Ein bisschen schmunzeln muss ich schon. Eine Fahrrad fahrende Gurke? Die Radbeschilderung mit dem auffälligen gelb-grünen Logo, weist mir nicht nur den richtigen Weg, sondern will mir vermutlich auch sagen: Der Spreewald und die Spreewälder Gurke sind hier untrennbar miteinander verbunden. Das möchte ich mir genauer anschauen. Auf dem Fahrrad. Die Gepäcktaschen auf meinem Bike sind befestigt. Ich freue mich auf eine Rundtour durch den Spreewald mit seiner besonders ursprünglichen Natur. Und Gurken in allen Varianten gehören zu meinen Leibspeisen.
Cottbus ist ein Ort mit Charme. Das fällt mir während meiner kleinen Erkundigungsradtour durch die Stadt sofort auf. Offensichtlich ist es hier gut gelungen, historisches Erbe mit Moderne zu verbinden. Trotzdem ich habe das Gefühl, dass an manchen Ecken die Zeit ein wenig stehengeblieben ist. Etwa an den großen, groben Pflastersteinen und Betonplatten, auf denen meinen Bike stark durchgeschüttelt wird. Neben der Altstadt mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer, sind es vor allem die ruhigen Parks, die mich fast magisch anziehen. Landschaftliche Perlen, wie der von Fürst Pückler gestaltete Branitzer Park mit seiner Wasserpyramide oder der Spreeauenpark mit seinem Rosengarten und dem Tertiärwald. Cottbus, das Tor zum Spreewald ist für mich Start- und Zielpunkt meiner Biketour auf dem Gurkenradweg. Von hier aus werde ich der auffälligen „Gurken“-Radbeschilderung mitten durch das Herz des Spreewaldes folgen.
„Du fährst auch den Gurkenradweg?“ Ich bin ein wenig überrascht, als mich eine ältere Dame auf ihrem E-Bike, etwas außerhalb von Cottbus anspricht. Offensichtlich hat sie meine Radkarte bemerkt, in die ich vertieft bin. Sie stellt sich als Renate vor und beginnt sofort vom Spreewald zu schwärmen. Sie ist in den letzten Tagen die gesamte Strecke geradelt und beendet heute mitten in der Altstadt von Cottbus ihre letzte Etappe. Renate hört nicht auf von den vielen Naturschätzen zu erzählen und macht mir so richtig Lust auf meine Runde. Offensichtlich hat Renate recht. Schon der erste Abschnitt Richtung Peitz ist ein Vorgeschmack auf die einzigartige, vielschichtige Spreewälder Landschaft. Ich radle durch dichte, schattenspendende Laubwälder mit verzweigten kleine Bächlein und Feuchtgebieten. Es ist ruhig und das flache Dahinradeln tut meiner Seele gut. Am Westufer des Cottbuser Ostsees lese ich auf einer Holztafel, dass hier nach 30 Jahre Kohleförderung gerade Deutschlands größter künstlich erschaffener See entsteht. Gleich hinter dem See öffnet sich die Landschaft und macht meinen Blick frei für ein weiteres Naturjuwel: Die Peitzer Teiche, ein riesiges zusammenhängendes Feuchtgebiet, bestehend aus 33 verschiedenen Teichen. Hier lebt unter anderem der legendäre Peitzer Spiegelkarpfen. Im Eisenhütten- und Fischereimuseum von Peitz erfahre ich zudem, dass aus den Teichen jährlich über 500 Tonen Karpfen gefischt werden. Ich bin beeindruckt über die Art und Weise, wie sanft sich der Radweg durch die Landschaft der sensiblen Spreeauen schlängelt. Das Auengebiet wird ständig renaturiert, man will hier wieder zurück zu den ursprünglichen Flussstrukturen mit ihren vielseitigen Lebensräumen. Von Peitz über Maiberg, wo es ein Auerochsen-Reservat gibt, bis nach Burg, wohin bis 1970 die berühmten kurzen Züge der „Spreewald-Guste“ verkehrten, wurde der Radweg so gestaltet, dass das schmale Asphaltband nahezu unauffällig in der Landschaft liegt. Mal leicht erhöht auf Dämmen, mal dem Lauf kleiner Bächlein folgend. Und dann darf ich in Burg endlich den Namensgeber des Radweges kosten: Die original Spreewälder Gurke – direkt aus dem Holzfass. Als die Frau an einem unscheinbaren kleinen Gurkenstand erfährt, dass ich aus Tirol bin, lässt sie die anderen Touristen warten und verköstigt mich mit unterschiedlichsten kleinen Gurkenvarianten. Einfach nur lecker! Ein Bauer, den ich nach dem Ortskern von Burg frage, lächelt ein wenig. Kein Wunder, denn Burg ist keine herkömmliche Stadt, sondern die größte Streusiedlung Deutschlands. Da sich die Spree hier in etwa 300 kleine Wasserläufe aufteilt, haben sich viele Inseln gebildet. Die Höfe, Fachwerksbauten und Blockbohlenhäuser sind großzügig in einer Art Park verteilt. Im originalen kleinen Spreewalddörfchen Straupitz staune ich über die „Schinkelkirche“, ein architektonisches Meisterwerk mit den zwei riesigen, leuchtend weißen Kirchtürmen. Und kurze Zeit später staune ich auch über das eigens nur für mich liebevoll zubereitete Abendessen. Die nette ältere Dame in der Pension, in der ich nächtige, hat mir Matjes mit Kartoffeln vorbereitet und dazu eine große Portion Dill-Gurken. Stolz erzählt sie mir, dass die Spreewälder Gurken einen einzigartigen Geschmack haben, besonders knackig sind und alle ausschließlich von Hand geerntet werden.
