Matthias Rotter
· 30.03.2026
Es könnte Kunst sein, aber vielleicht kann es auch weg. Vor der Stadthalle in Lohr hat sich eine Gruppe Mountainbiker rund um eine Skulptur versammelt. Das bizarre Objekt hat Ähnlichkeit mit einem Elefantenbein, auf dem der schlangenbewehrte Kopf der Medusa thront. „Eine moderne Interpretation der Märchenfigur Schneewittchen“, klärt mich Enrico, einer der Fahrer auf und scheint dabei ein bisschen zu schmunzeln. Auch die anderen im Kreis können ihr Amüsement kaum verbergen.
„Hat das Kulturamt über hunderttausend Euro gekostet. Ungefähr das Fünffache der erwarteten Summe.“ Nein, so hatte sich die selbsternannte Schneewittchenstadt Lohr ihr neues Wahrzeichen nicht vorgestellt. Weder optisch noch preislich. Das kommt eben davon, wenn man einen Kunstwettbewerb ausschreibt, aber beim Gewinner nicht nachfragt, wie viel die Schaffung des Originals kosten wird. Inzwischen nehmen die Einheimischen die künstlerische Freiheit mit Humor. Längst hat die Figur ihren Spitznamen „Horrorwittchen“ weg und ist – zumindest für ein Touristen-Selfie – fast schon beliebter als das lammfromme Original-Schneewittchen. An der Wand einer Lohrer Unterführung prangt sogar ein Grafitti, wie das Märchenmonster mit gezücktem Messer den sieben Zwergen hinterher jagt. Huch, ist es Zufall, dass wir heute genau sieben Biker sind? Nichts wie weg hier und rauf auf die Trails!
Es ist der zweite Tag, an dem ich mit den Locals vom RVV Wombach unterwegs bin. Da kann ein bisschen Stadtkultur zur Auflockerung des Tourenprogramms nicht schaden. Der Verein mit Sitz im südlichen Stadtteil von Lohr am Main ist mit seiner fast 100-jährigen Geschichte eine Institution im Spessart. Es wird jedenfalls auf den ersten Blick deutlich, dass hier seriös Rad gefahren wird: Ich sehe leichte Carbonfullys, noch leichtere Hardtails, schmale Lenker, Vereins-Outfits und sehnige Beine, umhüllt von windschlüpfrigem Lycra. Die sportliche Optik bedeutet aber nicht, dass die Wombacher ausschließlich auf der Überholspur von Forstwegautobahnen unterwegs sind. Enrico präzisiert: „In die Trainingsrunden wird jeder Pfad eingebaut, der links und rechts der Hauptschlagadern ins Unterholz abtaucht.“
Oh ja, davon konnte ich mich bereits am Vortag überzeugen. Auch wenn die Eingewöhnungstour nur durch die Spessart-Peripherie führte. Zwischen Lohr und Karlstadt summieren sich die Pfadabschnitte auf sage und schreibe 16 Kilometer Länge. Das findet man selbst in den Alpen kaum. Da lässt sich verschmerzen, dass das symbolische Edelweiss auf dem Gipfel des Kalbensteins nur aus Blech zusammengeschweißt wurde. Dafür präsentiert sich hier das Panorama über den Main besonders fotogen.
Nach gebührender Würdigung der regionalen Kunstschätze soll es aber heute mitten hineingehen in den sagenumwobenen Spessartwald. Wo historischer Überlieferung nach nicht nur etliche Räuberbanden ihr Unwesen trieben, sondern laut neuzeitlicher Stammtisch-Vermutungen auch Schneewittchen auf ihrer Flucht vor der bösen Stiefmutter Rettung bei den sieben Zwergen fand. Wahrscheinlich. Vielleicht. Nichts Genaues weiß man nicht. Ich muss meine Grübeleien diesbezüglich eh auf später verschieben, weil die Anführer der Gruppe, Enrico und Arno, ein so flottes Tempo anschlagen, dass all mein Blut schlagartig zur Versorgung der Beinmuskulatur benötigt wird. Kaum zu glauben, wie steil ein harmlos anmutendes deutsches Mittelgebirge sein kann. Am liebsten würde ich im ehemaligen Lungensanatorium an der Franziskushöhe eine Kur beantragen. Aber wenn der Wombacher D-Zug mal rollt, dann hilft nur dranbleiben.
