Matthias Rotter
· 17.10.2023
Mit knapp 10.000 Einwohnern ist Viechtach eher gemütliches Dorf als Stadt. Im Zentrum des Bayerwaldes, im niederbayerischen Landkreis Regen gelegen, bietet sich der Ort als Basislager für Bike-Touren geradezu an.
Der Mühlgrabenweg ist einer der Klassiker im Bayerwald. Der flowige Pfad schlängelt sich über mehrere Kilometer mit geringem Gefälle entlang eines Bachs. Hauptproblem: Man muss von Viechtach aus erst einmal hinkommen! Ein Blick auf die Tour-Daten zeigt, dass die Runde ohne Nachladen kaum zu schaffen ist. Gelegenheit dazu bietet sich im Berggasthof Menauer, etwa auf halber Strecke (Dienstag Ruhetag!). Und in Anbetracht einer zünftigen Jause auf der aussichtsreichen Terrasse ist die Fahrtunterbrechung wohl kaum als Strafe anzusehen. Alternativ bietet sich bei Kilometer 40 das Gut Schelmerhof als Energielieferant an. Nach dem Start an der Schnitzmühle schwingt sich ein hübscher Trail entlang des Kleinen Pfahls, bevor die Route nach Süden in Richtung Sankt Englmar schwenkt.
Der Wintersportort liegt 500 Meter höher als Viechtach im Vorderen Bayerwald. Über eine steile Skipiste erreicht man am Knogel den ersten Gipfel des Tages. Die Route folgt dem Höhenzug zur Oedwies, einer malerischen Hochebene. Doch bevor wir dort in den Mühlgrabenweg einbiegen, ist ein Abstecher zum Hirschenstein Pflicht. Vom kleinen Aussichtsturm reicht der Blick weit bis ins bayerische Flachland hinaus. Jetzt aber zurück zur Oedwies und nichts wie rein ins Trail-Vergnügen! Mit rund acht Kilometern Länge ist der Mühlgrabenweg ein Fahrspaß erster Güte, zumal keine technischen Schwierigkeiten den Flow unterbrechen. Über launige Waldwege wendet sich die Route wieder Viechtach zu, bevor ein letztes Highlight die Tour würdig abschließt: Die Felsformation bei Viechtach ist zwar nur ein kleiner Teil des sogenannten Pfahls, aber dafür der imposanteste Abschnitt dieses 150 Kilometer langen Naturschauspiels. Jetzt wartet nur noch der Whirlpool in der Schnitzmühle auf die müden Knochen.
Keine Angst, der Titel der Tour ist keine Anspielung aufs Wetter! Vielmehr führt der schönste Abschnitt der Runde entlang des Schwarzen Regens, einem der größten Flüsse im Bayerwald. Mit entsprechendem Energiehaushalt sollten E-MTBs mit einer Akku-Ladung komplett durchkommen. Wer sicher gehen will, kann seine Batterie aber bei einer Rast im Lindnerbräu in Bad Kötzting an die Steckdose hängen.
Die Speisekarte lädt mit ihren regionalen Spezialitäten ohnehin zu einem Stopp ein. Der lauschige Biergarten liegt bei Kilometer 29 direkt an der Strecke. Der Trail-Anteil fällt auf dieser Runde zwar etwas geringer aus, dafür kann sie mit viel offenem Gelände und Panoramen punkten. Das Erste bietet sich bereits bei Kilometer 13 auf den Mauern der Ruine Neunussberg, die rund 300 Meter über dem Tal des Schwarzen Regens thront. Der nächste Abschnitt mäandert durch die typische Landschaft des Bayerwaldes mit winzigen Weilern und viel einsamer Natur. Da wirken die weißen Spiegelteleskope des Observatoriums Wettzell wie aus einer anderen Welt. Drei große Antennen horchen auf der Anhöhe ins Universum hinaus. Kein Wunder, dass der folgende Trail nach Bad Kötzting hinunter Planetenweg heißt.
Der Lauf des Schwarzen Regens leitet die Route nun automatisch wieder in Richtung Viechtach. Die entspannten Trail-Passagen am Flussufer werden jedoch abrupt durch die Staustufe bei Kilometer 37 beendet. Dort gilt es, das Bike über eine steile und schmale Treppe auf die Krone der Staumauer zu hieven. Das Finale doppelt sich mit Tour 1. Aber traurig dürfte darüber niemand sein, denn den Supertrail entlang des Großen Pfahls kann man nicht oft genug fahren.
