aber der Blick hinüber zur Skistation Super-Besse ist jeden Schmerz wert. Eine schier endlose Abfahrt führt durch weitläufige, blumenübersäte Weiden. Man könnte ewig fahren. Im entlegenen Weiler Compains stärke ich mich bei einer Käse-Schinken-Platte in der Dorfkneipe. Danach das unvermeidliche Auf: schweißtreibender Anstieg zum Col de la Volpilière auf 1.230 Metern, dann Abfahrt ins einsame Tal von Rentières, wo es wärmer wird. Auf 13 Kilometern entlang des Flüsschens Ardes begegnet mir niemand. Kein Auto, kein Motorrad, kein anderer Radfahrer. Nur ich, das Tal und das leise Rauschen des Wassers. Bei Madriat ist die fruchtbare Ebene der Limagne erreicht. Flach rollt es nach Parentignat. Am „Manoir d'Alice" steht die Batterieanzeige nach 89,3 Kilometern bei 13 Prozent – und ich vor einem wohlverdienten Ruhetag.
Issoire ist eine kleine Überraschung. Die malerische Altstadt mit ihren tongedeckten Dächern versprüht toskanisches Flair, im Zentrum dominiert die um 1150 im romanischen Stil erbaute Abtei Saint-Austremoine den Platz mit stiller Würde. Gleich nebenan das „Bistrot Basalte" von Sternekoch Adrien Descouls – ein Mittagstisch auf Niveau und ein weiteres Argument für diesen Abstecher. Zur Verdauung führt Karine Hubert durch das „Vallée des Saints" im Südwesten – zwei Stunden, rötlich schimmernde Kalksteinformationen, eine Führerin mit Leidenschaft für Geologie. Den Abschluss macht eine Weinprobe im „Domaine Sauvat" in Boudes. Winzerin Annie erzählt über Geschichte und Gegenwart des Weinbaus in der Region. Verkosten erwünscht!
Usson, eines der „schönsten Dörfer Frankreichs", empfängt mit der romanischen Kirche Saint-Maurice und einem Steinbruch mit majestätischen Basaltorgeln. Vom ehemaligen Schloss der Königin Margot öffnet sich ein Panorama über die Limagne-Ebene, das einen kurz sprachlos macht. Nach einem Café auf der Terrasse der „Auberge de Margot" gleite ich hinunter nach Sauxillanges. Auf dem Weg nach Condat-Les-Montbassier hebt sich der Vorhang. Was folgt, ist eine Bühne aus sattem Mischwald, wildblumenübersäten Wiesen und weit aufragenden Farnen – das Mittelgebirge in seiner vollen Schönheit. Nach dem Aussichtspunkt „Les deux Frères" stehen die Farne auch Spalier auf der teils steilen Abfahrt nach Ambert. Von dort sind es noch vier Kilometer zum Tagesziel „Moulin de Nouara" – vier anstrengende Kilometer. 1.236 Höhenmeter stehen am Ende des Tages in der Abrechnung. Das komfortable Bett kommt gerade recht.
Heute: 1.394 Höhenmeter. Aber Schritt für Schritt. Früh morgens zunächst ein Blick in die Vergangenheit: Die „Moulin Richard de Bas" am Ufer der Valeyre ist die letzte noch produzierende Papiermühle Europas. Seit 1326 wird hier mit historischem Gerät in Handarbeit feinstes Papier hergestellt. Besitzer Pascal Toupin führt durch die Jahrhunderte wie durch sein Wohnzimmer.
Nach der Führung treffe ich Aurélien. Der Mountainbikeguide des Radclubs Ambert begleitet mich heute und er liebt anspruchsvolles Gelände. Wir einigen uns auf eine für Radtouristen fahrbare Tour. Eins steht für den Guide aber fest. Den höchsten Punkt der Bergkette „Crêtes de Forez“ muss ich erreichen. „Courage, le début est un peu difficile." Er sagt es mit einem Lächeln, das nichts Gutes ahnen lässt. Durch dunkle Wälder und über weite Hochebenen schrauben wir uns hoch. „Pierre sur Haute", 1.634 Meter. Akkuanzeige: 48 Prozent. Ab hier gibt es nur noch eine Richtung: nach unten. Weit überproportionierte Schneepfosten säumen den Weg zum Col du Béal – ein stiller Hinweis, wie Winter hier aussieht. In der Bar an der Passhöhe eine „Pastillade Vichy", ein lokales Mineralgetränk, dann rollts. Vor der Kulisse der Chaîne des Puys geht es mühelos bergab Richtung Le Brugeron und weiter nach Courpière, wo das B&B „Ma Tranquillité" hält, was sein Name verspricht.
