“Meine Hand, die den Grappa hält, zittert leicht - das müssen die Nachwirkungen vom Tremalzo sein...”, schrieb Andi Heckmair in BIKE 8/91. Vielleicht war es aber auch die große Erleichterung, dass er dieses Unternehmen heil hinter sich gebracht hatte. Mit dem Mountainbike in sieben Tagen von Obersdorf zum Gardasee war im Sommer 1990 noch mit vielen abenteuerlichen Fragezeichen verbunden: Welche Wege sind im Hochgebirge wirklich fahrbar, wie wird es mit der Orientierung klappen, welcher Rucksack eignet sich für die Klamotten und was braucht man überhaupt auf solch einer langen Tour? Auch die Bike-Frage musste gut überlegt sein. Heckmair ließ sich damals von Wolfgang Renner, Geschäftsführer von Centurion, beraten. Zwar war damals gerade die erste Rockshox-Federgabel dabei, den europäischen Markt zu revolutionieren, doch Renner riet Heckmair davon ab: “Wenn unterwegs irgendwas damit ist, kann dir keiner helfen. Nimm lieber die Starrgabel, die ist auch leichter.”
Genauso robust wie Heckmair die Ausrüstung wählte, hielt er es auch mit der Routenplanung. Auf die Frage, wie er auf diese Transalp-UrRoute gekommen sei, antwortete er später: “Mit dem Lineal”. Das habe er zuhause in Oberstdorf angesetzt und zunächst mit Bozen verbunden. Nur habe sich da nicht wirklich eine logische Route aufgetan. Also habe er das Lineal Richtung Gardasee ausgerichtet - und: bingo! Hier taten sich Säumerwege auf, die er sich als ehemaliger Bergsteiger und Rennradfahrer gut vorstellen konnte. Zur Sicherheit aber fuhr er die größten Fragezeichen vor der großen Tour einzeln ab. So dauerte es zwei Jahre, bis er sich schließlich mit einem Freund auf große Fahrt machte.
“Zwei kernige Anstiege mit einer langen Tragepassage geben zu Beginn einen ersten Vorgeschmack auf die konditionellen Anforderungen. Noch ist es nicht zu spät umzukehren!” Gleich die erste Etappenbeschreibung klang nicht sehr animierend. Gemeint war natürlich der Schrofenpass, gleich hinter Oberstdorf, mit seiner Kletterpartie in der Felswand. Auch müsse man sich auf die “Trial-Pfade” Richtung Lechleiten sehr konzentrieren.
“Die Abfahrt über die rauhe Sattelalp und dann links über Dalaas hat es in sich. Hier müssen auch hartgesottene Fahrtechnik-Freaks an manchen Stellen schieben.”, schrieb Heckmair.
Auf dieser Etappe war es vor allem der “gerade noch fahrbare Saumweg über den Scalettapass, der es Heckmair angetan hatte. So wie die Abfahrt durch “das herrliche Val Susauna”
“Der heutige Tag bringt den Höhepunkt: Wir überschreiten den Zentralalpenkamm.” Heckmairs Königsetappe.
Mit dieser Etappe haderte Heckmair, weil es nur eine logische Verbindung Richtung Süden gab: den asphaltierten und viel befahrenen Gavia-Pass.
Die Etappe, die Heckmair wohl die meiste Kritik einbrachte, weil man den grob-gerölligen Passo di Campo bis heute 4 - 5 Stunden rauf und runter schieben muss. In Heckmair Beschreibung stand damals: “Der Weg verläuft hoch über dem Lago Arno und steigt dabei sanft zum Passo di Campo an (ca. 2,5 Stunden). Anschließend fordert eine steile, enge Abfahrt zum Lago di Campo Mut und absolute Bike-Beherrschung.”
“Am letzten Tag steht eigentlich nur noch Genuss-Biking auf dem Programm”. Der Tremalzo war auch für Heckmair der “krönende Abschluss” der Tour.
Dass das BIKE-Magazin seine Geschichte haben wollte, war das eine. Doch dann klopfte auch noch der STERN an und kurze Zeit darauf kam ein Fernseh-Team des Bayerischen Rundfunks nach Oberstdorf angereist, um eine Geschichte über Andi Heckmair und seine Transalp zu bringen. So gilt die Tour bis heute als DIE Transalp-Pioniertour über die Alpen.
Aus Kultgründen wird die Route bis heute gefahren. Zumal der gefürchtete Passo di Campo im Adamello-Gebiet mit dem E-MTB deutlich fahrbarer ist. Allerdings enthält die Route aus heutiger Sicht zu viele Asphaltpassagen. Schon 1995 wagte sich Tourenpapst Achim Zahn, alias Serac Joe, an einer “Verbesserung” der Heckmair-Route. Wobei diese “Joe-Route” wiederum einen eigenen Kulttouren-Artikel wert ist...
Andi Heckmair ist seine eigene Ur-Route jedenfalls noch diverse Male als Guide gefahren. Mal mit, mal ohne Fotografen- oder Fernseh-Team. Heute ist der Transalp-Pionier 85 Jahre alt und noch immer in seinem Bikeshop in Oberstdorf anzutreffen.

Redakteurin
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