Trailpark-Roadtrip auf IslandDie Ungezähmte

Gitta Beimfohr

 · 05.05.2026

Islands Vegetation hat nur wenige Monate Zeit. Biker von Mitte Juni bis September.
Foto: Michael Neumann / Hansmann-pr
Island besteht zu 75 Prozent aus Hochland, das nur im Sommer zugänglich ist. Dort wo die Thermalquellen den Boden aufheizen, sprießen auch die MTB-Trailparks - ein Heiß- und Kalttrip durch die wohl spektakulärste Kulisse Europas.

​Alle Landesteile, die 200 Meter über den Meeresspiegel herausragen, gelten auf Island per Definition als Hochland. Das entspricht etwa 75 Prozent der Inselfläche. Und da dieses Hochland nur in schneearmen Sommern von Juni bis Mitte September zugänglich ist, kann man die Bewohner hier an einer Hand abzählen.

Einen von denen, die dort oben zumindest sehr oft unterwegs sind, treffen wir 40 Kilometer östlich von Reykjavik, in Hveragerði: Magne. Der Gründer von Icebike Adventures hat seine neue Homebase gerade erst in der 3000-Seelengemeinde aufgeschlagen. Ein kleiner Ort, der von Thermalquellen im Boden so beheizt wird, dass in seinen Gewächshäusern bei konstanten 25 Grad sogar Bananen gedeihen.

Das größte Pfund der Region ist aber der „Reykjadalur Hot Spring Thermal River“ in den nahen Bergen. Seine Badeplätze erreicht man mit dem E-MTB über einen gut ausgebauten Fahrweg in knapp 15 Minuten. Versierte Biker aber planen diesen Stopp erst am Ende ihrer Tour ein, denn vorher geht's erstmal hinein ins weitläufig ausgebaute Trailnetz im Hinterland.

Magne und seine Gang sind hier permanent dabei, die Schaufel zu schwingen und haben dem rauen Vulkangestein schon dutzende Kilometer perfekt fahrbare Trails abgerungen. Kombiniert man diese zu einem großen Loop, kann man hier viele Tage an seinen Skills feilen und danach die malträtierte Muskulatur im heißen Fluss auflockern. Perfekt, um sich an die speziellen Island-Elemente erst mal ranzutasten.

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Trailpark-Trip auf Island: Im Hálendið den Schafen folgen

Der noch größere Schatz für Mountainbiker liegt aber tatsächlich im Hochland der Insel verborgen. Das „Hálendið“ umfasst den Großteil des Landesinneren Islands und in ganz Europa wird man keine annähernd ungezähmte wie spektakuläre Landschaft finden. Das zumindest hatte uns Magne im Vorfeld versprochen, und er muss es wissen. Er kennt das Hochland wie seine Trikottasche. Seit Jahrzehnten verbringt er jede freie Minute mit seinem Bike in dieser Wildnis und sucht nach fahrbaren Touren. Wie er sie findet? Nun, murmelt er in seinen Bart, das sei ganz einfach: „Man folgt einfach den Schafen!“ Die suchen sich immer die gangbarsten Routen ins Gebirge und haben sie über die Jahrhunderte bereits gut eingelaufen. Dann fügt er noch schnell hinzu:

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Und wo ein Schaf hochkommt, da kommt ein guter Mountainbiker im Normalfall auch runter.

18 Jahre lang hat Magne an der einwöchigen Tour durchs Hochland gebastelt und gefeilt. Denn auch wenn Island Bergflanken rau und robst wirken: Die alles überziehenden Moose und Flechten sind extrem fragil, denn ihre Vegetationszeit ist kurz. Gerne hätten wir die Tour „The Raven“ mit Magne gemacht, aber durchs Hochland nimmt der Guide keine E-Biker mit. Nicht, weil er etwas gegen Akku-Piloten hätte, sondern weil es in den Berghütten des Hochlands schlichtweg zu wenig Strom zum Aufladen gibt. Ach ja, und noch etwas gibt' s auf der Tour selbst gegen Aufpreis nicht: „Awesome weather guarantee“.

Coolcation am Polarkreis

Wer nach Island zum Biken kommt, muss wirklich hart im Nehmen sein. Wir haben extra Mitte Juni als Reisezeit gewählt, um die Tage möglichst gut auszunutzen. 35 Grad im Schatten wollten wir ja gar nicht, doch seit wir die Insel betreten haben, schleudert uns Thor alles vor die Reifen, was ihm zu dieser Jahreszeit zur Verfügung steht. Zu Beginn ist es einfach nass und windig. So braust uns der stete Schnürlregen auch hin und wieder von der Seite ab. Die ganze letzte Woche sei das Wetter ein Traum gewesen, betont Magne immer wieder. Doch unseren Plan, der Mittsommernacht mit ihren endlosen Sonnenuntergängen viele zusätzliche Stunden Bewegungszeit abzuringen, spült es regelrecht davon. Nur die Trails bleiben unerhört griffig, weil das Vulkangestein den Niederschlag in Nullkommanichts wegdrainiert.

