Lenker | Vorbauten

Mountainbike-Lenker: 5 Konzepte im Vergleich

Christian Artmann

 · 03.03.2016

Mountainbike-Lenker: 5 Konzepte im VergleichFoto: Tom Moran

Der Mountainbike-Sport ist innovativ und vielfältig. Dennoch scheint sich die Bike-Welt jahrelang auf eine Lenkergrundform eingefahren zu haben. Doch nun kommt Bewegung in den Markt der MTB-Lenker.

Durango, Colorado, im Jahr 1990: John Tomac steht bei der ersten Downhill-WM der Geschichte mit einem Rennradlenker am Start. Im Finale schafft es Tomac auf Platz vier. Bedeutender aber: Die Aktion macht "Johnny T." schon damals zur Legende – mit diesem Coup fuhr er sich auf die Titelseiten von Bike-Magazinen in der ganzen Welt. Vielleicht war der Marketing-Effekt der eigentliche Grund, warum Tomac die Bike-Szene mit einem Rennradlenker vorführte. Und auch wenn sein Lenker zu extrem war, um Produktentwicklern ernsthafte Anstöße zu geben, wirft die Gegebenheit doch die Frage auf: Warum gaben sich die meisten Biker bislang mit nur einer einheitlichen Lenkergrundform zufrieden? Warum zeigte sich die Industrie so wenig experimentierfreudig? Bei allen Bemühungen um Individualität ist man gerade bei dieser Schnittstelle Mensch/Bike ausgesprochen konservativ: 5 bis 9° Kröpfung, eine Breite von 700 bis 760 mm und zwischen 0 und 30 mm Rise. Dabei leiden viele Biker auf längeren Fahrten unter Handgelenks-, Schulter- und Rückenschmerzen. Beschwerden, die oft mit einer falschen Sitzposition und Armhaltung zusammenhängen. Da macht es durchaus Sinn, bei den ergonomischen Überlegungen auch über Alternativen zum heute üblichen "Einheitslenker" nachzudenken – zumindest für gewisse Zielgruppen.

Die Laufradentwicklung zeigt, dass die Branche sich aus Konventionen befreit und dass auch der Endverbraucher bereit ist, sich auf Paradigmenwechsel einzulassen. So verwundert es nicht, dass neuerdings auch avantgardistischen Lenkerformen mehr Bedeutung beigemessen wird. Der Rennradlenker wird es dennoch nicht ans Cockpit eines Mountainbikes schaffen.

  Der MTB-Lenker: Hebel mit komplexen Formen   Drei Grundmaße definieren einen Lenker: Die Breite (A), die Erhöhung gegenüber der Klemmung (= Rise) und die Kröpfung (= Sweep, B). Mit mehr Kröpfung steigt auch der Einfluss auf die Sitzhaltung. Indem die Handposition nach hinten oder vorne verschoben wird (C), ändert sich so die effektiveFoto: BIKE Magazin
Der MTB-Lenker: Hebel mit komplexen Formen Drei Grundmaße definieren einen Lenker: Die Breite (A), die Erhöhung gegenüber der Klemmung (= Rise) und die Kröpfung (= Sweep, B). Mit mehr Kröpfung steigt auch der Einfluss auf die Sitzhaltung. Indem die Handposition nach hinten oder vorne verschoben wird (C), ändert sich so die effektive

Auch auf die Lenkerbreite kommt es an

Früher waren Lenker selten breiter als 600 mm. Doch wir haben dazugelernt, und so sind wir heute bei durchschnittlich 720 bis 760 mm angelangt. Und das ist gut so. Schließlich ist der Lenker auch der Hebel, auf dem sich der Fahrer abstützt und über den die Lenkimpulse übertragen werden. Breite Lenker sind vor allem im technischen Gelände von Vorteil. Die Breite bringt Sicherheit und Kontrolle für Anfänger genauso wie für Fahrtechnikexperten. Allerdings sollte die Breite auch auf die Statur des Fahrers angepasst sein. Zu breite Lenker werden unhandlich und erfordern mehr Körpereinsatz als sinnvoll. Nur echte Hünen brauchen über 800 mm. Aber auch zierliche Frauen kommen oft mit Lenkern ab 680 mm bestens zurecht. Darum: Im Zweifelsfall einen etwas breiteren Lenker nehmen und verschiedene Griffweiten in Ruhe ausprobieren. Kürzen kann man den Lenker immer noch.

