32 Zoll rollt an – und zwar mit Nachdruck. Hinter den Kulissen der Bike-Branche wird bereits intensiv entwickelt, angepasst und getestet, um die nächste Laufradgröße marktreif zu machen. Die Vorteile größerer Räder sind bekannt: besseres Überrollverhalten, mehr Laufruhe und ein spürbares Plus an Geschwindigkeit.
Doch der Schritt auf 32 Zoll bringt nicht nur Fortschritt, sondern auch neue Herausforderungen – und das längst nicht nur für Laufradhersteller. Mit einem um 64 Millimeter größeren Durchmesser gegenüber 29-Zoll-Laufrädern gehen weitere konstruktive Besonderheiten einher, die es zu berücksichtigen gilt.
Um die kommende Laufradgeneration genauer unter die Lupe zu nehmen, baute der Hersteller Newmen über 60 verschiedene Laufradvarianten auf und testete diese im Labor. Ergänzend dazu wurden rund 20 Setups im Praxiseinsatz auf den Trails gefahren, um Theorie und Realität miteinander abzugleichen. Nun veröffentlicht Newmen die Ergebnisse der Studie.
Mit seinen Untersuchungen will der Laufrad-Hersteller Newmen seinen Teil dazu beitragen, die langwierigen Entwicklungsprozesse vergangener Jahre sinnvoll zu nutzen, um von Beginn an ausgereifte Bikes mit 32-Zoll-Laufrädern auf die Trails zu bringen.
Die besonderen Anforderungen der größeren Laufräder sollen von Anfang an berücksichtigt werden – statt mit unausgereiften Lösungen in den Markt zu starten und die Lernkurve auf Kosten der Nutzer zu durchlaufen. Denn mit Blick auf die Historie der Laufradgrößen, vor allem im Mountainbike-Bereich, sagen die Macher der Studie: “Lasst es uns diesmal besser machen!”
Denn was derzeit mit der neuen Laufradgröße 32 Zoll passiert, erinnert stark an den Umbruch vor rund 20 Jahren, als der Wechsel von 26 auf 29 Zoll anstand. Auch damals begann alles mit Experimenten – inklusive mancher Fehlentwicklung – bevor sich nach und nach sinnvolle Standards etablierten.
Heute ist etwa der größere Flanschabstand bei 29-Zoll-Naben selbstverständlich. Lösungen wie Boost und in manchen Fällen sogar Superboost wurden eingeführt, um die im Vergleich zu 26 Zoll geringere Steifigkeit auszugleichen. Ein Blick auf das genormte ETRTO-Maß zeigt, wie nah die Dimensionen beieinanderliegen: Damals wuchs der Durchmesser der Laufräder um 63 Millimeter, jetzt sind es 64 Millimeter.
Mehr Größe bedeutet jedoch nicht nur mehr Tempo, sondern bringt auch Nachteile mit sich – höheres Gewicht und geringere Steifigkeit. Unter identischer seitlicher Belastung verformen sich die großen Laufräder um rund 31 Prozent stärker.
Gleichzeitig stellt Newmen die Frage, ob moderne 29-Zoll-Laufräder nicht ohnehin schon zu steif sind. Gerade im Enduro- und Downhill-Bereich wird gezielt daran gearbeitet, Steifigkeit zu reduzieren, um das Fahrverhalten zu verbessern.
Das mag für leichte Fahrer mit optimalem Setup funktionieren. In der Praxis sieht es jedoch oft anders aus: Nicht jeder wiegt unter 80 Kilo oder verfügt über ein Team, das ständig neues Material bereitstellt. Besonders E-MTBs mit Systemgewichten von bis zu 150 Kilogramm stellen deutlich höhere Anforderungen an die Stabilität der Laufräder. Auch für diese Einsatzbereiche muss 32 Zoll ausgelegt sein – und darf sich nicht nur an leichte Fahrer im Cross-Country- oder Gravel-Segment richten.
