Über Jahre schien es so, als seien die physikalischen Grenzen erreicht. 85 Newtonmeter, rund 550 bis 600 Watt Spitzenleistung und ein Gewicht von 2,7 bis 2,9 Kilo. Diese Werte hatten alle E-Bike-Motoren weitestgehend gemein.
DJI hat mit seinem ersten Motor Avinox M1 die Branche aufgeschreckt. Schon die Kombi aus 2,58 Kilo Motorengewicht und 1000 Watt Leistung war eine neue Liga. Der brandneue, gerade gelaunchte M2S (hier im Test) ist nur wenig schwerer, hievt die Spitzenleistung aber nochmal um 50 Prozent nach oben. 1500 Watt! Das ist Wahnsinn. Das ist annähernd das DREIFACHE dessen, was bis vor 1,5 Jahren der Standard unter Power-Motoren war.
Rein technisch kann man die Ingenieursleistung der Chinesen nur bewundern. Doch zielführend ist dieses Wettrüsten nicht. Schon die 1000 Watt des M1-Motors waren schlicht zu viel, um sie im Gelände wirklich sinnvoll anzuwenden. Jedes E-MTB (ja, jedes!), das wir bisher mit Avinox testen konnten, war im Grunde mit der Über-Power des Motors überfordert.
Ja, die Leistung und der Schwung des Motors macht manch schwierige Passage deutlich leichter. Doch in vielen wirklich kniffeligen Situationen versucht die DJI-Power, den Fahrer schlicht im Wildpferd-Modus abzuwerfen. Zum Glück haben die Hersteller nicht mit entsprechenden Geometrien reagiert. Denn Bikes, die sich auf dem Trail fahren wie ein Langholzlaster, will wirklich keiner haben. Das wäre aber die logische Konsequenz.
Ich bin mir sicher: Wer einen derart starken Motor bauen kann, könnte auch in eine sinnvollere Richtung neue Bestmarken setzen und Grenzen verschieben. Leichter. Kleiner. Leiser. Wie wäre es mit einem Motorengewicht unter 2 Kilo bei 85 Newtonmetern und 600 Watt Leistung? Das wäre Innovation, die E-Mountainbikes wirklich besser machen würde.
Kommt schon, Avinox-Ingenieure. Ich weiß, dass ihr das könnt!
Vielleicht wäre solch ein Avinox-Motor dann sogar so schlank, dass er optisch zum extra neu entwickelten, extrem dünnen 700er-Super-Akku von Avinox passt. Dann wäre der Weg frei für richtig schicke E-MTBs, die trotzdem kräftig und reichweitenstark sind. Das neueste Amflow PX Carbon hat zwar ein superdünnes Unterrohr, doch der Motor sitzt im Verhältnis dazu wie ein Knubbel am unteren Ende. Das geht besser!
Auch technisch wäre solch eine Kombi vermutlich gar nicht abwegig. Denn mit den 1500 Watt des M2S ist der Akku schneller aufgeraucht, als die Kippe in den Fingern eines Kettenrauchers. Mit weniger Leistung und einem auf Effizienz getrimmten System, könnte ein starker 700er-Akku hingegen der Sweetspot aus Gewicht und Reichweite sein. Und das würde E-Mountainbikes wirklich voranbringen.
Natürlich kenne ich das Argument, dass man auch einen superstarken Motor mit gemäßigter Leistung fahren kann. Doch der Power-Überschuss trägt unweigerlich mäßig sinnvolle Früchte. Das 38er-Kettenblatt am neuen Amflow PX Carbon zum Beispiel. Denn das verhindert genau diesen sinnvollen, gemäßigten Einsatz.
Einen langen Alpenanstieg im Eco-Modus energiesparend erstrampeln? Das ist mit dieser Übersetzung für Normalo-E-Biker schlicht kaum möglich. Vielmehr animiert der dicke Klettergang dazu, lieber nochmal eine Unterstützungsstufe nach oben zu schalten und Kette, Kassette und Akku im Zeitraffer aufzuschlürfen.
Zu guter Letzt: E-Bikes sind deshalb so erfolgreich, beliebt und spaßig, weil sie rechtlich mit einem Fahrrad gleichgestellt sind. Natürlich weiß ich, dass sich auch ein Avinox-Bike an die 25-km/h-Grenze halten muss. Und natürlich kann man auch trefflich diskutieren, ob E-Biken mit 600 Watt Motor-Power das gleiche ist, wie einen unmotorisierten Drahtesel zu treten.
Aber 1500 Watt? Ich bitte Euch. Das ist ein Witz!

Redakteur CvD