Deutschland-Serie Teil 3Oberpfalz

Sebastian Brust

 · 16.10.2013

Deutschland-Serie Teil 3: OberpfalzFoto: Matthias Rotter
Deutschland-Serie Teil 3: Oberpfalz

Im kalten Krieg war der Oberpfälzer Wald entlang der tschechischen Grenze Niemandsland. In drei MTB-Etappen haben wir den "Woid" und seine einst verbotenen Wege erkundet. Mit GPS-Daten zum Download!

Mein Gott, hier könnte ruhig mal jemand aufräumen. Wie Mikado-Stäbchen liegen umgefallene Bäume kreuz und quer. Und wo keine Barrieren den Weg versperren, ragen zumindest die piksigen Äste des Tannenwaldes in die Pfadspur. Ihre Nadeln malträtieren im Vorbeifahren Waden, Arme und Gesicht. Ritzen fast eine Art Tattoo. Die Hitze steht im Wald wie eine dickflüssige Masse. Schweißbäche rinnen über die Schläfen und tropfen vom Kinn aufs Oberrohr. Nur nicht stehen bleiben! Sonst machen sich unverzüglich durstige Stechmücken über die blanken Hautstellen her. Nach der ersten Etappe auf dem Luxusweg Goldsteig kommt uns der Nurtsch­weg abschnittsweise fast vor wie ein Urwaldpfad. Wir schlagen uns im Schneckentempo hoch zum Grenzkamm. "Dou obm is auf jöden Fall wiedr a foahrbarer Trööl", keucht unser Anführer im breitesten Oberpfälzer Dialekt. Selbst nach drei Tagen habe ich die Feinheiten der örtlichen Phonetik noch nicht so ganz durchschaut. Nur dass "ö" und "ou" eine gewichtige Rolle spielen. Nach einer letzten Steilrampe sind wir offensichtlich am Ziel. "Achtung Staatsgrenze" warnt ein zerbeultes Schild der Bayerischen Grenzpolizei noch aus den Zeiten des kalten Krieges. Und weiter: "Benutzung des Weges verboten." Aber das war einmal. Heute zählt der Pfad entlang der tschechischen Grenzlinie zu den Highlights auf dieser Runde durch den Oberpfälzer Wald. Griffiger Erdboden umschmeichelt die Stollenreifen, ein Teppich aus Tannennadeln polstert zusätzlich, nur ab und zu unterbricht eine Wurzel-Passage den Flow. Schließlich soll das teure Fully-Fahrwerk ja auch was zu tun bekommen. Ein "foahrbarer Trööl" in jeder Hinsicht.

Verlagssonderveröffentlichung
  Ehemaliges Niemandsland: am tschechischen Grenzkamm.Foto: Matthias Rotter
Ehemaliges Niemandsland: am tschechischen Grenzkamm.

Untergrund wechselt im Zwei-Minuten-Takt

Wer später bremst, ist länger schnell. Von Bikern, deren Autoheckscheibe ein solcher Aufkleber schmückt, kann man durchaus erwarten, dass sie mehr im Schilde führen, als aufgestylt zur Eisdiele zu rollen. Der Verdacht erhärtet sich, als Matthias Lenk und sein Kumpel Wolfgang ihre langhubigen Maschinen am Start in Waldershof vom Träger hieven. Eine Dreitages-Tour mit fetten Enduros, das sieht schon mal sympathisch aus. "Nur a weng Komfort", dämpft der Local aus Windischeschenbach meine Hoffnungen auf allzu viele Bergab-Freuden. Denn die Topografie der Gegend ist typisch Deutsch: ständige, kurze Steilrampen und ebenso kurze Abfahrten, auf denen man sich kaum erholt. Doch bereits nach wenigen Kilometern wird klar, dass diese an sich schmerzhafte Tatsache dem Fahrspaß keinen Abbruch tut. Der Untergrund wechselt im Zwei-Minuten-Takt: Feldweg, Wiesentrampelpfad, Schotterpiste, Wurzel-Trail – wem hier beim Biken langweilig wird, dem ist nicht mehr zu helfen. Überaus sympathisch auch die Verpflegungssituation an der Strecke. Mit einem Bierbrauer als Bruder und Informant weiß Matthias im Schlaf, welche Gasthöfe unbedingt anzusteuern sind.

  Typischer MTB-Trail im Oberpfälzer Wald.Foto: Matthias Rotter
Typischer MTB-Trail im Oberpfälzer Wald.

