Radreise in MontenegroFahrradabenteuer zwischen Bergen und Meer

Tom Bierl

 · 22.11.2023

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Foto: Tom Bierl
Wer Einsamkeit, schlechte Straßen und steile Anstiege nicht scheut, erlebt in Montenegro ein spannendes Radrevier
Weniger als eine Flugstunde von Deutschland entfernt, wartet in Montenegro das pure Rad-Abenteuer. Ein Reisebericht über eine Fahrradtour durch einsame Berglandschaften und mondäne Badeorte

Schlagartig begreifen wir, warum wir auf den ersten 50 Kilometern herrlichster Küstenstraße so wenig Verkehr hatten. Wir stehen mit unseren bepackten Rädern 100 Meter vor dem Schlagbaum nach Montenegro. Die Beamten nehmen es ganz genau. Gut fünf Minuten dauert die Abfertigung pro Pkw. Mehr als 10 Fahrzeuge in der Stunde könnten diesen Übergang nicht passieren. Eine endlose Schlange wäre vorprogrammiert. Uns soll es recht sein. Denn so konnten wir unsere erste Radetappe von Dubrovnik nach Herceg-Novi nur genießen. Eine Panoramastraße ohne Verkehr. Wir sausen ab der Grenze bergab in die Küstenstadt. Der Ort erweist sich für uns als eher eigenwillige Touristenhochburg. Der durchaus sehenswerte historische Kern wird von den Auswüchsen der Amüsement-Industrie regelrecht erdrückt. Wie mag das erst im Sommer aussehen? Einziger Lichtblick ist die Trasse der ehemaligen Uferbahn, die jetzt perfekter Radweg ist. Wir rollen direkt am Wasser entlang zu unserem Hotel. Traumhaft.

Unterwegs auf einer ehemaligen Bahntrasse

Auch am nächsten Morgen folgen wir der Bahntrasse. Ohne Höhenmeter erreichen wir so die Autofähre hinüber nach Tivat. Das Meer wirkt in der Bucht von Kotor wie ein riesiger See. Wir entdecken meterhohe Löcher im Fels. Zu Zeiten Jugoslawiens waren hier Titos U-Boote sicher geparkt. Die junge Geschichte des Landes ist überall lebendig. Tivat selbst ist luxuriöser Kontrast zu den vielen maroden Häusern und Industrieanlagen, an denen wir bisher vorbeigerollt sind. Für den internationalen Jetset wurde hier ein Hafen für Superyachten aus dem Boden gestampft. Auf uns wirkt die Edelkulisse eher abweisend steril. Schnell erstehen wir im Supermarkt ein schmackhaftes Picknick und biegen in die Berge ab.

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Die Bucht von Kotor ist landschaftlicher Höhepunkt einer abenteuerlichen Radtour.Foto: Tom BierlDie Bucht von Kotor ist landschaftlicher Höhepunkt einer abenteuerlichen Radtour.

Wir genießen die meditative Stille. Zudem sind wir von der Qualität der Straße begeistert. Hier waren wohl wahre Straßenbaumeister am Werk. Des Rätsels Lösung offenbart sich bei der Mittagsrast. Am Pass liegt ein ehemaliges Sperrfort der Österreicher. Die k. u. k. Monarchie legte diese Militärstraßen vor über 100 Jahren an und leistete dabei ganze Arbeit. Die Abfahrt kostet uns volle Konzentration. Der Asphalt ist denkbar schlecht und mit Schlaglöchern übersät. Nicht zum ersten Mal bereuen wir, dass wir nicht mit dicken Reifen und soliden Reiserädern unterwegs sind. Unsere einfachen Tourenräder kommen hier an ihre Grenzen.

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Einsam und landschaftlich überwältigend. Der Skutari-See ist über 50 km lang.Foto: Tom BierlEinsam und landschaftlich überwältigend. Der Skutari-See ist über 50 km lang.

Schlaglöcher begleiten uns auch den Rest der Tour. Aber wir sind darüber nicht sauer. Einsam, fast zu einsam, windet sich die nächste Etappe von der ehemaligen Hauptstadt Cetinje fast 1000 Höhenmeter bergab zum Skutari-See. Die knapp 50 Kilometer lange, riesige Wasserfläche, ist eines der letzten Refugien der Vogelwelt. Mitten hindurch verläuft die Grenze nach Albanien.

