Race South, Young Man! Race South, Young Man! Race South, Young Man!

Mitgefahren: Andalucia Bike Race

Race South, Young Man!

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 3 Jahren

Eine Wasserschlacht im Bayern Spaniens: Unser mallorquinischer Marathon-Blogger Alexander kämpfte beim Andalucia Bike Race gegen tiefe Schlammlöcher und mit seinen Bremsen. Hier sein Race-Blog.

Es ist irgendwie immer dasselbe mit diesen Marathon-Etappen-Rennen. Ein heroisch angehauchter Name, ein mit drei Filtern belegtes Promotion-Foto und schon hat man den Salat. Wenn man genug Foto- und Video-Material auf der gemütlichen Coach sitzend absorbiert hat, juckt es einen erstmal nur ganz unterschwellig, aber im Laufe der Tage immer stärker in den Waden. Man will es auf einmal wieder wissen: Hat man es noch drauf sich mit kernigen, nassrassierten Männern und Frauen über Berge und durch Wälder zu schlagen, mit der Zunge auf dem Oberrohr und dem Puls im rotem Bereich?

Andalusien: das Bayern Spaniens

Beim Surfen durch mein Spam-Postfach bin ich an einen leicht reduzierten Startplatz beim Andalucia Bike Race gekommen. Südspanien, Frühlingssonne, griffige Trails und dank höchstem UCI-Status auch richtiges Rennfieber. Schon komisch, wie einem das gemütliche Sofa auf einmal wie ein Feind vorkommen kann. Der Vorbereitungsstress mit der richtigen Reifenwahl und einem brutalen Pommes-Verzicht machen für mich einen Großteil des Reizes aus. Einen gemein kalten Winter auf Mallorca überlebt man leichter, wenn einem die Angst vorm Abgehängt-werden selbst bei Sauwetter auf die Trails treibt.

Andalusien ist, um es kurz zu machen, das Bayern Spaniens. Wenn ein Nicht-Europäer an Spanien denkt, mit seinen Torreros, den Tapas oder dem feurigen Flamenco-Tanz, und Olivenöl das ewige Leben verspricht, landet er unweigerlich in Andalusien. Es ist das Ur-Spanien, wie man es in den großen Städten im Norden schon lange nicht mehr findet. Es gibt von Wildschweinen bevölkerte Wälder und brutale Bodenwellen. Ein Drittel Andalusiens ist von  knochigen Olivenbäumen bedeckt, die auf steilen Hügeln vor sich hindösen.

Privatfoto Torreros, Tapas und Flamenco: Andalusien verkörpert das Ur-Spanien.

Es gibt nur rauf und runter

Die erste Etappe wird als Prolog mit 28 Kilometern und 600 Höhemetern in Jaen gestartet. Über Bikepark-ähnliche, perfekte und für spanische Verhältnisse auch sehr saubere Trails geht es richtig zur Sache. Im Ziel gibt es warme Cola, die Sonne scheint und im Ziel vergleichen wir sofort unsere Zeiten mit den neun Jungs, mit denen wir uns Hotel und Bus teilen. Bei einem Roadtrip mit so vielen Hähnen im Stall geht es eher darum, seine Kumpels zu versägen als den Rest des mit fast 800 Startern riesigen Teilnehmerfeldes.

In Spanien gibt es keine U30-Kategorie. Also wird man als 28-Jähriger bei den Elite-Fahrern gemeldet, was heißt, dass man täglich im ersten Startblock starten darf bzw. muss, egal welche Zeit man am Vortag gefahren ist.

Privatfoto Startnummern, Finisher-Medaille und Höhenprofile.

Privatfoto Bergauf-Keuchen ist das täglich Brot beim Andalucia Bike Race, hier noch in Jaen bei Kurz-Kurz-Wetter.

Privatfoto Für BIKE-Blogger Alexander war das Andalucia Bike Race das zweite Rennen der noch jungen Saison.

Am zweiten Tag gibt es wieder die volle Ladung Vitamin D von oben. In Startblock zwei darf ich mich einreihen. Hinter Markus Kaufmann, der auf seinem getunten Centurion Numinis mit Aerospoke-Laufrädern und Schwalbe-Prototyp-Reifen sitzt und seine Hochleistungsvenen im linken Bein in Vorfreude zucken lässt. Ich fühle ich mich mehr eingeschüchtert als motiviert. Die zweite Etappe von Jaen nach Villaviciosa ist als Massenstart angelegt. Es ist zwar ziemlich cool auf Position 50 von 800 in einen Marathon zu starten. Problematisch wird es, wenn die 200 Master-Fahrer, die schneller sind als ich, sich ihren Weg durch die Massen an mir vorbei Richtung Trail bahnen. Am besten sofort und zwar von links und rechts! Selbst mit 350 Watt auf der Kurbel, die mich panisch nach Luft schnappen lassen, werde ich überholt als würde ich mit einem Dreirad an einem Massensprint teilnehmen.

Mein Coach Josep hatte mich gewarnt, meine Kräfte einzuteilen. Doch hier gibt es nur treten und röcheln. Meine Mission: die Profi-Frauen so lange im Blickweite zu behalten, wie es geht. Wir fahren an kleinen Dörfern vorbei, an denen ergraute Männer im weißen Unterhemd mit ihrer Frühstücks-Zigarette und einem Bier in der Hand neben ihrer Katze auf der Fensterbank gelangweilt zuschauen wie die bunte Lycra-Meute durch ihren Vorgarten rast. Es wird schnell gefahren, das braucht man gar nicht mehr zu erwähnen, aber es läuft.