Jedes Gebirge hat seinen höchsten Gipfel, im Bayerwald ist das der Hohe Arber mit 1455 Metern Höhe. Nicht immer jedoch ist der höchste Gipfel auch ein lohnendes Ziel für Biker – abgesehen vom Triumphgefühl, einmal oben gewesen zu sein. Die Bayerwald-Locals fahren lieber zum Berghaus Schareben (Kilometer 44), wo man unter sich ist und einen schönen Blick zum meist überlaufenen Arber werfen kann. Am Schareben sollten E-Biker auch ihren Akku an die Steckdose hängen, damit die Motor-Power bis zurück nach Viechtach durchhält. Denn der Knackpunkt bei dieser Runde sind die opulenten Höhenmeter. Einen Großteil davon sammelt man bereits auf der ersten Hälfte, wo es über zahlreiche Hügel Richtung Osten geht.
Bei Geiersthal überquert man den Schwarzen Regen, danach geht es stetig bergauf bis auf knapp 900 Meter am Harlachberger Spitz. Erstes Highlight ist der Riederin-Felsen oberhalb von Bodenmais, um den sich blutige Sagen ranken. Eine Stahlleiter führt auf seinen Gipfel, den die Kelten angeblich als Opferstätte nutzten. Immerhin mit Blick zum Großen Arber. Über launige Pfade und Waldwege erreicht man Drachselsried am Fuß des Bayerwald-Hauptkamms. Jetzt ist Energie-Management gefragt, denn es steht der rund zehn Kilometer lange Anstieg zur Schareben-Hütte auf dem Plan. Wer nicht mehr genügend Saft für rund 500 Höhenmeter übrig hat, muss bereits hier nachladen! Beispielsweise an der Tourist-Info (E-Bike Verleih). Auch ein Abkürzen der Tour ist in Drachselsried möglich, denn der Rückweg vom Schareben führt wieder durch das Dorf. Dann verpasst man allerdings eine lohnende Trail-Abfahrt. Highlight auf dem Finale ist die Überquerung von Altnußberg, der größten Burganlage im Bayerwald. Hier lädt die Burgschänke nochmals zu einer aussichtsreichen Rast ein.
Das Revier
Der kleine Ort Viechtach liegt im niederbayerischen Landkreis Regen, im Zentrum des Bayerischen Waldes. Von hier aus lassen sich drei große Trail-Runden bis in den Hauptkamm des Mittelgebirges optimal starten. Hier unsere Tipps für Anreise, Unterkunft und Einkehrstationen.
Anreise mit der Bahn
Viechtach ist einer der Endbahnhöfe der regionalen Waldbahn. Diese ist über Plattling ans überregionale DB-Netz angeschlossen. Von dort führen die Hauptstrecken weiter nach Regensburg, Passau und Landshut. Infos und Fahrpläne: laenderbahn.com
Beste Reisezeit
Ein Dreivierteljahr Winter und ein Vierteljahr kalt. So lautet ein beliebtes Motto der Einheimischen. In den Höhenlagen der Arber-Region kann sich der Schnee bis in den April halten. Ansonsten sind die Verhältnisse nicht so extrem. Im Vergleich zu Schwarzwald oder Vogesen fällt im Mittel sogar weniger Regen.
Bikepark Bischofsmais
Der älteste Bikepark Deutschlands bietet mittlerweile 16 Strecken am Geißkopf. Darunter auch einen flowigen Uphill-Trail für E-Mountainbiker. Die offizielle Saison endet 2023 am 5.11. Danach je nach Wetter eventuell Wochenend-Betrieb. Aktuelle Infos: mtbzone-bikepark.com/geisskopf
Essen und Trinken
Geführte Touren
Bayerwald-Bike bietet ein großes Touren- und Fahrtechnik-Programm für Biker und E-MTBler an. Alle Infos: bayerwald-bike.de
Trans-Bayerwald
Zwei fahrtechnisch einfache Routen mit jeweils 7 Tagesetappen verlaufen über insgesamt 700 Kilometer. Das Starterpaket mit GPS-Daten, Roadbooks und allen Infos sind beim Tourismusverband erhältlich. Info: trans-bayerwald.de
Tourismusverband
Telefon 0941/58539-0, bayerischer-wald.de
Darf man eine Geschichte, in der es um launige E-Mountainbike-Touren geht, mit dem Tod beginnen? In diesem Fall ja. Denn wer im Bayerischen Wald unterwegs ist, wird an vielen Orten daran erinnert, wie nah Leben und Tod beieinander liegen. Zum Beispiel am Grandsberg, einem idyllischen Aussichtspunkt am Gebirgsrand. Neben dem typischen Gipfelkreuz steht eine Reihe von schmalen Holzbrettern, die mit ihren Giebelspitzen an Bildstöcke erinnern. Mein einheimischer Begleiter Matthias erklärt, was es mit den sogenannten Totenbrettern auf sich hat: „Früher wurden die Verstorbenen zu Hause verhüllt darauf aufgebahrt und anschließend zum Friedhof getragen. Heute wird diese Tradition symbolisch in Form von diesen Gedenkbrettern weitergeführt.“ Eine traurige, aber irgendwie auch schöne Tradition, wie ich finde. Die einen lehrt, den Moment noch mehr zu schätzen.
