Jedermanns-Race Enduro One„Tierisch aufgeregt!“

Dimitri Lehner

 · 11.06.2025

Augen groß, Puls hoch, Aufregung: enorm. Race-Rookie Dimi Lehner in der Dangerzone.
Foto: Max Fuchs
Enduro One heißt die beliebte deutsche Rennserie für Jedermann. Bis zu 700 Teilnehmer gehen bei den Stopps an den Start. Die Tour startete in Bad Wildbad. Der zweite Stopp passierte in Trieb/Oberfranken. Bike-Reporter Dimi Lehner nahm mit Widerwillen daran teil und erlebte eine Überraschung. Hier seine Story.

Ich bin hier, weil ich muss! Dabei hätte ich mir gewünscht, dass einer meiner jungen Kollegen für mich in die Bresche springt. Doch BIKE-Chef Josh sagte: „Das soll der Lehner machen – er weiß, warum!“ Ein Enduro-Rennen als Erziehungsmaßnahme für einen Patzer im Job. Das zieht, denn Rennen sind nicht mein Ding – ich bin ein Freerider. Stoppuhr und Leistung auf Kommando machen mich nervös.

Deswegen rast mein Puls. Die Aufregung ist groß – die Spucke trocknet im Mund, die Lungen füllen sich anders als sonst – verkrampft. Ich stehe mitten im Wald – in einer Schlange! Fahrer vor mir, Fahrer hinter mir. Wir warten alle auf den sogenannten Prolog. Insgesamt wollen über 500 Fahrer an diesem Wochenende beim Enduro One Rennen in Trieb teilnehmen. Trieb – ich wusste es nicht – liegt in Oberfranken. Und der Prolog des Rennens – das wusste ich – ist eine Abfahrt mit Zeitnahme. Fährst du zügig, dann schaffst du sie unter zwei Minuten. Die Wertung legt die Startabfolge für die weiteren Stages fest. Insgesamt gibt es sieben Stages in diesem Enduro-Race, also Abfahrten mit Wertung. Da musst du alles geben, bei allem, was dazwischen passiert, darfst du bummeln.

Die Aufregung ist groß – die Spucke trocknet im Mund, die Lungen füllen sich anders als sonst – verkrampft!

Vorbereitung? Keine!

Zwei Tage shredden in Finale Ligure im Februar – so mager sieht meine Bilanz aus. Das ist alles. Keinen einzigen Bikepark-Tag kann ich verbuchen. Danke, liebes Regen-Frühjahr! Und es kommt noch dicker: Mein Bike, ein nagelneues Radon Jab in 29-Zoll, bin ich auch noch nicht gefahren. Nun, ich kenne das Jab, da setzt man sich drauf und räubert los, Eingewöhnung überflüssig. Dennoch: Meine Psyche wird durch diese Fakten nicht gestählt, aber eine Stahl-Psyche brauche ich jetzt. Kurz vor dem Rennen rufe ich meinen alten Bike-Buddy Florian Haymann an. In den 2000ern hatten wir beide ein Zeitschriften-Volontariat bei BIKE gemacht. Ich blieb, er wurde promovierter Münz-Experte. Damals schwappte die Freeride-Welle über die Bike-Szene und erfasste uns mit voller Wucht. Uns interessierten plötzlich nur noch Logrides, Drops und Manuals. Der Bikefilm „New World Disorder“ lief im Büro in Dauerschleife. Das ist lange her, zeitweise hörte Flori sogar ganz auf mit Mountainbiken, bis ihn jetzt Mitte 40 die Midlife-Crisis beutelt und er es sich noch mal beweisen will. Zum Beispiel mit einer guten Platzierung bei der Enduro-One-Serie – Flori fährt alle fünf Rennen mit. Das erste in Bad Wildbad hat er hinter sich, und ich hänge am Handy und quetsche ihn aus: „Brauche ich eine Trinkblase? Wie viele Müsliriegel? Nimmst du einen Fullface? Hast du einen Rückenprotektor? Was?! Viele Platten und Laufradbrüche in Wildbad? Ach komm, ach nee!“ Auf Pannen hab ich gar keinen Bock! Telefon aufgelegt und im Schrank nach den fetten Downhill-Schlappen gekramt. Schwalbe hatte mal die Superreifen von Worldcupper Amaury Pierron in die BIKE-Redaktion geschickt, sackschwer, doch sie machen unverwundbar wie ein Bad in Drachenblut. Ich montierte sie, tubeless natürlich, und mache mich am nächsten Tag auf nach Trieb in Oberfranken.

