Über den Vršičpass entlang der Soča180 km Bikepacking durch Sloweniens Naturparadies

Unser Autor ist dem Fluss Soča vom Nordwesten Sloweniens bis zum Golf von Triest in Italien gefolgt.
Foto: Ben Krischke
​Von Kranjska Gora über den Vršičpass und immer die Soča entlang: Nur rund 180 Kilometer muss zurücklegen, wer einen der schönsten Teile Sloweniens erkunden will. Klingt wenig, ist aber auch eine echte Strapaze. Nicht nur der fiesen Anstiege wegen.

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Autor: Ben Krischke

„A​ll you need is bike“, steht auf dem Schild eines Fahrradverleihs in Kransjka Gora. All I need is sleep, denke ich, während mein Blick vom Schild zum Wasserstrahl aus dem Trinkbrunnen wandert, der meine Flasche füllt. Eine Horrornacht mit nur vier Stunden Schlaf liegt hinter mir. Nicht des Campingplatzes wegen, der war in Ordnung. Im „Camp Špik“, so der Name, gibt es sogar überraschend gute Pizzen. Sondern der Zeltnachbarn wegen, die sich bis spät nachts unterhielten, um anschließend ein Schnarchkonzert zu geben. Und das ausgerechnet in der Nacht vor meinem ersten großen Anstieg auf den Vršičpass.

Ich bin das erste Mal in Slowenien. Es ist auch mein erstes Mal als erwachsener Mann, dass ich zelte. Was dazu führt, dass ich mehr Gepäck als sonst bei Mehrtagestouren dabei habe: Tasche am Lenker, Tasche am Oberrohr, Tasche am Unterrohr, „Arschrakete“ und Rucksack. Dabei bin ich schon nicht gerade das, was man ein „Leichtgewicht“ nennt. Dass viel Gepäck gleich viel Gewicht bedeutet, das ich zusätzlich zu meinem eigenen Körpergewicht schleppen muss, bekomme ich hinauf zum Vršičpass dann auch gnadenlos zu spüren. Der Anstieg beginnt bei Kransjka Gora, gleich hinter dem Jasna-See, am Eingang zum Triglav-Nationalpark. 24 Kehren mit Steigungen von bis zu 14 Grad führen gut zehn Kilometer und über 800 Höhenmeter nach oben; inklusive Kurven, die mit Kopfsteinpflaster ausgelegt sind. Dieser Anstieg ist ein echtes Monster, das man nur mit dem Rennrad und ohne Gepäck herausfordern sollte. Das finde nicht nur ich, sondern auch eine junge Frau, die mich mit ihrem roten Rennrad überholt, und mir zuruft: „Wow, you’re doing great! With all that stuff!“

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​Das Fenster im Berg

Mein Wasser, auch das in der Trinkblase, ist fast aufgebraucht, als mein Blick nach Kehre 19 auf eine große Felsformation fällt, die an einer Stelle ausgeschnitten ist. Durch den Ausschnitt hindurch fällt ein heller Sonnenstrahl. Als würde mir der liebe Gott durchs Schlüsselloch beim Leiden zusehen. „Predjne Okno“ heißt dieses Fenster an der Nordwand des Prisank in den Julischen Alpen. Es ist rund 80 Meter hoch und 40 Meter breit, entstanden durch einen Einbruch, der sich durch Verwitterungen vergrößert hat. Anderthalb Stunden hatte ich für den Anstieg eingeplant, am Ende werden es mit Pausen und Schiebepassagen über drei Stunden. Als Belohnung warten auf 1611 Metern das gute Gefühl, mal wieder mit reiner Muskelkraft irgendwo hochgekommen zu sein, ein halber Liter kalte Cola vom Pass-Kiosk, um mich mit Zucker und Koffein zu reanimieren – und das Postkartenmotiv grasender Schafe vor schönster Bergkulisse.

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​Eine neue Freundin

Nach einer 30-minütigen Pause lassen die Serpentinen bergab dann meine Scheibenbremsen glühen. Denn auch das gehört zur Wahrheit dazu: Je mehr Gewicht, desto länger der Bremsweg. Lieber nicht mit der Physik anlegen, denke ich, während die Bremsen bereits klingen, als würden sie in einem Folterkeller traktiert. Doch die Vorfreude auf mein nächstes Treffen ist größer als meine Sorge, wie lange das wohl noch gutgehen kann. Am Ende der Abfahrt wartet nämlich eine neue Freundin, die mich auf meiner weiteren Tour begleiten wird. Mal gut sichtbar, mal verborgen. Mal wild, mal gelassen, wie es sich für eine echte Diva gehört – aber immer leuchtend in einem strahlenden Türkis, das ich derart von keinem anderen Fluss kenne.