Da Magne die nächsten Tage anderweitig als Bikeguide eingespannt ist, schickt er uns an der Südküste entlang weiter Richtung Osten. Nächster Halt ist die „Iceland Bike Farm“. Auch hier haben die Locals bestehende Fahrwege mit flowigen Singletrails verbunden, so dass man hier gut zwei Tage durch die Hügel flitzen kann. Noch dazu bietet die Besitzerin ein urgemütliches Gästehaus zur Miete. Den besten Service der Bikefarm aber bietet Traildog Mosi. Der Border Collie folgt uns von der ersten Minute an mit einer Power, die die 750 Watt unserer Bikes weit in den Schatten stellt. Mal ist er uns dicht auf den Fersen, nur um dann in der nächsten Sekunde von Traildog auf Hütehund zu wechseln und das ausgebüxte Schaf in einem Kilometer Entfernung zu stellen und zurück zur Herde zu geleiten. Drei Minuten später läuft er wieder neben uns her, als sei nichts gewesen. Energie scheint beliebig vorhanden.

Uphill-Flow zum Instagram-Canyon

Nach zwei Tagen auf der Bikefarm zuckeln wir mit unserem Camper-Gespann weiter Richtung Gletscherlagune. Direkt neben diesem Pflichtstopp lockt der Múlagljúfur-Canyon. Der hat durch Instagram in den letzten Jahren einiges an Ruhm eingeheimst. Auch wenn der Weg dort hinauf dadurch nicht weniger steil wurde, ist er doch so gut eingelaufen, dass wir mit dem E-Bike fast hochkommen. Nur die technisch kniffligen Passagen müssen wir schieben. Oben angekommen, steht uns der Mund aus zweierlei Gründen offen: Zum einen begeistert der „Hidden Canyon“, den man hier von der nahen Ringstraße niemals vermuten würde, mit märchenhafter Kulisse, zum anderen können wir es kaum abwarten, die anspruchsvolle Abfahrt in Angriff zu nehmen. Also Kette rechts und los… Nach nicht einmal zehn Minuten sind wir zurück am Auto und steuern zurück Richtung Vik, wo wir in der Black-Crust-Pizzeria das Bergfest unseres Trips feiern.

Am nächsten Tag wagen wir uns ins Hochland. Hier, auf den ungeteerten F-Roads, wie die Bergstraßen hier genannt werden, kann nur bestehen, wer das richtige Auto hat. Wegen der vielen Wasserdurchfahrten hatte uns Magne einen Land Rover Defender aufgedrängt: „Der schafft eine Wattiefe von 80 Zentimetern. Wenn es tiefer wird, schwimmt ihr weg.“ Tja, Wattiefe hin oder her – um bei dem Wetter nicht zelten zu müssen, haben wir auch einen Mink-Camper im Schlepp. Also ein Bett auf Rädern mit Standheizung und Außenküche. Doch Magne winkt ab: „Der ist Island erprobt!“ So steuern wir leicht angespannt Richtung Landmannalaugar. Es ist die wohl ikonischste Landschaft Islands. Rhyolit, Kalk und Schwefel haben hier Berge geschaffen, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. Hinzu kommen rauchende Fumarolen, Lavafelder, die von gigantischen Vulkanausbrüchen künden und unzählige Wanderwege durch diese Märchenwelt.

Doch vor diesem Paradies erwartet uns die erste richtige Kernstelle: Keine 100 Meter vor unserem Ziel, dem Campingplatz von Landmannalaugur, müssen wir plötzlich vor einer Doppel-Furt abbremsen, die es in sich hat – auch dank Regenwetter. Einfach drauflos verbietet sich. Besser erstmal schauen, wie es die anderen machen. Ein Duster wagt sich vor. Und begeht sogleich den Kardinalfehler: zu schnell. Dadurch baut sich vor dem Kühler eine Bugwelle auf und die eigentliche Wassertiefe verdoppelt sich. Der Motor saugt Wasser und stirbt ab. Treffer versenkt. Es dauert gute zehn Minuten, bis sich ein Traktorfahrer vom Campingplatz erbarmt und die Fuhre aus dem Wasser zieht. Jetzt können wir Maß nehmen – und kommen unbeschadet drüben an. Erleichterung. Wir beziehen unseren Campplatz und machen anschließend sofort die Bikes klar. Viele kleine Hikes sind hier mittlerweile für Radfahrer gesperrt, aber auf dem „Laugavegur“ darf man noch fahren. 54 Kilometer ist der populärste Wanderweg Islands lang. Wer Tour- statt Turbo-Modus wählt, kann die gesamte Strecke bis Pörsmörk angeblich an einem Tag schaffen. Eine Strecke, für die Wanderer drei bis vier Tage brauchen.

Das vielleicht schönste Tal Islands?