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Buddies aus alten Tagen: Florian Haymann (li) und Dimi Lehner machten beide ein Zeitschriften-Volontariat bei BIKE. Anfang der 2000er.Foto: Forian HaymannBuddies aus alten Tagen: Florian Haymann (li) und Dimi Lehner machten beide ein Zeitschriften-Volontariat bei BIKE. Anfang der 2000er.

Enduro-Racing für Jedermann


Christoph Döbler hat die Rennserie „Enduro One“ 2017 ins Leben gerufen. An manchen Rennen nehmen 700 Starter teil (!) in insgesamt 13 Wertungsklassen wie Pro, Sport, Pre-Senior (ab 1989), Senior (ab 1984) und Super Senior (ab 1974). Für E-Bikes gibt’s die auch. Der Frauenanteil liegt noch bei 10 Prozent, Tendenz steigend. Der Ablauf der Rennen ist immer gleich: 5 bis 7 Stages auf Zeit, Training auf 2-3 Stages, der Rest der Trails wird erst am Race-Tag bekannt gegeben und „blind“ gefahren. Der Prolog zählt mit in die Wertung. Zwischen den Stages kurbelt jeder, wie er mag, den Berg hoch – etwa 1000 Höhenmeter insgesamt. Der Aufwand, der hinter den Zahlen steckt, kann man nur erahnen. 70 Helfer sind im Einsatz. Um eine Stage abzustecken, „abzuflattern“, wie Döbler es nennt, ist ein Helfer einen ganzen Tag beschäftigt. Die Rennen der Enduro-One-Serie finden in ganz Deutschland statt. 2025 in Bad Wildbad (Schwarzwald), Trieb (Oberfranken), Roßbach (Hessen), Schulenberg (Harz) und Rabenberg (Erzgebirge).

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Die Stimme im Kopf schreit: „Zieh ab!“ Und ich ziehe ab – gut so!
Mit Schwung rausche ich durch die Wurzeln.

„Bleib cool!“


Schon auf der Fahrt nach Trieb steigt mein Puls und ich wundere mich über mich selbst: Hallo! Bleib locker! Es geht um nichts. Mitfahren, Spaß haben, sich nicht verletzen – das sind meine Prioritäten. Wie ein Mantra bete ich mir das runter. Beim Frühstücksei am nächsten Morgen im Gasthaus Goldene Krone – Jagdstillleben in Öl, Eichenmöbel, Zinnbecher – hat mich die Nervosität voll im Griff. Wieder. Noch immer. Keine Ahnung! Flori schaut amüsiert über den Rand seiner Kaffeetasse und sagt: „Entspann dich! Das Wetter ist gut, die Trails sind sanfter als in Bad Wildbad, das wird lässig – du wirst sehen!“ Das Training dämpft die Aufregung. Der Boden ist griffig, die Strecken machen Spaß – mit Drops und Sprüngen. Ich fahre die Trainingsstages flüssig durch. Flori geht das Training ernster an. Er übt einzelne Sektionen, schiebt hoch, probiert unterschiedliche Lines. Was ist schneller: links über die Steine oder rechts über die Wurzeln, Felsabsprung oder Außenlinie? Das Ganze filmt er mit seiner GoPro. „Das guck’ ich mir im Hotel heute Abend an!“ sagt er, während ich schon nicht mehr weiß: War der Drop jetzt auf Stage 1 oder Stage 5?

Das fiese Gap im Prolog erwischte so manchen unvorbereitet.Foto: Max FuchsDas fiese Gap im Prolog erwischte so manchen unvorbereitet.

Die Zeit läuft!

Die Warteschlange vorm Prolog schrumpft. Dann ist es soweit, ich schiebe mein Bike mit Nummer 3159 zum Startersensor. Hinter der Nummerntafel sitzt der Responder. Er löst die Zeitnahme aus. Jetzt! Ich keule in die Pedale und die Welt verengt sich zum Tunnelblick. Nur die innere Stimme gibt Kommandos: „Häng nicht hinten!“, „Druck aufs Vorderrad!“ Der Trail tanzt, hüpft und schwingt zwischen den Flatterbändern. Vor mir ein Drop! Die Stimme im Kopf schreit: „Zieh ab!“ Und ich ziehe ab – gut so! Mit Schwung rausche ich durch die Wurzeln. Erst unten in den schnellen Kurvenwechseln verpuffen Kraft und Zeit. Dennoch bin ich zufrieden. Am Parkplatz treffe ich Flori. Wir vergleichen die Ergebnisse. Er war auf der kurzen Strecke 13 Sekunden schneller. 13 Sekunden! Ich will’s kaum glauben und schaue Flori fragend an. Er zuckt mit den Schultern. „Das ist das Alter. Mit fast 60 ist man so langsam“, sagt er und grinst. Eigentlich wollte ich das Rennen mit ihm zusammenfahren, gemeinsam die Uphills hoch kurbeln, mich mit ihm von Stage zu Stage hangeln. Das geht jetzt nicht, denn Flori startet viel früher – die lahmen Schnecken kommen erst ab 15 Uhr dran. Also liege ich im Schatten auf einem Pappkarton und warte.

