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MTB-Tour auf dem Rennsteig

Deutschland-Serie Teil 2: Der Rennsteig

Henri Lesewitz am 19.09.2013

Wer in Deutschland ein MTB-Abenteuer erleben will, ist mit der Aufgabe schnell überfordert. Der sagenumwobene Rennsteig bietet 168 Kilometer Natur und böse Rampen. Aber auch Abenteuer? Ein Versuch.

Die rituelle Stimmung zerbröselt zwischen Gerümpelschuppen und Fluss. Das ist er also, der vielleicht heiligste Ort, den Abenteuer-Deutschland zu bieten hat. Eine Dorfkneipe mit angrenzender Abstellbaracke. Dahinter die sich träge dahinwälzende Werra – monströs überspannt von einer kantigen Autobahnbrücke, deren monotones Verkehrsdröhnen in jede Talritze dringt. Der Nullpunkt des berühmten Rennsteig-Weges. Beziehungsweise dessen Ende. Je nachdem, wo man den obligatorischen Glücksstein aus dem Fluss gefischt hat, um ihn der Tradition entsprechend über den 168 Kilometer langen Prachtweg zu tragen. Vom Eisenacher Stadtteil Hörschel an der Werra aus nach Blankenstein an der Saale. Oder umgekehrt. "Total unspektakulär hier", bringt Sören das Missverhältnis aus Erwartung und Erlebnisfaktor auf den Punkt, während auf der gegenüberliegenden Uferseite ein Güterzug mit Höllenlärm durch die Szenerie rumpelt.

Der Rennsteig: für Wanderer und Mountainbiker

Deutschland und Abenteuer. Zwei Begriffe, die nicht so recht zusammenpassen. Kaum ein Quadratkilometer zwischen Ostsee und Alpen, der nicht mit Asphalt und Beton übergossen ist. Dazwischen überschaubare Stücke Restnatur, die strengsten Betretungsregeln unterliegen. Rundherum Gewerbegebiete, Reihenhaussiedlungen, Autobahnringe, Tankstellen und Möbelhäuser mit Parkplätzen, groß wie Roggenfelder. Tobende Bebauungswut, während Mountainbiker von immer mehr Waldgesetzen zu Umweltsäuen abgestempelt werden. Dass Biker am Rennsteig willkommen sind, ist da so erfreulich wie ungewöhnlich. Der Kammweg gilt als Hochkaräter der Fernwanderer. Er hat – man muss es so sagen – den Status einer Kirche. Doch eine parallele Ausschilderung für Radfahrer gepaart mit dem liberalen Thüringer Wegerecht macht ihn auch für Biker interessant. 168 Kilometer versprechen genug Raum für ungestörtes Kurbeln, Schwitzen und Naturerleben. Doch so wirklich glauben kann ich es im Moment noch nicht. Als Biker habe ich um Wanderzonen stets große Bögen gemacht. Nicht, weil mich Nutzervielfalt stört, sondern vielmehr, um dickschädligen Diskussionen über gefühltes Wegerecht prophylaktisch aus dem Weg zu gehen. Biken im Wanderparadies? Mitten in Deutschland? Kann das gutgehen?
"Kein Thema, alles legal", beruhigt Kumpel Sören, der mich als Guide begleiten wird. Und der sollte es ja wissen. Als Biker, der direkt am Rennsteig wohnt, kennt er jeden Meter. Was auch der Grund dafür ist, dass ihn die von mir gewünschte Fahrtrichtung gewaltig unter Stress setzt. Von Hörschel nach Blankenstein. Die berüchtigte Hardcore-Variante. "Immerzu kurze, fiese Hubben", stöhnt Sören theatralisch.

Rennsteig MTB Tour Thüringen

Diese Schilder leiten Mountainbikern am Rennsteig den richtigen Weg.

Die Tradition mit den Glückssteinen

Es ist kurz nach 9 Uhr morgens, als wir uns bereitmachen zum Fertigmachen. Glückssteine aus der Werra fischen. Rucksäcke schultern. Dann rollen wir los. Neun Tage braucht der typische Wanderer für die 168 Kilometer lange Strecke. Unsere Glückssteine jedoch sollen schon morgen in die Saale plumpsen. Eine ausdauersportliche Völlerei in suburbaner Abgeschiedenheit. Im Rucksack nur Schlafsack und Geld. Die komfortabelste Art, ein paar unkomfortable Tage zu verbringen.
Es geht steil los. Unsere Kurbeln haben sich erst wenige Male gedreht, da beißt uns der erste Anstieg schon kräftig in die Beine. Wer den Rennsteig befährt, spürt ihn ununterbrochen in jeder Faser. Die einzelnen Anstiege sind mickrig, aber derart zahlreich, dass ihnen auf Dauer selbst hochgezüchtete Rennfahrerwaden kaum gewachsen sind. Fährt man von Blankenstein nach Hörschel, zeigt sich die Topografie lange Zeit sanft, um dann am Großen Inselsberg ihre ganze Macht zu demonstrieren. Wählt man, wie wir, die entgegengesetzte Variante, bäumt sich der Weg bis zum Inselsberg zunächst vehement vor den Vorderrädern auf, verliert dann im weiteren Verlauf aber zunehmend an Schrecken. Doch wie herum man den Rennsteig auch bereisen mag, die Wirkung ist immer dieselbe: Die Muskeln sind in Aufruhr, während die Waldesruhe den Stress aus dem Körper saugt. Wurzelpassagen prüfen die Reaktionskraft, um hinter der nächsten Kurve in zahme Schotterabschnitte überzugehen. Ein munterer Wechsel von Untergrund-Facetten, Steigungsarten und Wegebreiten. Der Fahrer wird geflutet von Anstrengung, Freude, Verzweiflung, Euphorie. Die Poesie des Unsichtbaren. Die wenigen Wanderer, denen wir begegnen, grüßen allesamt überschwänglich. Alltags-Deserteure, genau wie wir.