Ausgerechnet jetzt fällt Matthias und mir das Genießen sogar besonders leicht, wie man sicher an unserem Grinsen erkennen kann. Ausgelöst von der zurückliegenden Fahrt auf dem Mühlgraben Trail. Ein Traum von einem Pfad, der sich über sechs Kilometer lang vom Hirschenstein herunterzieht. Die Tour über die Berge rund um Sankt Englmar ist eine perfekte Komposition, quasi eine Sinfonie mit Ouverture, Allegro und Grande Finale. Wobei der Mühlgraben-Trail das Allegro darstellt: schnell, heiter und fröhlich. Aufs Mountainbiken übertragen auch flowig. Mit einer Höhe von knapp 1100 Metern ist der Hirschenstein ein Highlight im wahrsten Sinne des Wortes. Freilich nicht so hoch wie der Große Arber, aber seine exponierte Lage am Westrand des Bayerwaldes erlaubt einen sagenhaften 360-Grad-Blick. Vom felsigen Gipfel, wo heute ein kleiner Aussichtsturm steht, soll sich der Sage nach ein kapitaler Hirsch zu Tode gestürzt haben, als er von Jagdhunden in die Enge getrieben keinen Ausweg mehr wusste. Eine von vielen Sagen, die im Bayerwald herumgeistern.
Matthias arbeitet in seiner Freizeit als Mountainbike-Guide für die Company von Karen Widmann. Die Viechtacherin und ihre Mannschaft schwören auf den Bayerischen Wald als Bike-Revier. Zahllose Routen hat Karen bereits zwischen Donautal und Arber ausgearbeitet, bis hin zu mehrtägigen Durchquerungen des gesamten Bayerwaldes. „Eigentlich sitze ich erst seit Kurzem auf dem E-Bike“, gesteht mir Matthias. „Nämlich seit Karen auch Programme für E-Biker anbietet.“ Na, so, wie er die ganze Zeit grinst, scheint es ihm zu gefallen. „Ich bin gerade dabei, meine Hometrails neu zu entdecken“, erzählt der Local weiter. Und als wäre dieser Satz ein Startsignal, lässt er den Motor seines Enduros aufheulen wie einen Schwarm wild gewordener Bienen und prescht Vollgas den Wiesenpfad hinauf. Keine Frage, es macht auch mir am meisten Spaß, steile Trail-Passagen bergauf mit Hilfe einer kurzen Boost-Injektion zu entschärfen. Danach gilt es aber wieder, Energie zu sparen, denn die Touren, die die Locals ausgesucht haben, sind deutlich länger als Spritztouren. Man sollte sich sogar genau überlegen, wo man in der Mittagspause seinen Akku nachladen kann. Sonst könnte allzu häufiger Boost-Übermut in einer üblen Plackerei enden – was ich heute noch am eigenen Leib erfahren sollte.
Wir nähern uns dem Grande Finale der Tour, genannt Großer Pfahl. Wer hat sich nur diesen unangemessenen Namen ausgedacht? Immerhin ist der Große Pfahl eines der spektakulärsten Naturwunder im Bayerischen Wald. Wie mit dem Lineal gezogen schneidet ein 150 Kilometer langes Quarzriff durch die Landschaft. Dort, wo es an die Oberfläche tritt, ragt ein bizarrer Felskamm aus dem Boden. Wie der gezackte Rücken eines unter der Erde ruhenden Reptils. Als Teufelsmauer und Hexenwerk bezeichneten die Menschen den Pfahl früher, wahrscheinlich, weil sie sich die ungewöhnliche Formation nicht erklären konnten. So schroff und unerwartet, wo doch sonst vor allem Wald das Landschaftsbild prägt. Matthias lotst uns auf einem ruppigen Pfad entlang der Mini-Dolomiten, auf dem die Fahrwerke noch mal zeigen dürfen, was sie können.