Entscheidend ist dabei die richtige Balance: Die Tests der Newmen-Studie zeigen, dass die Seitensteifigkeit eine gewisse Mindestschwelle nicht unterschreiten darf, um ein präzises und kontrollierbares Fahrgefühl zu gewährleisten. Auf dem Prüfstand lässt sich dieser Grenzwert mit einer Auslenkung von maximal 8,5 Millimetern bei einer seitlichen Belastung von 300 Newton beziffern.
Nicht nur das Fahrgefühl wird maßgeblich von der Laufradsteifigkeit beeinflusst, auch die Haltbarkeit spielt eine entscheidende Rolle. Ist ein Laufrad zu weich, werden die Speichen im Fahrbetrieb häufiger komplett entlastet. Das erhöht die Anfälligkeit für sich lösende Nippel und führt in der Theorie langfristig zu sinkender Speichenspannung – mit entsprechend höherem Wartungsaufwand.
Laufräder mit etwas höherer Steifigkeit und geringerer Auslenkung als 8,5 Millimeter haben hier Vorteile und bleiben deutlich serviceärmer. Ein Laufrad also einfach nur im Durchmesser wachsen zu lassen und abzuwarten, wie es sich verhält, greift zu kurz.
Soll weder die Präzision im Handling noch die Dauerhaltbarkeit leiden, braucht es beim Schritt auf 32 Zoll angepasste Konstruktionen. Faktoren wie Speichenanzahl, Speichentyp sowie die Einbaubreite der Nabe und der daraus resultierende Flanschabstand müssen gezielt gewählt und gegebenenfalls neu gedacht werden – und das sowohl im Gravel- als auch im MTB-Bereich.
Newmen definiert im Zuge der 32-Zoll-Studie vier Variablen, welche den Aufbau und die Fahreigenschaften von Laufrädern beeinflussen können. Alle Variablen und ihr Einfluss auf die Performance eines Laufradsatzes wurden unter Laborbedingungen vermessen.
Bei identischem Aufbau fällt ein 32-Zoll-Laufrad unter seitlicher Belastung im Durchschnitt 31,36 Prozent weicher aus als ein 29-Zoll-Pendant. Je nach verwendetem Speichentyp variiert dieser Unterschied leicht: Mit Sapim Laser-Speichen beträgt er 33,7 Prozent, mit Sapim D-Light-Speichen 29,01 Prozent.
Die etwas schwerere Sapim D-Light-Speiche (bei 56 Speichen in 32 Zoll ergibt sich ein Mehrgewicht von 41 Gramm) steigert bei ansonsten identischem Aufbau die Seitensteifigkeit um 7,54 Prozent.
Vergleicht man die Flanschabstände von Non-Boost- und Boost-Gravel-Laufrädern, ergeben sich deutliche Unterschiede für 32-Zoll-Laufräder. Am Vorderrad zeigt sich klar, welchen Einfluss ein größerer Flanschabstand hat: Die Verbreiterung um 10 Millimeter (von 12 x 100 mm auf 15 x 110 mm) steigert die Seitensteifigkeit eines 32-Zoll-Laufrads um 15,5 Prozent.
Auch am Hinterrad wirkt sich eine größere Einbaubreite positiv aus. Die damit verbundene Vergrößerung des Flanschabstands verbessert die Steifigkeit spürbar – bei einem vergleichsweise geringen Mehrgewicht von etwa zehn Gramm pro Nabe. Konkret führt die Erweiterung von 12 x 142 auf 12 x 148 zu einem Steifigkeitsplus von 11,5 Prozent bei einem 32-Zoll-Laufrad.
Im MTB-Bereich ist am Vorderrad aktuell bei einer Einbaubreite von 110 Millimetern Schluss. Ein weiterer logischer Schritt wäre daher ein Superboost-Standard am Vorderrad, etwa in Form von 15 x 120 Millimetern. Zwar erreichen 32-Zoll-Vorderräder mit einer Auslenkung von 7,55 Millimetern selbst mit leichten Sapim Laser-Speichen noch eine gerade ausreichende Steifigkeit, doch bietet ein größerer Flanschabstand zusätzliches Potenzial.