Stetes Auf und Ab auf dem Weg zurück nach Clermont-Ferrand – die Auvergne gibt sich bis zum letzten Kilometer keine Blöße. Verschlafene Dörfer, Burgen auf steil aufragenden Vulkankegeln, endlose Felder. In Billom weiht mich Jean Jallat, Vorsitzender der „Brüderschaft des Rosa Knoblauchs", im Vereinshaus in die Geheimnisse des Anbaus und der Verarbeitung dieser mehrjährigen Lauchpflanze ein. Seine Knoblauchsuppe ist sein ganzer Stolz.
Den buchstäblich letzten Höhepunkt liefert das „Plateau de Gergovie". Von dieser Hochebene über der Limagne leistete Vercingetorix, der Gallier, 52 v. Chr. erbitterten Widerstand gegen Julius Caesars Armee – das „Musée de Gergovie" erzählt die Geschichte eindringlich. Bei der steilen Anfahrt zum Plateau empfindet man die Qualen der Römer nach. Unfreiwillig, aber effektiv. Von hier sind es nur noch 14 Kilometer nach Clermont-Ferrand. Nach all diesen Kilometern, Höhenmetern und Eindrücken lohnt der Bummel durch die belebte Altstadt, vorbei an Cafés und Restaurants. Auf der Terrasse des „Extrême Orient" bei der gotischen Kathedrale aus „Pierre de Volvic" lässt sich die Reise in Ruhe ausklingen. Eine Kette von Vulkanen. Eine Reise, die man nicht vergisst. Au revoir, Auvergne.
Die GPS-Daten zur Tour gibt es im Tourenportal zum Download - für Abonnenten kostenlos unter “Mein Bereich”.
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Die „Chaîne des Puys" umfasst rund 80 Vulkanberge auf dem „Plateau des Dômes" im nördlichen Zentralmassiv. Zusammen mit der „Faille de Limagne" – einer erdgeschichtlichen Verwerfung der Erdkruste – und der „Montagne de la Serre", einem bis über 1.000 Meter hohen Grat aus erstarrten Lavaströmen, wurde sie 2018 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Das Gebiet vereint Vulkane unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster Entstehungsart. www.chainedespuys-failledelimagne.com
Le Vélodrome, Châtel-Guyon: Gut gepflegte E-Bikes und klassische Räder verschiedener Marken, geführte Touren im Gelände und auf der Straße, Fahrradladen und Reparaturservice. www.levelodrome.fr
UC2A Ambert: Der Radclub mit 230 Mitgliedern organisiert für Touristen ein- und mehrtägige Touren mit oder ohne Guide – inklusive Unterkunft, Gepäcktransport, Verpflegung, Massage und Besichtigungen. www.uc2a.org/tourisme
In der Region finden sich zahlreiche Beherbergungsbetriebe aller Kategorien. Einige Beispiele:
Clermont-Ferrand, Break & Home, www.breakandhome.com
Saint-Genès-Champanelle, Archipel des Volcans, www.archipel-volcans.com
Chambon-sur-Lac, O'Chambon, www.ochambon.fr
Parentignat, Manoir des Rêves Sauvages, www.reves-sauvages.fr
Ambert, Moulin de Nouara, www.moulin-de-nouara.fr
Courpière, Ma Tranquillité, www.ma-tranquillite-courpiere.ohotel.fr
Puy de Dôme / Panoramique Des Dômes: Die elektrische Zahnradbahn bringt Besucher auf 1.465 Meter. Bei guter Sicht ein unvergessliches Panorama über die gesamte Chaîne des Puys.
Vulcania: Freizeitpark rund um das Thema Vulkanismus im Herzen der Chaîne des Puys.
Musée de Gergovie: Das Museum auf dem Plateau de Gergovie dokumentiert die legendäre Schlacht von 52 v. Chr., als Vercingetorix Caesar Widerstand leistete.
Château de Muro: Detailgetreu restaurierte mittelalterliche Festung mit grandiosen Ausblicken über die Auvergne-Landschaft.
Moulin Richard de Bas: Die letzte noch produzierende Papiermühle Europas (erbaut 1326) an der Valeyre. Führungen, Workshops und „Hands-on"-Erlebnisse mit Besitzer Pascal Toupin. www.richarddebas.fr
Käse (AOP-geschützt):
Weitere Spezialitäten:
Restaurants:
Thierry Courtadon: Der Bildhauer fertigt Skulpturen aus schwarzem „Pierre de Volvic" – dem Vulkanstein der Region. Seine Werke trifft man wie zufällig in der Natur, am Wegesrand, mitten im Wald. www.ateliercourtadon.com
Volvic O'rigines: Ausstellung zur Geschichte und Produktion des berühmten Mineralwassers, seit 1889 bekannt.
L'Aventure Michelin, Clermont-Ferrand: Das Museum des Weltkonzerns erzählt die Geschichte vom Fahrradreifenpionier zum Global Player: die Brüder André und Édouard Michelin, der erste abnehmbare Luftreifen (1891), der erste Guide Michelin (1900), das berühmte Michelin-Männchen (seit 1898). Über 130 Jahre Unternehmensgeschichte in unzähligen Exponaten. www. laventure.michelin.com
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