Im letzten Tageslicht zirkeln wir um eng stehende Bäume, lupfen die Vorderräder über Wurzeln und lassen uns von der mystischen Szenerie beeindrucken. Nur das mittlerweile hektisch blinkende Batteriesymbol auf meinem Lenker-Display trübt die Freude über die launigen Weglein ein bisschen. „Eine sausteile Rampe wartet noch auf uns, kurz, aber knackig“, avisiert Matthias. „Dort hast Du ohne Motor keine Chance.“ Folglich gehe ich das Ding mit einer gewissen Sorge im Eco-Modus an, und mit dem letzten Fünkchen Energie schiebt mich der Motor immerhin noch bis zum Ende der Steigung. Dann erlischt sein Lebenswille. So schön E-Biken ist, so ernüchternd ist das Gefühl, nach einer langen Tour mit müden Beinen gegen eine Wand zu treten. Und die Erkenntnis, wie lange sich vier Kilometer auf einem 22-Kilo-Fully dehnen können. Sehe ich da etwa ansatzweise ein schadenfrohes Grinsen in Matthias‘ Gesicht? Jetzt nur nichts anmerken lassen. „Erstaunlich, wie leicht sich diese modernen E-Bikes auch ohne Unterstützung treten lassen“, flunkere ich in seine Richtung. Zum Glück geht’s bis zum Ziel überwiegend bergab. In der Schnitzmühle ist der Freiluft-Whirlpool bereits angeheizt. Ein entspannendes Bad kommt zum Ausklang des Tages gerade recht.
Bevor wir uns am nächsten Tag in die Sättel schwingen, statten wir Alfred Muhr einen Besuch ab. Das MTB-Urgestein betreibt einen coolen Shop in der Dorfstraße von Altnussberg. Nicht gerade der Nabel der Welt, und doch war hier sogar schon Prominenz zu Gast. Alfred erzählt mit leuchtenden Augen von seiner Begegnung mit Freeride-Legende Wade Simmons: „Rocky Mountain hatte hier einen Event veranstaltet. Da durften wir deren erste E-Mountainbikes über meine Hometrails jagen.“ Gespannt erwarten wir die Antwort auf die Frage, was denn wohl eine weitgereister Mountainbike-Ikone zu den Trails im „Woid“ gesagt hat. „Der Wade konnte kaum fassen, dass es hier Singletrails in dieser Qualität gibt, ohne dass dafür ein Bautrupp anrücken musste“, erzählt Alfred. „Er meinte, in Kanada müssten Trails extra für Biker gebaut werden.“ Wir werfen noch einen anerkennenden Blick auf das bestimmt 30 Jahre alte Fat Chance Yo Eddy an der Wand im Shop, das Alfreds Status als MTB-Urgestein festigt. Dann machen wir uns mit randvollen Akkus wieder auf den Weg.
Aber heute sollte eine Ladung für die komplette Runde genügen, denn rund 1000 Höhenmeter sind mit einem Fünfhunderter-Akku drin. Auf dem Anstieg zur Ruine Neunussberg gibt mir Matthias noch eine Lehrstunde in „Waidlerisch“, dem Dialekt der Einheimischen: „Aiz foh ma erst moi gmiatle auffe und wenn ma ohm sand, dann zoig i dir a Wehgal, wo da deife imma obe fetzt.“ Verstanden? In Wahrheit ist es aber noch komplizierter, denn die Aussprache variiert zum Teil von Dorf zu Nachbardorf. Mit „auffe“ ist heute die Ruine Neunussberg gemeint, von deren Zinnen wir bald einen unglaublichen Rundblick genießen. Matthias zeigt in Richtung Hoher Arber, dessen Gipfel von zwei kugelförmigen Radarstationen gekrönt wird, genannt Radome. Was ein bisschen nach ungesunden Geschwüren klingt, die man lieber nicht haben will. Viele Forstwegautobahnen und ein rummelplatzähnliches Touristenaufkommen machen den Arber für E-Biker begrenzt reizvoll. Wer dennoch einmal oben stehen will, findet einige ausgeschilderte Routen. Jüngst wurden sogar zwei Trans-Bayerwald-Routen markiert, die über 700 Kilometer weit durch den Wald verlaufen. Und der Bikepark am Geißkopf ist längst eine Institution in Deutschland. Dort bestätigt der neue Uphillflow-Parcours, dass auch E-Biker im Bayerwald willkommen sind. So, Schluss mit Panorama, jetzt will ich endlich den Weg kennen lernen, wo laut Matthias immer der Teufel runterfetzt. Hoffe nur, der hat nichts mit den Totenbrettern zu tun.