Zum Glück gibt‘s an der Beilstein-Schutzhütte eine Verschnaufpause, schon wegen der wirklich schönen Aussicht auf Lohr. Arno deutet über die Stadt hinweg. „Dort hinten am Waldrand verläuft unsere DM-geprüfte Rennstrecke“, erzählt der Leiter der Radsportabteilung des Vereins. „Dort fand erst vor ein paar Tagen wieder ein Lauf zur Bundesnachwuchssichtung statt.“ Der RVV Wombach ist bekannt für seine gute Arbeit im Jugendbereich. Wie zur Bestätigung treffen wir einige Kilometer weiter am Oberbecken auf den Lohrer Noah Sinner, der dieses Rennen bereits gewinnen konnte. Er spult gerade sein Bergtraining ab, in typischer Spessart-Manier: immer rauf und runter. Immerhin knapp 400 Vertikalmeter sind es von Lohr herauf bis zu dem kleinen Stausee. „Irgendwie muss man ja auf sein Höhenmeter-Pensum kommen“, sagt Noah und ist nach kurzer Pulsberuhigung mit einem trockenen Antritt wieder im Wald verschwunden. Derweil lasse ich das Spessart-Ambiente auf mich wirken. Endlose Weiten. Sanft geschwungene Linien am Horizont. Gipfelkreuze, versteckt mitten im Wald. Bildstöcke mit Heiligenbildern, an denen Wanderer Trost finden. Kreuzungen mit uralten Wegweisern aus verwittertem Holz. Orientierung war und ist lebenswichtig in einer Landschaft, wo Weitblicke rar sind.
Meine Orientierung ist das Hinterrad von Enrico, das unbeirrbar mal links, mal rechts abbiegt. Fast lautlos gleiten wir auf dem weichen Waldboden dahin. Unsere nächsten Stationen heißen Katharinen-Trail, Fürstenweg, Lohrberg und Brennessel-Trail. Letzterer spuckt uns am Wirtshaus Bayrische Schanz aus, einer ehemaligen Zollstation an der Grenze zwischen Bayern und Hessen. In alten Schriften ist zu lesen, dass hier, mitten im Nirgendwo, Reisende bereits im 17. Jahrhundert eine Raststatt vorfanden. Denn die Durchquerung des Spessarts war damals mit Mühen verbunden. Und der großen Gefahr, den berüchtigten Räuberbanden in die Hände zu fallen. Nach zwei Dutzend Trail-Kilometern kommt auch uns die Einkehr gerade recht.
Weißbier schäumt in die Gläser, natürlich in der alkoholfreien Version, und die Wirtsleute zaubern dazu eine zünftige Jause auf die Teller. Über dem Ausschank prangt der allgegenwärtige Kopf des Keilers. Einerseits als Symbol für den an Wildschweinen reichen Spessart, andererseits als Markenzeichen der berühmtem Brauerei in Lohr. Und nicht nur das: Auch der 1997 erstmals ausgetragene Keiler-Bike-Marathon zählte über Jahrzehnte zu den Klassikern in der Bike-Szene. Bis die Anmeldungen während der Pandemie immer weniger wurden. „Corona hat den Keiler-Marathon quasi auf dem Gewissen“, erzählt Arno in einer Mischung aus Wut und Trauer. „Nach der Austragung 2022 war leider Schluss.“ Schluss ist jetzt auch mit Pause, denn frei nach dem Motto „Wer rastet der rostet“, scharren die Wombacher Rennpferde schon wieder mit den Hufen.
Wir fädeln ein in die Birkenhainer Straße, was deutlich langweiliger klingt als es ist. Denn von der alten „Straße“ ist nicht mehr viel übrig als ein kilometerlanger Singletrail. Ganz in unserem Sinne! Die Birkenhainer war einst neben dem von Nord nach Süd verlaufenden Eselsweg die wichtigste Ost-West-Traversale durch den Spessart. In zügiger Fahrt gleiten wir durch dunkle Hohlwege, vorbei an Kilometersteinen und unheilschwangeren Gedenkkreuzen. Relikte aus einer Epoche, als das Reisen kein Spaß war, sondern notwendiges Übel. Die meisten Menschen hatten weder Zeit noch Geld für Vergnügen und Romantik. Das Wort Urlaub war noch nicht erfunden. Allenfalls sorgten hin und wieder öffentliche Hexenverbrennung für Abwechslung im strapaziösen Alltag.
