Dimitri Lehner
· 26.04.2026
Ich liebe Fahrräder. Alle.
Downhillbikes. Gravelbikes. Enduros. Freerider. Trailbikes. Dirtbikes. Wenn es zwei Räder hat und keinen guten Grund, vernünftig zu sein, bin ich interessiert.
Lange hielt ich das für meine eigene Idee.
Bis ich dieses Foto fand.
Darauf sieht man meinen Urgroßvater Carl Merkel. Um 1880. Zweiter von links. Mit Brille. Mit Haltung. Und mit Fahrrad. Einem Gravelbike der ersten Generation. Vermutlich wusste er schon damals mehr über mein Leben als ich selbst.
Denn natürlich beginnt jede Fahrradkarriere gleich: mit Stolz.
Mein erstes Rad bekam ich von meinem Opa. Marke Hercules. Blau. Mit Oberrohr, also kein Kinderkram. Dazu Stützräder und militärische Fahranweisungen – mein Großvater war Major gewesen. Panzerkommandant im Tiger. Wenn er sagte: „Losfahren“, dann fuhr man los.
Das passierte im Innenhof der Geuderstraße 9 in Nürnberg. In den 1970ern.
Ich fuhr im Kreis.
Und plötzlich war ich kein Kind mehr.
Ich war Radfahrer.
Radfahren bedeutete damals: Freiheit.
Heute bedeutet Radfahren: immer noch Freiheit. Nur mit Carbonrahmen, Funkschaltung und geringem Luftwiderstand.
Was ich damals nicht wusste: Ich setzte eine Familientradition fort. Und eine städtische.
Denn meine Geburtsstadt Nürnberg war einmal Deutschlands Fahrrad-Hauptstadt.
Mein Urgroßvater Carl Merkel gehörte zu den frühen Nutzern dieser neuen Technologie. Hochräder fand er albern. Zu hoch. Zu zirkusartig. Zu viel Show, zu wenig Fortbewegung.
Doch dann kamen die ersten echten Fahrräder. Gravelbikes. Mit viel Vortrieb und Flare im Lenker.
Also kaufte er eins.
Und weil er gesellig war, trat er gleich einem Verein bei: dem Nürnberger Velociped-Club. Der erste Rad-Club in der Kaiserstadt. Fahrradfahren war damals kein Hobby, mal davon abgesehen, dass es dieses Wort gar nicht gab. Fahrradfahren war Fortschritt.
Man fuhr gemeinsam hinaus ins Umland. Über Feldwege und unbefestigte Straßen. Man veranstaltete Rennen. Und man demonstrierte: Wir bewegen uns schneller als die Vergangenheit.
Dann kam das Automobil.
Carl Merkel stellte sein Fahrrad in die Ecke und kaufte einen Adler Motorwagen mit 12 PS.
So ist Fortschritt.
Man liebt ihn – bis etwas Neues kommt.
Dass sein Urenkel einmal Fahrradjournalist werden würde, hätte ihn vermutlich gefreut. Oder irritiert. Vielleicht beides. Denn Fahrräder sind heute wieder Avantgarde. Wieder Zukunft. Wieder Freiheit.
Nur ohne Stützräder.
Und ohne Major.
Historischer Fakten-Teil
Ende des 19. Jahrhunderts war Nürnberg eines der wichtigsten Fahrradzentren Europas. Nicht metaphorisch. Industriell.
Die Stadt der Fahrräder
Zu den wichtigsten Herstellern aus Nürnberg und Umgebung gehörten:
Zu den Pionieren der deutschen Fahrradindustrie gehörten Max Frankenburg und Max Ottenstein, die Gründer der Victoria-Werke. 1886 begannen sie in einer kleinen Werkstatt mit nur 20 Mitarbeitern mit der Produktion von Hochrädern nach englischem Vorbild. Schon wenige Jahre später präsentierten sie eigene Entwicklungen und brachten die ersten Niederräder auf den Markt. Der Erfolg stellte sich rasch ein: Die Firma wuchs schnell und bezog ein großes Gelände an der Ludwig-Feuerbach-Straße, das für die nächsten 50 Jahre Sitz des Unternehmens bleiben sollte.
Aus der Frühzeit ist eine charmante Anekdote überliefert: Victoria-Fahrradkäufer erhielten als Dreingabe eine Tüte Knallerbsen – zur Abschreckung aggressiver Straßenköter.
Der Nürnberger Velociped-Club wurde am 23. März 1881 gegründet. Solche Vereine waren mehr als Sportgruppen: Sie waren Netzwerke der Moderne. Die Mitglieder: Unternehmer, Ingenieure, Kaufleute, Fortschrittsoptimisten.
1884 eröffnete der Club eine der ersten Radrennbahnen Nürnbergs – an der Kernstraße. Rennen waren damals kein Freizeitprogramm. Sie waren eher Demonstrationen technischer Zukunft.
Nürnberg regelte den Radverkehr – schon 1884. Weil plötzlich viele Menschen Rad fuhren, reagierte die Stadt früh. Bereits 1884–1887 gab es Vorschriften zu Bremsen, Glocken, Beleuchtung.
Kurz: Nürnberg erfand die Straßenverkehrsordnung fürs Fahrrad, bevor das Fahrrad Alltag war.
Das Fahrrad begann als Statussymbol. Dann wurde es Transportmittel. Dann Freiheit.
Heute ist es wieder Zukunftstechnologie.
Und manchmal auch Familiengeschichte.

Redakteur