Hat die Papierkarte ausgedient?So plant man seine MTB-Tour heute

Gitta Beimfohr

 · 26.03.2026

Auf Tour die Kartentischdecke ausbreiten zu müssen ist mühsam und längst unnötig.
Foto: Kirsten Sörries
Es ist ja so einfach: App eines Tourenportals aufs Handy laden, Tour auswählen und losnavigieren - mit dieser Art der Routenplanung hat sich schon so mancher Biker in eine alpine Notsituation gebracht. Warum die Papierkarte immer noch wichtig ist und wie man sie optimal mit heutiger Navigations-Technologie verbindet.

Die Fähigkeit, topographische Karten lesen und interpretieren zu können, bildet nach wie vor das Fundament jeder professionellen Tourenplanung. Höhenlinien verraten nicht nur die Steilheit des Geländes, sondern auch charakteristische Geländeformen wie Grate, Täler oder Sattellagen. Ein Höhenlinienabstand von 20 Metern bei einem Maßstab von 1:25.000 ermöglicht es, bereits am Kartentisch kritische Passagen zu identifizieren und alternative Routenverläufe zu durchdenken. Erfahrene Tourenplaner erkennen an der Verdichtung der Höhenlinien sofort, wo Steilstufen zu erwarten sind, während weite Abstände auf sanfte Hänge hindeuten.

Man muss sich die Symbolsprache topographischer Karten einmal draufschaffen, dann erkennt man auf einen Blick die Wegekategorien von asphaltierter Almstraße über Forstweg bis hin zum unfahrbaren Wandersteig. Ebenso klar definiert sind Vegetationsgrenzen, Gewässer oder Siedlungsstrukturen. Besonders wertvoll sind Informationen zu Oberflächenbeschaffenheit und Bewuchs. Ein auf der Karte eingezeichneter Pfad durch dichten Wald wird sich völlig anders präsentieren als ein Höhenweg über offenes Gelände. Aber auch sichere Unterstellmöglichkeiten und die nächste Abfahrtsmöglichkeit sollte man schnell erkennen - für den Fall, dass plötzlich ein Gewitter auftaucht. Dann sollte man intuitiv einschätzen können, ob die restlichen 50 Höhenmeter zur Hütte hinauf oder die nächste Abfahrt ins Tal der schnellste Weg in die Sicherheit sind.

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“Überblickswissen” kann überlebenswichtig werden

Im Vorfeld genau wissen, durch welches Gelände die Tour führt, wo gibt’s Wasserquellen, wie weit liegen die nächsten Schutzhütten entfernt und wo befindet sich im Notfall die schnellste Abfahrt ins sichere Tal - erfahrene Alpenguides nennen das “Überblickswissen”. Gute digitale Karten, wie zum Beispiel die des Alpenvereins oder die von Outdooractive, enthalten all diese Informationen natürlich auch. Aber die Topokarte, die man auf dem Tisch ausbreiten kann, verschafft noch immer den besten Überblick übers Gelände. Er prägt sich schneller ins Gedächtnis ein.

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​Anders sieht es natürlich während der Tour aus: An jeder Kreuzung anhalten, die Papierkarte im Tischdecken-Format aus dem Rucksack fummeln, um zu sehen wo`s langgeht. Im ausreichenden, aber nicht besonders detailfreudigen 1:50.000 Maßstab. Womöglich noch bei Regen! Und dann das verdammte Ding in der Hektik einfach nicht mehr richtig zusammengefaltet kriegen - halleluja, dass diese Zeiten vorbei sind!

Die Touren-Revolution dank GPS

Die Steuerung per Satelliten-Navigation, also GPS, hat die Tourenwelt eines Mountainbikers wirklich revolutioniert. Mit einer Genauigkeit von typischerweise 3-5 Metern flutscht es im Gelände nur so mit den Abzweigen. Wer möchte, sogar per Sprachansage.