Rennsteig MTB Tour Thüringen

Weit gereiste Glückssteine: ab in die Saale damit.

"Oh Gott, ich brauche ’ne Cola", haucht Sören mit matter Stimme, als wir nach knapp drei Stunden auf dem Gipfel des 916 Meter hohen Großen Inselsberges stehen. Zittrig fetzt er eine Tüte Energie-Gel auf und drückt sich gierig den Inhalt der "Vitalmischung Grüner Apfel" in den Rachen.
"So!", sagt er einigermaßen revitalisiert: "Ab hier geht es tendenziell bergab." Sein Grinsen verrät mir allerdings, dass dieser Aussage mit größter Skepsis zu begegnen ist.
"Tendenzielle Bergabfahrten" haben mich schon genug in Sauerstoffschuld und Muskelschmerz garen lassen. Bis jetzt haben wir gerade mal müde 32 Kilometer geschafft. Würde die Auskunft von Sören stimmen, wäre der Rennsteig die längste Abfahrtspiste der Welt.

Sören heißt mit Nachnamen Schmidt. Kenner der Bergrunter-Szene wissen Bescheid. Zusammen mit Vater Harald und Mutter Claudia hat Sören vor zwanzig Jahren das mythenumrankte Downhill-Rennen in Tabarz ins Leben gerufen, das heute als das älteste existierende Europas gilt. Den Posten als Organisationschef gab Sören vor einem Jahr ab. Sein Fahrradladen lässt kaum Zeit für Nebenbeschäftigungen. Was auch der Grund für die kleine Formkrise ist. Der Abstecher nach Tabarz muss trotzdem sein.

"Der Start von der Originalstrecke ist gleich um die Ecke", ruft Sören und liftet die Kette auch schon tatendurstig auf das große Kettenblatt. Ein kurzes Stück auf einer Bundesstraße, ein Schotterparkplatz. Dann nehmen die Augen das Links und Rechts nur noch als Farbfetzen wahr. Downhill war früher Vollgaskurbeln ohne nennenswerten Verlust an Bodenkontakt. Kein Problem für mein Stahl-Hardtail. Was früher todesverachtender Extremsport war, fährt man heute bei jedem Marathon. Sören duckt sich über den Lenker, die Ideallinie ist im Körper einprogrammiert. Wurzelsprung. Wiesenhang. Dann Vollbremsung.
"Hier, die Jürgen-Beneke-Gedächtnisstelle!", ruft Sören, er wirkt jetzt sehr aufgekratzt. Und dann erzählt er die Geschichte. Wie Superstar Jürgen Beneke in den Neunzigern eine Bank übersprang, statt die abgesteckte Kurvenkombination zu nehmen. Wie er todesverachtend die undenkbarste aller Linien wählte und so den einzigen Deutschen Meistertitel seiner Karriere errang. "Das ist sie, die legendäre Bank", raunt Sören. Wir stehen minutenlang da und starren ergriffen auf das Bike-historische Kulturgut. Eine braune Holzbank voller Vogelscheiße. Was es nicht alles gibt.
Weiter geht die Fahrt. Mit galoppierendem Puls über ein herrliches Schotterband zur Imbiss-Bude an der "Neuen Ausspanne". Weiter den aufgeweichten Weg in Richtung Oberhof, wo die Wintersporthelden halbnackt auf Roller-Ski herumrasen. Von dort aus zum 982 Meter hohen Beerberg und weiter zum Gedenkstein des Volksmusikanten Herbert Roth, der das legendäre Rennsteig-Lied trällerte. Die Kilometer rinnen quälend langsam dahin. Die Stunden dagegen verfliegen. Tendenziell bergab? Ganz im Gegenteil.
"Jetzt aber wirklich! Ab hier geht es quasi nur noch runter", beteuert Sören. Ich will mich gerade freuen. Da geht es auch schon wieder zackig hoch. Arme Beine!

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Ex-Downhiller Sören in seinem Element.

