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Test Cannondale Scalpel SE Rocky Mountain Element Test Cannondale Scalpel SE Rocky Mountain Element

Test-Duell: Cannondale Scalpel SE vs. Rocky Mountain Element

Trailtuning ab Werk: 2 frisierte Race-Fullys im Test

Ludwig Döhl am 04.04.2019

Cannondale Scalpel und Rocky Mountain Element sind seit Jahren erstklassige Race-Fullys. Ab Werk frisierte Versionen sollen den Einsatzbereich über Marathon hinaus erweitern. Funktioniert das?

Die Karre aufgebockt, ein Bier auf dem Autodach und mit ölverschmierten Händen im Motorraum herumfummeln – manche Menschen haben mehr Zeit mit dem Tunen ihrer Autos verbracht, als damit zu fahren. Auto-Tuning wurde während der Nuller-Jahre zum Kult, bevor es mit Beginn dieses Jahrzehnts zu einer Lachnummer verkam. Warum? Weil die Automobilindustrie mit ausgereiften Sportpaketen ab Werk die wilde Schrauberei überflüssig gemacht hat. Und Hand aufs Herz: An einem aktuellen Golf GTI gibt es kaum etwas, was man im Hinterhof verbessern könnte. Also: ölverschmierte Hände ade, die Tuning-Szene ist tot. Schade, aber uns Bikern droht dasselbe Schicksal.

Auch technikaffine Biker kennen das befriedigende Gefühl, mit den eigenen Händen das Bike aus der Serie zu einem individuellen Lustobjekt aufzubrezeln. Dabei wurden die Eingriffe in der Vergangenheit immer radikaler. Mit ergonomischen Griffen, bunten Schaltzügen und eloxierten Naben kassiert man schon lange keine achtungsvollen Blicke mehr auf dem Trail. Echte Schrauber machen sich am Fahrwerk zu schaffen, tunen Dämpfer, oder tauschen gleich die ganze Federgabel. Im Gegensatz zum Auto wird bei dem Eingriff das Fahrwerk aber nicht tiefer gelegt, sondern immer aufgebockt. Mehr Federweg sorgt auf dem Trail für mehr Fahrspaß, das längere Einbaumaß lässt den Lenkwinkel abflachen und macht die Geometrie somit abfahrtslastiger. Der letzte Trick der Technik-Nerds. Doch die Serienräder werden immer ausgereifter, bis ins Detail optimiert – zumindest in der Highend-Liga. Auch bei den letzten Tuning-Tests in BIKE sind die Hersteller kaum von der Serienausstattung abgewichen. Und jetzt legen Cannondale und Rocky Mountain sogar die letzte Diaspora des Garagen-Tunings trocken: Den ehemals reinrassigen Rennfeilen Scalpel und Element werden schon in der Serienausführung Trail-Gene eingepflanzt. Doch, macht das Plus an Federweg ein Racefullys wirklich zum Trail-Räuber?

Test-Duell Cannondale Scalpel SE – Rocky Mountain Element

Die Test-Bikes beim BIKE-Festival 2018 am Gardasee. Das Rocky Mountain startete beim Marathon, das Cannondale bewältigte den Dalco-Trail.

Traditionell rollen das Rocky Mountain Element und das Cannon­dale Scalpel als lupenreine Marathon-Fullys vom Band. Schmale Reifen, 100 Millimeter Federweg und schonungslose Race-Geometrien machen die straffen Carbon-Chassis zu heißen Podiumsanwärtern auf jeder Rennstrecke. Aber nicht jeder Biker, der bei seinem Sportgerät auf Effizienz Wert legt, fährt auch wirklich Rennen damit. Deshalb liefern die beiden Kultfirmen aus Übersee ihre Race-Boliden jetzt auch mit einer für Trails optimierten Ausstattung. 25 Millimeter mehr Federweg an Front und Heck, Teleskopstützen und breitere Reifen hauchen beiden Bikes deutlich mehr Selbstbewusstsein auf anspruchsvollen Single­trails ein. Das wird auf den ersten Metern im Gelände sofort klar. Das Cannondale schreckte bei unserem Test mit 60 Millimeter kurzem Vorbau und ergonomischem 770 Millimeter breitem Lenker, gelungenem Fahrwerk und griffigen Reifen selbst vor dem mörde­rischen Dalco-Trail am Gardasee nicht zurück (siehe Seite 22). Wacklige Zitterpartien auf anspruchsvollen Trails sind damit passé. Bergauf lässt sich das Scalpel gut treten, der Hinterbau wippt leicht, aber er bleibt stets aktiv. Die Tuning-Absicht von Cannondale geht auf, das Scalpel-Si ist ein Trail-Räuber mit immer noch gutem Vortrieb auf langen Touren, aber das Beste aus zwei Welten kann auch das Werks-Tuning nicht vereinen.