Das laute Quaken der Frösche bestimmt am Morgen die Geräuschkulisse. Auf der Terrasse genießen wir Spiegeleier mit herrlichem Schafskäse und eine Marmeladesemmel. Wir brauchen heute eine gute Unterlage. Aus der Karte ist nicht ersichtlich, wann es auf der Strecke eine Einkehrmöglichkeit gibt. Wie mit einem Flugzeug schrauben wir uns auf der Panoramastraße nach oben. Bald liegt der See in seiner ganzen Pracht unter uns. Eine schönere Radstrecke ist kaum vorstellbar. Die wenigen Dörfer, an denen wir vorbeikommen, sind verlassen. Wer will in dieser Einsamkeit auch wohnen? Auch auf der riesigen Wasserfläche selbst herrscht idyllische Ruhe. Weit und breit können wir kein einziges Schiff entdecken. Ulcinj am Meer ist schneller erreicht als gedacht. Die letzte Hügelkette wird von einem imposanten Canyon durchschnitten. Wir übernachten inmitten der alten Festung. Ein herrlicher Platz. Zum Sonnenuntergang sitzen wir bereits im Restaurant und genießen den Abend. Urlaub am Mittelmeer!

Touristisches Kontrastprogramm an der Küste. Hier der Uferweg bei Budva.Foto: Tom BierlTouristisches Kontrastprogramm an der Küste. Hier der Uferweg bei Budva.

Abwechslungsreiches Panorama zwischen Bergen und Meer

Am nächsten Morgen rollen wir dann zum südlichsten Punkt Montenegros. Im Mai haben wir den längsten Strand des Landes beinahe komplett für uns. In einer weiten 8 geht es dann durchs Land zurück nach Cetinje und durch den Nationalpark über die Berge zur Bucht von Kotor zurück. 1400 Meter hoch schraubt sich die Strecke in den Himmel. Die Bergwelt ist grandios. Noch grandioser ist aber das Finale. Kurz nach dem Pass fühlen wir uns nach Norwegen versetzt. Tief unter uns liegen im dunkelblauen Fjord zwei Kreuzfahrer vor Anker. Es folgt die nicht enden wollende Abfahrt nach Kotor. Die Altstadt ist eine Zeitreise ins Mittelalter. Morgen geht es am Uferradweg entlang der alten Bahntrasse zurück nach Herceg-Novi und weiter nach Cavtat in Kroatien. Die Ausreise erfolgt in wenigen Sekunden. Kein Grenzer interessiert sich für unseren Pass. Uns soll das Recht sein. Haupt­sache wir haben wenig Verkehr.

Radreisetipps für Montenegro

Montenegro im Frühjahr ist perfektes Radlerland für den, der Einsamkeit, schlechte Straßen und steile Anstiege mit über 1000 Höhenmetern nicht scheut. Auf den kleinen Nebenstraßen herrscht wenig Verkehr. Hauptstrecken sollte man meiden. Robuste Reifen und gute Übersetzung sind Pflicht.

Nationalpark ohne Verkehr. 1400 Meter hoch schlängelt sich die Mautstraße durch die Berge.Foto: Tom BierlNationalpark ohne Verkehr. 1400 Meter hoch schlängelt sich die Mautstraße durch die Berge.

Anreise
Wir nutzten die direkte Flugverbindung der Lufthansa von München nach Dubrovnik. Das Örtchen Cavtat, zwei Kilometer vom Flughafen entfernt, war dabei idealer Start- und Zielort für die Tour und für einen Bootsausflug nach Dubrovnik.

Etappen
Die von uns gewählten Tagesetappen lagen bei rund 60 km mit etwa 1000 Höhenmetern. Maximal legten wir 74 km mit 1440 Höhenmetern zurück. Um Verkehr und zu anstrengende Etappen zu vermeiden, stiegen wir zweimal in ein lokales Taxishuttle, das vor Ort zu organisieren war.

GPS-Daten
Die GPS-Daten zur Radreise durch Montenegro erhalten Sie in der MYBIKE Collection auf komoot

Verpflegung unterwegs
Die Verpflegung unterwegs im einsamen Hinterland lässt sich am zuverlässigsten durch ein Picknick sichern. Die Straßen können einsam sein, in Karten eingezeichnete Orte sind oft verlassen.

Unterkunft-Tipps
Der Reiseveranstalter Inselhüpfen übernahm für uns die Reservierung der unterschiedlichsten aber durchwegs netten Quartiere. Die Orte an den Küsten sind allesamt Tourismushochburgen, hier sind Übernachtungen kein Problem. Im Hinterland dagegen wird die Auswahl der Quartiere rar. Hier ist eine Vorplanung unbedingt empfehlenswert. Zwischen Küste und Skutari-See entwickelt sich ein bescheidener Fahrradtourismus. www.euronatur.org

Villen in der Bucht von Kotor, der feudalsten Gegend Montenegros.Foto: Tom BierlVillen in der Bucht von Kotor, der feudalsten Gegend Montenegros.

Pauschalreise
Der routinierte Veranstalter Inselhüpfen bietet hat eine ähnliche Montenegro-Tour als Hotel & Rad-Reise im Programm. Allerdings werden hier einige Teilstrecken mit Hilfe eines Shuttles überbrückt. Alle Infos dazu unter www.inselhuepfen.de

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