  Lenkerbreiten bei Mountainbikes früher und heute – der Unterschied ist deutlich.Foto: BIKE Magazin
Lenkerbreiten bei Mountainbikes früher und heute – der Unterschied ist deutlich.

Interview mit Dr. Kim Tofaute (Ergonomie-Experte)


Mut zur individualisierung: NIcht alle Biker sind gleich!

  Ergonomie-Experte Dr. Kim TofauteFoto: Robert Niedring
Ergonomie-Experte Dr. Kim Tofaute


BIKE:
Derzeit hat sich die Industrie auf eine fast einheitliche Lenkerform eingeschossen. Macht es Sinn, so "eng" zu denken?
Dr. Kim Tofaute: Richtig, der Mainstream folgt einem recht einheitlichen Schema. Dabei reicht das Spektrum der Biker von der zierlichen Frau um 1,60 m bis zum großen Mann von über 1,90 m. Hier immer den gleichen Lenker zu verbauen, ist doch ein recht grober Kompromiss. Hinzu kommen noch unterschiedliche Fahrstile, Könnensstufen und Streckencharakteristiken. Da frage ich mich auch, ob es sich die Industrie hier nicht zu einfach macht.


Gibt es aus anatomischer Sicht gute Argumente, alternative Lenkerformen auszuprobieren?
Der Sweep des Lenkers soll dem Biker helfen, eine natürliche Arm- und Handhaltung einzunehmen. Mit dem Rise kann man die Sitzposition anpassen. Insbesondere bei Beschwerden an Händen, Armen, Schultern, Nacken und Rücken sollte man durchaus mit alternativen Formen experimentieren und das vorhandene Optimierungspotenzial ausloten.


Gibt es Einschränkungen, wo die aktuellen Formen wirklich im Vorteil sind, oder ist es eher eine Sache der individuellen Vorlieben, was besser funktioniert?
Der Lenker ist ein wichtiges Bindeglied zum Körper, aber grundsätzlich ist die Anpassungsfähigkeit des Körpers sehr hoch. Deswegen funktionieren die aktuellen Standards auch für viele. Aber es macht Sinn und einfach mehr Spaß, mit einer individuell angepassten Position auf Dauer beschwerdefrei zu fahren.


Wie spielt der Einsatzbereich hier hinein?
Der eine Biker fährt vorwiegend Strecke und hat die Arme fast gestreckt, ein anderer legt seinen Fokus bergab und hat deswegen eine völlig andere Idealhaltung. Man sollte den Lenker deswegen nach anatomischen, aber auch fahrtechnischen Aspekten auswählen. Da sind Lenker abseits vom Mainstream oft eine interessante Alternative zu einer besseren Ergonomie. Eine weitere Möglichkeit, das Cockpit zu tunen, sind ergonomische Griffe. Auch hier wird die Handhaltung und Sitzposition optimiert.


Dein Fazit zu dem Thema?
Man kann oft mehr rausholen… aber nur, wenn man experimentierfreudig ist. Professionelle Hilfe von Händler, Bike-Fitting oder Fahrtechnik-Coach macht dahingehend Sinn.