Während ich mein Frühstück genieße, lehnt mein ultramodernes Bike an der alten, ehrwürdigen Holländermühle von Straupitz. Die 1640 erbaute Dreifachwindmühle ist nach einer vollständigen Sanierung tatsächlich wieder voll funktionsfähig. Es ist früh am Morgen und daher alles noch ruhig. Und ruhig wird es für mich auch weitergehen. Der Gurkenradweg bietet bis Neuendorf am See eine besondere Wohlfühllandschaft mit viel Ruhe und Natur pur. Auf meinem Weg über die kleinen, ruhigen Dörfer Neue Zauche und Alte Zauche habe ich einen Begleiter: Wind! Er meint es gut mit mir und schiebt mich von hinten an. So kann ich die wunderschöne Landschaft mit den Getreidefeldern und weit verzweigten, kleinen Kanälen genießen, ohne mich anstrengen zu müssen. Blätterrascheln, Windsurren und Vogelgezwitscher, ansonsten ist alles still. In der lebendigen Kleinstadt Lübben mit seinem Schloss aus der Spätrenaissancezeit halte ich nicht an, da ich hier am letzten Tag meiner Reise nochmals vorbei komme und heute einfach nur inmitten des UNESCO-Biosphärenreservates entschleunigen möchte. In Schlepzig, das im Herzen des Unterspreewaldes liegt, treffe ich auf einige einheimische E-Biker. Alle schwärmen von „ihrem“ Reservat, einer einzigartigen Kulturlandschaft mit einem Zusammenspiel aus Wasserwegen, Wäldern, Wiesen, Tieren und Menschen. Ich folge den netten E-Bikern durch eine Region mit viel Landwirtschaft. Einer der Radfahrer erzählt mir, dass es hier zwischen Schlepzig und Neuendorf am See noch viel traditionellen Gemüseanbau gibt. Während die anderen weiterfahren, kühle ich mich im Leuthener See ab und genieße wieder das Alleinsein und die Stille. An meinem heutigen Etappenziel in Neuendorf am See begrüßt mich ein liebevoll gestalteter, bunter Garten mit Karpfenteich, viele geschnitzte Holzfiguren, Blumenbeete und ein altes Bienenhäuschen. Dieses ehemalige Zuhause der Bienen wurde sensibel restauriert und ist für heute Nacht mein Zuhause.
