Markus Weinberg
· 04.08.2026
Die Sonne steht noch tief über den bewaldeten Hügeln der Sächsisch-Böhmischen Schweiz, als Kurt Ender sein Mountainbike aus dem Auto hebt. Wir treffen uns am Sport- und Freizeitzentrum SoliVital am Ortseingang von Sebnitz – dort, wo künftig einer der wichtigsten Einstiege in die Borderless Trails liegen wird. „Heute wird's perfekt“, sagt Kurt und grinst. Seine Frau Vendula nickt. Vor wenigen Wochen haben wir uns schon einmal gesehen. Damals zur offiziellen Teil-Eröffnung des neuen Trailparks mit der sächsischen Ministerin Barbara Klepsch, Bürgermeistern aus Neustadt, Dolní Poustevna, Sebnitz, dem Sachsenforst und Projektplanern. Ein wichtiger Tag für die Region – der sprichwörtlich ins Wasser fiel. Dauerregen hatte die frisch gebauten Trails aufgeweicht. Ausgerechnet an diesem Tag, an dem eigentlich Mountainbiken im Mittelpunkt stehen sollte, waren die neuen Strecken kaum befahrbar.
Heute holen wir das nach und rollen vom Parkplatz über den neu angelegten Grenzweg Richtung Tschechien. Der Anstieg führt hinauf auf den Gerstenberg, wo die ersten bereits freigegebenen Trails beginnen. Unterwegs erfahre ich, dass Kurt und Vendula erst vor wenigen Wochen geheiratet haben. Gemeinsam haben sie ein Haus in der Sächsischen Schweiz gekauft. Ein Paar, das die Grenze täglich lebt. Er stammt aus Sebnitz. Sie aus Liberec in Tschechien. Kennengelernt haben sich die beiden über den Sport. Vendula ist studierte Physikalische Chemikerin und verbringt ihre Freizeit gern auf Enduro-Touren. Kurt arbeitet als Elektroingenieur, engagiert sich im Sebnitzer Radfahrerverein und kennt die Wälder rund um seine Heimat seit Kindertagen. Bessere Begleiter hätte ich für diese Reportage kaum treffen können. Ein deutsch-tschechisches Ehepaar auf dem Weg durch Deutschlands ersten grenzüberschreitenden Trailpark – passender lässt sich die Idee hinter den Borderless Trails kaum erzählen.
Heute zeigt sich das Grenzgebiet ganz anders als noch vor ein paar Wochen bei der Eröffnung. Sonnenstrahlen brechen durch hohe Buchen und Fichten. Die Erde ist staubig, es duftet nach Harz, während wir die 160 Höhenmeter auf den 532 Meter hohen Gerstenberg erklimmen. Oben warten die Einstiege in die ersten fertigen Trails. Wir rollen als erstes in den „Czech Yourself“. Eine blaue Strecke, die sich in weiten Bögen den Hang hinunterwindet. Schon nach den ersten Kurven wird klar, welche Philosophie hinter diesem Trailnetz steckt: Große Anlieger, sanfte Wellen und ein flüssiger Rhythmus bestimmen das Fahrgefühl. Technisch ist der Trail bewusst einfach gehalten, doch gerade das macht seinen Reiz aus. Jeder Pump bringt Geschwindigkeit, jede Kurve geht nahezu nahtlos in die nächste über. Mal führt die Linie durch dichten Fichtenwald, mal unter alten Buchen hindurch, dann wieder über kleine Lichtungen, auf denen das Sonnenlicht den Waldboden erreicht. Der Trail rollt, macht Lust auf die nächste Abfahrt.
Unten angekommen steigt Kurt vom Rad. „Die bauen das schon ziemlich sauber“, sagt er und schaut zurück zum Hang. „Die letzten Monate bin ich immer wieder vorbeigekommen, um zu sehen, wie weit sie sind.“ Er kennt diese Hänge lange bevor hier Bagger unterwegs waren. Früher verliefen zwischen den Bäumen nur schmale, inoffizielle Pfade. „Wie die wohl entstanden sind?“, fragt er mit einem Augenzwinkern. Vor zehn Jahren wusste die Szene genau, wo sich diese versteckten Trails befanden. Neue Linien flüsterte man sich weiter, bevor einschlägige Apps das übernahmen. Von Fahrer zu Fahrer. Wer dazugehören wollte, musste jemanden kennen. Heute stehen an den Einstiegen Wegweiser, Schwierigkeitsgrade und Übersichtskarten. Was früher im Verborgenen entstand, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer offiziellen Mountainbike-Destination.