Der Mut, mal etwas Neues auszuprobieren, zahlt sich oft aus. (Chris Artmann, BIKE-Tester)
  Chris Artmann, BIKE-TesterFoto: Philipp Schieder
Chris Artmann, BIKE-Tester
„Wie bei allen Kontaktpunkten geht es auch beim Lenker um persönliche Vorlieben und subjektive Wahrnehmung. Deswegen gibt es hier kaum allgemeingültige Aussagen – jeder sollte frei für sich entscheiden, was passt. Ich bin aber überzeugt, dass viele Fahrer ihren idealen Lenker noch nicht gefunden haben. Lieber also einmal selber ausprobieren und erst dann urteilen. Ich selbst bin bei dem Test übrigens auf meinen neuen persönlichen Favoriten gestoßen – den Answer.“

SYNTACE Vector Carbon High10 12°


Infos & Vertrieb: www.syntace.de

Durch seine traditionelle Form nimmt man den Syntace Vector erst auf den zweiten Blick als außergewöhnlich wahr. Dabei liegt er mit 12° Kröpfung bereits jenseits der heutigen Norm. Mit der sehr ordentlichen Breite ist der Vector vielseitig und auch für extremste Trails tauglich. Die Variationen im Rise (–10 bis +35 mm) erlauben eine zusätzliche Anpassung der Sitzposition. Ganz zu schweigen von der für Syntace-typischen Haltbarkeit, wie sie unsere Lenkertests immer wieder belegen. Viel Detailliebe wie das Titangitter an der Vorbauklemmung, hohe mögliche Klemmkräfte oder der Möglichkeit zum Kürzen, rechtfertigen den Preis. Deutlich günstiger gibt es den Vector auch in Alu. Die moderat verkürzte Sitzposition von ca. 20 mm gegenüber einem vergleichbaren Normallenker ist gewollt und wird durch die große Breite des Vectors wieder teilweise ausgeglichen.

  Syntace Vector Carbon High10 12°Foto: Georg Grieshaber
Syntace Vector Carbon High10 12°
  Syntace Vector Carbon High10 12°Foto: BIKE Magazin
Syntace Vector Carbon High10 12°


Fazit: Syntace war Vorreiter in Sachen starker Kröpfung bei MTB-Lenkern und bietet mit dem Vector in 12° eine ergonomische Handhaltung für jeden Einsatzbereich.

RITCHEY WCS Flat 10D

Moderner Klassiker. Als der 10D-Lenker entwickelt wurde, waren 10° Sweep noch revolutionär. Damals hatten Flatbars zwischen 3° und 5° Kröpfung, und nur Riserbars boten mehr. Da war der 10D einer der seltenen, stark gekröpften Flatbars. Heute zählt er zu den eher zurückhaltenden Vertretern seines Genres. Bemerkenswert: Um bei der Kröpfung die Sitzposition gegenüber Standard-Flatbars nicht weiter zu verändern, verpasste man dem 10D eine deutliche Gegenbiegung nach vorne. Die Folge heute ist, dass selbst die hinterste Griffposition weiter vorne liegt als bei mittlerweile gängigen 8°-Lenkern – quasi eine Vorbauverlängerung. In allen anderen Aspekten gibt sich der relativ schmale Ritchey 10D eher unauffällig. Die Gegenbiegung bietet eine angenehme Zusatzgriffposition.

  Ritchey WCS Flat 100Foto: Georg Grieshaber
Ritchey WCS Flat 100
  Ritchey WCS Flat 100Foto: BIKE Magazin
Ritchey WCS Flat 100


Fazit: Bis auf die doppelte Biegung ist der einst revolutionäre 10D heute schon fast als normal zu bezeichnen. Mit einer moderaten Breite eher was für weniger anspruchsvolles Gelände geeignet.

SQLAB 311


Infos & Vertrieb: www.sq-lab.com

Der 311-Lenker ist ein Paradebeispiel für komplexe Biegungen. SQlab hat sich die Form aus dem Motocross-Sport abgeschaut und möchte so eine möglichst gerade Handgelenkshaltung bewahren – für mehr Stabilität im Gelände. Durch die vielen Biegungen braucht man etwas Zeit, um den 311 in der Neigung wirklich optimal einzustellen. Ebenso wie die ergonomisch motivierte Kröpfung nach hinten, beeinflusst die nach oben gerichtete Kröpfung (Upsweep) die Haltung auf dem Bike. So nimmt man mit dem SQlab 311 fast automatisch eine dynamische Armhaltung ein – mit stark nach außen gewinkelten Ellenbogen. Der sehr große Rise ist dabei nicht immer von Vorteil, aber flachere Varianten sollen im Sommer 2015 folgen. Durch die Gegenbiegung bleibt die Sitzposition sonst weitgehend neutral.

