Die Service-LügeWie sich die Fahrrad-Branche (leider) an der Automobil-Industrie orientiert

Laurin Lehner

 · 31.01.2026

Die Service-Lüge: Wie sich die Fahrrad-Branche (leider) an der Automobil-Industrie orientiertFoto: Storychief KI / Laurin Lehner
Regelmäßige Wartung ist wichtig – darin sind sich alle einig. Doch wer bestimmt, wann das Bike in den Service muss? Viele Hersteller und Händler programmieren eigene Service-Erinnerungen und sorgen so für stetigen Zulauf. Gut für sie, oft teuer für die Kunden.
Wie Fahrradhersteller und Werkstätten mit Wartungsintervallen Kasse machen – und warum Kunden oft für Leistungen zahlen, die sie gar nicht brauchen.

​Was mit Fürsorge beginnt, endet nicht selten als Geschäftsmodell: Immer früher fordern Displays zum Service auf, immer teurer wird die Inspektion. Besonders Besitzer von E-Bikes und Diensträdern geraten in ein System aus Pflichtterminen, Budgetlogik und fragwürdigen Reparaturen. Wer sich nicht auskennt, zahlt – oft ohne echten Mehrwert.

„Service jetzt!“ – Schlechtes Beispiel Autobranche

Dank Elektronik und Display erfassen E-Bikes zahlreiche Daten – von der Kilometerleistung bis zu den Ladezyklen. Händler und Hersteller können darauf basierend Service-Aufforderungen per Software frei programmieren. Bei Diensträdern sind jährliche Inspektionen inzwischen Standard.

„Service jetzt!“ – was Autofahrer seit Jahren aus dem Cockpit kennen, leuchtet inzwischen auch auf Fahrrad-Displays auf. Die Wartungsaufforderung hat das Mountainbike erreicht. Was nach Fürsorge klingt, entpuppt sich oft als Geschäftsmodell.

Programmierbare Displays machen es möglich: Hersteller und Händler legen Serviceintervalle fest, die den Fahrer schon nach wenigen hundert Kilometern zum Werkstattbesuch auffordern. „Das hat sich die Branche eins zu eins von der Automobilindustrie abgeschaut“, sagt Szene-Experte Marcus Klausmann.

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Bereits nach 350 bis 500 Kilometern nach dem Neukauf bitten viele Händler zum ersten Service. Eine Strecke, die ambitionierte Hobbyfahrer an wenigen Sommerwochenenden herunterspulen. Die Notwendigkeit eines professionellen Checks nach so kurzer Laufleistung darf bezweifelt werden.

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Zündstoff: Arbeiten, die teuer, aber unnötig sind, machen Ärger

Für die Werkstätten rechnet es sich: Ab 90 Euro aufwärts kostet die frühe Inspektion. In vielen Fällen wird dabei vor allem das Fahrrad begutachtet. Wenn alles passt, werden die Kette geölt, Schrauben nachgezogen – und abkassiert.

Reifen kann man länger fahren als man denkt, besonders hinten. Der auf dem Foto ist dann aber doch eher durch.Foto: Georg GrieshaberReifen kann man länger fahren als man denkt, besonders hinten. Der auf dem Foto ist dann aber doch eher durch.

„Mich ärgert vor allem, wenn Arbeiten durchgeführt werden, die gar nicht nötig sind“, sagt Mike Schinke, Inhaber von bikeamike in Hechendorf am Ammersee. „Ältere Menschen und Einsteiger vertrauen dem, was auf dem Display steht, und fahren gutgläubig zum Händler.“

Dort wird beim Nichtbeachten der Service-Aufforderung oft mit schweren Folgen argumentiert: drohender Garantieverlust, Motorschäden, Wertminderung. Wer sich nicht auskennt, muss glauben – wie beim Automechaniker, Elektriker oder Versicherungsvertreter eben.

Nach den alten Mustern: Sicherheit, Langlebigkeit, Werterhalt

Die Argumentation folgt bekannten Mustern: Sicherheit, Langlebigkeit, Werterhalt – genau wie bei Pkw. Klausmann sieht darin eine klare Strategie. „Wenn der Absatz nicht wächst, generiert man Umsatz über Serviceleistungen.“ Die Fahrradbranche habe dieses Prinzip für sich entdeckt.

Besonders lukrativ sind Diensträder. Je nach Servicepaket stehen hier bis zu rund 250 Euro jährlich für Wartung bereit. Das Geld verfällt, wenn es nicht abgerufen wird. Ein Geschenk für Händler: Kunden kommen, um Reparaturen durchführen zu lassen – ob nötig oder nicht. Bezahlt ist es ja bereits dank Servicepaket.

