Henri Lesewitz
· 01.11.2023
Moderne Fahrrad-Computer sind kleine, technische Wunderwerke. Sie weisen dank GPS die Richtung, messen Puls und Trittfrequenz und werten die aufgezeichneten Trainingsdaten aus und sind mit Plattformen wie Strava oder Komoot vernetzt. Der Mini PC Free von O-Synce wirkt wie aus der Zeit gefallen. Was auch daran liegt, dass er bereits 2009 präsentiert wurde. Der jetzt wieder neu aufgelegte Klassiker will bei Technikgestressten punkten, die einfach nur in Ruhe Biken wollen. Digital Detox in Zeiten von Streaming, Social Media und KI. Wir haben das Teil ausprobiert.
Es ist schon erstaunlich: Während die digitale Entwicklung in nahezu jeden Bereich unseres Lebens Einzug hält, feiert das Analoge ein immer größeres Revival. Nach der spektakulären Rückkehr der bereits totgesagten Schallplatte, boomt inzwischen auch wieder die Analogfotografie. Das Wieso, Weshalb und Warum ist von Trendforschern wie Verhaltenswissenschaftlern bis in die Tiefenbereiche der menschlichen Psyche analysiert worden. Die digitale Überpräsenz stresst viele Menschen und lenkt oft vom Wesentlichen ab. Was nutzen Millionen Songs auf Spotify und tausende Handy-Fotos, wenn man alles nur rastlos durchklickt, ohne wirklich die Magie eines Albums oder eines Bildmotivs zu entdecken. Bei Radcomputern ist das ähnlich. Sie überschütten den Fahrer förmlich mit Daten, Analysen und Hinweisen. Aber braucht man das wirklich? Entschleunigung durch Fokussierung statt immer mehr Optionen. Das ist das Konzept des minimalistischen O-Synce-Computers.
Die Frage, ob man Mail-Nachrichten oder Trittfrequenz-Analysen auf dem Fahrrad-Computer braucht, muss natürlich jeder für sich entscheiden. Man muss ja auch nicht alle Funktionen seines vollvernetzten Navi-Gerätes nutzen. Praktisch sind die Hightech-Teile schon. Man braucht kein Zubehör. Alles wird automatisch über GPS-Signale aufgezeichnet. So kann man das Gerät für alle Bikes verwenden, ohne jedes Mal den Radumfang neu einstellen zu müssen. Dafür muss man für so ein Hightech-Teil auch tief in die Tasche greifen. Der Mini PC-Free dagegen kosten nur 29,00 Euro und wiegt gerade mal 18 Gramm. Wer vor allem auf bekannten oder ausgeschilderten Routen unterwegs ist, für den kann der Mini-Computer schon aufgrund des günstigen Preises eine Option sein.
Die Montage geht simpel. Zwar besteht das Set wegen des Abnehmers sowie des Speichenmagneten aus mehr Komponenten wie ein aktueller Navi-Computer. Dafür lässt sich alles ohne Werkzeug montieren. Damit die Lenkerhalterung nicht verrutscht, kommt zwischen Halterung und Lenker ein beidseitig klebendes Gummistück. Der Mini PC Free lässt sich auch auf dem Vorbau platzieren.
Der Speichenmagnet ist so konstruiert, dass er an je Art von Speichen passt, ob rund oder aerodynamisch flach. Einfach anschrauben, fertig. Das geht easy per Hand. Ein Schraubenzieher wird nicht benötigt.
Der sogenannte Abnehmer wird per Kabelbinder an der Gabel montiert. Das exponiert am Tauchrohr sitzende Teil verströmt eine ziemliche Oldschool-Optik. Aber der Mini PC Free ist ja auch irgendwie ein Retro-Teil. Dezent ist anders. Immerhin erfolgt die Datenübertragung vom Abnehmer zum Computer drahtlos. Das Kabelgewirr von einst will heute sicher niemand mehr am Mountainbike haben.
Abnehmer und Speichenmagnet müssen im optimalen Abstand zueinander stehen. Sonst schleift der Magnet. Oder das Signal ist zu schwach. Das Ausrichten ist keine große Sache. Man dreht und schiebt alles in Position, bis auf dem Computer-Display die Anzeige zu Leben erweckt.
Etwas nervig: Damit der Computer die richtigen Werte anzeigen kann, muss der Reifenumfang eingestellt werden. Das geht über das Menü des Computers, was in der Anleitung verständlich erklärt wird. Der Wert muss aber Millimeter genau sein. Die Tabelle im Faltblatt führt die gängigsten Werte auf, die man übernehmen kann. Wer sicher gehen will, oder spezielle Reifen hat, muss den Wert selbst ausmessen. Das nervte damals schon und tut es noch heute. Nach jedem Reifen- oder Laufrad-Wechsel muss man schauen, ob der Wert noch stimmt. Auch lässt sich der Computer nicht einfach von einem Bike auf das andere bauen, ohne den Reifenumfangswert anzupassen.
Nach knapp 20 Minuten ist der Mini PC Free montiert. Ab zur Probefahrt. Beherzt trete an. Doch huch! Was ist das? Die Anzeige zeigt nichts an. Die Ursache ist schnell gefunden. Beim Rangieren im Bike-Keller ist der Abnehmer verrutscht. Nun ist der Abstand zum Speichenmagneten zu groß. Das Problem ist schnell behoben.
Ich fahre meine Hausrunde. Die Navigations-Funktion meines sonst benutzten Wahoo-Computers vermisse ist nicht. Die Route ist mir bekannt. Die Speed-Anzeige, die auf dem zweizeiligen Display stets oben und extragroß angezeigt wird, ist auch in Rüttelpasssagen zu erkennen. Um die anderen Angaben durchzuschalten, muss man unten auf den Computer drücken, der wie eine Art Kippschalter funktioniert. Das funktioniert in jeder Situation gut. Die untere, nur halb so große Zahlenreihe ist aber deutlich schlechter abzulesen als die obere Speed-Angabe. Dennoch: Was man wissen muss, erfährt man. Man gewöhnt sich schnell dran, die kleiner angezeigten Angaben wie Strecke oder Fahrzeit dann abzurufen, wenn einen der Trail weniger arg durchrüttelt. Und tatsächlich: Der Mini PC free verführt kaum zum ständigen Rumschalten, der Blick bleibt öfter auf die Landschaft gerichtet. Mit meinem Navi-Computer checke ich ständig die Höhenprofile, die abzweigenden Wege und sogar die Umgebungstemperatur.
Anfangs war ich skeptisch, doch der Mini-Computer hat mich angenehm überrascht. In 80 Prozent meiner Fahrten würde er genau die Angaben liefern, die ich brauche. Strecke, Fahrzeit, Schnitt. Der Mini PC Free nervt nicht und will auch nicht ständig aufgeladen oder upgedatet werden. Als Alltags-Computer ideal. Einen Navi-Computer ersetzt er aber nicht. Wer anspruchsvolle Touren in unbekanntem Gelände plant, der weiß die moderne, App-vernetzte Navi-Technik zu schätzen.