Max Fuchs
· 07.04.2026
Bei High-End-Gabeln - besonders im Enduro-Segment - hat man bis heute noch oft das Gefühl, dass bei der Entwicklung die Bedürfnisse der Profi-Rennfahrer im Fokus stehen. Die Gabeln funktionieren allesamt erstklassig, keine Frage. Ihr volles Potenzial entfalten sie aber oft erst, wenn man sie im Grenzbereich bewegt. Will heißen: Wer entspannter abfährt und eher komfortorientiert unterwegs ist, für den arbeiten viele der aktuellen Gabeln am Markt schlicht zu straff. Mit dem Entwicklungsansatz der neuen RockShox-Gabeln – und auch der entsprechenden Hinterbaudämpfer – gibt der Branchenriese in dieser Hinsicht eine neue Marschrichtung vor. Da die gesamte Neuheitenpalette eine linearere Federkennlinie anpeilt und alle Hebel in Bewegung setzt, um Reibungsverluste zu reduzieren, fahren sich die neuen RockShox-Fahrwerke komfortabler denn je und passen damit auch perfekt zum Anforderungsprofil der breiten Masse.
Vier Jahre hat RockShox an seiner neuen Gabelgeneration gearbeitet – und damit den längsten Produktzyklus der Unternehmensgeschichte hingelegt. Das Ergebnis sind zwei vollständig neu entwickelte Federgabeln: die Lyrik für den Trail- und All-Mountain-Einsatz sowie die ZEB als Enduro- und Gravity-Forke. Dazu gesellen sich zwei ebenfalls komplett neue Dämpfer: der Super Deluxe passend zur Lyrik und der Vivid als Sparringspartner der ZEB. Wir konnten die Neuheiten bereits testen – hier kommen alle technischen Details und ein erster Testbericht.
Vorab das Wichtigste: Lyrik und ZEB teilen sich dieselbe Technologiebasis. Beide Gabeln setzen auf identische Neuerungen bei Luftfeder, Dämpfung und Reibungsreduzierung. Der Unterschied liegt in den Standrohren – die Lyrik setzt nach wie vor auf 35er-Standrohre. Gepaart mit dem gewichtsoptimierten Casting ist sie etwas leichter und geschmeidiger: 2.280 Gramm in 29 Zoll. Die ZEB bringt mit ihren dickeren 38-Millimeter-Standrohren 2.568 Gramm auf die Waage, bietet dafür aber mehr Steifigkeit.
Praktisch: RockShox hat die Federwegsbandbreite der Lyrik wieder auf 140 bis 170 Millimeter aufgestockt. Beim Vorgänger war bei 160 Millimetern Schluss. Enduro-Fahrer können damit künftig selbst entscheiden, ob sie zur leichteren Lyrik oder zur brachialen ZEB greifen. Die ZEB deckt 150 bis 180 Millimeter ab. Preislich liegen beide Ultimate-Versionen auf ähnlichem Niveau: 1.375 Euro für die Lyrik, 1.415 Euro für die ZEB.
| Merkmal | Details |
| Dämpfung | Charger 3.2 mit ButterCup |
| Luftfeder | LinearXL mit ButterCup |
| Federweg | 140 / 150 / 160 / 170 mm |
| Gabel-Offset | 37 mm (27,5") / 44 mm (27,5") / 44 mm (29") |
| Laufradgröße | 27,5" / 29" |
| Gewicht | 2.280 g (29") |
| UVP | 1.375 € |
| Merkmal | Details |
| Dämpfung | Charger 3.2 mit ButterCup |
| Luftfeder | LinearXL mit ButterCup |
| Federweg | 150 / 160 / 170 / 180 mm |
| Gabel-Offset | 37 mm (27,5") / 44 mm (27,5") / 44 mm (29") |
| Laufradgröße | 27,5" / 29" |
| Gewicht | 2.568 g (29") |
| UVP | 1.415 € |
Im Zentrum aller Neuerungen steht die neue Linear-XL-Luftfedereinheit im Kartuschen-Design. Ihr Markenzeichen, wie der Name schon andeutet: eine sehr lineare Federkennlinie. Die Kraft zum Komprimieren der Feder steigt dabei über den gesamten Federweg gleichmäßig an – fast wie bei einer Stahlfeder. Das Ergebnis ist ein berechenbares, konstantes Fahrgefühl: feinfühlig am Anfang, viel Gegenhalt in der Mitte und ein Durchschlagschutz am Ende des Federwegs, um auch harte Einschläge zu parieren. Um das lineare Fahrgefühl zu erzeugen, verlässt sich RockShox aber nicht allein auf die Luftfeder. Die folgenden Technologien entwickelte RockShox alle zugunsten der linearen Federkennlinie und sorgen dafür, dass die Linear XL bestmöglich arbeiten kann.
