Im Prinzip sind Gravelbiker und Bikepacker für Touristiker der reinste Horror: Sie mögen keine Landes- oder Regionsgrenzen, sie planen ihre Routen digital in speziellen Community-Foren, sie übernachten am liebsten draußen, sie lassen sich nicht mit “Kulinarik”-Angeboten locken, sondern plündern lieber Supermärkte und Tankstellen - und: sie wollen sich partout nicht in bereits ausgeschilderte Panorama-Rundtouren leiten lassen.
Auch Veranstalter von geführten Touren zerbrechen sich seit einiger Zeit die Köpfe, denn geführte Alpenüberquerungen mit Gepäcktransport sind auch nicht gerade ein Trend in dieser noch nicht gut greifbaren Zielgruppe. Das einzige, was man dieser Community ganz sicher weiß: Sie wächst digital. Und zwar rasant.
Laut Gravel Monitor des Mountainbike Forums sind das die allgemeinen Kennzahlen der neuen Zielgruppe Gravelbiker und Bikepacker:
Nimmt man diese Zielgruppe aber mal genauer unter die Lupe, kristallisieren sich nochmal drei sehr unterschiedliche Profile heraus:
Fazit: Diese Zielgruppe sucht vermehrt: Premium-Unterkünfte, Bikehotels, Guiding, Events, Gepäckservice, Wochenendformate.
Fazit: Diese Zielgruppe sucht 24-48-Stunden-Formate, Bahnanschluss, GPX-Routen, legale Overnighter-Spots und “Raus-aus-der-Stadt”-Kommunikation
investiert nicht nur ins Bike, sondern auch in Taschen, Navigation, Campingausrüstung und Bekleidung.
Fazit: Diese Zielgruppe der “Fortgeschrittenen” ist überwiegend autark unterwegs und sucht Routen abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Sie versorgen sich vorwiegend über Supermärkte und Tankstellen. Abends halten sie nach Trekkingschlafplätzen, Zeltplätzen, privaten Gartenanbietern oder günstigen Pensionen Ausschau.
Gravelbikes bieten einen niederschwelligen Einstieg durch vergleichsweise günstige und technisch unkomplizierte Räder. Allein Canyon gibt an, dass 20 Prozent ihrer Gravelbikes von Frauen gekauft werden. Ein für den Performance-Sport ungewöhnlich hoher Anteil. Laut Umfragen liegt das auch an Community- und Group-Rides ohne Leistungsgedanken. Aber auch an einem wachsenden Role-Model-Effekt von bikepackenden Influencerinnen wie Wiebke Lühmann, Lael Wilcox, Ricarda Bauernfeind u. a.
Fazit: Frauen nehmen Community-Angebote und zum großen Teil auch Einsteigerformate gerne an. Absolutes No-go: machohafte Ansprache.
Für Touristiker stellt sich nun die Frage: Muss man auf diesen stark wachsenden Gravel- und Bikepacking-Boom mit speziellen Angeboten reagieren? Und wenn ja: WIE?
Unser Tipp: Einfach mal in den einschlägigen Tourenportalen nachsehen, ob die eigene Region nicht schon auf einer von Usern empfohlenen Longdistance-Routen oder der offiziellen Fernradrouten liegt. Hier punkten einige Regionen nämlich bereits mit speziell für Radfahrer geschaffenen Übernachtungsspots, Werkzeug-Hütten oder Trinkwasserbrunnen. Vorbild: Skandinavien!
Andere Regionen investieren schon etwas mehr und denken ihr bisheriges Tourenkonzept völlig neu. Hier ein paar Beispiele aus Europa, die zum Teil bereits erfolgreich sind:
Toscany Trail in Italien: 445 Kilometer selfsupported durchs Hinterland der Toskana und Umbriens. Das mehrtägige Rennen für alle Radkategorien gibt’s bereits 2014 und zieht mittlerweile 6000 Starter an. Info: tuscanytrail.it
Bohemian Border Bash Race: Das Mehrtagesrennen im dünnbesiedelten Böhmischen Wald gehört zu den größten Gravel Ultra Races Europas. 1400 km und 25.000 Höhenmeter in 6 Tagen. Das Besondere: Im Zielbereich gibt es ein Gravelcamp mit Expo, Lagerfeuer und kleinem Gravel-Angebot für Angehörige.
Gravel Ground: Großes Gravel-Festival auf Zeche Ewald in Herten mit Testbikes, Rennen und Camp. Info: radrevier.ruhr
Hamburg’s Backyard: 4 Tage selfsupported auf geheimer Strecke von Hamburg durch Mecklenburg-Vorpommern (700 km). Schon im zweiten Jahr lange Wartelisten. Dazu: Nightshift-Rennen mit 250 km in 12 Stunden. Info: backyard-gravel.com
bike festa Südtirol: Statt des Mountainbike Testivals wird künftig auf dem Brixener Domplatz die bike festa gefeiert. Ein Event für alle Bike-Kategorien, sowie alle Könnens- und Altersstufen. Info: bikefesta.com
“Gravel Carinthia”: Kärnten reagiert auf den Gravelboom mit neuem Namen, 24 Runden zu sogenannten “Lost- und Soul-Places”. Die Runden lassen sich miteinander verbinden und führen dann durch sieben unterschiedliche Regionen (insgesamt 1800 km) im südlichsten und besonders Seen-reichen Bundesland Österreichs.
“House of Gravel” - so nennt Finnland nun seine Lappland-Region Ruka-Kuusamo und wirbt mit 900 Kilometern durch eine der am dünnsten besiedelten Gegenden Europas. Dazu gibt es das Gravel-Event “Fellscape” mit entspannten Community Rides.
0 to 100 Bike Challenge: Ungewöhnliches Format einer Hotelkette mit 13 Häusern in Österreich, Südtirol und Kroatien. Gäste, die während ihres Aufenthalts 100 Kilometer mit dem Rad zurücklegen, erhalten Ride Credits, die im Hotel eingelöst werden können (Spa Produkte, beim Dinner, an der Bar, beim Bike-Verleih). Außerdem gibt es einen Hotel-Aufenthalt zu gewinnen. Info: falkensteiner.com

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