Langsamer als die Schnellsten des Rennsteig-Laufes

Die Sonne hat ihr Tagwerk verrichtet und verglimmt gerade fotogen zwischen den Baumwipfeln, als wir uns zum Einläuten des Feierabends entschließen. Gerade mal 80 Kilometer haben wir geschafft. Erstaunlich wenig. Vor allem, wenn man die Siegerzeiten des alljährlichen Rennsteig-Laufes betrachtet, den mit 14000 Teilnehmern größten Landschaftslauf Europas. Die Rekordzeit der berüchtigten 72-Kilometer-Distanz steht bei fünf Stunden und zehn Minuten. Sören hat kaum noch Körperspannung. Mit windelweichen Tritten und ausgedörrten Mundwinkeln kurbelt er dem Feinschmecker-Gasthaus von Kumpel Erik entgegen, das sich im nahen Frauenwald befindet. Dass ausgerechnet heute Ruhetag ist, weil die Wasserversorgung im Ort wegen Pumpwerkarbeiten abgestellt ist, bringt unser beider Nervenkostüm rigoros zum Einsturz. Die Kreidetafel am Eingang wirkt wie feinste Ironie: "Freude und Mut machen das Gesicht schön." Was ist das? Ein Witz? Oder eine ausgeklügelte Realsimulation der alten Indianerweisheit, wonach man Geld nicht essen kann? Bis zur nächsten Kneipe sind es zehn Kilometer. Tendenziell bergab? Wohl eher nicht. Improvisation ist das Fundament von Abenteuer. Doch das hier ist jetzt fast schon ein Überschuss an Survival-Feeling. Verdurstet in Deutschland. Na prima. Ich will gerade anfangen, wütend mit dem Fuß aufzustampfen, da biegt plötzlich Restaurant-Besitzer Erik Lauterbach um die Ecke und lädt uns zum Grillabend auf sein Grundstück ein.
"Ich wollte mir eh grad ’nen Bierchen am Lagerfeuer aufmachen", lotst er uns in den Garten: "Grillfleisch, Getränke – alles da!"
Was für ein Kontrastprogramm, durchfährt es mich. Vom Albtraum zum Traum in fünf Sekunden. Erst Stresshormone. Jetzt Glückshormone. Das reinste Remmidemmi im Hormonhaushalt.
Das Bier ist kalt. Das Feuer knistert. Erik schleppt immer neue Köstlichkeiten herbei. Es ist einer dieser seltenen 100-Prozent-Momente, die einem im Laufe eines Lebens vergönnt sind.
"Ach, der Rennsteig", sagt Erik, der neben seinen Job als Restaurantchef auch geführte Bike-Touren anbietet: "Für mich eine der schönsten Routen überhaupt."
"Boah, aber ganz schöne Hubben", grinst Sören geschafft. Zwei Bier später rollen wir weiter. Zurück in den Wald. Irgendwohin. Ins unbequeme Finstere. Für wenigstens einen Hauch von Abenteuer.

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Wer ein MTB-Abenteuer mitten in Deutschland erleben will, kann das am Rennsteig tun.

Entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Am nächsten Morgen: Die Rückenschmerzen, die man sich beim Wildcampen holt, haben auch ihre Vorteile. Man ist zeitig wach, beziehungsweise immer noch. Was ja nicht schaden kann, wenn man noch 80 Kilometer vor sich hat, aber nur noch einen Tag lang Zeit. Es ist kurz nach 6 Uhr morgens, als wir mit knurrenden Mägen zur finalen Etappe aufbrechen. Ein rasches Frühstück bei "Nahkauf". Dann hat uns der Rennsteig mit seinen unaufhörlichen Auf und Abs wieder. Der Schotter knirscht unter den
Reifen. Eine Schautafel informiert über "Borstgrasrasen". Ein "Energiepfad" trägt uns sanft dahin. Man fühlt sich vollständig ausgeklinkt aus dem Alltag, der unmittelbarer daneben wie eine Parallelwelt existiert. Warum die Franken den Rennsteig kilometerweit asphaltiert haben, bleibt ein Rätsel. Am Kurfürstenstein, 25 Kilometer vor dem Ziel, kreuzen wir die ehemalige innerdeutsche Grenze, die den Traditionsweg sechsmal durchschneidet. Eine übermotivierte Schülermeute des Jenaer  Ernst-Abbe-Gymnasiums, die den Rennsteig als dreitägige Klassenfahrt mit Bikes abfährt, unterzieht uns einem spontanen Leistungstest. Ein Fünfzehnjähriger mit Zahnspange lässt sich einfach nicht abschütteln. Sören bezahlt die Hatz mit einem Bankrott der Kohlenhydrat-Speicher. Zum Glück sind es nur noch knapp zehn Kilometer. Tendenziell bergab. Diesmal wirklich.

Es ist fortgeschrittener Nachmittag, als wir fertig sind mit Fertigmachen. Wir stehen in Blankenstein am Ufer der Saale, die sich träge dahinwälzt. Hinter uns ein Ärztehaus. Links ein Discount-Markt. Die Glückssteine plumpsen ins Wasser. Irgendjemand wir sie irgendwann zurück nach Hörschel tragen. Auf uns wartet jetzt erst mal wieder das Abenteuer Alltag.

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Henri Lesewitz am 19.09.2013