Mehr Power, mehr Spaß?Avinox auf Siegeszug: Vorteile, Gefahren, Gründe

Laurin Lehner

 · 19.10.2026

Mehr Power, mehr Spaß?: Avinox auf Siegeszug: Vorteile, Gefahren, GründeFoto: Max Fuchs
Kann es auch zu viel Power sein? Wer auf einem schmalen Grat mal aus Versehen Pedaldruck im Turbo-Modus gegeben hat, der weiß, dass so viel Power auch Risiken bergen kann.
​Der Avinox-Motor macht Bosch den Rang streitig – nicht zuletzt dank mehr Power. Doch ist mehr Leistung wirklich immer besser? Oder wird der Turbo zum Risiko und wird gar nicht benutzt?

​Guckt man derzeit, welche E-Motoren gefragt sind und welche an Bedeutung verlieren, drängen sich Parallelen zur Autoindustrie auf. Kurz: China holt auf, Deutschland kommt nicht mit. Konkret: Avinox statt Bosch. Der China-Motor ist in aller Munde – mittlerweile verbauen ihn etliche Komplettbikehersteller, darunter auch viele deutsche Marken. Lange nur Amflow vorbehalten, nun in Rotwild, Cube, YT, Commencal, Steppenwolf und Co.

Doch was zeichnet den Motor in erster Linie aus? Genau: Power. Im Gegensatz zu Bosch und Co. liefert er bei leichterem Gewicht 150 statt 120 Newtonmeter Drehmoment und bis zu 1500 Watt Spitzenleistung statt 750 Watt. Und bei Power gilt offenbar: Mehr ist besser. Oder wie Leser Gerhard Rassmeier es per Mail formulierte: „Besser haben als brauchen.“ Gerhard liegt nicht ganz falsch. Schließlich muss man nicht ständig auf der höchsten Unterstützungsstufe fahren – aber man hat die Möglichkeit, den Turbo-Modus zu zünden, wenn es drauf ankommt.

Bosch-Ambassador Stefan Schlie sieht die Leistungsschlacht kritisch: „Mehr Spitzenleistung bedeuten vor allem mehr Kettenverschleiß – und weniger Reichweite und Toleranz.“ Mit letzterem Argument spricht Schlie ein heikles Thema an. Denn Leistungskritiker wie Bike-Konstrukteur Lutz Scheffer warnen seit Langem vor einer Verbannung der Radfahrer aus dem Wald. „Wer mit so viel Tempo den Berg hochfährt, reizt die Akzeptanz der anderen Waldbesucher aus“, sagt Scheffer. Noch deutlicher wird Schlie: „Es ärgert mich richtig, wie Magazine und Industrie gleichermaßen verzweifelt am nächsten Leistungsrekord klammern, ohne darüber nachzudenken, was das langfristig bedeutet.“

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Ob die Toleranz der anderen Waldbesucher wirklich durch ein paar km/h mehr im Uphill überstrapaziert wird, darüber kann man sich streiten. BIKE-Tester Florentin Vesenbeckh sagt ja. DIMB Fachberater Heiko Mittelstädt sieht woanders die Gefahr: „Am Ende spielen nicht die einzelnen Leistungswerte, sondern das Verhalten von uns Bikern im Wald eine Rolle, wenn es um Akzeptanz geht“, sagt Mittelstädt.

Ist mehr Leistung doch nicht so gefragt?

Ein Fakt, der dem Immer-mehr-Trend widerspricht: Laut Bosch haben deutschlandweit gerade einmal 7,5 Prozent der CX-Motor-Besitzer das App-Update heruntergeladen, das bis zu 120 Newtonmeter freischaltet.

Also nicht mal jeder Zehnte nutzt die Möglichkeit, seinem Motor per Software mehr Biss zu verpassen. Selbst das Update für mehr als 85 Newtonmeter wurde europaweit laut Bosch nur von 10 bis 30 Prozent der Nutzer installiert. Die Verwunderung von Bosch-CEO Claus Fleischer hält sich in Grenzen: „Die Leute brauchen nicht noch mehr Power – stattdessen achten sie lieber auf Verschleiß und Reichweite“, sagt Fleischer. Den „Mehr-ist-besser-Trend“ hält er schlicht für eine Blase.