Auch die Ausgrabungsstätte am ehemaligen Kloster Einsiedl, die wir nach etlichen Trail-Kilometern passieren, zeugt von den Gräueltaten des Mittelalters. Dann senkt sich die Birkenhainer hinunter ins Maintal, wo sie bei Gemünden je nach Fahrtrichtung ihren östlichen Ausgang nimmt oder ihr Ende findet. Bevor unsere Tour mainabwärts in Lohr ihr Ende findet, haben die Locals noch einen Abstecher geplant. Vorbei an der Nantenbacher Heiligengrotte geht es noch einmal hinein ins Gehölz. Nicht umsonst trägt der Waldgeister-Trail seinen Namen, denn plötzlich sind wir umzingelt von hölzernen Waldschraten, Kobolden und anderen Märchenfiguren. Gut, dass wir zügig unterwegs sind. Nicht, dass das Horrorwittchen irgendwo hinterm nächsten Baum lauert.
Lohr am Main liegt am Ostrand des Spessarts im Bundesland Bayern. Der Main bildet ab den Orten Gemünden und Lohr ein markantes U und umfließt quasi das Mittelgebirge auf dem Weg nach Aschaffenburg, Frankfurt und schließlich zum Rhein. Im Norden gehört ein kleinerer Teil des Spessarts bereits zu Hessen. Berühmt ist der Spessart nicht wegen seiner markanten Gipfel (höchster Gipfel: Geiersberg, 586 Meter), sondern weil er das größte zusammenhängende Waldgebiet in Deutschland bildet. So war seine Durchquerung im Mittelalter ziemlich gefürchtet. Denn auf den berüchtigten Handelsrouten Eselsweg und Birkenhainer Straße lief man ständig Gefahr, Räuberbanden in die Hände zu fallen. Aufgrund der Bewaldung und sanften Topografie sind Aussichten und Weitblicke im Spessart eher selten. Da bildet das Maintal um Lohr herum mit seinen steileren Hängen eine willkommene Ausnahme.
Lohr liegt an der Main-Spessart-Bahnlinie und ist zu jeder vollen Stunde aus Richtung Würzburg und Aschaffenburg erreichbar. Dort ist die Regionalbahn ans landesweite Streckennetz angebunden.
Im Lohrer Ortsteil Steinbach eröffnete kürzlich die Bike Lodge Spessart. In dem fast vollständig aus heimischem Holz gebauten Anwesen finden Biker alles, was sie brauchen. Vom leckeren Frühstücksbuffet bis zur Fahrradgarage mit DIY-Werkstatt. Je nach Budget bietet die Lodge Doppelzimmer oder kleine Mehrbett-Appartements, teilweise mit Mini-Küche (Hofstettener Straße 14 a, bikelodge.de).
Freiluft-Fans können ihre Zelte ab Mitte April auf dem Campingplatz Mainufer aufschlagen, nur einen Steinwurf von der Altstadt entfernt (Jahnstraße 12, camping-lohr.de). Weitere bike-freundliche Unterkünfte sind auf der Website der Stadt gelistet.
Der CUBE Store hat die wichtigsten Ersatzteile auf Lager. (Not-)Reparaturen auf Anfrage möglich. Weinbergweg 6, cube-store-rhoen.de
Wer den Tag in der Bikelodge ausklingen lassen möchte, sollte im dortigen Restaurant für das Abendessen reservieren. Denn die Küche lockt mit wechselnden regionalen und internationalen Gerichten. Richtig lecker.
Aber auch wer abends lieber durch die Lohrer Altstadt bummelt, kann an jeder Ecke kulinarischen Verlockungen erliegen:
Tourist-Information, Schlossplatz 5, 97816 Lohr a. Main, lohr.de
Abonnenten des BIKE Magazins oder des Online-Premium-Pakets finden die GPS-Daten der 3 Touren unter bike-magazin.de unter “Mein Bereich” zum kostenlosen Download.
