Mountainbiken ist ein Freiheitsversprechen. Wald. Dreck. Geschwindigkeit. Sonnenflecken auf dem Trail. Leider glauben manche, Freiheit bedeute auch: Lautsprecher im Rucksack, Taschentücher im Gebüsch und Vollgas durchs Wandererpaar. Tut es nicht. Deshalb hier ein unser kleiner Trail-Knigge. Nicht als Moralpredigt. Sondern als letzte Hoffnung.
Mein Vater sagte früher immer: „Im Wald und in der Kirche spricht man leise.“ Dann hob er den Finger und zeigte nach oben, als säße Gott persönlich auf der Fichte.
Später bei der Bundeswehr hieß das „Geräuschdisziplin“. Lautlos = Überleben.
Heute reicht schon: Lautlos = nicht nerven.
Denn nichts ist trauriger als Menschen, die mit Bluetooth-Box am Rucksack über den Trail rumpeln. Beatboxen im Wald – die akustische Form von Crocs. Wer beim Biken Musik braucht: Kopfhörer rein. Der Rest der Menschheit muss nicht mithören.
Das gilt übrigens auch auf dem Boot, am See, am Strand ... pretty much überall.
Ja, auch die Riegelfolie. Auch den kaputten Schlauch. Auch das Taschentuch hinterm Stein.
Der Wald ist kein Escape Room für Fahrradteile. Und nein: Taschentücher lösen sich nicht „schon irgendwie auf“. Sie sind so nervig wie schlechte Tattoos, doch gottseidank nicht 4ever. Es dauert bis zu fünf Jahre bis sie verrotten.
Kurz gesagt: Was du hochgetragen hast, kannst du auch wieder runtertragen.
Es gibt wenig Schlimmeres, als mit Flow auf einen Sprung zuzurauschen – und auf dem Absprung stehen zwei Hobby-Philosophen auf der Landung und diskutieren über Reifendruck, Anfahrtsspeed, Flugkurve.
Trailregel Nummer eins im Bikepark lautet: Stunts freihalten. Immer.
Wer schauen will, passt auf und geht aus der Schusslinie.
Wer mitten im Feature steht, lebt gefährlich – und zwar zu Recht.
Ja, andere nerven manchmal. Menschen stehen im Weg. Leute schieben mitten auf der Ideallinie. Anfänger bremsen vor Kurven auf Schrittgeschwindigkeit herunter wie Mietwagenfahrer am Gardasee.
Trotzdem gilt: Niemand muss vom Trail gebrüllt werden.
Wer herumschreit, klingt nie souverän. Sondern immer wie ein Animateur kurz vor dem Nervenzusammenbruch.
Grüßen kostet nichts. Lächeln auch nicht.
Dazu gehört: Abstand halten (Abstand = Anstand). Pünktlich sein. Die Sonnenbrille abnehmen, wenn man mit jemandem spricht. Redeanteil beachten; kein Wortgedusche. Und niemanden zehn Minuten am Parkplatz warten lassen, weil man „nur noch schnell“ den Dämpferdruck checkt.
Faustregel: Wer angenehm ist, wird gern wieder mitgenommen.
„Coca-Cola ist Gift.“
„Beim Manual musst du die Arme strecken.“
„Das war aber kein sauberer Tabletop.“
Danke, Professor Bikeethik.
Ungefragte Tipps sind wie Mücken im Schlafzimmer: klein, unnötig und erstaunlich aggressiv. In Bayern nennt man das „gscheit daherreden“. Der Rest der Republik sagt: Klugscheißen.
Beides bitte unterlassen.
„Komm, den Sprung schaffst du locker!“
Dieser Satz hat schon mehr Menschen über den Lenker katapultiert als lose Schotterkurven, Wurzelschlingen, Geländekanten. Natürlich pusht man sich gegenseitig. Natürlich wird man mit Freunden besser. Aber zwischen Motivation und Gruppenzwang liegt oft nur ein gebrochenes Schlüsselbein.
Und noch etwas: Wer extra den brutalsten Trail auswählt, nur um zu glänzen während die Buddies schieben müssen, ist kein Trailboss. Sondern ein Narzisst mit Bremsscheiben.
Es wird immer den einen Wanderer geben, der aussieht, als hätte ihm ein Mountainbike persönlich die Ehe zerstört.
Nicht diskutieren. Nicht rechtfertigen. Nicht zurückpampen.
Einfach freundlich grüßen und weiterrollen.
Bruce Lee nannte das: „Be like water.“
Ich nenne es: Blutdruck senken.
Nur so bleibt der Puls unten und der Kopf frei.
Ohne Rucksack fahren fühlt sich großartig an. Frei. Elegant. Fast spirituell.
Leider braucht man auf längeren Touren irgendwann Werkzeug, Schlauch, Pumpe oder eine Jacke. Wer grundsätzlich ohne alles losfährt und dann bei jeder Panne fragt: „Hast du zufällig …?“, ist kein Minimalist. Sondern ein Schmarotzer.
Umgekehrt gilt allerdings auch: Wer jemanden mit Defekt am Wegesrand sieht, hilft. Natürlich hilft man. Siehe Regel fünf.
Der Philosoph und Freidenker Michel de Montaigne hielt die Lust nach Beifall und Anerkennung als eine der größten menschlichen Torheiten. Mag sein.
Trotzdem fühlt es sich fantastisch an, wenn jemand sagt: „Geiler Move.“
Oder: „Sauber gefahren.“
Oder einfach nur: „Stylisch.“
Drop gewagt, Sprung geschafft, geil das Hinterrad versetzt, die schwierige Linie gemeistert? Sag deinem Buddy, dass es Steez hatte.
Denn Mountainbiker tun zwar oft so, als wären sie lässige Naturmenschen. In Wahrheit sind wir alle ein bisschen Labrador. Ein bisschen Lob – und der Schwanz wedelt.
Adolph Freiherr von Knigge (1752–1796) war kein steifer Zeremonienmeister, sondern ein vielseitiger Aufklärer. Er setzte sich mit seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ für soziale Gerechtigkeit und ein wertschätzendes Miteinander ein. Entgegen dem heutigen Ruf als reiner Benimmratgeber für Tischsitten, fungierte sein Werk ursprünglich als tiefgründige Sozialstudie, die in 26 Kapiteln praktische Ratschläge für den respektvollen Austausch zwischen verschiedenen Gesellschaftsschichten bot. Der heute oft belächelte „Knigge“ aus Besteckregeln und Etikette entstand erst viel später – und hat mit dem ursprünglichen Geist des Autors erstaunlich wenig zu tun.

Redakteur