Die Rede ist von der Soča, die vom Nordwesten Sloweniens gut 140 Kilometer bis zum Golf von Triest in Italien fließt. Die Quelle der Soča liegt nahe einer der letzten Serpentinen meiner Abfahrt vom Vršičpass. Von einer Hütte mit dem für deutsche Zungen schwer aussprechbaren Namen „Koča pri izviru Soče“ – was schlicht „Hütte an der Quelle der Soča“ heißt – ist sie zu Fuß in 15 Minuten erreichbar. Ein guter Tritt ist aber zwingend, da der Weg hinten raus sehr steil wird. Wirklich lohnenswert ist dieser Aufstieg nicht. Soll heißen: Lieber weiter unten bei der Hütte bleiben – und direkt an der Soča hausgemachte Limonade und slowenische Hausmannskost (viel Wurst!) genießen.

​Kein Geheimtipp mehr

Mit rund 20.300 Quadratkilometern ist Slowenien nur etwa halb so groß wie die Schweiz. Knapp 2,1 Millionen Menschen leben hier zwischen Julischen Alpen und Adria, wobei die slowenische Küste keine 50 Kilometer lang ist. Kulturell ist das Land stark geprägt von den Nachbarländern Österreich, Italien, Ungarn und Kroatien – was dazu führt, dass nahe der italienischen Grenze, wo ich unterwegs bin, ein versehentliches „Grazie“ schnell über die Lippen kommt. Über sechs Millionen Gäste sollen Slowenien jährlich besuchen. Das ist noch kein Massentourismus, aber auch kein Geheimtipp mehr. Wer spontan ein Hotel buchen will, braucht sehr viel Glück, während die Campingplätze sehr gut gefüllt sind. Teilweise so gut, dass der spontane Camper auf Schilder mit der Aufschrift „full“ trifft. Allerdings findet sich in der Regel schon noch irgendein Plätzchen für Bikepacker.

So auch im „Kamp Klin“, wo ich später am Tag mein Ein-Mann-Zelt aufschlage. Direkt an der Soča, etwa 20 Kilometer von ihrem Ursprung entfernt, wo das zarte Rinnsal bereits zum stattlichen Bergbach gewachsen ist. Im „Kamp Klin“ komme ich mit Ute und Joachim ins Gespräch. Das Ehepaar ist Anfang 60, kommt aus der Nähe von Schweinfurt und hat mich spontan zum Abendessen eingeladen. Wir plaudern lange übers Reisen, Joachims Dienstjahre als Polizist und den FC Bayern München. Und als ich mich später am Abend in mein kleines Ein-Mann-Zelt zurückziehe, habe ich den Reiz, den Camping auf manche Menschen ausübt, etwas besser verstanden. Manche Erlebnisse bleiben eben aus, wenn man immer nur im Hotel übernachtet. Zum Beispiel Paprikareis mit Fremden unterm slowenischen Sternenhimmel.

​Eine echte Strapaze

Wer der Soča folgt, erlebt eine beeindruckende Transformation. Zumindest dann, wenn sie sich nicht gerade hinter Bäumen versteckt, was leider häufiger geschieht. Während mich das GPS-Gerät abwechselnd über mal mehr, mal weniger angenehme Kies- und Waldwege, gut ausgebaute Radwege und Bundesstraßen führt, wird die Soča immer breiter. Wo sie wild ist, stürzen sich Kajakfahrer in die Strömung. Wo sie sanft dahinfließt, wird gebadet. Nur eines bleibt gleich: ihr Türkis und wie die Soča noch mehr leuchtet, wenn die Sonne auf sie fällt. Was nach romantischem Genussradeln klingt, ist eine echte Strapaze. Selbst wenn ein Teilstück länger bergab führt, folgt der nächste fiese Anstieg ganz bestimmt. Gegenwind und pralle Sonne kosten Energie, während ich es auf der Bundesstraße häufiger mit Rasern zu tun habe. Komoot führt mich derweil auch auf Abschnitte, die keine Radwege sind. Einmal muss ich einen steinigen Waldweg hinauf, der so steil ist, dass ich mein Gravelbike nur noch stemmen kann. Notiz an mich: Bei der nächsten Slowenien-Tour erstmal eine Rennrad-Route planen.

​Willkommen am Meer

Als ich am Morgen nach der letzten Nacht – die ich im Hotel „Sabotin“ in Solkan verbringe – aufbreche, um die übrigen Kilometer in Angriff zu nehmen, kann ich die bisherige Tour im ganzen Körper spüren. Nicht nur die Beine sind müde von all den Anstiegen. Auch meine Motivation lässt erstmal auf sich warten. Immerhin habe ich auf der letzten Etappe nur 100 Höhenmeter vor mir, verteilt auf 50 Kilometer. Einfach in die Pedale treten, denke ich – und mit stoischer Gelassenheit bis ans Ziel durchziehen. Bei Nova Gorica tue ich es der Soča gleich und überschreite die Grenze zu Italien. Ab jetzt heißt der Fluss offiziell Isonzo – und kein „Grazie“ ist mehr deplatziert.

