Trailtuning ab Werk: 2 frisierte Race-Fullys im Test Trailtuning ab Werk: 2 frisierte Race-Fullys im Test Trailtuning ab Werk: 2 frisierte Race-Fullys im Test
Seite 1: Test-Duell: Cannondale Scalpel SE vs. Rocky Mountain Element

Trailtuning ab Werk: 2 frisierte Race-Fullys im Test

  • Ludwig Döhl
 • Publiziert vor 2 Jahren

Cannondale Scalpel und Rocky Mountain Element sind seit Jahren erstklassige Race-Fullys. Ab Werk frisierte Versionen sollen den Einsatzbereich über Marathon hinaus erweitern. Funktioniert das?

Die Karre aufgebockt, ein Bier auf dem Autodach und mit ölverschmierten Händen im Motorraum herumfummeln – manche Menschen haben mehr Zeit mit dem Tunen ihrer Autos verbracht, als damit zu fahren. Auto-Tuning wurde während der Nuller-Jahre zum Kult, bevor es mit Beginn dieses Jahrzehnts zu einer Lachnummer verkam. Warum? Weil die Automobilindustrie mit ausgereiften Sportpaketen ab Werk die wilde Schrauberei überflüssig gemacht hat. Und Hand aufs Herz: An einem aktuellen Golf GTI gibt es kaum etwas, was man im Hinterhof verbessern könnte. Also: ölverschmierte Hände ade, die Tuning-Szene ist tot. Schade, aber uns Bikern droht dasselbe Schicksal.

Auch technikaffine Biker kennen das befriedigende Gefühl, mit den eigenen Händen das Bike aus der Serie zu einem individuellen Lustobjekt aufzubrezeln. Dabei wurden die Eingriffe in der Vergangenheit immer radikaler. Mit ergonomischen Griffen, bunten Schaltzügen und eloxierten Naben kassiert man schon lange keine achtungsvollen Blicke mehr auf dem Trail. Echte Schrauber machen sich am Fahrwerk zu schaffen, tunen Dämpfer, oder tauschen gleich die ganze Federgabel. Im Gegensatz zum Auto wird bei dem Eingriff das Fahrwerk aber nicht tiefer gelegt, sondern immer aufgebockt. Mehr Federweg sorgt auf dem Trail für mehr Fahrspaß, das längere Einbaumaß lässt den Lenkwinkel abflachen und macht die Geometrie somit abfahrtslastiger. Der letzte Trick der Technik-Nerds. Doch die Serienräder werden immer ausgereifter, bis ins Detail optimiert – zumindest in der Highend-Liga. Auch bei den letzten Tuning-Tests in BIKE sind die Hersteller kaum von der Serienausstattung abgewichen. Und jetzt legen Cannondale und Rocky Mountain sogar die letzte Diaspora des Garagen-Tunings trocken: Den ehemals reinrassigen Rennfeilen Scalpel und Element werden schon in der Serienausführung Trail-Gene eingepflanzt. Doch, macht das Plus an Federweg ein Racefullys wirklich zum Trail-Räuber?

Wolfgang Watzke Die Test-Bikes beim BIKE-Festival 2018 am Gardasee. Das Rocky Mountain startete beim Marathon, das Cannondale bewältigte den Dalco-Trail.

Traditionell rollen das Rocky Mountain Element und das Cannon­dale Scalpel als lupenreine Marathon-Fullys vom Band. Schmale Reifen, 100 Millimeter Federweg und schonungslose Race-Geometrien machen die straffen Carbon-Chassis zu heißen Podiumsanwärtern auf jeder Rennstrecke. Aber nicht jeder Biker, der bei seinem Sportgerät auf Effizienz Wert legt, fährt auch wirklich Rennen damit. Deshalb liefern die beiden Kultfirmen aus Übersee ihre Race-Boliden jetzt auch mit einer für Trails optimierten Ausstattung. 25 Millimeter mehr Federweg an Front und Heck, Teleskopstützen und breitere Reifen hauchen beiden Bikes deutlich mehr Selbstbewusstsein auf anspruchsvollen Single­trails ein. Das wird auf den ersten Metern im Gelände sofort klar. Das Cannondale schreckte bei unserem Test mit 60 Millimeter kurzem Vorbau und ergonomischem 770 Millimeter breitem Lenker, gelungenem Fahrwerk und griffigen Reifen selbst vor dem mörde­rischen Dalco-Trail am Gardasee nicht zurück (siehe Seite 22). Wacklige Zitterpartien auf anspruchsvollen Trails sind damit passé. Bergauf lässt sich das Scalpel gut treten, der Hinterbau wippt leicht, aber er bleibt stets aktiv. Die Tuning-Absicht von Cannondale geht auf, das Scalpel-Si ist ein Trail-Räuber mit immer noch gutem Vortrieb auf langen Touren, aber das Beste aus zwei Welten kann auch das Werks-Tuning nicht vereinen.

