Auf Biegen und Brechen: Zu Besuch bei Dirk Zedler

Henri Lesewitz

 · 28.03.2019

Auf Biegen und Brechen: Zu Besuch bei Dirk ZedlerFoto: Henri Lesewitz

Seit über 25 Jahren kämpft Dirk Zedler gegen den Murks. Wir waren zu Besuch im Zedler Institut für Fahrradtechnik und –Sicherheit in Ludwigsburg, wo fotografieren normalerweise streng verboten ist.

25 Jahre Kampf gegen den Murks – Dirk Zedler deckt mit Gutachten und aufwändigen Labor-Tests schonungslos mangelhafte Produkte der Fahrradindustrie auf. Wir durften auch die geheimsten Ecken im Zedler Institut für Fahrradtechnik und -Sicherheit in Ludwigsburg besuchen, wo fotografieren normalerweise streng verboten ist.

Am 1. April 1993 setzte sich Diplom-Ingenieur Dirk Zedler in einem umfunktionierten Kinderzimmer an einen Schreibtisch und beschloss, ab sofort Fahrrad-Gutachter zu sein. Es war die Zeit, als der Leichtbauwahn in der Mountainbike-Szene schauerliche Blüten trieb. Kurbeln und Vorbauten wurden bis zum Gehtnichtmehr befräst, Lenker und Rahmen "auf gut Glück" laminiert. Das Zeug brach reihenweise.

Dennoch waren die ersten Jahre für Zedler zäh. Er spielte mit dem Gedanken, hinzuschmeißen. Das Thema Sicherheit spielte für die Firmen damals noch keine allzu große Rolle. Die Ingenieure waren mehr damit beschäftigt, an den technischen Raffinessen zu feilen. Scheibenbremsen, Federungen, Schaltungen – es gab ja auch wirklich reichlich zu tun.

Mit dem Siegeszug von Carbon wurden Labor-Tests ab Mitte der Nuller-Jahre immer wichtiger. Zedler, der sich inzwischen mit Prüfständen für das Rennrad-Magazin TOUR einen Namen gemacht hatte, baute seine Firma nach und nach zum Prüflabor aus. Parallel dazu entwickelte er auch den Labortest nebst der dazu gehörigen Prüfmaschinen für den Delius Klasing Verlag, zu dem auch BIKE und FREERIDE gehören.

Seit das Prüflabor Zedler 2010 zum Institut umstrukturiert wurde – wozu der Nachweis wissenschaftlicher Arbeit nötig war – schicken Firmen aus Asien, Europa und den USA fast im Tagesrhythmus Rahmen und Teile, um die Haltbarkeit testen zu lassen. Die Branche hatte das Thema Sicherheit für sich entdeckt. Und daran hat Dirk Zedler zweifellos einen großen Anteil. In BIKE 4/2019 haben wir dem unermüdlichen Kämpfer für Produktsicherheit eine ausführliche Porträt-Story gewidmet. Eine Fotogalerie gibt es hier.

