Gabeln | DämpferShockWiz: Per Computer zum perfekten Bike-Setup

Christian Artmann

 · 31.08.2017

ShockWiz: Per Computer zum perfekten Bike-SetupFoto: Tobias Woggon

Mit einem optimal eingestellten Fahrwerk holt man 100 Prozent Leistung aus dem Bike. Bisher beruhte ein perfektes Dämpfer- und Gabel-Setup auf Erfahrung und Feingefühl. ShockWiz könnte das ändern.

Betriebsanleitungen, Workshops, Video-Tutorials – man kann nicht behaupten, dass es zum Einstellen eines Fahrwerks an einschlägigen Informationsquellen mangeln würde. Und doch bleibt das Thema eine Herausforderung, denn jede Strecke, jedes Bike und jeder Fahrstil erfordern individuelles Fein-Tuning an den zum Teil vielfältigen Einstelloptionen. Dieses Dilemma hat auch den Australier Nigel Wade bewegt. Wade hat mit seiner Tuning-Firma Dusty Dynamics die digitale Setup-Hilfe ShockWiz für Luftfederelemente entwickelt, finanziert hat er das Projekt mit Hilfe von Crowdfunding. Irgendwann wurde auch das Sram-Tochterunternehmen Quarq, das für die Integration elektronischer Bauteile am Bike zuständig ist, auf die Aktivitäten der australischen Entwickler aufmerksam. Anfang 2016 kaufte Quarq die Technologie auf, um sie zur Serienreife zu führen. Die 509 Unterstützer des Crowdfunding-Kreises haben ihre Exemplare bereits vorab erhalten. Nun ist die kleine Wunderbox für alle Endverbraucher verfügbar.

Das Funktionsprinzip von ShockWiz basiert darauf, dass jede Federbewegung eine Veränderung im Luftdruck der Positivkammer bewirkt. Daraus lassen sich nahezu alle Aspekte der Federungs-Performance ableiten. Die Messung selbst übernimmt eine hochsensible Druckmessdose, die an Federgabel oder Dämpfer angeschlossen 100 mal pro Sekunde den Luftdruck in der Positivkammer misst. Ein interner Mikroprozessor analysiert die auf dem Trail gewonnenen Daten und filtert jene heraus, welche Aussagen zum Federungsverhalten zulassen. Ob Sprünge, Wurzelteppiche, Drops, Wiegetritt- oder Bremsbewegungen – alle Ereignisse während einer Fahrt hinterlassen im Daten-Logger ein charakteristisches Muster. Aus den gesammelten Daten errechnet die Software eine Bewertung und macht Vorschläge, welche Einstellungen verändert werden müssen. Die Ergebnisse und Optimierungsvorschläge werden dem Fahrer grafisch in der entsprechenden Smartphone-App dargestellt. Die App sagt sogar, mit welcher Sicherheit ("Confidence") sie diese Aussagen trifft und fordert gegebenenfalls noch zusätzliche "Trail-Erfahrungen" ein. Zur Feinabstimmung kann man aus vier unterschiedlichen "Tuning Modes" auswählen: "Efficient" für ein straffes, auf Vortrieb getrimmtes Fahrwerk, "Balanced" und "Playful" bilden die weiteren Abstufungen. "Aggressive" gilt vorwiegend dem Downhill-Einsatz.

In der Praxis ist der Umgang mit ShockWiz recht simpel. Ein paar Kabelbinder zur Befestigung, eine Dämp­ferpumpe für die Kalibrierung – der Umgang mit der App und der Praxiseinsatz werden dann mittels Video-Tutorials erklärt. Wer sich damit ein paar Minuten auseinandersetzt, kann direkt zur ersten "Session" starten. Bis ShockWiz unterwegs ausreichend Daten gesammelt hat ("Confidence" über 50 %, ideal über 80 %), kann es je nach Testrunde von wenigen Minuten bis zu einer Stunde dauern. Wenn man die empfohlenen Veränderungen am Fahrwerks-Setup vorgenommen hat, startet man zur nächsten "Session". Weil sich jede Tuning-Maßnahme auch auf andere Aspekte der Federung auswirkt, ist es ratsam die vorgeschlagenen Tuning-Maßnahmen eine nach der anderen abzuarbeiten. Auf diese Weise nähert man sich schrittweise dem optimalen Setup für die Teststrecke. Weil eine ShockWiz-Einheit immer nur an einem Federelement angeschlossen werden kann, muss man sich Gabel und Dämpfer nacheinander vornehmen.

Gretchenfrage: Eignet sich ShockWiz für alle Biker und Einsatzbereiche gleichermaßen? Antwort: nein. Unsere Praxistests zeigen zwar, dass ShockWiz bei der Suche nach dem optimalen Setup für eine klar definierte Strecke enorm präzise arbeitet. Zu Konfusion kann es aber kommen, wenn ShockWiz die Daten auf langen und unterschiedlichen Trails oder gar auf Touren generiert. Der Grund: Ab einer gewissen Anzahl von relevanten Ereignissen ist der begrenzte Speicher des Mikroprozessors voll, dann werden ältere Daten (die trotzdem relevant wären) von neuem überschrieben. Das Ergebnis ist immer noch ein gutes Allround-Setup, aber wer sich dieser Tatsache nicht bewusst ist, läuft Gefahr, einem sich ständig verändernden "Ideal-Tune" hinterherzuhecheln. Gerade für Touren-Fahrer ist und bleibt das Fahrwerks-Setup immer ein Kompromiss, daran kann auch ShockWiz nichts ändern. Für Fahrer mit klarem Anforderungsprofil – insbesondere Cross-Country-, Downhill- und Enduro-Rennfahrer – ist ShockWiz ein zwar teures, aber sehr effektives Tool, die optimale Performance aus einem Fahrwerk herauszukitzeln. Angesichts des Preises bleibt abzuwarten, ob das schlaue Kästchen auch vom Normal-Biker angenommen oder ob es eher in Shops, Verleihstationen und Vereinen zum Einsatz kommen wird.