Auf den Trails begegnen wir schon ersten Early-Bird-Mountainbikern. Sofort beginnt das typische Gespräch unter Bikern: Wo kommt ihr her? Wie fährt sich die Strecke? „Wenn alles fertig ist, kommen wir deutlich öfter hierher“, sagt einer von ihnen. Ein anderer lacht. „Von uns aus sind wir fast schneller hier als in Trutnov“, und meint einen Bikepark, deren Macher auch hier die Trails der tschechischen Seite bauen. Solche Sätze dürften die Projektverantwortlichen mehr freuen als jede Festrede. Denn obwohl bislang nur wenige Kilometer freigegeben sind und vor allem auf deutscher Seite noch die Bagger zwischen den Bäumen werkeln, scheint die Idee bereits aufzugehen.
Dabei hätte vor zehn Jahren kaum jemand geglaubt, dass zwischen Sebnitz und Dolní Poustevna einmal Deutschlands erster grenzüberschreitender Trailpark entstehen würde. So lang ist es bereits her dass Mitglieder des Sebnitzer Radfahrervereins hier von einem offiziellen Trailnetz träumten. Mountainbikerennen organisierten sie seit Jahren und illegale Trails gab es längst. Was fehlte, war eine legale Perspektive. Der entscheidende Glücksfall: Der damalige Sebnitzer Bürgermeister Mike Ruck war selbst Mitglied des Radfahrervereins. Er kannte die Szene, wusste um ihre Wünsche – und sah das touristische Potenzial in einem Mountainbike-Angebot für die Region.
2016 ließ die Stadt gemeinsam mit Neustadt eine umfangreiche Machbarkeitsstudie erstellen. Eigentlich sollte sie klären, wie sich die Region als sportliches Leistungszentrum weiterentwickeln könnte. Zwischen Handballhallen, Laufveranstaltungen und Sportstätten tauchte dabei plötzlich ein Thema auf, was bisher nur am Stammtisch besprochen wurde: Mountainbike-Trails. Die Gutachter sahen in der Landschaft rund um Sebnitz beste Voraussetzungen, bemängelten aber gleichzeitig, dass es dafür ein legales Singletrail-Angebot geben müsse.
Ronald Kretzschmar, damals bereits eng in die Entwicklung eingebunden und später Nachfolger von Mike Ruck als Oberbürgermeister, erinnert sich noch gut an die ersten Begehungen. Gemeinsam mit der Revierförsterin, Sachsenforst und Planern ging es 2017 erstmals hinaus in den Wald. Karten wurden ausgerollt, Höhenlinien diskutiert und mögliche Trassen abgelaufen. Die Vision war deutlich größer als das, was heute entsteht. Zwischen Sebnitz, Neustadt und der tschechischen Seite war zeitweise von mehr als 160 Kilometern Trailnetz die Rede.
Genau dort begann der eigentliche Kraftakt. Der nahe liegende Nationalpark Sächsische Schweiz. Naturschutz. FFH-Gebiete. Natura-2000. Forstrecht. Denkmalschutz. Artenschutz. Wassereinzugs-gebiete usw. Allein für das notwendige Artenmonitoring wurde über ein Jahr lang die Tier- und Pflanzenwelt kartiert. Hinzu kamen Gestattungsverträge, Genehmigungen der Unteren und Oberen Forstbehörden sowie unzählige Abstimmungen mit Sachsenforst. Während auf tschechischer Seite viele Entscheidungen vergleichsweise pragmatisch getroffen wurden, entwickelte sich der deutsche Teil zu einem Behördenmarathon.
Immer wieder mussten Planungen angepasst, Gutachten ergänzt oder Trassen verändert werden. Während auf tschechischer Seite schon die ersten Trails befahren wurden, fehlte auf deutscher Seite noch die Unterschrift des Staatswalds für den Baustart. Bis wenige Wochen vor der Teil-Eröffnung im Mai. Dass viele Mountainbiker von alldem kaum etwas mitbekamen, sorgte in der Region durchaus für Kritik. Auch im Sebnitzer Radfahrerverein wusste lange kaum jemand, wie weit die Planungen tatsächlich waren. Hinter verschlossenen Türen wurde zwar intensiv gearbeitet, nach außen drangen jedoch nur wenige Informationen.
