Klassifizierung von Mountainbikes

Was bedeuten die Kategorie-Aufkleber am Bike?

  • Laurin Lehner
 • Publiziert vor 3 Jahren

Viele Hersteller versehen Mountainbikes mit Klassifizierungsaufklebern. Diese legen maximale Drop-Höhe und Geschwindigkeit genau fest. Wir erklären, was hinter den MTB-Kategorien steckt.

Viele Hersteller (unter anderem Cube, Rose, Canyon, Scott) versehen ihre Mountainbikes neuerdings mit Klassifizierungsaufklebern. Diese legen den Einsatzbereich und solche Dinge wie maximale Drop-Höhe genau fest, erläutert werden die Kategorien meist in der Bedienungsanleitung. Angeblich wollen die Hersteller so mehr Orientierung für die Verbraucher schaffen, doch wollen sie sich auch rechtlich absichern?

Scott Spark RC, Kategorie 3. Maximal erlaubte Drop-/Sprung-Höhe: 61 Zentimeter. Profi Nino Schurter scheint es damit nicht so genau zu nehmen.

Was darf ich mit einem Mountainbike der Kategorie 3 anstellen?

User-Manuals und Hinweise auf Produkten sagen einem oft das Offensichtliche. Dass Kaffee in Coffee-to-go-Bechern heiß ist, leuchtet den meisten ein. Ein Hinweis auf dem Produkt ist trotzdem erforderlich – zumindest in den USA. „Was man mit einem Mountainbike anstellen darf, ist jedoch vielen nicht klar“, sagt Qualitätsmanager Gordon Könen von Canyon. Zwar gibt es eine DIN-Norm, die ist jedoch veraltet und unterscheidet nicht zwischen den unterschiedlichen Bike-Katgorien. „Natür­lich muss ein Downhill-Bike mehr aushalten als ein Race-Fully“, sagt Sachverständiger Dirk Zed­ler vom Zedler-Institut für Fahrradtechnik und -Sicherheit . Das Stichwort heißt: bestimmungsgemäßer Gebrauch. Damit soll nicht nur dem Verbraucher weitergeholfen werden, der dank der Klassifizierung (Kategorie 1 bis 5) weiß, welchen Einsatzbereich sein Fahrrad abdeckt, sondern auch der Hersteller vor möglichen Klagen geschützt werden.

Kategorie 3 (meist AM und CC) Zugelassen für: raues Gelände, schwierige Strecken. Sprünge und Drops bis zu einer Höhe von maximal 61 Zentimetern.

So gab es einen Prozess beim Oberlandesgericht Nürnberg: Bei einem Freestyle-Manöver ist der Rahmen eines Cross-Country-Hardtails gebrochen, wobei sich der Biker verletzte. Der Geschädigte klagte gegen den Hersteller unter anderem mit dem Vorwurf, dass er nicht wissen könne, dass sein Mountainbike solche Belastungen nicht aushalten würde. Obwohl der Einsatzbereich in der Bedienungsanleitung beschrieben war und das Material des Rahmens keine Mängel hatte, gab das Gericht dem Geschädigten Recht und versetzte viele Hersteller in Aufregung. Mittlerweile bekleben fast alle Bike-Firmen ihre Rahmen mit der abgewandelten US-Fahrradspezifierung ASTM – Geschwindigkeit und Sprunghöhe werden hierbei genau festgelegt. Vorreiter in Deutschland war der Versender Canyon. Bei möglichen Garantiefällen soll der Hersteller sich übrigens nicht auf die Klassifizierung berufen. „In erster Linie ging es uns um die Orientierung für den Verbraucher“, sagt Gordon Könen von Canyon.

Kategorie 4 (meist Enduro-Mountainbikes) Zugelassen für: Abfahrten in rauem Gelände, Maximalgeschwindigkeit 40 km/h, Sprünge und Drops bis zu einer Höhe von 122 Zentimetern.


Interview Dirk Zedler (Sachverständiger Zedler-Institut)

Rechtliche Absicherung für die Hersteller?


BIKE: Warum ist eine Klassifizierung wichtig?
Dirk Zedler: Weil der Einsatzbereich und die Anforderungen zwischen den verschiedenen Mountainbike-
Kategorien nicht unterschiedlicher sein könnten. Bei Anbauteilen wie zum Beispiel Lenkern ist das nicht anders: Klar muss ein Downhill-Lenker mehr aushalten, als ein Marathon-Lenker. Schließlich will der Kunde mit dem einen Produkt hohe Drops springen, mit dem anderen Gewicht sparen und eher auf zahmen Trails fahren.


Inwiefern sichert die Klassifizierung die Hersteller rechtlich ab?
Der Aufkleber und die Beschreibung geben eine Richtlinie. Das fällt auch vor Gericht ins Gewicht. Ein Freifahrtschein für die Hersteller ist es jedoch nicht. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden.


Gesetzlich vorgeschrieben ist die Klassifizierung aber nicht?
Nein, doch vorhandene Gerichtsurteile wirken ähnlich stark. Heißt: Es gibt Urteile, da haben die Bike-Hersteller verloren. Klagt jetzt wieder jemand in einem ähnlichen Fall, wird das Gericht zu einem ähnlichen Urteil kommen.


Enduros der Kategorie 4 sind auf eine Drop-Höhe von 1,22 Metern begrenzt. Nicht besonders hoch.
Stimmt. Natürlich legen die Hersteller die Messlatte eher tief, um sich abzusichern.

Dirk Zedler vom Zedler-Institut für Fahrradtechnik und -Sicherheit .

Themen: Bike-KategorienCanyonDIN-NormHerstellerKlassifizierungRose


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