Christian Artmann, BIKE-Autor, hat ShockWiz ausführlich getestet:
Shockwiz ist eine echte Hilfestellung, um das Setup für definierte Strecken zu optimieren und um ein solides Grund-Setup für nahezu jedes Fahrwerk zu finden. Eine tolle Innovation zu einem allerdings gesalzenen Preis.

  Christian Artmann, BIKE-AutorFoto: Georg Grieshaber
Christian Artmann, BIKE-Autor


1 In der Shockwiz-Einheit sind Präzisionsdruckmessdose, Mikroprozessor samt Speicher und Knopfbatterie staub- und wasserdicht untergebracht. Zur leichteren Montage gehen die zwei Ventilstutzen in unterschiedlichen Winkeln ab.


2 Der Gummikäfig dient als Schutz für die ShockWiz-Einheit und die Federelemente. Er bietet viel-fältige Montageoptionen mittels Kabelbindern.


3 Das System kommt mit zwei verschiedenen Druckschläuchen, um die Einheit optimal an Federgabel und Dämpfer positionieren zu können.


4 Shockwiz wird über Bluetooth mit dem Smartphone gekoppelt und kommuniziert die Ergebnisse über die intuitive App.

  ShokWiz im DetailFoto: Tobias Woggon
ShokWiz im Detail


Gewicht 45 Gramm (inkl. Gummikäfig, zzgl. Leitung)
Preis 429 Euro (je Einheit)
Verfügbarkeit sofort
Infos & Tutorials www.bike-magazin.de, Webcode #35173


Die App – Aufzeichnung und Auswertung der Messwerte erfolgen in der Shockwiz-Einheit. Die Smartphone-App bereitet die Ergebnisse für den Biker auf.

Auch wenn das Smartphone auf den Testfahrten nicht dabei sein muss, braucht man es zur Kalibrierung, um die Ergebnisse einzusehen und zum Start einer neuen Test-Session. Die einzelnen Seiten sind recht übersichtlich und gut verständlich gestaltet. Alle Änderungsvorschläge sowie auftretende Fehlverhalten der Federung werden plakativ in Balkendiagrammen angezeigt. Sogar die Fachbegriffe werden durch Antippen direkt in der App noch mal erläutert. Vorläufige Kritikpunkte: Aktuell ist die App nur englischsprachig, und es gibt keine Archivierungsmöglichkeit außer Screenshots.

  ShockWiz AppFoto: BIKE Magazin
ShockWiz App


Wer profitiert von Shockwiz am meisten?


Racer (Cross Country, Enduro & Downhill)
Wenn ShockWiz seine Daten auf einer fest definierten Strecke sammeln kann – sei es einer kurze Testrunde oder Enduro-Stage – erzielt man optimale und reproduzierbare Ergebnisse. Das so erreichte Setup ist perfekt auf Fahrer, Fahrstil, Bike und Gelände maß-geschneidert.

  Setup für RacerFoto: Veranstalter
Setup für Racer


All Mountain & Tour
Durch die intelligente Software darf man mit ShockWiz sogar auf Tour seine Messdaten sammeln und bekommt am Ende auch klare Setup-Vorschläge. Doch nicht jede Tour gleicht der anderen – daher eignen sich auch die Setup-Empfehlungen nicht für jedwede Tour gleichermaßen. Eher als Grundeinstellung.

  Setup für All Mountain & TourFoto: Marius Maasewerd
Setup für All Mountain & Tour


Interview mit Marcus Klausmann, Ex-Downhill-Profi und Experte in Sachen Fahrwerks-Tuning

Marcus Klausmann gilt als Perfektionist. Als Profi-Downhiller versuchte er stets, die letzten Prozente aus seinem Setup herauszukitzeln. Wir schickten Marcus ein ShockWiz-System, um es exklusiv für BIKE zu testen.


Wie ist Dein Eindruck von ShockWiz?
Ich war verblüfft, wie schnell und präzise das System arbeitet. Auch die App ist ziemlich selbsterklärend.


Hat ShockWiz an Deinem vermutlich penibel eingestellten Fahrwerk noch Tuning-Potenzial entdeckt?
Nicht wirklich, die Bewertung von ShockWiz ergab ein zu 96 % perfektes Fahrwerk. Das Ergebnis hat mir aber gezeigt, wie fähig die Software ist.


Wo steckt für Dich der Nutzen von ShockWiz?
Ich sehe da verschiedene Bereiche. Weil ShockWiz ja die reale Federungs-Performance bewertet, kann es dabei helfen, noch schneller zu einem für die jeweilige Strecke optimalen Setup zu kommen – perfekt etwa für unterschiedliche Stages in einem Enduro-Rennen. Und für Neulinge ist es ein tolles Hilfsmittel, das eigene Fahrwerk verstehen zu lernen.


Siehst Du auch Nachteile des digitalen Setups?
Eigentlich kaum. Wie in anderen Bereichen besteht halt auch hier die Gefahr, dass man sich zum Sklaven der Technologie macht und stur einem 100 % perfekten Setup hinterherjagt, statt Spaß am Biken zu haben.

  Marcus Klausmann, Ex-Downhill-ProfiFoto: Andreas Dobslaff
Marcus Klausmann, Ex-Downhill-Profi


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