Oberbürgermeister Kretzschmar kennt diesen Vorwurf. „Die eigentliche Arbeit fand jahrelang am Schreibtisch statt“, sagt er. „Verträge, Förderanträge und Genehmigungen sieht man eben nicht. Aber ohne sie gäbe es heute keinen einzigen Trail.“ Den entscheidenden Durchbruch brachte schließlich das europäische Interreg Programm Sachsen-Tschechien. Rund 3,55 Millionen Euro umfasst das Gesamtprojekt, davon stammen etwa 2,85 Millionen Euro aus EFRE-Mitteln der Europäischen Union. Ohne diese Förderung, sagt Kretzschmar, wäre ein Vorhaben dieser Größenordnung für die beteiligten Kommunen schlicht nicht finanzierbar gewesen.
Mit der konkreten Planung wurde Alexander Arpaci von der BikePlan GmbH beauftragt, für den eigentlichen Trailbau auf deutscher Seite erhielt die bayerische DirtWays GmbH den Zuschlag – ein Unternehmen, das bereits zahlreiche Bikeparks und Pumptracks realisiert hat. Die Auftragssumme für den deutschen Trailbau liegt bei rund 820.000 Euro. Parallel dazu startete auf tschechischer Seite bereits 2025 der Bau, während in Deutschland noch Verträge mit Sachsenforst und weitere Genehmigungen auf sich warten ließen.
Doch dieses zeitliche Gap soll spätestens im Herbst behoben sein. Dann sollen beide Seiten erstmals als zusammenhängendes Trailnetz funktionieren – genau so, wie es die Planer schon vor fast zehn Jahren auf ihren ersten Skizzen gezeichnet hatten. Die Teileröffnung im Mai mit drei der insgesamt 15 geplanten Trails sollte nur zeigen: Es geht voran.
Nach der dritten Abfahrt gesellen wir uns zu den anderen Bikern auf der Terrasse der Trailpark-Hütte und bestellen ein alkoholfreies böhmisches Bier. „In Tschechien gehört das einfach dazu“, sagt Vendula und lässt ihren Blick über die anderen Tische schweifen. „Du fährst Rad, setzt dich danach mit Freunden zusammen, trinkst ein Bier und bleibst noch eine Weile. Das ist ein Teil der Kultur.“ Kurt nickt. Genau dieses Lebensgefühl könne dem Projekt noch guttun. „Der Sport funktioniert schon. Jetzt braucht es das Drumherum.“
Tatsächlich wirkt die tschechische Seite heute schon erstaunlich anziehend. Die fertigen Trails, das Wegenetz funktioniert, die Gastronomie versprüht böhmischen Charme. Auf deutscher Seite dagegen dominiert rund um das SoliVital noch Baustellen-Atmosphäre. Wer jedoch den blauen Wanderweg hinaufrollt, merkt auch hier: Es tut sich was. Ein neuer Uphill-Trail entsteht, erste Linien sind erkennbar. an einigen Stellen liegen Materialhaufen bereit. Bis Frühjahr 2027 sollen insgesamt rund 31 Kilometer Trailnetz mit fünfzehn Strecken fertiggestellt sein.
Natürlich weiß Sebnitz um den Charme auf der anderen Seite, daher möchte man hier zukünftig mit Infrastruktur punkten. Zum Beispiel das Sportzentrum SoliVital als zentralen "Welcome Hub" entwickeln mit Caravan-Stellplätzen und einfachen Zeltmöglichkeiten. Nicht nur für Mountainbiker, sondern auch für Gravelbiker. Schließlich führt mit dem 320 Kilometer langen „RockHead“ eine der neusten Gravelrouten Sachsens durch die Region. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr passiert“, sagt Vendula. „Vielleicht eine Skill-Area für Kinder, mehr Techniktraining oder Camps. Das Gebiet hat so viel Potenzial.“
Wie aufs Stichwort, kommt Ingo Loth, ehemaliger Profi-Mountainbiker und Trainer aus Sebnitz, mit einer Gruppe Kinder über die Grenze angerollt. Training. Testen. Spaß haben. Man kennt sich, grüßt sich und fühlt sich verbunden. Auf einem bereits fertigen Teilstück des schwarzen „Rockstar“ treffen wir erneut auf tschechische Fahrer. Die Gespräche ähneln sich. „Die Trails machen Spaß“, sagt einer. „Aber jetzt müssen die Deutschen mal fertig werden“. Ein Satz, der scherzhaft gemeint ist – und doch einen wahren Kern trifft. Das große Bild entsteht schließlich erst, wenn die Puzzleteile auf beiden Seiten der Grenze ineinandergreifen.
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