Wir belassen es bei Rundtouren in der Region, da wir keinesfalls das Bad in den heißen Quellen nahe des Camp missen wollen. Hier vereinen sich ein kalter und ein heißer Bach in einem knietiefen Pool, so dass man sich ganz wunderbar seinen Komfortbereich heraussuchen kann – von fast Eisbad bis verbrannter Hintern ist alles möglich.

Pörsmörk soll dann auch das Highlight unseres Trips werden, zusammen mit Magne, der endlich einen freien Tag hat. Wir treffen ihn am Taleingang an der berühmt-berüchtigten F249. Sie beginnt kurz hinterm Selfoss-Wasserfall und ist für die meisten Mietwagen unpassierbar. Hier schlägt die Stunde von Magnes G-Wagon und seines eigens konstruierten Bike-Aanhängers. Dieses Gespann – und Magnes Ortskenntnis – sind der Schlüssel zu Islands Hochland-Biketouren. Wir starten am Talende bei Nieselregen über steile Treppenstufen in Richtung Fimmvörðuháls. Dort, an der Passhöhe rüber ins Tal der Skoga, eruptierte einst der Vulkan Eyjafjallajökull. Seine Eruption schleuderte 2010 derart viel Asche in die Hemisphäre, dass der Flugverkehr in Europa mehrere Tage ruhen musste.

Bevor wir den Pass erreichen, biegen wir auf einen Singletrail mit vielen kniffligen Passagen ab, der wieder zum Fluss führt. Gut, dass Magne vorausfährt, denn so manche Kehre dreht hier nur knapp vor der zerklüfteten Schlucht ab. Auf halber Höhe balancieren wir auf einen bemoosten Felsvorsprung. Die Wolken haben der Sonne Platz gemacht und es ist sogar windstill. Um uns herum: Schwarze Bergflanken, viele davon mit Moos bewachsen, Wasserfälle, kreischende Seevögel im Aufwind und über allem die Gletscherausläufer des Mýrdalsjökull. Eine Urlandschaft ohne jegliche menschliche Eingriffe. Hier, so schwärmt Magne, sei sein absoluter Lieblingsplatz für ein kleines Nickerchen. Bleibt nur zu hoffen, dass der nahe Katla-Vulkan unter seiner Gletscher-Kuppe auch noch eine Weile schlummert.

Mountainbiken auf Island: Was man wissen muss...

​Anreise & Bike-Mitnahme

Am besten mit Icelandair als Direktflug von diversen deutschen Flughäfen. Icelandair nimmt auch E-Bikes mit, allerdings ohne Akku. Man kann vorher mit Icebike klären, ob die einen passenden Leihakku haben. Oder man leiht sich bei Icebike Adventures einfach ein E-MTB. Aktuell gibt es dort Valas von Santa Cruz mit Bosch Performance Line CX Antrieb zum Preis von rund 180 Euro am Tag.

Bikeshops

Es gibt ein paar Bike-Shops in der Hauptstadt Reykjavik, die können meist weiterhelfen. Wer spezielle Teile braucht, z. B. elektrische Schaltung, sollte besser Ersatz im Gepäck haben.

Beste Zeit

Von Mitte Mai bis Ende September. Wer im Hochland biken will, sollte ab Mitte Juni kommen, wenn die Straßen im Hochland flächendeckend offen sind. Mit Regen ist jederzeit zu rechnen, unserer Erfahrung nach sind aber die Monate Juni/Juli regenärmer als der August.

Übernachten

Vom Zelt über einen Camper bis Cabins und feinen Hotels ist in Island mittlerweile vieles geboten. Die Preise in der Hochsaison sind allerdings entsprechend. Bei Schönwetter fährt man auf Campingplätzen am günstigsten. Dort gibt es meist auch eine Küche mit Gemeinschaftsraum und Gelegenheiten zum Wäschewaschen. Hütten sind natürlich deutlich komfortabler, besonders bei viel Wind, schlagen aber mit 200 bis 300 Euro pro Nacht doch eine ziemliche Lücke ins Reisebudget.

Essen

Entlang der Route empfiehlt sich die Food Hall im Hotel The Greenhouse in Hveragerði (thegreenhouse.is) oder die Black Crust Pizzeria in Vík (blackcrustpizzeria.com). Wie immer gilt in Island: Wenn es lecker wird, wird es auch teuer.

Infos

Unter vedur.is checkt der Local das Wetter, auf road.is informiert er sich über den Zustand der Straßen. Alles Weitere gibt es auf icebikeadventures.com


Gitta Beimfohr

Gitta Beimfohr

Redakteurin

Gitta Beimfohr stieg während ihres Tourismus-Studiums ins BIKE-Reiseressort ein, als die Strada delle 52 Gallerie am Pasubio gerade für Mountainbiker gesperrt wurde. Seit Gitta die Alpen zwei Mal im Renntempo überquerte, mag sie am liebsten Mehrtagestouren – mit dem MTB in den Alpen oder per Gravelbike durch deutsche Mittelgebirge.

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