Gravel-Abenteuer von München an die Ostsee„Dude, ab ans Meer!“

Dimitri Lehner

 · 02.02.2026

Der Bruder nervt, die Handballen sind taub, der Hintern zwickt: Rollen bis es keinen Spaß mehr macht.
Foto: Lehner-Brothers
Zwei Brüder fahren mit dem Gravelbike von München an die Ostsee. Tausend Kilometer. Viel Zeit zum Denken, zum Streiten, zum Schweigen. Und am Ende steht die Frage, warum man sich das überhaupt antut – und warum man genau das tun muss.

1000 Kilometer Gravel-Tour

1000. Eine Zahl, die sich nicht klein rechnen lässt. Sie steht einfach da. Sie erschreckt uns beide – Laurin und mich. Dabei ist sie nichts weiter als eine Strecke: von München an die Ostsee. Tausend Kilometer. Und genau dahin wollen wir.

Mein Bruder war noch nie am „deutschen Meer“. Jetzt bekommt er kalte Füße und starrt auf das kleine Display an meinem Lenker. Coros-Navigator. Unser Orakel. Es soll uns wegführen von Asphalt und Beton, hinein in Wälder, Wiesen, Seitenwege. Und tatsächlich: Schon nach wenigen Kilometern folgen wir der Isar hinaus aus München.

Der Fluss schneidet sich durch die Stadt, vorbei am Deutschen Museum, unter schweren Steinbrücken hindurch. Dann wird es leiser. Auwälder, Stromschnellen, flaschengrünes Wasser. Fliegenfischer stehen darin, reglos, als hätten sie beschlossen, Teil der Landschaft zu werden.


Vergiss die Zahl. Vergiss 1000.

In Neufarn essen wir Spaghetti Napoli und trinken helles Bier. Laurin rechnet auf seinem Handy Tagesetappen.
„Vergiss die Zahl“, sage ich. „Lass die Beine fallen. Bis zum Meer.“
„Gar nicht so leicht“, sagt er.

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Wir fahren durch einen grünen Tunnel, die Isar immer an unserer Seite. Gravelbikerinnen ziehen vorbei, große Sonnenbrillen auf schlanken Nasen. Wir cruisen, wollen Kräfte sparen.
An einer Tankstelle frage ich Laurin, ob wir eine Karte kaufen sollen.
„Tankstellenpreise!“, sagt Laurin.
„Stimmt, dann warten wir auf einen Karten-Discounter!“, sage ich.
Wir lachen und rollen in den Sonnenuntergang.

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Stadt, Land, Fluss

Die Nacht verbringen wir bei Luki in Kelheim. Am nächsten Morgen begleitet er uns ein Stück auf seinem Trailbike und lotst uns durch den Frauenholz. „Dieser Wald war im Ersten Weltkrieg Holzlieferant Nummer eins“, sagt er. Wir schauen fragend. „Bohlen für die Gräben von Verdun und Flandern. Särge vermutlich auch.“ „Gruselig“, sagt Laurin. Und plötzlich sehen die Bäume anders aus.

Es ist noch früher Morgen – Jetzt erst mal: Cappuccino! Luki empfiehlt das Café Servus zur Mühle, direkt an der Naab. Dann entlassen wir unseren Guide und folgen wieder dem Coros am Lenker. Morgensonne, Sandwege, Stille. Nur das leise Zwitschern der elektronischen Schaltungen beim Gangwechsel. Über Land auf Radwegen, durch Wälder, entlang Flüssen mit müdem Wasser voller Algen, vorbei an Tennisplätzen und Anglerheimen. In Kallmünz essen wir Eierlikörtorte. Die Naab fließt so dicht unter der Caféterrasse vorbei, dass man die Füße ins Wasser baumeln lassen könnte.

Ich will ein dunkles Bier bestellen.
„Zu früh“, sagt Laurin.
Also Cappuccino.

Oh mei, wie schön! Und gleich beide Komiker auf dem Foto. In Kallmünz/Oberpfalz.Foto: TouristinOh mei, wie schön! Und gleich beide Komiker auf dem Foto. In Kallmünz/Oberpfalz.

Zeitreise

Über 300 Kilometer in zwei Tagen. Es läuft. Wir sitzen im Schatten eines Apfelbaums und schauen auf Grafenwöhr. Ich denke an unseren Opa. Im Sommer 1942 erprobte er hier als Hauptmann in schwarzer Uniform den neuen Wunderpanzer: den Tiger. Jetzt fliegen Black-Hawk-Helikopter über uns hinweg. Rotorblätter wummern, Haubitzen donnern in der Ferne – heute spielt die US-Army auf dem Truppenübungsplatz Krieg.

Wir finden einen Moorsee im Kiefernwald. Sonne, glitzerndes Wasser, Frieden – runter vom Rad, raus aus den Klamotten, rein in den See – herrlich!


Hoch und runter

Die Oberpfalz ist ein ständiges Auf und Ab. Ein Schild: Skihütte Kornberg.
„Schlechtes Zeichen“, sage ich.

Wir quälen uns hoch, zählen fast die Speichen. Oben kurz Glück, dann mit siebzig Sachen hinunter. Unten sofort wieder hoch. Wasser holen wir auf Friedhöfen. Graveller-Wissen.

Unser Nachtlager: ein verlassener Steinbruch. Felsen, ein See, alleine. Um 1:50 Uhr beginnt es zu regnen. Erst zögerlich, dann entschlossen. Wir fliehen unter das Vordach einer alten Fabrik, drücken Brennnesseln platt, schlafen schlecht. Auch so kann’s laufen.