Auch die digitale Kartenformate von Rasterkarten bis zu Vektordaten bieten unterschiedliche Vorteile: Während Rasterkarten das gewohnte Kartenbild liefern, ermöglichen Vektorkarten dynamische Darstellungen mit routingfähigen Wegenetzwerken. Im Gegensatz zur vielleicht nicht mehr topaktuellen Papierkarte, enthalten die Karten von Tourenportalen sogar kurzfristige und temporäre Wegesperrungen (z. B. wegen Jagd oder Steinschlag).

Das größte Problem der elektronischen Helfer ist aber die Batterielaufzeit. Gute Navigationsgeräte erreichen 15-20 Stunden Betriebszeit (Solarzellen-Geräte 120 Stunden und länger), während Smartphones bei intensiver GPS-Nutzung bereits nach 6-8 Stunden das Licht ausgeht.

Synergien nutzen aus analoger und digitaler Welt

Die optimale Tourenplanung nutzt die Stärken beider Welten strategisch. Digitale Planungstools ermöglichen es, zu Hause am großen Bildschirm detaillierte Routen zu entwickeln, Höhenprofile zu analysieren und kritische Punkte zu markieren. Die dabei entstehenden Tracks lassen sich auf verschiedene Endgeräte übertragen und bieten unterwegs präzise Navigation. Gleichzeitig dient die gedruckte Karte als unverzichtbares Überblicks-Tool und Backup-System, das unabhängig von Batterielaufzeit und Empfangsqualität funktioniert. Besonders in abgelegenen Gebieten kann das lebensrettend sein.

Während GPS-Geräte in tiefen Schluchten oder im dichten Wald an ihre Grenzen stoßen können, bleibt die Karte stets verfügbar. Erfahrene Tourenbiker entwickeln ein Gespür dafür, wann sie der digitalen Navigation vertrauen können und wann eine Kontrolle mit der Karte angebracht ist. Die Notfallstrategie bei kompletter Technikpanne sollte bereits bei der Tourenplanung durchdacht werden.

Systematische Vorbereitung für maximale Sicherheit

Eine methodische Herangehensweise an die Tourenplanung beginnt mit einer realistischen Konditionseinschätzung und Zeitplanung. Die reine Fahrzeit nach Standardformeln wie der Regel "500 Höhenmeter pro Stunde" bildet lediglich den Ausgangspunkt. Faktoren wie Wegbeschaffenheit, Witterungsbedingungen und individuelle Tagesform können die tatsächliche Tourzeit erheblich beeinflussen. Sicherheitspuffer von 25-30 Prozent haben sich in der Praxis bewährt.

Die kontinuierliche Beobachtung der Wettervorhersagen (mindestens ab einer Woche vor Start) gehört ebenfalls zur Tourenplanung. Kündigt sich eine Schlechtwetterfront an, die in höheren Lagen dichten Nebel oder sogar Schnee bringen kann? Auch hier gibt’s inzwischen Apps mit detaillierten Prognosen für einzelne Gebirgsgruppen.

Notfallkontakte und eine strukturierte Tourenabmeldung schaffen zusätzliche Sicherheitsnetze. Dabei sollten konkrete Zeitpunkte vereinbart werden, zu denen bei ausbleibender Rückmeldung Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden.

Fazit

Während GPS-Navigation und Smartphone-Apps die Möglichkeiten der Routenplanung revolutioniert haben, bleibt die Kompetenz im Umgang mit topographischen Karten das unverzichtbare Fundament für sicherheitsbewusste Gelände-Tourer. Die erfolgreichsten Touren entstehen durch die intelligente Kombination beider Welten – digitale Präzision gepaart mit analoger Zuverlässigkeit. Letztendlich ersetzt jedoch keine Technologie die sorgfältige Vorbereitung, realistische Selbsteinschätzung und die Bereitschaft, unterwegs verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Gitta Beimfohr

Gitta Beimfohr

Redakteurin

Gitta Beimfohr stieg während ihres Tourismus-Studiums ins BIKE-Reiseressort ein, als die Strada delle 52 Gallerie am Pasubio gerade für Mountainbiker gesperrt wurde. Seit Gitta die Alpen zwei Mal im Renntempo überquerte, mag sie am liebsten Mehrtagestouren – mit dem MTB in den Alpen oder per Gravelbike durch deutsche Mittelgebirge.

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