   BIKE 4/2019 erhalten Sie bis zum 1. April am Kiosk und auch darüber hinaus in unserem <a href="https://www.delius-klasing.de/zeitschriften" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Onlineshop</a>  sowie als                  Digital-Ausgabe  für alle Endgeräte – so lange der Vorrat reicht.Foto: Delius Klasing Verlag
BIKE 4/2019 erhalten Sie bis zum 1. April am Kiosk und auch darüber hinaus in unserem Onlineshop  sowie als  Digital-Ausgabe  für alle Endgeräte – so lange der Vorrat reicht.
  Wenn die Sonne ihr Tagwerk beginnt, ist Dirk Zedler meist schon im Institut. Sein Dienst beginnt oft bereits um 5:30 Uhr. Nicht nur die Fensterfronten des Chefbüros verströmen das Flair von Ausstellungs-Vitrinen. Jedes Fenster des neuen, hochmodernen Institut-Gebäudes ist mit einem Fahrrad dekoriert. Foto: Henri Lesewitz
Wenn die Sonne ihr Tagwerk beginnt, ist Dirk Zedler meist schon im Institut. Sein Dienst beginnt oft bereits um 5:30 Uhr. Nicht nur die Fensterfronten des Chefbüros verströmen das Flair von Ausstellungs-Vitrinen. Jedes Fenster des neuen, hochmodernen Institut-Gebäudes ist mit einem Fahrrad dekoriert. 
  Die zentrale Büro-Etage ist eine Verneigung vor der Fahrrad-Geschichte. Obwohl viele der Raritäten Leihgaben sind, wird sofort klar, wie leidenschaftlich Dirk Zedler (Foto) das Thema Fahrrad lebt. Foto: Henri Lesewitz
Die zentrale Büro-Etage ist eine Verneigung vor der Fahrrad-Geschichte. Obwohl viele der Raritäten Leihgaben sind, wird sofort klar, wie leidenschaftlich Dirk Zedler (Foto) das Thema Fahrrad lebt. 
  Der Laborbereich ist streng abgeschirmt. Es gibt keine Fenster. Besucher müssen vor dem Zutritt ihr Handy abgeben. Das Test-Know-How ist das größte Kapital des Instituts. Nichts fürchtet Zedler so wie geistigen Diebstahl. Hier durchläuft gerade ein Syncros-Lenker die Simulation eines harten Geländeritts. Wiegetritt, Downhill und alle 4000 Lastwechsel eine Überlast, die einem Sturz oder einem missglückten Fahrmanöver entspricht. Mit der Abwärme der Pneumatik wird übrigens das Gebäude beheizt.Foto: Henri Lesewitz
Der Laborbereich ist streng abgeschirmt. Es gibt keine Fenster. Besucher müssen vor dem Zutritt ihr Handy abgeben. Das Test-Know-How ist das größte Kapital des Instituts. Nichts fürchtet Zedler so wie geistigen Diebstahl. Hier durchläuft gerade ein Syncros-Lenker die Simulation eines harten Geländeritts. Wiegetritt, Downhill und alle 4000 Lastwechsel eine Überlast, die einem Sturz oder einem missglückten Fahrmanöver entspricht. Mit der Abwärme der Pneumatik wird übrigens das Gebäude beheizt.
  Die Sensorik des Prüfstandes registriert jede Abweichung. Sobald ein Schaden auftritt, schaltet er sich ab. Ein Ingenieur schaut dann, ob das Bauteil einen Schaden aufweist oder sich nur eine Schraube gelockert hat.Foto: Henri Lesewitz
Die Sensorik des Prüfstandes registriert jede Abweichung. Sobald ein Schaden auftritt, schaltet er sich ab. Ein Ingenieur schaut dann, ob das Bauteil einen Schaden aufweist oder sich nur eine Schraube gelockert hat.
  Der Aufkleber warnt vor weiterer Benutzung: Vieles, was auf den Testmaschinen war, ist hinterher Schrott. Besonders nach den sogenannten Impact-Tests, bei denen die Belastungsgrenze ausgelotet wird.Foto: Henri Lesewitz
Der Aufkleber warnt vor weiterer Benutzung: Vieles, was auf den Testmaschinen war, ist hinterher Schrott. Besonders nach den sogenannten Impact-Tests, bei denen die Belastungsgrenze ausgelotet wird.
  "Galerie des Scheiterns", nennt Zedler das Vitrinen-Spalier im Untergeschoss der Firma. Ein Gruselkabinett, denn die ausgestellten Teile sind Zeugnisse echter Unfälle.Foto: Henri Lesewitz
"Galerie des Scheiterns", nennt Zedler das Vitrinen-Spalier im Untergeschoss der Firma. Ein Gruselkabinett, denn die ausgestellten Teile sind Zeugnisse echter Unfälle.
  In seiner 25-jährigen Laufbahn als Gutachter hat Dirk Zedler schon alles gesehen, vom technischen Murks bis hin zum Material-Kollaps aufgrund fehlerhafter Montage. Absolute Sicherheit gäbe es nicht, sagt er. Alles könne kaputtgehen. Wichtig sei, Teile korrekt und entsprechend den Herstellerangaben zu montieren – am besten immer mit Drehmomentschlüssel.Foto: Henri Lesewitz
In seiner 25-jährigen Laufbahn als Gutachter hat Dirk Zedler schon alles gesehen, vom technischen Murks bis hin zum Material-Kollaps aufgrund fehlerhafter Montage. Absolute Sicherheit gäbe es nicht, sagt er. Alles könne kaputtgehen. Wichtig sei, Teile korrekt und entsprechend den Herstellerangaben zu montieren – am besten immer mit Drehmomentschlüssel.