„Kein Wunder, dass Bosch so kritisch tönt – hätten sie einen ebenso leistungsstarken Motor, würde das wohl anders klingen“, sagt ein Branchen-Insider hinter vorgehaltener Hand. #

Inwiefern Bikes mit Avinox Motoren nun mehr nachgefragt werden, zeigt sich wohl erst, wenn die Bikes mit Avinox-Motoren ein längeren Zeitraum angeboten werden.

Der Bosch Performance CX Gen. 5 lässt sich per Bosch Flow App auf 120 Newtonmeter Spitzenleistung tunen - die wenigsten Bosch-Kunden nehmen das Angebot aber wahr. Wollen die Leute doch gar nicht mehr Power?Foto: Max FuchsDer Bosch Performance CX Gen. 5 lässt sich per Bosch Flow App auf 120 Newtonmeter Spitzenleistung tunen - die wenigsten Bosch-Kunden nehmen das Angebot aber wahr. Wollen die Leute doch gar nicht mehr Power?

Stimmen

“Ich fahre den Avinox im Amflow und liebe es. Super, es wiegt gerade mal 21 Kilo. Und Gewicht ist Trumpf – übrigens auch beim Einladen ins Auto. Der Motor spricht geschmeidig an und ist wunderbar leise. Wegen der Power habe ich nicht zum Amflow gegriffen. Die höchste Unterstützungsstufe fahre ich ohnehin nicht – das ist viel zu krass. Schon im Trail-Modus zieht der Motor enorm. Den Turbo-Modus sehe ich nur, wenn man den Kinderanhänger hinten dranhängen will.”
Kathrin Baumann, Amflow-Besitzerin
​”Wir beobachten natürlich die technischen Entwicklungen der letzten Jahre, sehen aber nicht einzelne Leistungswerte als entscheidenden Faktor für die Toleranz im Wald. Maßgeblich ist aus unserer Sicht, wie Mountainbikes tatsächlich genutzt werden. Hier sehen wir in erster Linie die Nutzerinnen und Nutzer in der Verantwortung, ihr Mountainbike – ob mit oder ohne Motor – gemäß unseren Trail Rules natur- und sozialverträglich zu nutzen. Sollten technische Entwicklungen nachweisbar zu verändertem Nutzungsverhalten oder zusätzlichen Konflikten führen, würden wir das entsprechend neu bewerten.”
Heiko Mittelstädt, Fachreferent DIMB
„Mit mehr als 20 km/h die Forststraße hochfahren war lange undenkbar. Andere Waldbenutzer sind das nicht gewohnt. Die Leute werden sich daran gewöhnen – doch irgendwo muss mit der Leistung Schluss sein.“
​Lutz Scheffer, Entwickler Rotwild
​„Nein, doch die Leute gucken auf die Zahlen. Ob man die Leistung braucht, bleibt dahingestellt. Wir erhoffen uns nicht durch die Spitzenleistung mehr Abverkauf, sondern durch das intuitive Fahrgefühl und die Traktionskontrolle des Avinox-M2S-Motors. Übrigens, der Vorgänger funktioniert fast genau so gut. Wer also ein Bike mit dem gekauft hat, der muss kein schlechtes Gefühl dabei haben.“
Jens Hebisch, Steppenwolf
​„Nein, ist es nicht. Wir wollen doch alle Fahrrad- und nicht Moped fahren. Die geringe Anzahl der Bosch-Kunden, die das Update für mehr Spitzen- leistung runtergeladen haben, zeigt: Reichweite und weniger Verschleiß sind wichtiger. Zudem sind 750 Wattstunden schon richtig viel Power.“
Stefan Schlie, Bosch-Ambassador
​“​Der Avinox ist wie jeder andere Motor auf 25 km/h limitiert. Entscheidend ist am Ende nicht, was der Motor im Uphill maximal hergibt, sondern wie wir Biker uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten. Ich fahre an Fußgängern mit dem Avinox genauso rücksichtsvoll vorüber wie mit einem Bosch.”
Josh Welz, Chefredakteur BIKE

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Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

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