Fahrradmarkt-ZwischenstandGravelbike boomt, MTB schwächelt

Josh Welz

 · 21.07.2026

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Foto: Ki-generiert
​Der deutsche Fahrradmarkt konsolidiert sich auf 9,4 Milliarden Euro. Während sportliche Allrounder boomen, steht das klassische Mountainbike immer noch unter Verkaufsdruck. Warum, und wie geht es weiter?

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Fazit zu Lage der Fahrradbranche

Trotz des aktuellen Umsatzrückgangs erweist sich der Fahrradmarkt als resilient. Wie die Experten der BBE Handelsberatung betonen, ist die aktuelle Konsolidierung keine anhaltende Krise, sondern das Finden einer gesunden Marktbalance nach dem Ausnahme-Hype. Wer flexibel auf vielseitige Segmente wie Gravelbikes setzt und sein Profil durch exzellenten Service schärft, geht gestärkt aus dieser Marktbereinigung hervor. ​

Nach den außergewöhnlichen Boomjahren während der Pandemie und dem anschließenden tiefen Fall steckt die deutsche Fahrradbranche immer noch in einer tiefgreifenden Marktbereinigung. Laut dem aktuellen „Branchenbericht Fahrräder 2026“ des IFH KÖLN (Institut für Handelsforschung) und der BBE Handelsberatung sank das Marktvolumen im Jahr 2025 um 5,1 Prozent auf insgesamt 9,4 Milliarden Euro. Dies markiert bereits den dritten Umsatzrückgang in Folge. Dennoch pendelt sich die Branche auf einem hohen Niveau ein: Das Gesamtvolumen liegt nach wie vor deutlich über dem Vor-Corona-Stand.

Der Rückgang führt im Handel zu einer spürbaren Strukturverschiebung. Große Fachmärkte und Filialisten bauen ihren Vorsprung dank großzügiger Verkaufsflächen für E-Bikes weiter aus. Kleinere Händler fangen den Druck hingegen ab, indem sie sich strategisch neu positionieren. „Wer jetzt seine Prozesse optimiert, eine klare strategische Positionierung besitzt und seine Zahlen im Griff hat, wird gestärkt aus dieser Phase hervorgehen“, erklärt Florian Schöps, Manager Unternehmensberatung bei der BBE Handelsberatung. Viele Händler setzen deshalb heute verstärkt auf Werkstatt-, Reparatur- und Serviceleistungen als verlässliche Ertragsquellen.

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Gravel-Hype trotzt dem Abwärtstrend

Trotz der allgemeinen Kaufzurückhaltung gibt es klare Wachstumstreiber. Allen voran haben Rennräder, sportliche Straßenräder allgemein und insbesondere Gravelbikes das Segment nachhaltig belebt. „Die Räder verbinden sportliche Performance mit hoher Alltagstauglichkeit und sprechen damit weit über die klassische Rennradzielgruppe hinaus sowohl ambitionierte Sportler:innen als auch Freizeitradler:innen an“, so Christoph Lamsfuß, Senior Projektmanager am IFH KÖLN.

Selbst im insgesamt rückläufigen E-Bike-Sektor erweisen sich E-Gravelbikes sowie elektrische Allterrain-Bikes (ATB) als echte Lichtblicke und verzeichnen steigende Marktanteile. Zusätzlichen Schub erfährt der Markt durch Kinder- und Jugendräder, die laut den Erhebungen des IFH KÖLN aktuell von den höheren Geburtenzahlen während der Pandemiejahre profitieren.

Warum das MTB noch immer kriselt

Demgegenüber steht das Sorgenkind der Branche: der Mountainbike-Bereich inklusive der einstigen Vorzeige-Kategorie E-MTB. Die Ursachen für den aktuellen Verkaufsdruck liegen tiefer als eine reine Konjunkturschwäche. Nach den massiven Lieferengpässen der Boomjahre bauten Händler und Hersteller enorme Überkapazitäten auf. Es folgte eine ganze Welle von aggressiven Rabattschlachten, um die prall gefüllten Lager im Jahr 2024 und 2025 zu leeren. Das ließ die Margen im Handel drastisch einbrechen und forcierte die Marktsättigung. Mittlerweile hat sich zwar eine neue, höhere „Preisrealität“ eingependelt, doch die Kundschaft zeigt sich nur bedingt interessiert. Wer sich im Hype ein teures E-MTB zugelegt hatte, verspürt heute keinen Bedarf für eine Neuanschaffung.

Zudem sorgt der rasante technologische Wandel für Verunsicherung: Der schnelle Einzug neuer Akku-Generationen und innovativer Antriebe lassen Käufer aus Angst vor schneller Obsoleszenz zögern. Lieber abwarten, was sich etabliert, als zu schnell etwas neues anschaffen, das vielleicht wenige Monate später schon zur ollen Kamelle wird, so das Motto vieler Verbraucher.

