Christiane Bertelsmann
· 05.11.2024
Ganz Miltenberg hat sich rausgeputzt: Kaum ein Mensch auf der Straße, der nicht Dirndl oder Lederhose trägt oder zumindest ein oktoberfesttaugliches T-Shirt aus dem Schrank gekramt hat. Derart zünftig bekleidet geht’s Richtung Main. Denn da ist die Michaelismesse, das größte Volksfest der Region. Ein riesiges hölzernes Festzelt mit Platz für mehr als 3000 Gäste, Kettenkarusselle und andere Fahrgeschäfte, die üblichen Verkaufs- und Verköstigungsbuden und das alles vor der dekorativen Mainkulisse: Verständlich, dass sich so viele Menschen von der Ende August stattfindenden Festlichkeit angezogen fühlen.
Wir mit unseren Rädern sind froh, dass wir das hübsche Fachwerkstädtchen weitestgehend für uns haben und lassen uns, bevor wir starten, von unserer resoluten Stadtführerin Dorothea Zöller mehr über Miltenberg und seine Geschichte erzählen. Dorothea entpuppt sich im Lauf der Führung als personifiziertes Wikipedia – sie weiß einfach alles. Über den berühmten Gasthof Riesen, einen der ältesten in Deutschland und wahrscheinlich älter als Miltenberg selbst, woher das Schnatterloch – der obere Teil des fachwerkhäuserumstandenen mittelalterlichen Marktplatzes – seinen Namen hat: Nicht etwa, weil auf dem Marktplatz so viel geschwatzt und geschnattert wurde, sondern möglicherweise von dem mittelalterlichen Wort Snade oder Schnade für Schneise, womit der Einschnitt zwischen Schloßberg und Greinberg gemeint gewesen sein könnte. Natürlich kann uns Dorothea auch zeigen, wo im Mittelalter die Synagoge, das Bordell und die zwölf öffentlichen Brunnen waren. Und sie bringt uns gleich einen Fakt näher, der uns die ganze Zeit begleiten wird auf unserer Reise durch Churfranken: „Wir lassen uns hier Zeit – langsam leben, das ist unser Motto“. So wie ein Brotteig Zeit bekommt, damit er fluffig aufgehen kann. Oder das Gemüse, das bis zur Erntereife am Strauch bleiben darf. Oder der Wein. Doch dazu später, erstmal: auf in den Spessart. Kurz zur Erklärung: die Region Churfranken, die wir per Rad erkunden, liegt zwischen Spessart und Odenwald im Maintal und gehört zu Nordbayern, genau gesagt zu Franken. Auf einer Karte wird man den Begriff Churfranken bislang aber vergeblich suchen, denn den haben sich Touristiker ausgedacht.
Schon auf den ersten Kilometern unserer Tour fallen die mächtigen rotbraun leuchtenden Buntsandsteinfelsen auf, die sich entlang des Mainufers hochziehen. Die rötlichen Steine findet man dann bei den Burgen, genau gesagt den Burgruinen wieder, von denen wir auf unserer Tour auch eine ganze Anzahl zu sehen bekommen. Hoch oben überm Main thronen sie. Eine davon, die Burgruine Henneburg bei Dorfprozelten, schauen wir uns auf unserer Tour den Main entlang genauer an. Als Burgfräulein gewandetet, führt uns die mittelalterbegeistertet Petra Werthheim durch die gut erhaltene mächtige Burgruine, die übrigens im Besitz des Landes Bayern ist. Erreichtet wurde sie um 1160 als Machtdemonstration gegen Würzburg. „Zu ihren Hochzeiten lebten hier 200 Menschen des Deutschen Ritterordens, das war wie eine kleine Stadt“, erklärt uns Teilzeit-Burgherrin Petra. Als die Ritter abzogen, verfiel die Burg. Erst die Romantiker, allen voran Ludwig I. von Bayern mit seinem Hang zum dekorativen Verfall, entdeckten sie wieder.
Wir könnten noch sehr viele Burgen ansehen, auch Klöster, oder in den hübschen Fachwerkstädtchen halt machen. Doch ein paar Kilometer wollen wir vorankommen, denn auch vom Rad aus lässt es sich hervorragend besichtigen. Und mit den Rädern den ruhig dahinfließenden behäbigen Main entlangzurollen, hat fast etwas Meditatives.
In Erlenbach treffen wir Verena Waigand, eine junge Winzerin, die zusammen mit ihrer Familie einen Weinberg bewirtschaftet. Wir haben die Räder hoch auf Verenas Weinberg geschoben, denn es ist wirklich richtig steil. Dafür ist der Blick gigantisch: wir scheinen fast über dem Maintal zu schweben. Gerade knallt die Sonne heftig auf den Weinberg und heizt die rötliche Erde auf. „Wir können den Weinberg nur von Hand bewirtschaften“, sagt Verena. Gerade mal eine Motorsense nutzt sie. Und einen Mini-Traktor aus den 50er Jahren. Verena stört die Mehrarbeit nicht. „Ich kenne das ja seit ich ein Kind bin“, sagt sie. Zwei Hektar Rebfläche gilt es zu bewirtschaften. Verena macht das in der dritten Generation, war mal Weinprinzessin, hat einen Bachelor in Marketing und eine Ausbildung als Weinküferin. „Ich bin eigentlich eine Kellerassel“, sagt sie und lacht. Und doch hat sie Spaß daran, ihren Gästen bei Wanderungen und Verkostungen durch ihre Weinberge das Thema Wein näher zu bringen. Die Front des Rebhäuschen, das ihr Opa gebaut hat, hat sie rosarot gestrichen, das sieht man sogar von unten von der Straße aus leuchten. Was sie besonders mag an der Arbeit? „Wenn man für die Weinlese frühmorgens herkommt und der Nebel hängt noch im Maintal, dann ist die Luft hier ganz klar – das ist schon ein sehr besonderer Moment.“, sagt sie. Mit ihren Weinen hat Verena schon einige Preise gewonnen.