Einkehr nach dem Zoigl-Stern

Bewertet hat er sie nach einem ganz persönlichen "Schnitzel-Index" – was unmissverständlich auf seine Lieblings­energieriegel hinweist. Oder man richtet sich bei der Wahl der Einkehr einfach nach dem sogenannten
Zoigl-Stern. Dabei handelt es sich um ein regionales Bier, welches die örtliche Bevölkerung traditionsgemäß in Eigenregie brauen darf. Und dort, wo besagter sechszackiger Stern vor der Tür baumelt, gibt’s stets eine zünftige Brotzeit und Zoigl. "Auf geht’s, jetzt aber schnöll weiter", reißt uns der Guide rüde aus der Hinterhofgemütlichkeit. "Mia ham no a boar Külomeder vor uns." Klar, dass man sich nach einer solch leckeren Jause mit dem Pedalieren etwas schwer tut. Doch die Trägheit ist mit dem Einfädeln in den nächsten Trail verflogen. Wir folgen der Waldnaab, die sich mit zahlreichen Kurven durch die Gegend schlängelt. Das Flüsschen hat sich so tief in die Landschaft gefräst, dass die Konstrukteure der A93 mit dem Brückenbau ganz schön Mühe hatten. Darunter ein Canyon mit eigentümlichen Riesenpflanzen, ausgehöhlten Steinen, Wasserstrudeln und Eisvögeln. Eine andere Welt.

  Das weltberühmte Zoigl-Bier gehört bei einem Einkehr-Stopp dazu.Foto: Matthias Rotter
Das weltberühmte Zoigl-Bier gehört bei einem Einkehr-Stopp dazu.

Auf den Goldsteig folgt der Nurtschweg

Auf dem Nurtschweg haben wir auf der dritten Etappe inzwischen den höchsten Punkt unserer Fahrt erreicht. Irgendwo im "Woid". Nicht mal Tausend Meter über Meer und doch mit ziemlich strapaziertem Muskelapparat. Dann plötzlich noch eine kleine Sensation! Ein gravierter Stein auf einer Lichtung verkündet, dass wir uns genau hier angeblich im Mittelpunkt Europas befinden. Leider verhindert eine neuerliche Stechmückenattacke sowohl ein Beweisfoto als auch die eingehendere Beschäftigung mit dieser Angelegenheit. Und überhaupt widmen wir uns lieber intensiv dem endlich beginnenden Downhill. Denn wer später bremst, ist schließlich länger schnell.

MTB-Tour durch die Oberpfalz

Unsere Rundtour durch den Oberpfälzer Wald teilt sich auf in drei Etappen. Mit insgesamt 200 Kilometern und 4300 welligen Höhenmetern ist die Runde zwar keine Spazierfahrt, aber auf jeden Fall ein großes Vergnügen. Denn immer wieder sorgen Singeltrail-Abschnitte für Abwechslung und Glücksgefühle.


Das Revier Der Oberpfälzer Wald (bzw. Böhmischer Wald auf tschechischer Seite) schließt im Norden an den Bayerischen Wald an. Das etwa 100 Kilometer lange Mittelgebirge verläuft entlang der deutsch-tschechischen Grenze, zwischen Waldmünchen im Süden und Waldsassen im Norden. Sein höchster Berg, der Cerchov, überragt knapp die Tausend-Meter-Marke. Mit Goldsteig (Marktredwitz – Passau) und Nurtschweg (Kappl – Waldmünchen) durchziehen den Wald zwei große Fernwanderwege. Dazwischen ein dichtes Netz von weiteren markierten Routen, wie beispielsweise Burgen- und Glasschleiferweg.


Anreise Aus Süden (Regensburg) und Norden (Hof) über die A93 sind alle größeren Orte entlang des Oberpfälzer Waldes schnell erreichbar.


GPS-Daten/Karten Kompass-Wanderkarten 1:50000, Nr. 192 (Nördlicher O.-Wald, ISBN 978-3854911272) und Nr. 193 (Mittlerer O.-Wald, ISBN 978-3854911289). Die GPS-Daten unserer Rund-Tour stehen unten zum Downloaden bereit.


Touren Auf seiner Homepage www.mtboberpfalz.de stellt Local Matthias Lenk viele Routen durch seine Heimat mit Beschreibung und GPS-Daten vor. Guide-Service auf Wunsch.

