Gitta Beimfohr
· 30.09.2026
36.000 Tonnen Wettersteinkalk lösten sich am vergangene Woche am 22. September in der Tiroler Zugspitznordwand nahe der deutschen Grenze. Der erste Block brach morgens um 7 Uhr ab, der zweite stürzte eine Stunde später mit bis zu 200 Stundenkilometern ins Tal. Weit bröckelten die 13.800 Kubikmeter Gott sei Dank nicht. Das meiste wurde von Felsvorsprüngen aufgefangen. Doch der Abbruch sorgte für eine gigantische Staubfontäne, die noch mehrere Stunden in der Luft hing.
Felsabbrüche sind generell keine Seltenheit in den steil abfallenden Wänden des Wettersteinmassivs, doch dieser große Felssturz überraschte auch Forscher und Wissenschaftler. Inzwischen hat ein Geologen-Team der TU München die Abbruchstelle mit Drohnen abgeflogen und Seismische Daten analysiert. Demnach ist in der 80 Grad steilen Felswand doch mehr Gestein abgegangen, als ursprünglich angenommen: die Abbruchstelle liegt auf 2800 Metern Höhe (Permafrostbereich), ist 100 Meter lang, 40 Meter breit und drei Meter dick.
Auslöser sei die große Hitze dieses Sommers gewesen. Sie habe den Permafrost der Nordwand soweit schmelzen lassen, dass sich die Gesteinsmassen lösten. Eine Zeitverzögerung, die man auch bei diversen anderen Felsstürzen in den Alpen beobachten kann. Sie passieren immer eine ganze Weile nach einer Hitzeperiode, weil die Wärme in den Felsen nur langsam tiefer sickert und den Permafrost, also den Klebestoff im Gestein, auftaut. So baut sich im Fels ein hydrostatischer Druck auf, der Wochen später entsprechende Sprengwirkung zeigen kann. Laut Messungen zeigt die Abbruchstelle derzeit gefrorenes Gestein mit einer Temperatur von minus 0,7 Grad.
Die Temperatur in der entstandenen Felsnische wird nun mit Infrarotkameras gemessen. Zusätzlich soll ein Laserscanner eingerichtet werden, der im Umkreis von vier Kilometern auch die kleinste Felsbewegung erkennt. So könne rechtzeitig vor einem weiteren Abbruch gewarnt werden, denn solche Felsstürze kündigen sich Tage bis Wochen vorher an. So wie in der Partnach- und der Höllentalklamm, wo diese Technik bereits eingesetzt wird. Sie liefert hochpräzise 3D-Daten, die Felsstürze und Steinschlagaktivitäten exakt lokalisieren und Frühwarnzeichen erkennen.
Die Biketour zur Reintalangerhütte gehört zu den beliebtesten Touren im deutschen Teil des Wettersteinmassivs. Sie klettert von Garmisch-Partenkirchen ebenfalls die steilen Nordflanken der Zugspitze hinauf und endet im schluchtartigen Tal an der Hütte. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren dort zu Steinschlägen. Die einst von Elmar Moser beschriebenen beiden Badegumpen wurden schon vor Jahrzehnten von Felsstürzen zugeschüttet. Als “historisch” gilt der letzte große Felssturz im August 2005, der die berühmte “Blaue Gumpe” mit Geröll zuschob.
Auch aus diesem Grund steht das Reintal für die Hang-Spezialisten der TU München immer wieder im Fokus penibler Messungen. Demnach schwindet der Permafrost in den hochalpinen Wänden über dem Reintal drastisch, ihre Stabilität sei massiv gefährdet. Wissenschaftliche Langzeituntersuchungen zeigen, dass hier die Felstemperaturen im vergangenen Jahrzehnt um rund 1 Grad gestiegen sind und die dauerhaft gefrorene Oberfläche in den Messbereichen um fast 40 Prozent zurückgegangen ist.
Aufgrund des Felssturzes vom 22. September wird es nun weitere Untersuchungen geben, um die Temperaturausbreitung in den Gesteinsschichten besser zu verstehen. Die Einrichtung des Laserscanners soll daher zeitnah passieren, damit die gesamte Breite der Zugspitz-Nordwand beobachtet und rechtzeitig vor Fels- und Bergstürzen gewarnt werden kann.
Auch die Inseln im heutigen Eibsee führen Wissenschaftler heute auf einen massiven Felssturz zurück, der sich vor 4000 Jahren ereignet haben soll. Damals brach der einst über 3000 Meter hohe Gipfel der Zugspitze ab und Trümmerteile davon sollen im Eibsee gelandet sein: die heutigen Inseln im See.

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