Mit breiterer Nabe ließe sich die Steifigkeit weiter erhöhen – oder alternativ mit weniger beziehungsweise leichteren Speichen optimieren. Eine 15x120-Superboost-Nabe am Vorderrad könnte dabei die gleiche Steifigkeit erzielen wie ein 29-Zoll-Laufrad – bei identischer Speichenanzahl und ohne den Einsatz schwererer Speichen.
Auch am Hinterrad zeigt sich der Effekt deutlich: Der Schritt von 12 x 148 (Boost) auf 12 x 157 Millimeter (Superboost) steigert bei gleicher Speichenanzahl und identischem Speichentyp die Steifigkeit eines 32-Zoll-Laufrads um 16,4 Prozent. Durch den größeren Flanschabstand, der mit dem Superboost-Standard möglich wird, lässt sich ebenfalls das Steifigkeitsniveau eines 29-Zoll-Hinterrads erreichen – und das ohne zusätzliche Speichen oder höheres Gewicht.
Auch eine höhere Speichenanzahl steigert die Steifigkeit eines Laufrads. Wird ein 32-Zoll-Hinterrad statt mit 28 Speichen mit 32 Speichen bestückt, erhöht sich die Seitensteifigkeit laut Newmen um 10,87 Prozent. Die vier zusätzlichen Speichen verursachen allerdings ein Mehrgewicht von 49 Gramm pro Laufradsatz (bei Sapim D-Light).
Die Ergebnisse der Studie von Newmen zu 32-Zoll-Laufrädern lässt sich in fünf Erkenntnissen zusammenfassen:
Die Vergrößerung der Laufräder von 29 auf 32 Zoll beeinflusst auch andere Komponenten am Gravel- oder Mountainbike. Auch zu Bremsen, Gabel, Rahmen, Vorbau und Gabelschaft kann die Studie von Newmen wichtige Erkenntnisse liefern.
Mit dem größeren 32-Zoll-Laufrad ändern sich die Speichenwinkel: Sie verlaufen steiler und rücken näher an den Bremssattel, was Platzprobleme verursachen kann. Gleichzeitig verschieben sich die Hebelkräfte zwischen Laufrad und Bremsscheibe, wodurch die Bremsleistung um etwa zehn Prozent sinkt. Um die gleiche Bremskraft wie bei 29 Zoll zu erzielen, wären größere Scheiben nötig (z. B. 220 mm statt 200 mm oder 180 mm statt 160 mm), was gleichzeitig das Platzproblem durch die steiler nach oben laufenden Speichen entschärft.
Damit 32-Zoll-Laufräder in Gabel und Hinterbau passen, müssen sowohl die Gabeleinbaulänge als auch die Kettenstreben länger werden. Die daraus entstehenden längeren Hebel erhöhen die Belastung für den Rahmen, insbesondere im Bereich des Steuerrohrs. Bei 32-Zoll-Bikes, die ohnehin eine niedrige Front und damit kurze Steuerrohre besitzen, verstärkt sich diese Belastung noch zusätzlich – sowohl für Gabel als auch für Rahmen.
Auch hier gilt: Möglichst flach bauen, um die größere Einbaulänge auszugleichen. Die geringe Klemmhöhe am Vorbau erhöht jedoch die Belastung auf den Gabelschaft. Eine größere Schaftstärke oder ein dickerer Durchmesser kann daher sinnvoll sein. Besonders bei kleineren Rahmenhöhen von 32-Zoll-Bikes sind häufig Negativ-Vorbauten nötig, wodurch die Auswahl an Vorbauten größer wird. Neben der Länge unterscheiden sie sich dann auch deutlich stärker im Winkel.
Laufrad-Hersteller müssen sich basierend auf der Studie von Newmen beim Thema 32 Zoll klarmachen, dass eine Erhöhung der Nabenbreite den größten Steifigkeits-Benefit pro Gramm Zusatzgewicht mit sich bringt und gleichzeitig den Laufradbauer nicht mehr kostet.