Vorbei an der Schleusen- und Wehranlage bei Unterspreewald bis zum Köthener See müssen meine Beine auf dem flachen, fein schotterigen Weg nur wenig Arbeit leisten. Dann aber folgt der einzige anspruchsvolle Abschnitt des gesamten Gurkenradwegs. Zwischen Köthen und Krausnick gibt es eine „Bergetappe“ hinauf auf den Wehlaberg. Diese verläuft jedoch durch einen derart märchenhaft schönen, verwunschen wirkenden Wald, dass sich die Anstrengung mehr als lohnt. Vom Aussichtsturm am Wehlaberg, hinunter zu den Heideseen, lasse ich dann mein Rad so richtig laufen. Nun ist wieder Entspannung angesagt. In einer großen Schleife führt der Radweg zuerst Richtung Westen bis nach Rietzneuendorf und dann wieder zurück Richtung Osten bis nach Lubolz. Es ist flach, nahezu alles asphaltiert und trotzdem treffe ich fast ausschließlich auf Radfahrer mit Akku-Unterstützung. Wieder ist das Landschaftsbild geprägt von kleinen Kanälen, Gurkenfeldern oder Weizenanbau. Aber auch die leuchtend gelben Köpfe von unzähligen Sonnenblumen begleiten meinen Weg. Mir fällt ein Mann auf, der an einem Rastplatz neben dem Radweg mit einigen Radfahrern diskutiert. Ich halte an und bekomme mit, dass es sich um einen der vielen Mitarbeiter des Biosphärenreservates handelt. Im Spreewald will man zwar Naturerlebnisse hautnah ermöglichen, aber gleichzeitig auch die Einhaltung einiger wichtiger Regeln kontrollieren. In der lebendigen Kleinstadt Lübben mit seinem Schloss aus der Spätrenaissancezeit schiebe ich mein Fahrrad durch den Schlosspark. Obwohl viele Touristen auf hölzernen Kähnen in den Wasserstraßen durch den Park fahren, finde ich hier Ruhe unter schattigen Bäumen. Bei „Gurkenpaule“, einer Institution in Lübben, bekomme ich einen Eindruck davon, wie die Gurken in ihren verschiedenen Geschmacksrichtungen in den speziellen Holzfässern gelagert werden. Abends darf ich einen Hauch von Luxus genießen. Mein heutiges Hotel, das gehobene Strandhaus mit Spa direkt im Park, hat nur mehr ein einziges freies Zimmer zur Verfügung. Und das ist „leider“ eine Suite im obersten Stock – mit persönlicher Sauna. Was für ein Tagesausklang!
Südöstlich von Lübben liegt einer der bekanntesten Orte des Spreewaldes: Das malerische Dorf Lübbenau mit seinen historischen Häusern und Bauernhöfen, dem große Hafen mit Kahnfahrtmöglichkeiten und der sehenswerten Altstadt, gilt für viele als Einstieg in die einzigartige Fließlandschaft. In der Region rund um Göritz und Vetaschau liegen immer wieder ausgedehnte Gurkenfelder direkt neben dem Radweg. Gerne hätte ich mir einen der berühmten „Gurkenflieger“ angesehen, gewaltige flügelartige Erntemaschinen, auf denen die Erntehelfer in liegender Position per Hand die künftigen Gewürzgurken von ihren Pflanzen pflücken. Da aber im Juli die Ernte beginnt, werden die Maschinen gerade noch gewartet. Stattdessen lasse ich mir von einem Bauern in seinem Feld so einiges über die Gurken erzählen. Etwas außerhalb der Stadt Burg, durch die ich schon am ersten Tage meiner Reise gekommen bin, sehe ich eine große hölzerne Tafel mit dem speziellen Logo der Dachmarke Spreewald und darunter das Wort „Hofladen“. Nur Betriebe, die eng mit der Region verbunden sind und regionale Produkte unter Einhaltung strenger Qualitätsstandards anbieten, dürfen das Logo verwenden. Das möchte ich mir anschauen und kurze Zeit später führt mich die freundliche Verkäuferin stolz durch ihren Laden. Gemüse, Obst, Leinöl, Meerrettich, aber auch verschiedene Handwerksprodukte sind hier liebevoll vorbereitet. Und natürlich gibt es mehrere große Holzfässer mit Spreewaldgurken. Ohne ihre selbst hergestellte Spreewälder Grützwurst zu probieren, lässt mich die Verkäuferin nicht wieder gehen. Über die kleinen Dörfer Werben und Briesen führt mich der Radweg zurück zu meinem Ausgangspunkt Cottbus. Ich weiß nicht warum, aber erst jetzt fallen mir die zweisprachigen Ortstafeln auf. Der Spreewald liegt zwar nahe an Polen, aber es handelt sich um eine sorbisch-wendische Sprache, die von der Minderheit der im Spreewald lebenden Sorben gesprochen wird.
Auf den letzten Kilometern hinein nach Cottbus genieße ich nochmals die Ruhe. Aber je näher ich dem Stadtzentrum komme, desto lauter und auch hektischer wird es. Ungewohnt nach der Gelassenheit der letzten Tage. Erst direkt in der Altstadt ist es wieder vorbei mit dem Verkehr. Im Altmarkt, umgeben von historischen Gebäuden, findet heute der Wochenmarkt statt. Die Stimmung ist fröhlich, es ist bunt, verschiedene Düfte liegen in der Luft und die vielen verschiedenen regionalen Produkte sind der reine Augenschmaus. Ich entscheide mich für ein kühles, alkoholfreies Weizenbier, eine Frikadelle und passend zu meiner Radrunde für eine kleine Portion Honiggurken. Etwas Abseits des Marktes setze ich mich mit meiner Jause auf eine Parkbank und denke zurück an die vier Tage auf dem Gurkenradweg. Die Reise hierher in den Spreewald hat sich gelohnt!