“Mein Rat: das Bike gut pflegen, kleine Arbeiten selbst erledigen.”, sagt BIKE Werkstatt-Leiter Hans-Peter Ettenberger.Foto: Georg Grieshaber“Mein Rat: das Bike gut pflegen, kleine Arbeiten selbst erledigen.”, sagt BIKE Werkstatt-Leiter Hans-Peter Ettenberger.

Regelmäßige Wartung hat natürlich aber auch handfeste Vorteile und kann die Lebensdauer durchaus verlängern – ob bei Komplettrad oder Federelementen. „Vor allem, wenn sie mit Augenmaß und fair durchgeführt wird“, sagt Nils Richter, Inhaber von Move Cycles aus Burbach im Siegerland.

Er begutachtet die Räder gemeinsam mit den Kunden. „Halb verschlissene Teile tausche ich nicht aus.“ Richter räumt jedoch ein, dass Inspektionen im Rahmen von Dienstrad-Wartungen für Händler dankbar sind, weil Kunden dabei weniger preissensibel reagieren. Bezahlt ist die Leistung schließlich bereits. Nicht überall wird so fair gearbeitet.

Ein Zweiradmechaniker im zweiten Lehrjahr berichtet aus einer großen Werkstatt – namentlich möchte er nicht genannt werden. „Auch wenn Ketten, Antrieb oder Bremsbeläge noch in einwandfreiem Zustand sind, werden sie bei Inspektionen getauscht. Die Teile landen im Müll“, berichtet er. So würden Budgets ausgeschöpft, bevor sie verfallen. Nachhaltigkeit? Fehlanzeige.

Ein neues Motor-Update können sich Kunden auch selber aufspielen, dank App.Foto: Bosch E Bike SystemsEin neues Motor-Update können sich Kunden auch selber aufspielen, dank App.


Auch private Kunden sind betroffen. „Oft wird nicht gemacht, was auf der Rechnung steht“, sagt Schinke. Er kennt Fälle, in denen das Bike lediglich kurz an den Computer angeschlossen, ein Software-Update aufgespielt und die Service-Meldung gelöscht wurde – Kostenpunkt: 120 Euro.

Früher sei das anders gewesen, erinnert sich Schinke. „Vor 15 Jahren war der erste Service nach dem Kauf sowieso kostenlos. Schließlich hatte man am Verkauf verdient.“ Heute sei das die Ausnahme.
Am Ende bleibt dem Kunden wenig: technisches Grundverständnis, kritisches Nachfragen – oder Vertrauen in den Mechaniker. Schinke beobachtet darin auch ein Generationenproblem. „Es sind oft jüngere Händler und Mechaniker. Die ticken anders.“

Ob das dem Ruf der Branche guttut, ist fraglich. Sicher ist nur: Die Service-Leuchte wird auch in Zukunft blinken – zumindest solange ein Display am Lenker montiert ist.

Wer sein Bike blind zur Werkstatt bringt ohne Preis-Absprache, der muss meist tief in die Tasche greifen.Wer sein Bike blind zur Werkstatt bringt ohne Preis-Absprache, der muss meist tief in die Tasche greifen.
​Erfahrene Biker wissen, wann ihr Bike einen Service braucht – verschlissene Teile lassen sich klar erkennen. In die Service-Falle tappen meist Einsteiger und ältere Semester mit wenig Technikaffinität. Mein Rat: das Bike gut pflegen, kleine Arbeiten selbst erledigen. Und wer zum Profi geht, sollte auf Transparenz achten, sich Leistungen erklären lassen – und auf die Online-Bewertungen der Werkstatt achten. Dank Google-Bewertung kann man sich hier als potenzielle Kunden einen guten Überblick verschaffen. – BIKE Werkstatt-Leiter Hans-Peter Ettenberger

Interview Mike Schinke: “Abgezockt werden oft Frauen und ältere Semester”

Mike Schinke, Inhaber bikeamike Hechendorf am Ammersee,Foto: Georg GrieshaberMike Schinke, Inhaber bikeamike Hechendorf am Ammersee,

​BIKE: Mike, du hast selbst einen Bike-Shop. Wie wichtig ist regelmäßige Wartung?
MIKE SCHINKE: Sehr wichtig. Aber das beginnt schon beim Besitzer. Ideal ist, wenn das Bike nach der Fahrt geputzt wird und man sorgsam mit dem Material umgeht. Wer selbst nicht schraubt, bringt sein Rad je nach Zustand einmal im Jahr zum Service – und bespricht mit dem Mechaniker, was wirklich nötig ist.