Film ab – und Action!

Ab drei Uhr dreht das Leben alle Regler auf: Ton, Farbe, Kontrast. Der Nachmittag mutiert zum Actionfilm. Berg hoch keuchen, runterballern. Stage 1 mit dem Drop. Ich erwische ihn gut. Stage 2 mit Off-Camber-Passagen. Gerne wäre ich oben geblieben, doch der Schwung zwingt mich nach unten. Dumm! Stage 3 mitten in Lichtenfels über Treppen und Traktoren-Hänger. Ich fühlte mich wie Urban-Racer Johannes Fischbach Cerro Abajo – sehr lustig! In Stage 4 kurve ich um die Bäume wie Lindsey Vonn um Slalomstangen. Doch dann rutschen die Reifen plötzlich weg und ich kugle im Dreck. Schnell hoch, aufs Bike springen, weiter knattern!

Tunnelblick: Die Welt schrumpft zusammen auf wenige Meter Erde vorm Lenker.Foto: Max FuchsTunnelblick: Die Welt schrumpft zusammen auf wenige Meter Erde vorm Lenker.

Auf dem Trail: Begegnungen

Vor Stage 5 treffe ich Leni Eller. Sommersprossen, blondes Haar, Pippi-Langstrumpf-Lachen. Sie ist die Tochter von Karen Eller & Holger Meyer – den Beckhams des Mountainbikings. Kein Wunder, dass Tochter Leni schnell durchs Gelände fetzt. Sie erzählt mir von ihrem Kettenriss auf Stage 3, ich beichte meinen Sturz auf Stage 4 – und schon geht’s uns besser: erzähltes Leid = halbes Leid. Beim Uphill treffe ich Jakob. Gestern im Training rief jemand: „Was ist denn das für ’ne Scheiße da vorne!“, denn vor ihm staute es sich. Es staute sich wegen Jakob. Jakob fährt ein Starrbike aus den 1980ern. Das heißt: jede Bodenwelle ist ein Bocksprung. Jede Wurzel, ein Rodeoritt. Jeder Sprung ein Ringkampf mit der Schwerkraft. „Mein Ziel“, sagt Jakob, „nicht Letzter werden!“ Am Start der letzten Stage quatsche ich Gilles an. Gilles ist FREERIDE-Leser der ersten Stunde. Fistbump mit Gilles – „Bis gleich im Ziel!“, sage ich und rolle vor an die Startlinie. „5-4-3-2-1-Go!“ sagt der Mann am Start. Und weg bin ich.

„U 3159: Einlaufen nach Feindfahrt“ – Wenn schon nicht schnell, dann wenigstens das Bike bisschen tweaken: Abschuss-Drop übers Vereinsheim.Foto: Max Fuchs„U 3159: Einlaufen nach Feindfahrt“ – Wenn schon nicht schnell, dann wenigstens das Bike bisschen tweaken: Abschuss-Drop übers Vereinsheim.

Die Verwandlung: Alles vergessen!

Wer bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Lebe ich nach Plan A oder Plan B?
ALLES. IST. WEG. Keine Gedanken. Ich bin alleine auf der Welt; ich sehe nur den Lenker in meinen Fäusten und den Wald, der als grüne Soße in den Augenwinkeln vorbeizischt. Leben im Jetzt. Dazu brauche ich keine fernöstliche Philosophie. Dazu brauche ich nur mich, das Bike und dieses Rennen. Ich bin 56 Jahre alt. Ich bin 35 Jahre. 25. Ein Spielkind. Alles auf einmal. Alles verschmilzt. Das fühlt sich gut an, saugut! Spannung auf den Muskeln. Aber auch Spannung im Kopf. Hochspannung, dass die Funken fliegen. Enduro One als Jungbrunnen. Wer hätte das gedacht: Ich nicht. Ich am wenigsten. So geil! Schluss-Sprint, Schluss-Drop, Schluss-Gerade. Im Ziel!

Im Ziel: Dimi und Flori. Selfie fürs Fotoalbum. Flori war 1 Min. 23 Sekunden schneller. Das schreit nach einer Revanche in Rabenberg.Foto: Max FuchsIm Ziel: Dimi und Flori. Selfie fürs Fotoalbum. Flori war 1 Min. 23 Sekunden schneller. Das schreit nach einer Revanche in Rabenberg.

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