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Start/Ziel Cottbus, gesamt 260 km, Zeitangaben entsprechen gemütlicher Fahrzeit, ohne Pausen
Etappe 1: Cottbus – Straupitz, 54 km, flach, 80% Asphalt, 20% unbefestigt, 4 h
Sehenswertes:
Etappe 2: Straupitz – Neuendorf am See, 68 km, flach, 70% Asphalt, 30% unbefestigt, 5 h
Sehenswertes:
Etappe 3: Neuendorf am See – Lübben, 58 km, 150 hm bergauf, 50% Asphalt, 50% unbefestigt, 4,5 h
Sehenswertes:
Etappe 4: Lübben - Cottbus, 63 km, flach, 60% Asphalt, 40% unbefestigt, 5 h
Sehenswertes:
Start/Ziel Cottbus
Auto/Bus: A15, Abfahrt Cottbus, Infos Verkehr: www.adac.de/verkehr/verkehrsinformationen/de
Info + Buchung Bus: www.flixbus.at/fernbus/cottbus
Bahn: Zentraler Knotenpunkt für Brandenburg, aus allen Richtungen Fahrpläne/Reservierungen: www.bahn.de
Wichtig: Auf überregionalen Zügen unbedingt vorzeitig Fahrradmitnahme reservieren (ICE nur sehr geringe Kapazität). Infos: www.bahn.de/service/individuelle-reise/fahrrad
Entlang der Originalroute ADFC zertifizierte „Bett + Bike Betriebe“ (Fahrradabstellplatz, Werkzeuge, Trocknen von Kleidung + Ausrüstung, Infos zur Infrastruktur)
Infos: www.bettundbike.de/ und www.adfc.de/artikel/adfc-bett-bike
Autorentipps (alle Unterkünfte sehr Radfahrer freundlich):
Cottbus: Best Western Parkhotel Branitz Sauna & Spa Branitz kann kostenlos mitbenützt werden, www.bestwestern.de/hotels/Cottbus
Straupitz: Spreewaldpension Winzer sehr netter Familienbetrieb, Besitzerin kocht persönlich, www.spreewald-pension-winzer.de
Neuendorf: Pension Haus am See sehr romantischer Betrieb, Übernachtung im „Bienenhäuschen“, www.spreewaldhaus-zum-see.de
Lübben: Strandhaus Spreewald luxuriös, Oase direkt im Park, sehr freundliche Besitzer, www.strandhaus-spreewald.de
Ausreichende Möglichkeiten nur in allen größeren Orten, daher ein wenig Vorausplanung notwendig. Schwerpunkt regionale Kost
Autorentipp: Unbedingt Besuch eines regionalen Hofladens oder Bauernmarktes, Spreewald-Spargel probieren und Spreewald-Gurken in verschiedenen Geschmacksrichtungen
Da die Route nahezu flach ist und etwa zu 75% auf asphaltierten Radwegen und verkehrsarmen Nebenstraßen verläuft, ist sie besonders familientauglich (auch E-Biker). Es gibt keine besonders anspruchsvollen Abschnitte. Der gesamte Gurkenradweg ist durchgehend sehr gut beschildert (Richtungspfeile mit Zusatzsymbol „Radfahrende Gurke“, Farben grün und gelb), großteils mit km-Angaben zu den nächsten Orten. Eine zusätzliche App zum Navigieren ist nicht notwendig. Fahrradläden, E-Bike-Ladestationen, Werkstätten sind nur in größeren Orten vorhanden. Autorentipp: Kleines Erste-Hilfe Set mitnehmen!
Der Gurkenradweg hat mich mit seiner besonderen Mischung aus Natur, Kultur und kulinarischen Genüssen begeistert. Auf den 260 Kilometern durch den Spreewald fand ich stille Wege, weit verzweigte Kanäle, ursprüngliche Dörfer und freundliche Menschen. Die Route ist überwiegend flach, gut beschildert und auch für weniger trainierte Radfahrende geeignet. Für mich war diese Reise vor allem eines: eine wohltuende Auszeit vom Alltag.
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