Lange folge ich dem Agrocormenese-Kanal, der parallel zur Soča verläuft, springe bei Farra d’Isonzo nochmal in den Fluss und schaue auf einer Brücke bei San Canzian d’Isonzo das letzte Mal von oben auf die Soča. Es ist die allerletzte Brücke, die über die Soča führt. Ein echtes Flussidyll, würde der Verkehr nicht permanent an mir vorbeibrettern. Exakt 19 Kilometer sind es danach noch bis Villaggio Punta Sdobba, dem Endpunkt meiner Reise. Treten, was der Körper noch hergibt, nochmal quälen unter der Sonne. In dem kleinen Fischerdorf angekommen, kann ich einen letzten Blick auf die Soča werfen, bevor sie eins wird mit dem Meer. Ich begleite sie auf ihren letzten Metern, bin allein mit ihr. Die Diva und ich. Nur aus einer der Fischerhütten dröhnt laut Musik. Irgendwer feiert. All I need is sleep.

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Die Tour: Daten & Fakten

Anreisetag: Villach bis Kransjka Gora 50 km | 500 hm | ca. 3,5 Std.

Starke Anstiege gibt es kaum. Etwas zermürbend ist das stetige Bergauffahren aber schon. Dafür wird man mit den ersten tollen Aussichten belohnt.

Tag 1: Kransjka Gora bis Soča (Gemeinde) 45 km | 1010 Hm | ca. 6 Std.

Die größte Herausforderung liegt im Anstieg auf den Vršičpass. Die Route führt überwiegend über asphaltierte Wege, ist wegen der steilen Anstiege aber sehr anspruchsvoll.

Tag 2: Soča bis Solkan 90 km | 700 Hm | ca. 6 Std.

Tipp, um etwas Zeit zu sparen: Nach Tolmin in Richtung Süden nicht die Ostroute über – Achtung: Verwechslungsgefahr! – Modrej, sondern lieber die Westroute über Modrejce nutzen (Bundesstraße).

Tag 3: Solkan bis Villaggio Punta Sdobba 50 km | 100 Hm | ca. 3 Std.

Die letzte Etappe führt über weitgehend flaches Terrain. Allerdings kann auch das bisweilen holprig werden.

Allgemeine Info und Reisetipps

​Anreise (von München)

Bahn: Mit dem Zug über Salzburg und Bad Gastein bis Villach, von dort fahren Züge immerhin bis Arnoldstein oder seltener bis Tarviso Boscoverde. Kransjka Gora ist öffentlich nur mit dem Bus erreichbar.

Auto: Über unter anderem die A10 sind es je nach Route zwischen vier und fünf Stunden Autofahrt bis Kransjka Gora.

​Übernachten

Entlang der Route gibt es ein umfangreiches Angebot an Hotels und Campingplätzen. Für Reisen im Juli oder August unbedingt rechtzeitig buchen.

Kransjka Gora: Der große Campingplatz „Camp Špik“ nahe Kransjka Gora ist eine gute Adresse für Spontan-Entschlossene. Auf dem Gelände befindet sich auch eine Hotelanlage. camp-spik.com/de

Soča: Der Campingplatz „Kamp Klin“ befindet sich direkt an der Soča, bietet ein Restaurant und Snack-Automaten. Zum Campingplatz gehört auch eine kleine Pension. sloveniaholidays.com/kamp-klin-lepena-soca.html

Nova Gorica: Das Hotel „Sabotin“ in Solkan ist ein gutes Hotel mit eigenem Restaurant. Eine Nacht kostet in der Hauptsaison ca. 100 Euro. hotelsabotin.com/en

Villaggio Punta Sdobba: Die nächstgrößere Stadt ist Monfalcone, ca. 18 Kilometer entfernt. Wer am Ziel der Tour übernachten will, bucht sich im „Hotel Caneo“ ein. www.caneo.it

​Essen und Trinken

Typisch für die slowenische Küche sind herzhafte Fleisch- und Wurstgerichte, vor allem Eintöpfe. An der Küste dominieren Fischgerichte. Beliebt sind Teigwaren wie die „Štruklji“-Rouladen sowie die deftige Bohnensuppe „Jota“. Slowenien ist außerdem Weinland.

​Fahrrad-Infrastruktur

Bei der Routenplanung am besten eine Rennrad-Tour planen. Ansonsten ist die Route gut beschildert, die Fahrradwege, wenn es welche gibt, sind oft sehr gut ausgebaut. Fahrradläden und -werkstätten gibt es entlang der Route etwa in Kransjka Gora, Kobarid und Tolmin.

Reisezeit

Slowenien ist ganzjährig eine Reise wert. Radfahrer können je nach Wetterlage im Prinzip ab Mai bis Ende September auf Radwetter hoffen.
Mehr Infos und Inspiration unter www.slovenia.info/de


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