Mitgefahren: BTT La Mola Formentera

Gehetze im Paradies

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 3 Jahren

Einen ruhigen Abschluss seiner Marathon-Saison wollte BIKE-Blogger Alexander beim BBT La Mola auf Formentera genießen. Doch die spanischen Hobby-Racer machten ihm einen Strich durch die Rechnung.

Formentera, die kleine Nachbarinsel von Ibiza, ist die Perle des Mittelmeers. Außerdem ist Formentera mit 82 Quadratkilometern kleinste und mit nur 12500 Einwohnern auch die am dünnsten besiedelte Insel der Balearen. Das Eiland ist eher für in knappen Badeshorts gekleidete Italiener, die ihre nach Michelangelos Träumen gestalteten Bodys an der „Playa des Trucadors“ rösten als für seine technischen mit Top-Fahrern besetzten Bike-Marathons bekannt.

Privatfoto

Privatfoto

Früher wurde Formentera von in Rauchschwaden gehüllten Hippies bewohnt, die das lasterhafte Leben auf Ibiza satt hatten. Doch die Insel ist im vergangenen Jahrzehnt auch dank einer sehr populären Bier-Werbung zum neuen Sehnsuchtsziel geworden. Auch für spanische Mountainbiker. Doch die Bike-Szene rund um den traditionellen La Mola-Marathon hat für die Traumstrände mit türkisem Wasser und rot schimmernden Seesternen keinen Blick.

Hier wird gebiked, was das Zeug hält. Im Winter beim Grundlagen-Training kann es schon vorkommen, dass die sportlicheren Fahrer jede Straße der kompletten Insel an einem Vormittag unter die minimal profilierten Race-Reifen nehmen. Denn man muss wissen: In Spanien ist Gas geben mit sparsam gefederten Bikes zehn Monate im Jahr  immer noch die Königsdisziplin unter den Freizeitbeschäftigungen auf zwei Rädern.

3-Tages-Rennen auf einer 19 Kilometer breiten Insel

Seit zwei Jahren wird das BTT Formentera sogar als dreitägiges Etappenrennen ausgetragen. Auf einer 19 Kilometer breiten Insel mit dem Pilar de la Mola mit 192 Metern als höchstem Punkt der Insel ein Etappenrennen zu organisieren, das ist schon verrückt.

Nach einer heftigen Rennsaison, in der ich mir jede nur erdenkliche Startnummer, die ich finden konnte, an den Lenker gezippt habe, wollte ich den Oktober mit einem gemütlichen Wochenende ausklingen lassen. Doch das Wort „gemütlich“ kennen die Biker auf Formentera nur vom Hörensagen.

Privatfoto

Mit meiner Freundin im Schlepptau, der ich einen Wellness-Urlaub mit minimalem Höhenmeter-Gehetze versprochen hatte, war ich von Mallorca angereist. Doch mein wahrer Plan: Sie sollte auf einem stotterndem Piaggio-Motorroller die Rennstrecke abfahren und an den Singletrails lauern, um bestmögliche Bilder zu knipsen.

Privatfoto

Der DIN A4-Olymp zum Greifen nah

In die ersten beiden Tage sind nur kurze Abschnitte mit Zeitmessung eingestreut. Mit Startnummer „1“ am Lenker presse ich übermotiviert an einem Teilstück an Profi-Bikern vorbei, die den Trail mit tollem Ausblick nutzen, um ihr neues Smartphone zu zücken. Oben angekommen bekomme ich sofort die Quittung dafür: einen fiesen Hustenanfall gemischt mit Brechreiz. Aber immerhin springt für mich erste Top Ten-Platzierung des Jahres heraus! Sollte ich es also doch noch in den DIN A4-Olymp schaffen, von dem ich das ganze Jahr über geträumt hatte?

Der Sonntagmorgen im Paradies bricht mit Regen an. Dutzende glattrasierte Ibizenco-Racer sind mit ihren glänzenden Maschinen mit der Fähre nach Formentera rübergekommen, um sich den Hauptgang, also den klassischen BTT La Mola-Marathon, zu geben. Der ist eines der letzten Rennen im spanischen Rennkalender. Sogar Ex-Straßenprofi und Spaßkanone Ibon Zugasti steht am Start. Zugasti ist genau der Typ, der sich beim BC Bike Race vor zwei Jahren ein heftiges Duell mit Christoph Listmann, einer der schärfsten Klingen der BIKE-Redaktion geliefert hatte. Und Zugasti ist nicht zum Spaß angereist. Er ist kurzerhand von Barcelona mit genau einem Hintergedanken herüber geflogen: nämlich seinen prall gefüllten Pokalschrank um eine weitere Trophäe zu erweitern.

Privatfoto

Privatfoto Ibon Zugasti quält die Kurbeln bei der 1000 Meter langen Uphill-Wertung.

In meiner Freude über die Platzierung auf der 1000 Meter langen Uphill-Wertung am Vortag und die dazugehörigen Estrella-Bierchen zur Feier des Tages ahnte ich nichts Böses. Formentera! Strand, Meer, Palmen! Eine Laktatparty Ende Oktober? Die Jungs machen sich sicher einen schönen Sonntagvormittag, dachte ich.

Wieder eine Fehleinschätzung, die ich mein immer praller werdendes Buch der Bike-Marathon-Dont’s eintragen kann. Sobald das Knattern der Motorräder durch die mit Werbebannern eingerahmte Startbox hallt und die Carbon-Schuhe in ihre passenden XTR-Pedale einklicken, gibt es kein Halten mehr. Es geht sofort alle 192 Höhenmeter mit 400 Watt hoch, als ob im Ziel eine schwedischen Beachvolleyball-Mannschaft auf uns warten würde.

Privatfoto

Gas!! Paso!! Paso!!

Derecha!! Izquierda!!

Von links und rechts werde ich angebrüllt, Platz zu machen. Vor mir verschwindet ein muskulöser Spanier auf seinem schicken Orbea-Fully in einer Hecke. Bei Kilometer fünf fahren wir kurz in einem halb aufgesägten Abflussrohr, das an einen Skate-Park erinnert. Manche versuchen sogar dort zu überholen, sich irgendwie vorbei zu quetschen. Was für ein Gehetze im Paradies! Ein Gladiatorenkampf läuft geordneter ab. „Die spinnen ja, so ein Tempo können die nie im Leben zwei Stunden lang durchziehen”, denke ich. Denselben Gedanken habe ich übrigens in jeder Startphase eines Rennens, wenn mir in Laurens ten Dam-Manier Speichel auf den Lenker tropft.

Privatfoto

Es gibt wirklich Unmengen schöner, sandiger Singletrails auf Formentera, die wir links und rechts rauf und wieder runter fahren bis wir 1200 Höhenmeter auf der Uhr haben. Erst dann rollen wir gut durchgekaut unterm Zielbogen durch. Trotz Regen gibt es im Ziel Bananen und Blutwurst vom Grill. Oh man, wie ich das Liebe!

Privatfoto Lockerer Plausch im Ziel.

Nachdem wir am Hafen die Fähre zurück verpasst haben, träume ich schon von der nächsten Rennsaison und großen Abenteuern. Doch nächstes Jahr gibt’s erst einmal neues Material.


Hasta luego,
Alex

Privatfoto BIKE-Blogger Alexander beendete seine Marathon-Saison mit dem BBT La Mola-Marathon auf Formentera.

Themen: BalearenBlogInsel-RennenMarathon


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