Gleichzeitig gerät das klassische, unmotorisierte Mountainbike (insbesondere Trailbikes) zunehmend in die Zange. Einerseits decken leichte, extrem leistungsfähige E-MTBs deren Einsatzbereich ab; andererseits wildern hochpotente Cross-Country-Bikes ebenfalls in diesem Revier. Laut den offiziellen Marktdaten des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) und des Verbunds Service und Fahrrad (VSF) kommen mittlerweile nur noch rund drei Prozent der in Deutschland verkauften Mountainbikes ohne Motor aus. Das traditionelle MTB verliert seine Eigenständigkeit an vielseitigere Crossover-Konzepte.

Warum aber laufen Rennräder gut und boomen Gravelbikes? Die Einstiegshürde liegt schlichtweg tiefer: Für Gravelbikes und Rennräder wird kein hohes fahrtechnisches Können vorausgesetzt. Anders sieht das aus, wenn man mit dem MTB auf unbefestigten Trails fährt. Dazu kommt: Mit dem Rennrad oder Gravelbike kann der Großteil der Zielgruppen direkt vor der eigenen Haustüre starten - easy Access also. Mountainbiker müssen dagegen oft erst mit dem Auto los, um zu adäquaten Strecken zu gelangen.

Und wie geht es weiter?

Trotz des jüngsten Umsatzrückgangs ist die Grundstimmung bei den führenden Verbänden optimistisch. Die Talsohle scheint durchschritten, und das Fundament ist stabil. Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV), betonte im Rahmen der aktuellen Marktdatenpräsentation im März die inhärente Stärke der Branche:

Die Fahrradwirtschaft hat bewiesen, dass sie Innovationen vorantreiben kann. Jetzt geht es darum, diese Kraft gezielt für stabiles Wachstum einzusetzen. Wir müssen neue Zielgruppen und Wertschöpfungspotenziale erschließen.

Prognose Gravelbike und Rennrad: Die Wachstumskönige

Im Segment der Gravelbikes (inklusive der aufstrebenden E-Gravelbikes) erwarten die Experten auch weiterhin Wachstum. Zudem macht diese Fahrradgattung Herstellern und Händler momentan die meiste Freude, da die Nachfrage so stabil ist, dass in diesem Segment kaum Preisnachlässe gewährt werden müssen. Der Trend geht hier im Jahr 2026 zu noch mehr Systemintegration, elektronischen Schaltgruppen als Standard und aerodynamischen Bikepacking-Konzepten.

Das klassische Rennrad profitiert stark von diesem Boom: Viele Fahrer steigen flexibel zwischen beiden Welten um, wodurch Asphalt- und Schotter-Performance immer weiter verschmelzen. Größere Reifenfreiheiten und dämpfende Komfort-Technologien prägen die neuen Modellgenerationen.

Prognose MTB und E-MTB: Innovationen gegen Sättigung

Im Bereich Mountainbike und E-MTB dauert die Marktbereinigung aufgrund der massiven Überkapazitäten der Vorjahre am längsten an. Die Prognose zeigt eine spürbare Aufspaltung des Marktes in zwei neue Technologie-getriebene Richtungen:

  • Motoren und Gewicht: Der Markt verlangt nach leichteren, agileren E-Mountainbikes, die sich optisch und fahrtechnisch noch weniger vom klassischen Mountainbike unterscheiden. Gleichzeitig steigt der Wettbewerb im Motorenmarkt und zwingt etablierte Systemanbieter zu schnelleren und tiefgreifenderen Innovationen.
  • Die 32-Zoll-Revolution: Ein neuer technologischer Impuls könnte dem unmotorisierten und motorisierten MTB-Bereich völlig neue Kaufanreize bescheren. Nachdem die UCI (Weltradsportverband) größere Laufräder für den Weltcup freigegeben hat, laufen in der Industrie die Vorbereitungen.

Besonders der 32 Zoll-Trend wird in der Branche mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Die neue Laufrad-Gattung könnte gerade das innovationsmüde unmotorisierte Mountainbike wiederbeleben. Steffen Jüngst, Pressesprecher des Reifenherstellers Schwalbe, prognostiziert dieser Entwicklung jedenfalls großes Potenzial:

32-Zoll-Reifen sind nach unseren Analysen und Tests eine vielversprechende Technologie mit realen, spürbaren Vorteilen – unabhängig von einzelnen Marktsegmenten und weit über den Performance-Bereich hinaus.

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Josh Welz

Josh Welz

Chefredakteur

Josh Welz ist studierter Sportjournalist und prägt als Chefredakteur die publizistische Ausrichtung der BIKE. 2016 griff Welz den E-Trend auf und entwickelte den Titel EMTB. Entsprechend bewegt er sich gerne zwischen den Welten. Da seine Begeisterung für knackige Trails aber größer ist als sein Trainingsfleiß, schlägt das Pendel häufig in Richtung „E“ aus.

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