Blumig formulierte Pressemitteilungen ist man als Redakteur gewohnt. Mit einer Tasse frisch gebrühtem Kaffee in der Hand möchte man sich allmorgendlich zurück lehnen, um über die mal schwülstig aufgeblähten, mal herrlich dramatisierten Werbemärchen eifriger PR-Strategen zu schmunzeln. Sättel mit irgendwelchem Spezial-Firlefanz, die den Punch in den Beinen 20 Prozent mit einem Schlag nach oben boosten. Kettenblätter mit Turbo-Effekt. All so etwas. Ähnlich überdreht könnte einem auch die Geschichte von SQlab-Macher Tobi Hild vorkommen. Um die perfekte Form für die neuen 2018er-Griffe zu finden, fuhr er angeblich mit Rohlingen aus Kunststoff zwei Jahre lang immer wieder über die Trails, um sich mit Schleifpapier Wölbung um Wölbung sowie Millimeter für Millimeter ans Optimum heran zu tasten. Schöne Geschichte, wirklich köstlich, ist man geneigt zu schmunzeln. Doch wer regelmäßig auf den Münchner Isar-Trails unterwegs ist, sieht Hild tatsächlich unentwegt mit SQlab-Prototypen am Bike herumdüsen. Die Sache mit dem Schleifpapier – ihm würde man das zutrauen.
Es gibt wohl kaum ein anderes Bauteil am Bike, das es in derart vielen Varianten und Farben gibt, wie den Lenkergriff. Ganz still und leise, von den Blitzlichtern der Presse nahezu ignoriert, wurde das Teil im Laufe der Jahrzehnte stetig weiter entwickelt, wobei als größte Innovationsschritte wohl die „Flügelbau-Weise“ (Ergon) oder die Lock On-Befestigungsschelle zu nennen wären. Der Neuheiten-Wert der scheinbar konventionell gestalteten SQlab-Griffe ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Das Besondere ist die Form. Während die meisten Griffe rund sind, besitzen die von SQlab zahlreiche kleine – für das Auge kaum sichtbare – Flächen und Kanten. Ganz so, wie es die Ergonomie der Hand erfordert. Macht man eine Faust, bilden die Finger schließlich die Form einer Schraubenmutter und nicht die eines Kreises. Wer schon mal versucht hat, sich an einer runden Fläche festzuhalten, weiß, dass dies an einer Kante deutlich besser gelingt. SQlab geht noch einen Schritt weiter. Weil Biker nicht gleich Biker ist, gibt es die neuen Griffe in drei verschiedenen Ausführungen – vom „Flügel-Modell“ mit viel Auflagefläche bis hin zur eher harten, puristischen Downhill-Teil. Zudem ist jeder Griff in mindestens zwei verschiedenen Dicken erhältlich. Die Pärchen-Preise liegen zwischen 29 und 34 Euro.
Wir haben die Downhill-Version "70X" sowie die komfortable Ausführung "711" für Langstrecken-Biker getestet. Der Fokus beim 70X liegt in erster Linie auf Grip, weshalb die Oberfläche recht stark profiliert ist, was ein Abrutschen der Hände – etwa bei starkem Rütteln oder bei matschigen Bedingungen – verhindern soll. Das funktioniert. Weitaus mehr fällt aber die ergonomisch optimale Form der Griffe auf. Es wirkt fast so, als würden die 70X mit den Händen eine symbiotische Verbindung eingehen. Von der in den Produkthinweisen erwähnten Dämpfung hingeben ist wenig zu spüren. Die 70X sind eher hart. Wer es soft mag, sollte lieber zum Langstrecken-Modell 711 greifen. Der Griff ist etwas schlanker und sehr viel weicher konstruiert. Schläge werden hier spürbar gedämpft. Zudem wurde die Form (flachere Oberseite sowie nach außen hin ansteigende Bauweise für guten Seitenhalt) auf die Beanspruchung bei längeren Ausfahrten hin optimiert. Etwas Kraft erfordert die Montage, da die innen eingearbeitete Kunststoff-Klemmhülse nur ein Drittel der Grifflänge abdeckt. Die anderen zwei Drittel sind nacktes Gummi, das man – so wie früher – mit Gewalt oder mit Zuhilfenahme von beispielsweise Bremsenreiniger auf den Lenker zwingen muss. Sind sie erst mal korrekt ausgerichtet, fährt es sich mit ihnen wirklich angenehm. Keine Frage, die neuen SQlab fühlen sich gut an. Selbst wenn man auf Tour Schleifpapier dabei hätte – man würde nicht den kleinsten Fitzel wegschmirgeln wollen.
SQlab den MTB-Griff nicht neu erfunden. Auch Modelle anderer Hersteller greifen sich angenehm und rutschfest. In Sachen Ergonomie aber haben die Münchner ausgereizt, was möglich ist. Ob das die Haltemuskulatur entlastet, oder sonstige biomechanische Vorteile bringt, können wohl nur wissenschaftliche Studien klären. Dank drei Ausführungen nebst verschiedener Dicken findet aber definitiv jeder den Griff, der zu einem passt. Die Qualität ist top, das Griffgefühl optimal. Poppige Farben sucht man leider vergeblich. Alle genannten Modelle sind schwarz. Lediglich der 70X ist auch in einer dezent Neongelb-nuancierten Version erhältlich.