Höhepunkt der Tour ist die Überquerung des Kalbensteins nördlich von Karlstadt. Bei der markanten Steilwand am Ufer des Mains handelt es sich um einen sogenannten Prallhang. Diese entstehen durch Abtragung, weil das Wasser in der Außenkurve eine stärkere Strömung hat als innen. Bereits kurz nach dem Start fädelt man in den ersten Trail ein, der vier Kilometer lang zur Klosterkirche Mariabuchen führt. Dann geht es in welliger Fahrt über die Hochebene zur Ruine Karlburg, die aussichtsreich über Karlstadt thront. Ein Blick nach links über den Main offenbart den weiteren Verlauf der Route entlang der Hangkante. Aber zunächst bietet die Durchquerung der Altstadt Gelegenheit für eine Einkehr. Es folgen feinste Trails mit Aussicht, die erst am Kalbenstein enden, wo statt eines Gipfelkreuzes ein stählernes Edelweiß in den Himmel ragt.
Hinweis: Der gesamte Berg ist ein Naturschutzgebiet, deshalb ausschließlich auf dem markierten Biketrail bleiben! Nach Überquerung des Mains an der Schleuse Harrbach steigt der Weg wieder an zum Rammersberg. Der letzte Trail führt vorbei an der Ruine Schönrain nach Steinbach zurück.
Die Birkenhainer Straße und der Eselsweg waren einst die wichtigsten Verkehrswege durch den Spessart. Der eine von West nach Ost, der andere von Nord nach Süd. Die Runde führt von Lohr nach Norden in die Spessartwälder, um beim Gasthaus Bayrische Schanz auf die Birkenhainer zu stoßen. Am Anfang wartet eine stetige Steigung hinauf zum Staubecken Oberspeicher, teils auf Forststraßen, teils auf Trails. Am See bietet sich einer der seltenen Ausblicke übers Mittelgebirge. Tipp für eine kurze Feierabendrunde: Am See starten einige Trails zurück nach Lohr. Dann taucht die Route wieder ins Unterholz und es geht übers Katharinenbild Richtung Bayrische Schanz. Die heutige Waldschänke war einst eine Zollstation zwischen Bayern und Hessen.
Hier fädeln wir ein in die Birkenhainer Straße Richtung Gemünden nach Osten. Anfangs ein Waldweg, der sich aber bald in eine sage und schreibe 10 Kilometer lange Pfadspur verwandelt. Blicke zur Seite offenbaren hin und wieder die alte Straßentrasse, manchmal als Hohlweg oder nur als parallel verlaufende Gräben im Wald. In Langenprozelten bei Gemünden trifft die Route wieder auf den Main und den Radweg zurück nach Lohr. Zugabe? Der Abstecher in den Märchenwald beschert einen weiteren launigen Trail.
Dreh- und Angelpunkt dieser trailhaltigen Runde ist das urige Forsthaus Aurora oberhalb des Hafenlohrtals. Einziger Wermutstropfen: Die Einkehr hat nur an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Aber damit steht zumindest der Tourtermin fest. Nach einer steilen Pfadrampe unmittelbar am Ortsrand von Lohr geht es vorbei an den Cross-Country-Rennstrecken des RV Wombach. Wer dort eine Runde drehen will: Achtung, anspruchsvoll! Es folgt der Anstieg zum Karl-Neuf-Platz, wo sich am Gipfelkreuz eine schöne Aussicht öffnet. Fakt am Rande: In der Nähe des alten Steinbruchs stürzte im Jahr 1990 eine Transall-Maschine der Bundeswehr ab. Schotterwege führen nun hinüber zum Forsthaus Aurora.
Eine Rast sollte man sich aber bis zur zweiten Passage verkneifen. Lieber erstmal den langen Trail ins Hafenlohrtal abreiten! Und nach der unvermeidlichen zähen Schotter-Auffahrt schmeckt die Jause ohnehin besser. Für den Rückweg nach Lohr haben die Locals ein echtes Trail-Highlight entdeckt: Die so genannte Route 44 zeigt sich meist flowig, überrascht aber mit plötzlich auftauchenden Wurzel- und Holperpassagen. Aufpassen!