Unter der Abdeckung am unteren Ende der Luftfederseite verbirgt sich die sogenannte AirAnnex – ein Feature, das Downhill- und Enduro-Weltcup-Fans bereits von manchen Profi-Race-Bikes kennen. Dahinter steckt kein kompliziertes Hightech-Bauteil, sondern schlicht Luft: Die Kammer vergrößert das Luftvolumen im linken Tauchrohr. Da die Dämpfungseinheit im rechten Tauchrohr kompakter baut als die Linear-XL-Luftfederkartusche, würden beide Seiten ohne Zusatzvolumen mit unterschiedlichem Volumen arbeiten – und beim Einfedern eine ungleichmäßige Progression erzeugen. Der AirAnnex gleicht das aus.
Zusätzlich spendiert RockShox jedem Standrohr zwei Bohrungen direkt unterhalb der Öldichtung – die sogenannten Breather Holes. Sie ermöglichen eine schnellere und gleichmäßigere Luftzirkulation im Casting beim Einfedern und verhindern so ungewollte Progressionsspitzen.
Wer eine progressivere Kennlinie bevorzugt, darf jetzt durchatmen: Auch wenn alles an der Gabel auf eine möglichst lineare Kennlinie ausgelegt ist, können nach wie vor Volumenspacer verbaut werden, um die Gabel für die persönlichen Vorlieben feinzutunen. Die neuen Features sollen nur ungewollte, unkontrollierte Progression verhindern.
Die linearere Kennlinie hat eine kleine Nebenwirkung: Zwar ist der maximale Federweg besser nutzbar, ohne die stärkere Endprogression des Vorgängers schlägt die Gabel aber auch leichter durch. Hier kommt der ABO (Adjustable Bottom Out) ins Spiel – ein per Inbus verstellbarer Anschlagpuffer. Je nach Setup greift er auf den letzten 10 bis 17 Millimetern des Federwegs ein und fängt harte Durchschläge ab.
Der zweite große Entwicklungsschwerpunkt: Reibungsreduzierung. RockShox führt dafür die ButterWagon-Technologie ein – ein Netz aus vielen kleinen Ausfräsungen auf den Standrohren, unterhalb der Öldichtungen. Bei jedem Einfedern nehmen die Vertiefungen Öl auf und transportieren es beim Ausfedern über die Gleitbuchsen und geben es dort wieder ab. Dieser kontinuierliche Öltransfer sorgt für dauerhafte Schmierung der Gleitbuchsen, senkt die Reibung und verbessert die Haltbarkeit. Ergänzt wird das System durch dickflüssigeres Öl, neues Fett und überarbeitete Abstreifer.
Weniger Reibung klingt erstmal nur nach Vorteilen – hat aber eine logische Konsequenz: Da Reibung beim Einfedern wie eine zusätzliche Dämpfung wirkt, brauchen die neuen, reibungsärmeren Gabeln einen strafferen Dämpfungs-Tune. Deshalb kommt die neue Charger-3.2-Dämpfungskartusche zum Einsatz, die für insgesamt mehr Dämpfung im System sorgt.
Der Funktionsumfang bleibt im vergleich zur Charger 3.1 aus den Vorgänger-Gabeln gleich: Zugstufenverstellung sowie getrennte High- und Lowspeed-Druckstufe, alles per Hand verstellbar. Neu sind die nummerierten Druckstufenregler. Die Nummerierung soll die Abstimmung erleichtern und den Setup-Prozess vereinfachen – besonders im Vergleich zu so manchem Mitbewerbern, die es einem hier deutlich komplizierter machen.
Zu den neuen Gabeln gesellen sich zwei ebenfalls vollständig neu entwickelte Dämpfer. Der Super Deluxe ist auf den Trail- und All-Mountain-Einsatz ausgerichtet und der passende Partner für die Lyrik. Der Vivid bedient das Enduro-Segment und harmoniert am besten mit der ZEB. Der Vivid kostet in der Ultimate-Ausführung 850 Euro, der Super Deluxe Ultimate schlägt mit 765 Euro zu Buche.