Notbiwak unterm Fabrikdach: schlecht geschlafen.Foto: Lehner-BrothersNotbiwak unterm Fabrikdach: schlecht geschlafen.

Gibt’s doch nicht!

Die Kokosschnitte in Feilitzsch ist furchtbar. Das Klo großartig. In Plauen marschiert ein Bodybuilder mit nacktem Oberkörper aus seinem Opel Vectra Cabrio direkt in den Lidl. Am Schwarzen Brett hängt ein Zettel: „Gebiss gefunden!“

In Elsterberg beschwört uns ein älterer Herr, dass wir auf der Rückfahrt mit den Rädern von der Ostsee unbedingt hier das Umland erkunden müssen. Laurin lacht den ganzen Nachmittag über diesen Witz – Rückfahrt mit den Rädern!

Wir finden in Greiz kein Gasthaus, nur Döner, Asia, Pizza. Rollen auf Waldpfaden an der Weißen Elster entlang, kommen kaum voran. Ich springe in einen Fischteich, um das klebrige Gefühl der Nacht loszuwerden. „Jetzt bist du schleimiger als vorher“, sagt Laurin.
Ich angle mir die Wasserlinsen von der Schulter und lasse mich von der Sonne trocknen.

Langsames Vorankommen: in Sachsen.Foto: Lehner-BrothersLangsames Vorankommen: in Sachsen.

​Knie, Knochen, Rad

Klonk. Hat mein Tretlager Spiel?
„Dein Bike ist neu“, sagt Laurin.

Auf solchen Reisen verschmelzen Mensch und Maschine. Knie zwicken, Augen tränen, Reifen verlieren Luft. Man kann wenig tun, außer weiterfahren. Den Regen allerdings boykottieren wir. Die Wetter-App verspricht Dauerregen. Wir nehmen den Zug.

​Bescheißen: Ein kleines Stück mit dem Zug

Wir fahren Zug. Ein Stück nur. Raus aus dem nassen Gera, unter grauem Himmel hindurch nach Norden. „Bescheißen wir?“, fragt Laurin. „Vielleicht“, sage ich. „Aber niemand interessiert sich dafür.“ Er: „Zugfahren ist besser als einen Tag mit mit nassem Hintern rumzustrampeln?“ Ich: „Richtig!“

In Brandenburg wird es flach. Der Lenker lebt, bockt, schnurrt. Sand, Pflaster, Wurzeln. So sensibel habe ich Untergrund zuletzt beim Rollerbladen in den Neunzigern wahrgenommen.

Über weichen Waldboden: immer Richtung Norden.Foto: Lehner-BrothersÜber weichen Waldboden: immer Richtung Norden.

Bruderliebe

Natürlich streiten wir. Über Richtungen. Über Essen. Über Extrakilometer. Ich will mehr als ankommen. Ich will ans richtige Meer. Kreidefelsen. Rügen.
„Du spinnst“, sagt Laurin.

Am Wolblitzer See kapitulieren wir vor den Mücken und nehmen eine Pension.
Eine Nacht drauf schlafen wir auf einer Grabkapelle im Stadtpark. Wir oben, der alte Adel unten.

Nacht an der Grabkapelle: Wir schlafen oben, der alte Adel unten.Foto: Lehner-BrothersNacht an der Grabkapelle: Wir schlafen oben, der alte Adel unten.

Die Ostsee: Endlich angekommen

In Stahlbrode rollen wir auf die Fähre. Der Bodden zählt nicht, finde ich.
Auf Rügen dann Pflastersteine, Kastanienalleen.
Ein letzter Hügel. Seebad Binz. Dahinter: die Ostsee. Blau. Weit.

Wir lehnen die Räder an einen Strandkorb, reißen die Klamotten vom Leib, rennen ins Wasser.

Ziel erreicht: Seebad Binz auf Rügen. Da ist sie die Ostsee, blau und weit.Foto: Lehner-BrothersZiel erreicht: Seebad Binz auf Rügen. Da ist sie die Ostsee, blau und weit.

Langstreck’ler

„Bist du ein Ultra?“, frage ich, in Anspielung an die Ultra-Longdistance-Graveller, die süchtig werden vom Kilometerfressen.
„Nein“, sagt Laurin. „Mein Hintern sagt nein.“
Als Belohnung für die erfüllte Mission verspreche ich ihm ein Fünf-Sterne-Hotel mit Meerblick.

Prora. Der Koloss von Rügen. Nazi-Beton.
20.000 Arbeiter sollten in diesem Superhotel gleichzeitig Urlaub machen können, direkt am Meer.
Nach dem Krieg ein Lost Place, heute Luxus-Appartements. Bis auf Block 6.

Wir klettern über Stahl. Schutt. Steine.
Hoch in die dritte Etage, Meerblick über Baumwipfel.
„Und?“, frage ich.
„Fünf Sterne – wirklich?!“, sagt Laurin.
Wir lachen.

Die Strecke


München -- Freising -- Abendsberg -- Saal an der Donau -- Kelheim -- Nittendorf -- Kallmünz -- Amberg -- Pressnath -- Rehau -- Feilitzsch -- Plauen -- Elsterberg -- Greiz -- Gera -- (Zug nach Bad Belzig) -- Brandenburg an der Havel -- Neuruppin -- Rheinsberg -- Wesenberg -- Neustrelitz -- Neubrandenburg -- Altentreptow -- Gützkow -- Greifswald -- Stahlbode -- Putbus auf Rügen -- Seebad Binz auf Rügen

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