  SQLAB 311Foto: Georg Grieshaber
SQLAB 311
  SQLAB 311Foto: BIKE Magazin
SQLAB 311


Fazit: Die Ergonomie-Experten von SQlab haben mit dem 311 einen spannenden Lenker entwickelt, der eine ergonomisch optimierte Hand- mit einer aggressiven Armhaltung kombiniert. Nur der hohe Rise schmälert den Einsatzbereich.

ANSWER Protaper Carbon 720 Enduro 20/20

Entwickelt aus der Zusammenarbeit mit dem Singlespeed-Weltmeister Evan Plews, sollen hier die angewinkelte Hand- und Armhaltung für viel Effizienz sorgen – vor allem im Wiegetritt. Ein Anspruch, der als subjektive Wahrnehmung von einigen Testern durchaus bestätigt wurde. Die Breite und der Sweep ergänzen sich, wenn Körpereinsatz gefragt ist. Obgleich nicht der breiteste Lenker, fährt sich der Answer auch im anspruchsvollen Gelände nie unsicher. Verkehrt herum montiert bietet der 20/20 auch die Option einer tieferen Sitzposition. Im Praxistest fiel außerdem der spürbare vertikale Flex auf, was dem Answer zusätzliche Punkte in der Komfortwertung einbringt. Dank der starken Gegenbiegung bleibt die Sitzposition sehr neutral mit moderat gestreckter Aero-Position zur Mitte hin.

  Answer Protaper Carbon 720 Enduro 20/20Foto: Georg Grieshaber
Answer Protaper Carbon 720 Enduro 20/20
  Answer Protaper Carbon 720 Enduro 20/20Foto: BIKE Magazin
Answer Protaper Carbon 720 Enduro 20/20


Fazit: Trotz 20°-Sweep erweist sich der Lenker als sehr universell. Ein echter Alternativtipp fürs Singlespeed- und Starrbike, aber auch am All Mountain für lange Touren keineswegs fehl am Platz.

JONES H-Bar 710 Loop Carbon

Die Produkte von Jeff Jones sind ein Angriff auf eta­blierte Konventionen. Mit dem extremen Sweep und ca. 20 cm (!) zwischen der vordersten und hintersten Griffposition ist der H-Bar wahrlich außergewöhnlich. Das Spektrum der resultierenden Sitzpositionen rangiert von sehr kompakt bis extrem gestreckt. Wegen der geringen Griffbreite in der "Neutralposition" (unten blau markiert), empfiehlt er sich vor allem für Langstreckenabenteuer und eher moderate Trails. Dort bringt er viel Abwechslung und damit Komfort. Positiv: die vielen Montage-Optionen für Lampe, GPS und Co. In der jüngsten Entwicklungsstufe in Carbon jetzt auch noch ausgesprochen leicht. Für technische Trails ist der Lenkeinschlag etwas eingeschränkt. Unser Tipp: am besten gleich die extra langen ESI-Silikon-Griffe dazubestellen.

  Jones H-Bar 710 Loop CarbonFoto: Georg Grieshaber
Jones H-Bar 710 Loop Carbon
  Jones H-Bar 710 Loop CarbonFoto: Georg Grieshaber
Jones H-Bar 710 Loop Carbon
  Jones H-Bar 710 Loop CarbonFoto: BIKE Magazin
Jones H-Bar 710 Loop Carbon


Fazit: Als unkonventionellstes Lenkerbeispiel bietet der H-Bar eine Fülle von Griffpositionen und spricht vor allem den Langstreckenfahrer und Abenteurer an. Komfort satt. Für schwere Trails etwas zu schmal und sperrig.


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