Gravelreifen sollen rollen, greifen und möglichst pannensicher sein. WTB reicht das offenbar nicht mehr. Mit den Modellen Byway RS, Course und Macro bringt der US-Hersteller eine neue Generation breiter Gravelreifen auf den Markt, die neben Rollwiderstand und Grip auch den Luftwiderstand ins Visier nimmt. Dafür sitzen kleine Vortex-Elemente und sogenannte Trip Strips in den Seitenwänden, um Luftströme besser zu kontrollieren.
Klingt nach Marketing-Gimmick? Vielleicht. Die Messwerte fallen laut Hersteller allerdings bemerkenswert aus: In Zusammenarbeit mit Stromm Cycles wurde gegenüber einem identischen Reifen ohne Aero-Strukturen ein Leistungsvorteil von 5,8 Watt bei 30 km/h, 9,3 Watt bei 35 km/h und 13,8 Watt bei 40 km/h gemessen. Gerade für schnelle Gravelrennen könnte der Ansatz deshalb mehr bedeuten als ein hübsches Detail auf der Seitenwand.
Mit den drei neuen Pneus verfolgt WTB eine klare Idee: Mehr Volumen soll nicht nur Komfort und Traktion bringen. Der Reifen soll gleichzeitig möglichst sauber durch den Fahrtwind schneiden.
Dafür optimierte WTB die komplette Karkasse auf moderne Gravel-Laufräder mit 25 bis 32 Millimetern Innenweite. Besonders 28 Millimeter stehen im Fokus. Die breite Felge formt zusammen mit dem Reifen eine kontrollierte Oberfläche. Genau dort greifen die Aero-Strukturen an.
Vortex-Elemente und Trip Strips beeinflussen die Strömung entlang der Reifenflanke. Sie sollen Verwirbelungen hinter Reifen und Laufrad reduzieren und damit den Luftwiderstand senken. Mit steigender Geschwindigkeit wächst der Effekt deutlich.
Bei 30 km/h nennt WTB 5,8 Watt Einsparung. Bei 35 km/h sollen es bereits 9,3 Watt sein. Bei 40 km/h steigt der Wert auf 13,8 Watt. Für gemütliche Schotterrunden dürfte das kaum jemanden vom Hocker reißen. Wer dagegen Gravelrennen fährt und regelmäßig mit 35 oder 40 km/h über den Kurs jagt, sollte genauer hinschauen.
Für die Entwicklung holte sich WTB Unterstützung von Stromm Cycles. Das Unternehmen arbeitete bereits an einem besonders schnellen UCI-konformen Rennrad und übertrug seine Aero-Entwicklung nun auf den Reifen.
Stromm prüfte die Konstruktion nach der Chung-Methode und verglich den neuen Reifen mit einem identischen Modell ohne Aero-Strukturen. Die Tests fanden auf dem Jerry Baker Memorial Velodrome im US-Bundesstaat Washington statt.
Dabei untersuchte das Team laut WTB nicht nur saubere Reifen. Auch verschmutzte Oberflächen flossen in die Messungen ein. Ein durchaus wichtiger Punkt: Gravelreifen fahren selten unter Laborbedingungen. Staub, Dreck und Matsch gehören zum Alltag.
Der Byway RS bildet die Speerspitze der neuen Familie. Eine glatte Mittellinie und flache Übergangsstollen zielen auf möglichst geringen Rollwiderstand. Die Schultern greifen, sobald der Untergrund lockerer wird.
Mit 620 Gramm bleibt er zudem das leichteste Modell der drei. Asphalt, harter Schotter und schnelle Rennstrecken bilden sein Revier.
Der Course 52 schlägt die Brücke zwischen Speed und Gelände. Sein Profil liefert mehr Biss als der Byway RS, ohne den Reifen zum groben Geländespezialisten zu machen.
635 Gramm bringt er in 52er Breite auf die Waage. Damit dürfte er vor allem Fahrer ansprechen, die nicht für jedes Rennen einen anderen Laufradsatz aufbauen wollen, sondern das richtige Profil für alle Fälle suchen.
Der Macro 54 geht einen Schritt weiter ins Gelände. 54 Millimeter Breite, höhere und weiter auseinanderstehende Stollen sowie das größte Volumen der Familie sollen auf losem, steinigem und technisch anspruchsvollem Terrain für Kontrolle sorgen.
Mit 640 Gramm wiegt er nur 20 Gramm mehr als der Byway RS. Dafür liefert er deutlich mehr Profil und Volumen, aber auch den höchsten Rollwiderstand.
Bei aller Aero-Euphorie vergisst WTB die klassische Reifenarbeit nicht. Alle drei Modelle rollen auf einer überarbeiteten 120-TPI-Karkasse und erhalten den durchgehenden SG2-Pannenschutz.
Interessant bleibt die Kombination mit der Dual-DNA-Mischung: WTB setzt auf eine schnell rollende Gummimischung auf der Lauffläche und weichere, griffigere Schultern. Der Reifen soll also geradeaus Tempo machen und in der Kurve guten Halt erzeugen.
WTB macht mit seinem Aero-Line-up dort weiter, wo die klassische Reifenentwicklung das Augenmerk vor allem auf Schutz, Stabilität und Grip richtet: an den Übergängen zur Seitenwand. Dort sitzen bei den neuen WTB-Reifen neben den Außenstollen unscheinbare Aero-Strukturen. Der behauptete Effekt fällt dagegen alles andere als klein aus.
Allerdings gilt auch hier: Die 13,8 Watt Ersparnis gelten nur unter Idealbedingungen bei einer bestimmten Geschwindigkeit. Der Wert stammt aus WTBs Vergleichstest unter definierten Bedingungen. Auf der Straße oder Schotterpiste beeinflussen Geschwindigkeit, Fahrerposition, Laufrad, Felge, Reifenbreite und Untergrund das tatsächliche Ergebnis.
WTB trifft mit der neuen Familie einen Nerv. Gravel entwickelt sich in Unterkategorien längst vom gemütlichen Schotterausflug zum Rennsport – und damit rückt auch die Aerodynamik immer weiter in den Fokus. Mittlerweile kann man sogar spezielle Aero-Gravel-Bikes kaufen. Auch wenn Reifen am Gravelbike lange vor allem als Mittel für mehr Komfort und Kontrolle galten, ist es nur logisch, dass bei diesem Trend jetzt auch Lösungen für Reifen gefragt sind, die den Luftwiderstand senken.
Ob die versprochenen Watt im Alltag tatsächlich so deutlich spürbar bleiben und reproduzierbar sind, müssen wir testen. Der technische Ansatz verdient trotzdem Aufmerksamkeit.
WTB nennt für seine Aero-Reifen einen UVP von 79,95 Euro. Byway RS, Course und Macro kommen mit schwarzen oder tanfarbenen Seitenwänden und sollen weltweit über WTB-Händler, Distributoren sowie direkt vom Hersteller erhältlich sein. Dazu gesellen sich neue CGR-Carbon-Gravel-Laufräder, die WTB ebenfalls angekündigt hat und die das Aero-Konzept komplettieren sollen.

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.