Mehr Speichen steigern die Steifigkeitswerte stärker als dickere Speichen, allerdings liegen Mehrgewicht und Produktionskosten für Speichen und Nippel auch höher. Mehr Speichen bedeuten außerdem auch mehr Zentrierarbeit und somit höhere Zentrierkosten.
Leichte und zugleich ausreichend steife 32-Zoll-Laufräder lassen sich mit herkömmlicher, schmaler Boost-Breite nicht realisieren. Eine Erhöhung der Speichenanzahl von 28 auf 32 aus Stahl verursacht pro Laufrad zusätzliche Kosten von 1,50 bis 3 Euro – inklusive Mehraufwand für Einwerfen, Annippeln und Zentrieren.
Bei einer Jahresproduktion von 100.000 Bikes summiert sich dies auf 300.000 bis 600.000 Euro zusätzlich, zudem werden 5600 Kilogramm mehr Speichenmaterial verbaut. Ein Sprung auf 36 Speichen zur weiteren Steigerung der Steifigkeit würde diese Zahlen sogar verdoppeln.
Bei Laufrädern mit Carbon-Speichen schlagen sich höhere Stückzahlen noch stärker im Preis nieder: Eine Erhöhung von 24 auf 28 Speichen verteuert das Laufrad bereits um 10 bis 20 Euro, inklusive Bauaufwand. Darüber hinaus wirken sich mehr Speichen optisch negativ aus, oft wirken die Laufräder weniger elegant, und auch die Aerodynamik leidet nachweislich unter der zusätzlichen Anzahl.
Mit einem Sprung auf Boost-Nabenbreite (148 statt 142 mm) lassen sich auch bei 32-Zoll-Gravelbike-Laufrädern weiterhin leichte Konstruktionen mit geringer Speichenanzahl und leichten Speichen realisieren. Gleichzeitig bleibt die Möglichkeit bestehen, wie bisher ausreichend stabile Laufräder für Bikepacking oder schwere Fahrer zu bauen – und das, ohne auf unnötig schwere oder übermäßig viele Speichen zurückgreifen zu müssen.
Am Hinterrad eines Mountainbikes ist der Wechsel von Boost auf Superboost unbedingt empfehlenswert – zusätzliche Kosten entstehen dabei quasi nicht. Dank der längeren Kettenstreben muss nicht einmal der Q-Faktor angepasst werden.
Wie beim Gravellaufrad ermöglicht auch am MTB der Wechsel zur nächsthöheren Nabenbreite bei 32-Zoll-Laufrädern weiterhin leichte Konstruktionen mit geringer Speichenanzahl und leichten Speichen. In der Superboost-Breite von 157 statt 148 mm können gleichzeitig stabile Laufräder für extremere Einsatzzwecke oder schwere Fahrer gebaut werden, ohne auf unnötig viele oder schwere Speichen zurückgreifen zu müssen.
Würde man die Nabenbreite proportional zum Sprung von 29 auf 32 Zoll erhöhen, wäre sogar ein komplett neues Hinterradmaß von 163 Millimetern mit 75 Millimetern Flanschabstand erforderlich. Vorn wäre ebenfalls ein etwas breiteres Einbaumaß sinnvoll – ein einfacher Schritt von 15 x 110 auf 15 x 120 würde hier bereits ausreichen. Zusätzlich sollten sowohl beim MTB als auch am Gravelbike die Bremsscheibenaufnahmen an Gabel und Rahmen jeweils um eine Scheibengröße vergrößert werden.
Newmen liefert mit der hauseigenen 32-Zoll-Studie interessante Daten zu Steifigkeiten und Aufbau-Optionen von 32-Zöllern im MTB- und Gravel-Bereich. Der eindrücklichste Apell geht in Richtung des Superboost-Nabenstandards. Neue Standards sind in der Szene nicht gerade beliebt, doch die neue Laufradgröße erfordert ohnehin neue Rahmen und Komponenten. Es bleibt spannend, in welche Richtung die Branche entwickeln wird. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

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