Beide Kontrahenten haben trotz leichter Rahmen selbstverständlich mehr Gewicht als ihre Ur-Versionen. Mit zwölf Kilo, Lenker-Lockout für den Dämpfer und gut rollendem Hinterreifen hat sich das Rocky während des Tests zwar für den Start beim Riva-Marathon qualifiziert, konnte aber mit den reinrassigen Racebikes nicht mehr mithalten. Das Mehrgewicht kostet vor allem in den steilen Passagen der Marathon-Strecke Körner. Und weil die Front höher gelegt ist, kommt einem gelegentlich das Vorderrad entgegen. Man bezwingt den Anstieg eher im Touren- als im Rennmodus. Die Vollblut-Racer fliegen bergauf an einem vorbei, aber mit dem Rocky unterm Hintern kann man dennoch gelassen bleiben. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Sobald sich der Trail nach der Verpflegungsstation wieder Richtung Tal neigt, kommen die Vorzüge des Tuning-Programms zur Geltung. Ist der Sattel versenkt, macht man die verlorenen Plätze mit dem Element im Nu wieder gut. Auch wenn das Rocky in der Abfahrt nicht ganz so souverän fährt wie das Cannondale, ist es den reinrassigen Marathon-Bikes deutlich überlegen. Die rauen Trails des Gardasees können mit ihrem losen Geröll das Element nicht vor der Aufholjagd stoppen. Allerdings geht das Heck in der Einstellung mit nur 109 Millimetern Federweg (siehe Details) deutlich früher in die Knie als die gut funktionierende Fox-Gabel. Wir empfehlen umbedingt die Ride-9-Einstellung mit 124 Millimetern Federweg, obwohl damit der Lenkwinkel steiler wird. Damit fährt sich das Rocky deutlich harmonischer und setzt wegen des höheren Tretlagers auch nicht so oft mit den Pedalen auf. Das Resümee nach dem Marathon: Trotz Einschränkungen hat sich das Rocky gut geschlagen. Dem Cannondale blieb vor allem wegen des halben Kilos Mehrgewicht gegenüber dem Rocky die Startnummer verwehrt. Auf technischen Singletrails ist es seinem Duellpartner aber überlegen. Beide Bikes funktionieren in der Tuning-Version sehr gut. Die optimierte Ausstattung ist stimmig und macht selbst auf rauen Single­trails Spaß. Die Schrauberstunden im Bikeshop sind also tatsächlich gezählt, aber wer über 5000 Euro für die Bikes hinlegt, bekommt beim Händler seines Vertrauens mit Sicherheit trotzdem ein Bierchen. Auch wenn es nichts mehr zu tunen gibt.

Duell: Cannondale Scalpel und Rocky Mountain Element

Cannondale: Wer denkt, die Lefty-Gabel würde sich mit nur einem Gabelholm auf dem Trail extrem verwinden, der irrt. Mit ihrer Doppelbrücken-Konstruktion war sie in vergangenen Gabeltests sogar steifer als herkömmliche Gabeln. Der fehlende Holm beeinträchtigt die Funktion auf dem Trail nicht.

Duell: Cannondale Scalpel und Rocky Mountain Element

Für die SE-Version tauscht Cannondale nicht nur die Wippe, sondern auch den Hinterbau im Vergleich zur normalen Marathon-Version. Man kann also seinen Marathon-Rahmen nicht selbst durch den Tausch eines Dämpfers günstig zur Trail-Maschine tunen.

Duell: Cannondale Scalpel und Rocky Mountain Element

Rocky Mountain: Der Lockout-Hebel am Lenker blockiert lediglich den Dämpfer. Eine Zwischenstufe wie bei Cannondale gibt es hier nicht. Um die Gabel zu blockieren, muss man die Hand vom Lenker nehmen. Ein Hebel, um das komplette Fahrwerk zu sperren, wäre stimmiger, eine Trail-Plattform wünschenswert.

Duell: Cannondale Scalpel und Rocky Mountain Element

Rocky Mountain: Die Ride-9-Verstellung steht sich selbst im Weg. Mit der Trail-lastigen Geometrie hat das Bike nur noch 109 Millimeter Federweg. Das Heck harmoniert dann nicht mehr mit der Gabel. Wählt man die Einstellung mit mehr Federweg, wird der Lenkwinkel ein Grad steiler. Unlogisch.


FAZIT von Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur:

Das Trailtuning der einstigen Marathon-Räder funktioniert sehr gut. Das Rocky Mountain Element büßt auch in der Trail-Version kaum Race-Gene ein, während das Cannondale Scalpel-Si SE zum Vollblut-Trailbike mutiert. Der Testsieg nach Punkten geht wegen lebenslanger Garantie an das abfahrtslastigere Cannondale.

Ludwig Döhl

Ludwig Döhl, BIKE Testredakteur


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Ludwig Döhl am 04.04.2019