Dass der Wein hier so gut gedeiht, liegt am Boden und der besonderen Lage. Denn auf den tief zerklüfteten eisenhaltigen Buntsandsteinböden wachsen hier längst weltweit anerkannte Weine. Und – der Faktor Zeit: Verena: „Wir ernten erst, wenn uns die Trauben schmecken. Wenn die Hände bappen, wenn wir die Trauben berühren und die Kerne in den Trauben braun sind.“ Zeit lassen. Geduldig sein. Abwarten, was kommt. Das nehmen wir mit. Und ein Fläschchen von Verenas Ruländer als Erinnerung an den Nachmittag im Weinberg.
Der nicht ganz so angenehme Teil kommt gleich zu Beginn der Tour: von Erlenbach aus führt der Weg über die befahrene Staatsstraße 2309 nach Klingenberg-Röllfeld, wo der Blick auf die Ruine Clingenburg für den Verkehr entschädigt. Weiter auf dem Main-Radweg bis Großheubach, vorbei am Franziskanerkloster auf dem Engelberg über die Felder nach Mönchberg und ins Elsavatal nach Schippach. Auf der alten Bahntrasse bis Elsenfeld. Später queren wir den Main auf einer Radlerüberführung und landen in Obernburg. Wieder mainwärts bis Wörth, dann via Eisenbahnbrücke auf die andere Flussseite und zurück nach Erlenbach.
Die GPX-Daten zur Tour 1 gibt es im DK-Tourenportal:
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Los geht’s in Miltenberg immer den Main entlang über Bürgstadt nach Freudenberg, wo wir nach der Mildenburg in Miltenberg zu Burg Nummer zwei kommen: die Freudenburg thront eindrucksvoll überm Main. Wir queren die Mainbrücke und fahren durch Kirschfurt Richtung Collenberg. Auch hier gibt’s eine Burg, nämlich die Burgruine Kollenburg. Immer weiter am Mainufer führt der Radweg über Dorfprozelten bis Stadtprozelten. Von dort fahren oder schieben wir hoch zur Burgruine Henneburg. Der kurze steile Weg nach oben lohnt allemal – nicht nur wegen des grandiosen Ausblicks auf den Main, sondern auch wegen der gut erhaltenen weitläufigen Burganlage selbst. Im baden-württembergischen Wertheim nehmen wir uns Zeit für einen Gang durchs Städtchen und um die Burgruine Wertheim zu besichtigen. Wer noch genug Energie übrig hat, rollt die 35 km wieder zurück oder nimmt den Zug.
Die GPX-Daten zur Tour 2 gibt es im DK-Tourenportal:
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Auto: Die Region ist aus allen Richtungen über gut ausgebaute Zubringer von den Bundesautobahnen zu erreichen: A3 von Würzburg kommend mit Ausfahrt Wertheim am Main entlang, A81 mit Ausfahrt Osterburken, Ahorn oder Tauberbischofsheim, über Hardheim und das Erftal oder A3 von Frankfurt mit Ausfahrt Aschaffenburg-West, über B469
Bahn: Die RB 88 oder RE87 (Maintalbahn) fährt von Aschaffenburg aus mehrmals täglich nach Miltenberg. Auch mehrere Regionalbahnen verbinden Miltenberg mit größeren Bahnhöfen. www.bahn.de
April bis Anfang Oktober
Mitten in Miltenberg: Das Hotel Hopfengarten befindet sich in einem historischen Gebäude mit angenehm modernisierten Zimmern. Bei schönem Wetter gibt’s Frühstück auf der Terrasse. Doppelzimmer ab 100 Euro mit Frühstück. www.flairhotel-hopfengarten.de
Wer schon immer mal in den Bäumen schlafen wollte, kann das im Wipfelglück Baumhaushotel in Mönchberg tun - in den acht gemütlichen Holzhäuschen schlummert es sich absolut komfortabel. Auf Wunsch serviert die Betreiberfamilie ein feines Frühstück im Korb. Übernachtung pro Haus ohne Frühstück 196 Euro. www.wipfelglueck.de
Ausgezeichnete regionale Gerichte aus Produkten lokaler Hersteller serviert das Gasthaus Zur Krone in Großheubach, bei dem auch viele Fischgerichte sowie ausgesuchte Weine aus der Region auf der Karte stehen. gasthauskrone.de
Einige Winzer betreiben saisonal sogenannte Häckerwirtschaften, in denen Weine und regionale Köstlichkeiten serviert werden. churfranken.de/genuss-wein/wein/haeckerkalender
Just Cycles, Am Bahnhof 2, Amorbach, Tel. 09373-20355
Verkauf, Fahrradwerkstatt und Schlauchautomat, www.just-cycles.de
Fahrrad & Service Pfeiffer, Industriestr. 11, Sulzbach, Tel. 06028-1239950, www.zweiradsport.de
E-Bike-Café Großostheim, Verkauf & Vermietung von Fahrrädern und E-Bikes, Reparatur, Pflaumheimer Str. 50, Tel. 06026 7090400, www.e-bike-cafe.de
E-Bike-Ladestationen: https://churfranken.de/aktiv-kultur/radfahren/ladestationen
Schlauchautomat/Fahrrad-Reparaturstation: Motoradparkplatz/Mainanlage, Miltenberg
Diese beiden Karten bilden die gesamte Region ab:
Weitere hilfreiche Informationen zu Unterkünften, Restaurants und Touren für einen Urlaub in der Region findet man auf der Webseite www.churfranken.de