Test 2017: Enduro Federgabeln Test 2017: Enduro Federgabeln

Test 2017: Enduro-MTB-Federgabeln

7 Enduro-MTB-Federgabeln im Test

Peter Nilges am 19.09.2017

Die Vielzahl an neuen Federgabeln belegt, dass der Enduro-Markt weiterhin boomt. Immer mehr kleine Marken machen aus dem Ex-Mainstream-Markt eine Multikulti-Gesellschaft. Doch wie gut sind die Exoten?

Es sind nur wenige Firmen, die den Löwenanteil des Bike-Marktes unter sich aufteilen. Doch immer mehr Biker widersetzen sich dem Mainstream. Wer nicht im Strudel des Einheitsbreis versinken will, kann sein Bike individualisieren: außergewöhnliche Designs, exotische Anbauteile, farblich abgestimmte Gimmicks. Auch bei den hochpreisigen Federgabeln sind es im Prinzip nur zwei Wettbewerber, die den Markt dominieren: Fox und Rockshox schneiden sich die größten Stücke aus dem Kuchen. Und doch gibt es gerade im Enduro-Bereich immer mehr Schlupflöcher für Individualisten – kleine Marken, die die wenigen verbleibenden Krümel mit viel Kreativität für sich beanspruchen.


Diese 7 Enduro-MTB-Federgabeln finden Sie im Test:

  • DVO Diamond
  • Formula Selva EX
  • Fox 36 Float Factory HSC/LSC
  • Intend Edge
  • Marzocchi 3509 NCR Titanium
  • Öhlins RXF36
  • Rockshox Lyrik RCT3

Fotostrecke: 7 MTB Enduro Federgabeln bis 170 mm Federweg im Test


Als alte Bekannte im Testfeld wären da die Fox 36 und die Rockshox Lyrik. Auch Marzocchi darf sich zu den großen, arrivierten Marken rechnen. Am Start für die Traditionsmarke ist die 350 NCR mit Titanfeder. Formula sieht man schon seltener auf den Trails. Die Italiener schicken die neue Selva ins Gefecht. Noch exklusiver wird das Feld durch die DVO Diamond und die erst seit letztem Jahr erhältliche Öhlins RXF36 aus Schweden, die bislang exklusiv in Specialized-Bikes verbaut wird. Mit der Marke Intend oder dem Modellnamen Edge werden dann nur die Allerwenigstens etwas anfangen können. Die von Cornelius Kapfinger (ehemaliger Trickstuff-Bremsenentwickler) in Deutschland gefertigte Upside-down-Gabel wurde bislang erst 25 mal verkauft und markiert den absoluten Gegenpol zur Massenfertigung. Ein exklusives Kleinserienprodukt, womit sich der stolze Preis von 1599 Euro relativiert. Gleichwohl markiert der Exot aus deutschen Landen das obere Ende der Preis-Range in diesem Test. Los geht es bei der günstigen Formula, die sogar knapp unter der 1000-Euro-Marke bleibt – gerade in der Enduro-Liga müssen die Brandmanager dafür mit der spitzen Feder kalkulieren.

Aber was erwartet man eigentlich von einer Enduro-Gabel? Ziel ist es zum einen, möglichst viele ermüdende Erschütterungen und Schläge vom Fahrer zu isolieren, auf der anderen Seite jedoch genügend Feedback für eine perfekte Kontrolle zu vermitteln. Ein Balanceakt. Durch ein hohes Maß an Sensibilität kann der Reifen letztendlich viel Traktion aufbauen und optimal dem Untergrund folgen. Mit Hilfe einer ausbalancierten Dämpfungskontrolle bekommt der Fahrer dennoch eine gefilterte Rückmeldung, wo er gerade drüberfährt und was der Reifen gerade macht. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei längeren Federwegen ist die Fähigkeit der Gabel, stabil im Federweg zu stehen und nach Impacts schnell in die Ausgangslage zurückzukehren, was die Fahrtstabilität erhöht.

Um die Frage zu klären, ob sich mehr als nur Exklusivität hinter so mancher Gabel verbirgt, machten wir uns auf ins italienische Finale Ligure. Unsere Teststrecke diente bereits als Wertungsprüfung in der Enduro-World-Series und sollte sich somit ideal eignen, die 160 bis 172 Millimeter Hub aus den sieben Forken herauszukitzeln.