Beide Kontrahenten haben trotz leichter Rahmen selbstverständlich mehr Gewicht als ihre Ur-Versionen. Mit zwölf Kilo, Lenker-Lockout für den Dämpfer und gut rollendem Hinterreifen hat sich das Rocky während des Tests zwar für den Start beim Riva-Marathon qualifiziert, konnte aber mit den reinrassigen Racebikes nicht mehr mithalten. Das Mehrgewicht kostet vor allem in den steilen Passagen der Marathon-Strecke Körner. Und weil die Front höher gelegt ist, kommt einem gelegentlich das Vorderrad entgegen. Man bezwingt den Anstieg eher im Touren- als im Rennmodus. Die Vollblut-Racer fliegen bergauf an einem vorbei, aber mit dem Rocky unterm Hintern kann man dennoch gelassen bleiben. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Sobald sich der Trail nach der Verpflegungsstation wieder Richtung Tal neigt, kommen die Vorzüge des Tuning-Programms zur Geltung. Ist der Sattel versenkt, macht man die verlorenen Plätze mit dem Element im Nu wieder gut. Auch wenn das Rocky in der Abfahrt nicht ganz so souverän fährt wie das Cannondale, ist es den reinrassigen Marathon-Bikes deutlich überlegen. Die rauen Trails des Gardasees können mit ihrem losen Geröll das Element nicht vor der Aufholjagd stoppen. Allerdings geht das Heck in der Einstellung mit nur 109 Millimetern Federweg (siehe Details) deutlich früher in die Knie als die gut funktionierende Fox-Gabel. Wir empfehlen umbedingt die Ride-9-Einstellung mit 124 Millimetern Federweg, obwohl damit der Lenkwinkel steiler wird. Damit fährt sich das Rocky deutlich harmonischer und setzt wegen des höheren Tretlagers auch nicht so oft mit den Pedalen auf. Das Resümee nach dem Marathon: Trotz Einschränkungen hat sich das Rocky gut geschlagen. Dem Cannondale blieb vor allem wegen des halben Kilos Mehrgewicht gegenüber dem Rocky die Startnummer verwehrt. Auf technischen Singletrails ist es seinem Duellpartner aber überlegen. Beide Bikes funktionieren in der Tuning-Version sehr gut. Die optimierte Ausstattung ist stimmig und macht selbst auf rauen Single­trails Spaß. Die Schrauberstunden im Bikeshop sind also tatsächlich gezählt, aber wer über 5000 Euro für die Bikes hinlegt, bekommt beim Händler seines Vertrauens mit Sicherheit trotzdem ein Bierchen. Auch wenn es nichts mehr zu tunen gibt.

Georg Grieshaber Cannondale: Wer denkt, die Lefty-Gabel würde sich mit nur einem Gabelholm auf dem Trail extrem verwinden, der irrt. Mit ihrer Doppelbrücken-Konstruktion war sie in vergangenen Gabeltests sogar steifer als herkömmliche Gabeln. Der fehlende Holm beeinträchtigt die Funktion auf dem Trail nicht.

Georg Grieshaber Für die SE-Version tauscht Cannondale nicht nur die Wippe, sondern auch den Hinterbau im Vergleich zur normalen Marathon-Version. Man kann also seinen Marathon-Rahmen nicht selbst durch den Tausch eines Dämpfers günstig zur Trail-Maschine tunen.

Georg Grieshaber Rocky Mountain: Der Lockout-Hebel am Lenker blockiert lediglich den Dämpfer. Eine Zwischenstufe wie bei Cannondale gibt es hier nicht. Um die Gabel zu blockieren, muss man die Hand vom Lenker nehmen. Ein Hebel, um das komplette Fahrwerk zu sperren, wäre stimmiger, eine Trail-Plattform wünschenswert.

Georg Grieshaber Rocky Mountain: Die Ride-9-Verstellung steht sich selbst im Weg. Mit der Trail-lastigen Geometrie hat das Bike nur noch 109 Millimeter Federweg. Das Heck harmoniert dann nicht mehr mit der Gabel. Wählt man die Einstellung mit mehr Federweg, wird der Lenkwinkel ein Grad steiler. Unlogisch.


FAZIT von Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur:

Das Trailtuning der einstigen Marathon-Räder funktioniert sehr gut. Das Rocky Mountain Element büßt auch in der Trail-Version kaum Race-Gene ein, während das Cannondale Scalpel-Si SE zum Vollblut-Trailbike mutiert. Der Testsieg nach Punkten geht wegen lebenslanger Garantie an das abfahrtslastigere Cannondale.

Boris Beyer Ludwig Döhl, BIKE Testredakteur


  • 1
    Test-Duell: Cannondale Scalpel SE vs. Rocky Mountain Element
    Trailtuning ab Werk: 2 frisierte Race-Fullys im Test
  • 2
    Duell: Cannondale Scalpel SE vs. Rocky Mountain Element
    Messwerte, Ausstattung und Testurteil

Themen: CannondaleElementMarathonRocky MountainScalpelTest-DuellTrailbikeTuning


Lesen Sie das BIKE Magazin. Einfach digital in der BIKE-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
Anzeige
  • Test ALT gegen NEU: Rocky Mountain Element 970 RSL
    Rocky Mountain Element 970 RSL: Modell 2016 gegen 2017

    17.04.2017Räder werden nur teurer, aber kaum besser! Von wegen. Der Blick in die Historie des Elements deckt die wichtigsten Entwicklungsstufen der Mountainbike-Industrie auf.

