Ein GeständnisWarum ich Treppen mit dem Bike nicht auslassen kann

Dimitri Lehner

 · 05.04.2026

Nein, das bin nicht ich. Das ist Stuntman Luigi Madrulli irgendwo in Rom in den 1920er-Jahren. Was passiert hier gerade? Der Worst Case: OTB (Over the Bar)!
Foto: Getty/Universal Archive
Es gibt Menschen, die steigen bei Treppen ab. Und es gibt Menschen, die Treppen mit dem Fahrrad fahren. Leider gehöre ich zur zweiten Gruppe. Das ist keine Entscheidung. Das ist ein Reflex. Eine kurze Geschichte über Selbstüberschätzung, Bauzäune und die sehr persönliche Beziehung zur Schwerkraft.

Treppen muss man fahren. Punkt. So verstehe ich Freeriden. Absteigen wäre ungefähr so, als würde ein Skifahrer vor der Buckelpiste die Ski abschnallen. Undenkbar.

Neulich also, 7:30 Uhr morgens, auf dem Weg ins Büro. Eine Baustelle hatte die Straße gekappt. Ersatzlösung: eine Behelfstreppe. Schmal, steil, fies. Von oben kaum einsehbar. Genau die Sorte Treppe, die einem zuflüstert: Lass es lieber.

Ich ließ es nicht.

Mit Schwung hinein – und dann sehe ich ihn. Einen Mann, der gerade nach oben steigt. Jeder normale Mensch hätte jetzt gebremst. Aus Höflichkeit. Aus Vernunft. Vielleicht sogar aus Selbsterhaltungstrieb.

Ich nicht.

Treppen müssen gefahren werden.

Also Bremse auf, rein in die Stufen. Der Mann erschrickt, zuckt wie unter Starkstrom. Ich weiche aus, obwohl man dort nicht ausweichen kann. Meine Schulter streift den Bauzaun. Der Lenker verhakt sich im Draht. Und dann meldet sich zuverlässig die alte Bekannte: die Schwerkraft.

Ich fliege.

Nicht elegant. Eher so, wie man sich einen Hollywood-Stunt vorstellt, allerdings ohne Stuntman.
Arme nach vorne, Gesicht irgendwo zwischen Horror und Panik. Nach vier Metern erste Landung auf Holzstufen. Hab ich Landung gesagt? Quatsch! Aufprall. Hart. Unbarmherzig. Dann weiterfliegen. Noch einmal vier Meter tiefer: Vollkontakt. Mit Wucht in den Bauzaun. Erst Geschepper, dann...

Stille.

Mein Bike liegt auf mir. Mein Gesicht auf Asphalt. Von oben ruft der Mann: „Arschloch!“

Ich stehe auf. Fluchtinstinkt. Schnell weg hier. Schadenanalyse später. In der Ferne nähert sich bereits eine Wolke Schulkinder.

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Treppen sind unberechenbar.
Meistens geht es gut. Manchmal eben nicht. Genau deshalb fährt man sie ja.

Jetzt erkläre ich trotzdem, worauf man achten sollte. Sicher ist sicher

Fahrtechnik: Treppen fahren

Das Manöver läuft ab wie bei einer Steilabfahrt im Gelände – nur mit Stufen.
Sobald du in der Schräge bist, gibt es kein Zögern mehr. Da gilt die Devise: Durchziehen!
Die Kurbeln stehen waagerecht, das bringt Stabilität. Taucht das Vorderrad über die erste Kante ab, schiebst du dein Gewicht leicht nach hinten. Die Zeigefinger liegen bremsbereit an den Hebeln. Dosiert bremsen, die Räder müssen rollen – auch das gibt Stabilität.


Lenker festhalten, locker bleiben!

Deine Arme und Beine sind gebeugt – so kannst du Stöße abfedern und behältst jederzeit die Kontrolle. Wichtig: Fixiere den Lenker. Er muss unbedingt gerade ausgerichtet bleiben – vermeide Lenkeinschläge unter allen Umständen. Muskelspannung!
Dein Blick blickt zum Treppenausgang. Das nennt man Blicksteuerung – das hilft dir da hin zu fahren, wo du hin willst.

70 Prozent ist Kopfsache! Bei langen, steilen Treppenabfahrten heißt es: Locker bleiben, Lenker festhalten, dosiert Bremsen und bis zum Schluss durchziehen.
(STEFAN HERRMANN, Fahrtechnik-Experte)

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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