Beide Dämpfer erhalten ebenfalls eine linearere Linear-XL-Luftfeder sowie einen neuen RCT2-Dämpfungstune, damit Gabel und Dämpfer perfekt harmonieren. Ebenfalls neu: Die Druckstufenregler sind jetzt nummeriert, analog zu den Gabeln. Der Zugstufenregler lässt sich einfach herausziehen – an seinem Ende sitzt ein kleiner Inbus, der zu allen anderen Stellschrauben am Dämpfer passt. So gelingt Feintuning auch ohne Minitool.
| Merkmal | Details |
| Einsatzbereich | Enduro |
| Luftfederdeder | Linear XL |
| Durchschlagschutz | ABO (hydraulisch, verstellbar) |
| UVP | 850 € |
| Merkmal | Details |
| Einsatzbereich | Trail / All Mountain |
| Feder | Linear XL |
| Durchschlagschutz | Fixer Anschlagpuffer |
| Volumenanpassung | O-Ring-System (stufenlos positionierbar) |
| UVP | 765 € |
Passend zum harten Einsatzbereich des Vivid verfügt der Dämpfer über einen einstellbaren Durchschlagschutz – bisher als HBO (Hydraulic Bottom Out) bekannt, heißt er jetzt einheitlich ABO, passend zur Bezeichnung an den Gabeln. Technisch bleibt er ein hydraulisches System, über das sich die Druckstufendämpfung auf den letzten 20 Prozent des Federwegs feinjustieren lässt.
Der Super Deluxe hingegen verzichtet auf einen verstellbaren Durchschlagschutz – hier fängt lediglich ein Anschlagpuffer harte Landungen ab. Wem das nicht reicht, kann aber natürlich weiterhin die Kennlinie über das Luftvolumen progressiver trimmen. Und hier kommt das technische Highlight des neuen Super Deluxe: Statt der klassischen Volumenspacer setzt RockShox auf ein komplett neues System, um das Luftvolumen im Dämpfer anzupassen. Nämlich über einen O-Ring in der äußeren Luftkammer.
ZEB und Lyrik sind komfortabler denn je. Beide Gabeln nutzen den gesamten Federweg ohne Probleme aus, reagieren zu Beginn des Federwegs butterweich auf feine Unebenheiten und bieten hervorragende Traktion. Tiefer im Federweg vermitteln sie angenehm viel Gegenhalt, und man hat immer das Gefühl, genau zu wissen, wo man sich aktuell im Federweg befindet – vorhersehbar eben, so wie es die lineare Federkennlinie vorsieht.
Gerade auf Highspeed-Passagen frisst die ZEB grobe Schläge regelrecht in sich hinein und zieht selbst fiese Steilfelder oder Wurzelteppiche glatt – so, wie es sich für eine Highend-Enduro-Gabel eben gehört. Beim Geradeauslauf kommt die neue ZEB unserer Einschätzung nach sogar nah an die Fox Podium heran, die im Enduro-Segment aktuell die Benchmark markiert. Was Traktion und Spurtreue in Kurven oder Off-Camber-Passagen angeht, ist die Podium konstruktionsbedingt mit ihrer deutlich geringeren Verdrehsteifigkeit allerdings nach wie vor der Maßstab.
Was am meisten überrascht hat: wie schonend die Gabeln mit den Kraftreserven des Fahrers umgec<hen. Während des Pressecamps in Neuseeland standen Tag ein, Tag aus Bikepark-Laps auf dem Programm. Und wo unser Testfahrer für gewöhnlich gegen Ende des Tages eine Armpump-Pause nach der anderen einlegen muss, waren mit der neuen ZEB selbst bei der letzten Abfahrt noch Full-Runs ohne Pause drin. Es ist beeindruckend, wie effektiv die Gabel mit ihren neuen Technologien Vibrationen und Schläge vom Fahrer fernhält.
Bei den Dämpfern fällt es schwerer, ein klares Urteil zu fällen, weil hier die Performance stark vom Hinterbau des jeweiligen Testbikes abhängt. Generell lässt sich aber sagen: Die neue Linear-XL-Luftfeder ist sowohl dem Vivid als auch dem Super Deluxe deutlich anzumerken. Beide sprechen seidenweich an und erinnern tatsächlich an das lineare Fahrgefühl eines Stahlfederdämpfers. Und das Wichtigste: Beide harmonieren in unseren Testbikes wirklich perfekt mit der jeweiligen Gabel.

Redakteur