Bei meiner letzten Teilnahme beim Andalucia Bike Race bin ich immer so müde ins Hotel gekommen, dass ich keine Kraft mehr hatte, meinen Helm vorm Duschen ausziehen. Dieses Jahr habe ich dank besserer Vorbereitung und dem absolut notwendigen Race-Fully bessere Laune beim Kontrollieren der DIN-A4-Ergebnislisten. Seit ein paar Tagen wird im viel zu stressigen spanischen Fernsehen bei der Wettervorhersage vor einem Tief und Regen gewarnt. Über Regen und Gegenwind können wir abends beim Essen mit Rotwein und Serrano-Schinken nur lachen.

Der Alptraum eines Schönwetter-Fahrers

Etappe drei startet in Cordoba. Erste Regentropfen an der Scheibe unseres mit Radklamotten vollgestopften Vans lassen nichts Gutes erahnen. Was wir die nächsten Tage beim Andalucia Bike Race vorfinden, entspringt dem schlimmsten Alptraum eines Schönwetter-Fahrers. Regen, Wind und vier Grad am Start lassen die noch verbliebenden Teilnehmer in ihren Kurz-Kurz-Klamotten zitternd auf den Startschuss warten. Es ist unglaublich, wie viele wasserscheue Starter bei so einem Top-Event wegen des schlechten Wetters aussteigen. Einer meiner mallorquinischen Kumpels, der, wie ich nun weiß, komplett aus Pappe besteht, steigt auf halber Etappe vom Rad. Und das, obwohl er einen unglaublichen dritten Platz in seiner Wertungsklasse belegt!

Veranstalter Regennasse Trails während der dritten Etappen machten Profis und Hobby-Bikern schwer zu schaffen.

Die Trails sind so verschlammt, dass man zum Teil bis zu den Naben eintaucht. Einen armen Kerl sehe ich sogar, wie er im Schlamm seinen Schuh sucht. Bei einer Flußdurchquerung steht mir das arschkalte Wasser bis zur Brust. Trotz von der Rennleitung verkürtzter Distanz ist Etappe vier ein reiner Überlebenskampf.

Privatfoto

Privatfoto Die vierte Etappe wurde aufgrund des miesen Wetter verkürzt.

Veranstalter Olympia Bronzemedaillen-Gewinner Sergio Coloma war auf der dritten Etappe Ehrengast.

Nach zwei Tagen im Regen und 30 Prozent ausgestiegener Teilnehmer ist die Stimmung beim Abendessen trotz 4-Sterne-Hotel eher bescheiden. Der Regen prasselt gegen die Scheiben und die fünfte Etappe startet morgen im 80 Kilometer entfernten gelegenen Andujar, das auf 1300 Metern liegt. Die Autofahrt Richtung Start wird zum Nervenkrieg. Drinnen die Heizung auf Hochtouren, draußen die totale Apokalypse. Alle fünf Minuten checkt einer die offizielle Website des Veranstalters, bis endlich die ersehnte Nachricht kommt. Etappe gecancelt und das sechste Teilstück verkürzt. Schade um die Top-Strecke, die wir verpassen, aber nach zwei Tagen im strömenden Regen kennt der Jubel keine Grenzen.

Alle paar Minuten kommen uns wild hupende, mit dem Fernlicht aufblendende Mietwagen mit High-End-Bikes auf dem Dachträgern entgegen, die gerade aus dem überfluteten Startgelände kommen und ihr Glück genau so wenig fassen können wie wir. Den folgenden Nachmittag verbringen wir in diversen Bars und Einkaufszentren, in denen wir auf etliche Artgenossen treffen, die man wegen ihrer Oakley-Brillen und den mit Sponsoren-Logos zugekleisterten Trainingsanzügen sofort erkennt.

Privatfoto Drinnen lädt die auf Hochtouren laufende Heizung zu einem Nickerchen, draußen die Apokalypse. 

Privatfoto Kontrastprogramm zur abgesagten fünften Etappe.

Nach der Wasserschlacht

Das Material leidet bei solchen Bedingungen unfassbar, das ließt und hört man oft. Am eigenen Leib zu erfahren, wie beide Bremsen trotz Dauerschleifen nur noch ein leises Fiepen von sich geben, ist dann doch noch mal etwas anderes. Teilweise musste ich sogar ausklicken, um in Indiana-Jones-Manier mit den Schuhsohlen zu bremsen. Die Schlange vor dem offiziellen Shimano-Service an der ersten Verpflegungsstelle ist ein Meer aus verzweifelten Gesichtern von Teilnehmern, die gerade ihre Carbon-Schuhe auf dem Trail zum Delaminieren gebracht haben. Wie alle Etappen geht auch diese Wasserschlacht irgendwann vorbei.

Veranstalter Die Opfer der Schlamm- und Regenschlacht: runtergerittene Bremsbeläge.

Veranstalter Selbst spektakuläre Wattwerte schützen nicht vor Dauerregen.

Im Ziel wird der Brunnen mit der Statue des heroischen Ritters zum Bike-Wash umfunktioniert. So gehe ich zusammen mit einem Dutzend anderer Starter in voller Montur bei acht Grad und Dauerregen erstmal eine Runde im Brunnen schwimmen – Bike inklusive.

Resümee

Das Andalucía Bike Race ist ohne Frage ein Top-Event, durch sein frühes Datum im Rennkalender aber sehr wetteranfällig. Wegen der weit verstreuten Standorte, des straffen Tempos und dem bescheidenen Rahmenprogramm ist es eher etwas für Hardcore-Racer, die ein bisschen Blutgeschmack schon früh im Jahr zum Frühstück wollen.


Bis zum nächsten Mal, Mucho Gas!
Alexander

Veranstalter Alexander ist auf Mallorca zuhause, für Etappenrennen zieht es ihn in die entferntesten Ecken der Welt.

Themen: AndalusienBlogEtappenrennenMarathonSpanien


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