  • Test 2017 – Racefullys: Cannondale Scalpel-Si Race
    Cannondale Scalpel-Si Race im Test

    22.08.2017Ob man auf dem Scalpel-SI einen Worldcup gewinnen kann, müssen Maxime Marotte, Helen Grobert und Manuel Fumic erst beweisen...

  • Neu: Rocky Mountain Thunderbolt 2018
    Rocky Mountain Thunderbolt: Neues Trailbike aus Kanada

    27.03.2018Rocky Mountain legt das Thunderbolt neu auf. Das Trailbike rollt ab sofort mit 130/130 mm Hub, angepasster Geometrie und anders platzierter Ride-9-Verstellung an. Wie gewohnt ...

  • Neue Cannondale Lefty Ocho Federgabel
    Lefty Ocho: halbe Gabel, doppelter Hingucker

    18.05.2018Die Cannondale Lefty Federgabel hat viele Anhänger, aber noch mehr Kritiker. Das neue Lefty-Modell Ocho ist jetzt in jedem MTB-Rahmen nachrüstbar.

  • Neu: Orbea Oiz 2019
    Orbea Oiz: neues Race-Fully mit 1,6-kg-Rahmen

    25.06.2018Mit dem neuen Oiz will Orbea nicht nur Worldcup-Racer glücklich machen, sondern auch sportliche Trail-Biker: Neben der XC-Version mit 100-mm-Fahrwerk gibt's auch ein Oiz TR mit ...

  • Neuheiten 2019: Cube Mountainbikes
    Cube 2019: neues Stereo 120 & spannende TM-Modelle

    07.08.2018Die wichtigsten 2019er MTB-Neuheiten von Cube: Das Stereo 120 bekommt einen neuen Rahmen und wird zum Trailbike. Zudem spannend: Die abfahrtsorientierten TM-Modelle, vor allem das ...

  • Testsieger 2018: Die besten Trailbikes
    Best of Test: Die 4 besten Trailbikes

    18.09.2018Trailbikes sind der goldene Mittelweg zwischen Abfahrtsspaß und Touren-Tauglichkeit. Mit 130 mm Federweg erleichtern sie Singletrail-Fahrten, sind aber auch in der Lage, die Alpen ...

  • Test 2016: BMC Teamelite 01 XT gegen Trek Procaliber 9.7 SL
    Softtail-Duell: BMC Teamelite gegen Trek Procaliber

    17.06.2016Weich ist das neue Hart. Mit ihren minimalistischen Federungssystemen wollen BMC und Trek die Hardtail-Welt etwas softer gestalten. Wir haben beide Systeme im Trail und im ...

  • Merida Ninety-Six Carbon 3500

    31.08.2008Das “Ninety-Six 3500” besticht durch sein außergewöhnliches Chassis und ist prädestiniert für den Kampf gegen die Uhr. Kompromisslos schnell, mit wenig Komfort.

  • Marathon-Fullys

    26.06.2006Die Marathon-Profis sitzen auf 5000-Euro-Maschinen. Doch man kann auch mit Bikes für halb so viel Geld Medaillen einfahren. Wir waren mit zehn Marathon-Fullys zwischen 2500 und ...

  • 2Danger Hot Carrot Ltd.

    28.03.2008FAZIT: Klassisches Touren- Bike mit gutmütigen Fahreigenschaften und sensationeller Ausstattung

  • Dauertest 2008

    30.12.2008Schnee, Staub, Dreck – unsere Dauertest-Bikes schoben bei allen Wetterbedingungen Dienst. 30.000 Kilometer kamen so über die Saison zusammen – da sind Defekte vorprogrammiert.

  • Neuheiten Teile 2021
    Neuheiten 2021: Teile und Zubehör

    25.01.2021Von leichten Trail-Federgabeln über die neuesten Carbon-Laufräder bis hin zu Hybrid-Getriebe-Kettenschaltungen. Die spannendsten MTB-Zubehör-Neuheiten für 2021.

  • Marathon-Training für Mountainbiker
    Marathon-Training: Die besten Tipps zur Zielgeraden

    03.11.20192020 einen Marathon finishen? Einmal unter die Top 50 fahren? Oder endlich die Extremdistanz durchstehen? Wer jetzt beginnt, sich auf die anstehende Saison vorzubereiten, kommt ...

  • Tuning: Was bringt Leichtbau und was kostet es?
    Das Experiment: Schneller durch Tuning

    18.09.2020Wer Zeit auf der Strecke gutmachen will, muss investieren – in meist sündhaft teure Komponenten. Wie viel Zeit teures Tuning wirklich spart, haben wir in einem aufwändigen ...

  • Niner Air 9 Team XTR

    05.09.2009Niner stellt mit dem Air 9 ein gelungenes Race-Bike auf die großen Räder, das sportlichen Marathon-Fahrern Vorteile verschafft.