  Macht ein Teil schlapp, wird der Schaden sofort akribisch dokumentiert, wofür es im Zedler-Institut sogar ein eigenes Foto-Studio gibt. Im Anschluss werden Rahmen und Teile zurück zum Hersteller geschickt. Was im Institut verbleiben kann, wird zu Deko umgearbeitet. Diese ehemaligen Rahmen hier dienen künftig als Stifthalter.Foto: Henri Lesewitz
Macht ein Teil schlapp, wird der Schaden sofort akribisch dokumentiert, wofür es im Zedler-Institut sogar ein eigenes Foto-Studio gibt. Im Anschluss werden Rahmen und Teile zurück zum Hersteller geschickt. Was im Institut verbleiben kann, wird zu Deko umgearbeitet. Diese ehemaligen Rahmen hier dienen künftig als Stifthalter.
  Im früheren Leben Felgen – nach dem "Tod" auf der Prüfmaschine als Kleiderhaken wieder geboren. Foto: Henri Lesewitz
Im früheren Leben Felgen – nach dem "Tod" auf der Prüfmaschine als Kleiderhaken wieder geboren. 
  Auch hübsch: Eine Wanduhr, gebaut aus Aero-Felge und Bremsscheibe.Foto: Henri Lesewitz
Auch hübsch: Eine Wanduhr, gebaut aus Aero-Felge und Bremsscheibe.
  Der "Walk of Fame" lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Firma gehört zu den renommiertesten Prüfinstituten für Fahrradtechnik und -sicherheit weltweit.Foto: Henri Lesewitz
Der "Walk of Fame" lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Firma gehört zu den renommiertesten Prüfinstituten für Fahrradtechnik und -sicherheit weltweit.
  Alle Prüfstände werden im Institut gebaut. In der Werkstatt von Jürgen Haag werden Adapter und Kleinteile gefertigt, falls benötigt.Foto: Henri Lesewitz
Alle Prüfstände werden im Institut gebaut. In der Werkstatt von Jürgen Haag werden Adapter und Kleinteile gefertigt, falls benötigt.
  Das Obergeschoss wird "Museum" genannt. Der Seminarraum mit unzähligen historischen Fahrradexponaten wird für Schulungen oder Konferenzen vermietet.Foto: Henri Lesewitz
Das Obergeschoss wird "Museum" genannt. Der Seminarraum mit unzähligen historischen Fahrradexponaten wird für Schulungen oder Konferenzen vermietet.
  Die Wände sind dekoriert mit Fahrrädern, die Vitrinen voll mit Teilen und allem, was mit Radleidenschaft zu tun hat. Auch dieses Playmobil-Stillleben gehört dazu.Foto: Henri Lesewitz
Die Wände sind dekoriert mit Fahrrädern, die Vitrinen voll mit Teilen und allem, was mit Radleidenschaft zu tun hat. Auch dieses Playmobil-Stillleben gehört dazu.
  Die ausgestellten Räder sind nach Themen sortiert. In der MTB-Ecke finden sich neben frühen Fullys auch Raritäten wie dieses legendäre Slingshot, bei dem ein Stahlseil das Unterrohr ersetzt – was ein Plus an Komfort bringen sollte.Foto: Henri Lesewitz
Die ausgestellten Räder sind nach Themen sortiert. In der MTB-Ecke finden sich neben frühen Fullys auch Raritäten wie dieses legendäre Slingshot, bei dem ein Stahlseil das Unterrohr ersetzt – was ein Plus an Komfort bringen sollte.
  Das Oberrohr des Slingshot ist über eine Blattfeder mit dem Sitzrohr verbunden, unten am Tretlager hält eine Feder das Stahlseil auf Spannung. So kann der Rahmen Fahrbahnstöße absorbieren. Zumindest ein klitzekleines Bisschen.Foto: Henri Lesewitz
Das Oberrohr des Slingshot ist über eine Blattfeder mit dem Sitzrohr verbunden, unten am Tretlager hält eine Feder das Stahlseil auf Spannung. So kann der Rahmen Fahrbahnstöße absorbieren. Zumindest ein klitzekleines Bisschen.
  Wenn Dirk Zedler durch das Museum führt, ist er voll in seinem Element. Zu jedem Rad und zu jedem Teil weiß er eine Geschichte zu erzählen.Foto: Henri Lesewitz
Wenn Dirk Zedler durch das Museum führt, ist er voll in seinem Element. Zu jedem Rad und zu jedem Teil weiß er eine Geschichte zu erzählen.
  Die ersten Jahre als Fahrrad-Gutachter waren so zäh, dass Dirk Zedler von seinen Eltern finanziell unterstützt werden musste. Heute hat Zedlers Institut 23 Mitarbeiter und prüft etwa 500 Rahmen sowie 1200 Zubehörteile pro Jahr – vom Carbon-Fully angefangen bin hin zur Fahrradklingel.Foto: Henri Lesewitz
Die ersten Jahre als Fahrrad-Gutachter waren so zäh, dass Dirk Zedler von seinen Eltern finanziell unterstützt werden musste. Heute hat Zedlers Institut 23 Mitarbeiter und prüft etwa 500 Rahmen sowie 1200 Zubehörteile pro Jahr – vom Carbon-Fully angefangen bin hin zur Fahrradklingel.



Das Porträt-Story über Dirk Zedler finden Sie in BIKE 4/2019. Die Ausgabe können Sie in der BIKE-App (iTunes und Google Play) lesen oder in unserem Onlineshop bestellen – so lange der Vorrat reicht:

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