Seit es Displays gibt, legen Hersteller oder Händler Serviceintervalle fest. Kann man das als Vorteil für den Kunden sehen?
So kann man es auslegen, aber ich halte das eher für vorgeschoben. Nach einem Neukauf ist ein Werkstattbesuch nach 500 Kilometern selten nötig. Meiner Meinung nach darf das nichts kosten, schließlich hat der Händler am Verkauf schon verdient. Dann wäre es eher ein schöner Bonus für den Kunden.

Nach 500 Kilometern? Das ist ja fast nichts.
Genau. Ich kenne Fälle, da kam die Meldung schon nach 350 Kilometern. Nach so einer Laufleistung ist in der Regel wirklich nichts kaputt.

Uns liegen Rechnungen über 70 Euro nach so einem Erstservice vor. Nachvollziehbar?
Bei einer Fremdwerkstatt vielleicht, bei einem Händler, bei dem das Bike gekauft wurde, sicher nicht. Ich sehe regelmäßig Räder, also mit mehr Laufleistung, in erbärmlichem Zustand, bei denen Kunden sagen: „Vor ein paar Wochen war es im Service, über 100 Euro.“ Und dann sieht man sofort: Da wurde fast nichts gemacht. Ich bin überzeugt, dass viel abgerechnet wird, was gar nicht durchgeführt wurde.

Welche Kunden trifft das besonders?
Leider meist ältere Menschen und viele Frauen – also alle, die sich technisch nicht auskennen. Core-Bikern fällt so etwas eher auf, aber selbst die werden nicht immer verschont.

Abgefahrene Bremsbeläge müssen getauscht werden, in manchen Fällen werden sie aber zu früh gewechselt. “Ich begutachte Bikes beim Service zusammen mit dem Kunden, das sorgt für Transparenz und Vertrauen”, sagt Nils Richter, Inhaber von Move Cycles aus Burbach im SiegerlandFoto: Laurin LehnerAbgefahrene Bremsbeläge müssen getauscht werden, in manchen Fällen werden sie aber zu früh gewechselt. “Ich begutachte Bikes beim Service zusammen mit dem Kunden, das sorgt für Transparenz und Vertrauen”, sagt Nils Richter, Inhaber von Move Cycles aus Burbach im Siegerland

Das ärgert dich?
Klar, weil es ein schlechtes Licht auf uns Fahrradmechaniker wirft. Noch schlimmer: Viele gehen trotzdem weiter in solche Abzock-Werkstätten. Aber das ist ihre Entscheidung.

Was rätst du Betroffenen?
Sich ein bisschen einzufuchsen. Vor allem: einen Mechaniker finden, der transparent arbeitet, das Bike gemeinsam anschaut und erklärt, was wirklich nötig ist. Es hilft auch, die gängigen Servicepreise zu kennen – dafür muss man recherchieren. Online-Bewertungen können ebenfalls ein Anhaltspunkt sein.

Was kostet ein Service bei dir?
Ein Standardservice kostet bei mir 95 Euro. Vieles ist darin enthalten. Fallen Ersatzteile an, wird’s natürlich teurer, doch hier halte ich Rücksprache mit dem Kunden. Ich kenne Werkstätten, die 90 Euro verlangen und auf ihrer Website schreiben, das sei nur eine Begutachtung – ohne Arbeiten durchzuführen. Das ist frech.

Übersicht Service-Pakete bei Jobrad.Foto: Screenshot JobradÜbersicht Service-Pakete bei Jobrad.

Diensträder bringen feste Servicebudgets mit. Ein Segen für Werkstätten?
Klar, das ist komfortabel. Aber Arbeiten, die nicht nötig sind, mache ich trotzdem nicht. Wer das Budget ausschöpfen will, dem kann ich auch anders helfen – Stichwort Gutschrift.

Wo liegt das Problem bei Diensträdern?
Beim Leasing gibt es meist drei jährliche Inspektionen mit festem Budget – etwa bei JobRad jeweils rund 90 Euro oder ein Full-Service-Paket mit bis zu 500 Euro für Vielfahrer, inklusive Verschleißteilen. Die Details unterscheiden sich je nach Anbieter. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Händler nach der ersten Inspektion bei 500 Kilometern ganze 460 Euro abrechnete. Für die restlichen zwei Jahre blieben dem Kunden gerade einmal 40 Euro.

Welche Arbeiten wurden hier gemacht?
Laut Rechnung: Kette, Antrieb, diverse Verschleißteile. Nach 500 Kilometern. Das Material war praktisch neu. Für mich ist das ganz klar: Betrug.

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