Vor jeder Testfahrt steht das Setup. Fluch und Segen zugleich ist die Fülle an Einstellmöglichkeiten, die eine Enduro-Gabel im Highend-Bereich zu bieten hat. Luftdruck, Zugstufe, oftmals geschwindigkeitsabhängige Druckstufe sowie Zusatzfunktionen wie eine Progressionskammer, Volumespacer oder eine vorspannbare Negativfeder bieten viele Möglichkeiten für individuelle Anpassungen, setzen aber fundiertes Knowhow und viel Muße zum Ausprobieren voraus. Um das volle Potenzial jeder Gabel zu nutzen, orientieren wir uns daher an den Herstellerempfehlungen (falls vorhanden) als Basis und ergänzen das Fein­tuning mit den vom Vorgängermodell bekannten oder aus den vielen BIKE-Tests gewonnenen Daten. Je nach Zustand der Strecke und Temperatur muss im Laufe einer Abfahrt entsprechend nachjustiert und ausprobiert werden. Formula und Intend machen es einem dahingehend nicht einfach – bei Intend sind die Einstellknöpfe schlichtweg gar nicht und bei Formula nur ungenügend beschriftet.

Bereits wenige Meter Trail offenbaren im direkten Vergleich viel über den Charakter einer Gabel. Entsprechend neugierig waren wir auf die Performance des blauen Underdogs von Intend in Upside-down-Bauweise. Die leichteste Gabel im Test überraschte im positiven Sinne mit dem im Vergleich besten Ansprechverhalten und zudem sehr gutem Schluckvermögen, wenn es steil und verblockt zur Sache geht. Damit kann die Edge auf Anhieb mit den besten Gabeln im Vergleich mithalten. Eine kleine Sensation. Die Eigenheit der USD-Gabeln mit einerseits hoher Bremssteifigkeit, aber vergleichsweise geringer Verdrehsteifigkeit, kann auch die Edge nicht von sich weisen – das zeigen die Praxistests, aber auch unsere Labormessungen. Mit 17,3 Nm/° liegt sie zwar am Ende des Feldes, trotzdem empfand keiner unserer Testfahrer (70–80 Kilogramm) die Lenkpräzision als unzureichend. Kniffelig wird es bei der Intend dann beim Radwechsel: Die Ausfallenden können sich verdrehen, sobald man die Steckachse herausnimmt, und für die Montage braucht man einen Inbus-Schlüssel.

Auch die sechs Mitbewerber der Intend überzeugen mit sehr guten Fahreigenschaften. Zu den Topscorern in der Downhill-Wertung zählen neben der Intend die Fox 36 und die DVO Diamond. Diese drei Gabeln tauchten ganz oben auf im persönlichen Ranking aller drei Testfahrer – und die unterscheiden nicht nach Massenprodukt oder Nischenanbieter.

Fazit Peter Nilges, BIKE-Testchef:
Unser Testfeld beweist, dass die Auswahl an wirklich guten Federgabeln heute sehr groß ist. Egal, ob Masse oder Cus­tom, der Kunde hat ein breites Angebot an wirklich potenten Enduro-Forken. Den besten Eindruck in der Praxis hinterließen dabei die Fox 36, die DVO Diamond und die Intend Edge, gefolgt von der Rockshox Lyrik, die mit der einfachsten Handhabung überzeugt. Beim Thema Setup gibt es allerdings gerade im Enduro-Bereich noch Handlungsbedarf. Dass der Weg zum perfekten Setup oft steiniger ist als der anschließende Trail, muss nicht sein.

BIKE Testredakteur Peter Nilges 11/2014

Peter Nilges, BIKE-Testredakteur


Interview mit Cornelius Kapfinger (30), Bremsen- und Federgabelentwickler:

Du fertigst Deine USD-Gabel in Kleinserie in Deutschland. Wie lange dauert die Lieferzeit für die Edge?
Alle Kleinteile habe ich auf Lager, die kostenintensiven Teile wie die Rohre und Frästeile gebe ich dann in Auftrag, wenn ich mehrere Bestellungen zusammenhabe. Drei Monate Lieferzeit sind realistisch.

Wie kommt der hohe Preis zustande, und wie sieht es mit der Ersatzteilversorgung aus? Wer garantiert, dass Du auch noch in fünf Jahren Gabeln baust?
Alle Teile werden in Deutschland bzw. Österreich gefertigt. Alleine das Fräsen der Gabelbrücke dauert gut vier Stunden. Durch die geringen Stückzahlen (maximal 30–50 Gabeln pro Jahr) sind auch die Kleinteile sehr teuer. Falls das Gabelprojekt irgendwann mal enden sollte, helfe ich gerne mit den Zeichnungen aus. Im Prinzip kann jeder Dreher daraus Ersatzteile produzieren. Bei den Dichtungen handelt es sich um Großserienteile, und die Buchsen sowie Tauchrohre sind ebenfalls keine Spezialanfertigung.

Was als Hobby begann, wird nun immer professioneller. Hat bereits einer der großen Gabelhersteller bei Dir angeklopft?
Nein, und das ist auch gut so. Ich möchte unabhängig bleiben und das bauen, was ich selbst geil finde, ohne zu sehr an wirtschaftliche Zwänge denken zu müssen.

Cornelius Kapfinger

Cornelius Kapfinger, Bremsen und Federgabelentwickler


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Peter Nilges am 19.09.2017