Die drei MTB-Etappen im Oberpfälzer Wald


1. Waldershof – Oberhöll (67,8 km, 1577 hm, Fahrzeit 6 Stunden)

Goldsteig und Burgenweg laufen auf der ers­ten Etappe parallel. Statt in Marktredwitz ist jedoch ein Start im benachbarten, ruhigeren Waldershof empfehlenswert. Großer Parkplatz am Sportgelände. Die Route ist perfekt ausgeschildert (goldgelbe Schlangenlinie). Erste Hürde ist die Ruine Weißenstein (863 m), gebaut zwischen bizarren Felstürmen. Nach Durchquerung einer idyllischen Seenlandschaft südlich von Wiesau erreicht man die Burg Falkenberg. Ab hier folgt die Route über Windischeschenbach dem mäandernden Lauf der Waldnaab. Mehrfach wird die A93 unterquert, die das tief eingeschnittene Tal auf hohen Brücken überspannt. Rast-Tipp Windischeschenbach: Dort, wo der Zoigl-Stern vor der Türe hängt, gibt’s das berühmte Zoigl-Bier und eine Brotzeit. Am Ende nochmals hoch zum Vierling-Aussichtsturm (633 m).
Übernachtung: Hölltaler Hof, Oberhöll 2, 92637 Weiden, Tel. 0961/4703940, www.hoelltaler-hof.de

  Oft verstecken sich die Wege im Wald, aber nicht immer.Foto: Matthias Rotter
Oft verstecken sich die Wege im Wald, aber nicht immer.


2. Oberhöll – Bärnau (60,2 km, 1408 hm, Fahrzeit 5 Stunden)

Nach einigen schmerzhaften Wellen gleich nach dem Start führt ein netter Trail hinunter ins Tal des Leraubachs und weiter durch die kleine Wolfslohklamm. Die folgende Rampe hinauf zur Burg Leuchtenberg kostet wieder einige Körner. In Leuchtenberg verlässt man den Goldsteig. Ein flowiger Singletrail (weiß-blaue Markierung) kurvt in Richtung Vohenstrauß, wo man auf dem Bockl-Radweg, einer ehemaligen Bahntrasse, zügig weiter nach Osten rollt. Ab Pleystein folgt man dem Glasschleiferweg (Glas-Symbol) durchs wildromantische Zottbachtal. Unbedingt einen Blick in die historische Glasschleiferei an der Hagenmühle werfen. Rast-Tipp: Brotzeitstüberl in der historischen Mühle in Gehenhammer (Georgenberg). Nach dem Anstieg zur Ruine Schellenberg folgt eine herrliche Waldweg-Passage entlang der tschechischen Grenze.
Übernachtung: Gasthof zur Post, Marktplatz 8-9, 95671 Bärnau, Tel. 09635/9249630, www.gasthofzurpost-baernau.de

  Historische Werkstätten und Mühlen erinnern an die Blütezeit der Glasherstellung. Die Basaltkegel und Felsen hingegen an die alten Vulkane der Oberpfalz.Foto: Matthias Rotter
Historische Werkstätten und Mühlen erinnern an die Blütezeit der Glasherstellung. Die Basaltkegel und Felsen hingegen an die alten Vulkane der Oberpfalz.


3. Bärnau – Waldershof (71,7 km, 1263 hm, Fahrzeit 6.30 Stunden)

Von Bärnau bis kurz hinter Neualbenreuth folgt die Route großteils dem Nurtschweg (gelb-rot-gelbe Markierung). Ausnahme: Von Mähring bis hinauf zum tschechischen Grenzkamm folgt man besser der Straße. Auf diesem Abschnitt ist der Wanderweg teilweise eingewachsen und unwegsam. In ständigem Auf und Ab geht es auf alten Pfaden entlang des Grenzkamms. In der Nähe des tschechischen Tillenbergs (Dylen) passiert man an einem Markierungsstein den geografischen Mittelpunkt Europas, zumindest einen davon. Am Grenzlandturm lohnt sich ein letzter Blick über das Gebirge, bevor das zähe Finale über Mitterteich zurück nach Waldershof beginnt. Am Teichlberg im Steinwald, einem alten Basalt-Vulkankegel, sollen noch Luchse und andere Wildkatzen durchs dunkle Gehölz streifen.
Übernachtung: Landgasthof zum Hirschen, Rodenzenreuth 5, 95679 Waldershof, Tel. 09231/7557, www.zum-hirschen.com


Die Tourenbeschreibungen und die GPS-Daten zur Mountainbike-Tour durch den Oberpfälzer Wald finden Sie unten als Download.

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